Dienstag, 3. Februar 2015

Buchkritik: Die Blechtrommel von Günter Grass - Vielleicht das meist überschätzte Buch der Welt





Das Erscheinen der Blechtrommel liegt über ein halbes Jahrhundert zurück. Inzwischen gilt der Roman als Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur, er wurde in etliche Sprachen übersetzt, erfolgreich verfilmt und fürs Theater bearbeitet. Den Literaturnobelpreis erhielt Günter Grass zwar für sein Lebenswerk, in dem dieses Buch aber eine zentrale Rolle einnimmt. Deshalb stellt sich die Frage, ob wir nach all den Kritiken, die dazu bereits veröffentlicht sind, noch eine weitere brauchen? Die Antwort lautet eindeutig ja. Denn wir leben nicht mehr in der Nachkriegszeit, auch nicht in der Zeit des Kalten Krieges, wir leben im 21. Jahrhundert. Jetzt ist es Zeit für einen echten Fortschritt. Und dazu zählt auch, alle vermeintlich sicheren Wahrheiten auf den Prüfstand zu stellen, an den Denkmälern zu rütteln und diejenigen von den Sockeln zu stoßen, die dort nicht hingehören.

Schnell ein paar Worte zum Inhalt: Hauptperson ist Oskar Matzerath. Er kommt 1924, inmitten einer politisch unruhigen Zeit, in Danzig zur Welt, damals ein Freistaat mit eigener Regierung. Weil er bereits als Säugling einen voll entwickelten Verstand besitzt, durchschaut er das Treiben der Erwachsenen – und verurteilt es. Sein Vater ist Alfred Matzerath, ein deutschnationaler Lebensmittelhändler, seine Mutter die sensible Agnes, die eine heimliche Affäre mit ihrem polnischen Cousin Jan Bronski hat. Aus Protest beschließt Oskar, nicht mehr zu wachsen. Fortan beobachtet er seine Umwelt aus der sicheren Position eines Kindes heraus, nimmt aber kaum an ihr Teil, sondern versucht nur gelegentlich Unruhe zu stiften, indem er mit seiner Stimme Glas zerspringen lässt oder Aufmärsche mit dem Takt seiner Trommel durcheinander bringt.
Das Ganze wird in einer vulgären Sprache erzählt, teilweise barock ausufernd, aber leider nicht sehr stringent. Eine durchgehende Handlung ist kaum zu erkennen, der Autor verknüpft einzelne Episoden lose miteinander. Wahrscheinlich ist das Absicht. Damit soll Raum für weitgehende Interpretationen geschaffen werden. Ein alter literarischer Trick, der heute noch funktioniert.

Füllen eines Vakuums

Wie erklärt sich der Erfolg dieses Werkes? Um diese Frage zu beantworten, muss man die zeitgeschichtlichen Umstände betrachten, in denen es entstanden ist. Günter Grass ist wie Oskar Matzerath in Danzig geboren. Im Gegensatz zu diesem jedoch fand er am Militarismus durchaus Gefallen. Grass trat als Siebzehnjähriger der Waffen-SS bei, will nach eigenen Angaben aber während des gesamten Krieges keinen Schuss abgegeben haben. Einen Vorwurf darf man dem späteren Schriftsteller ob dieses dunklen Flecks in seiner Biographie nicht machen. In diesem Alter ist man im Grunde noch ein Kind und kann die Tragweite einer solchen Entscheidung nicht ermessen. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Kind in einem totalitären Staat aufgewachsen ist, ohne Zugang zu freier, unzensierter Presse, dafür aber unter ständiger ideologischer Beeinflussung stehend. Wer kann sagen, wie er unter diesen Umständen gehandelt hätte?
    
Nach dem Krieg war das Bedürfnis nach Aufarbeitung groß. Einige deutsche Autoren versuchten sich für ihre Taten zu rechtfertigen und schufen dadurch unbeabsichtigt ein eigenes Genre, etwa Ernst von Salomon mit seinem Fragebogen. Diese Bücher sind literarisch von eher geringem Wert, liefern aber immerhin einige zeitgeschichtliche Informationen. Grass geht einen anderen Weg. Er versucht, das Aufziehen des Nationalsozialismus, die Verheerungen des Weltkriegs und den Neubeginn nach der Stunde Null anhand des Schicksals einer kleinbürgerlichen Familie zu erklären – und scheitert damit grandios.

Klischees auf hohem Niveau

Im frühen Stadium der Arbeit trifft Grass noch die richtigen Entscheidungen. Er schreibt über seine Heimatstadt, schreibt über das Milieu, in dem er aufgewachsen ist. Sein Vater war ebenso wie Alfred Matzerath Lebensmittelhändler, die Mutter war Katholikin kaschubischer Abstammung. Man darf getrost unterstellen, dass viele Anekdoten die in der Blechtrommel geschildert werden, sich in dieser oder ähnlicher Form tatsächlich ereignet haben. Damit hat Grass die Hälfte der Arbeit eines Schriftstellers erledigt. Die andere Hälfte jedoch – die Schaffung einer Reflexionsebene, die Deutung der Wirklichkeit jenseits des Sichtbaren – konnte oder wollte er nicht leisten. Der Symbolismus, etwa die Trommel in den polnischen Landesfarben Rot und Weiß, ist zu offensichtlich und führt zu keinen tiefgründigen Erkenntnissen.
 
Das wird schon deutlich an der Zeichnung der Charaktere. Alfred Matzerath ist der Inbegriff des deutschen Spießers, der zwar Tugenden wie Fleiß und Disziplin hochhält, aber niemals über den eigenen Tellerrand hinausblickt und unfähig zu jeder Gefühlsregung ist. Selbstverständlich schließt sich einer wie er den Nationalsozialisten an, „im Jahr vierunddreißig, also verhältnismäßig früh die Kräfte der Ordnung erkennend.“

Seine Frau Agnes scheint auf den ersten Blick positiver gestaltet zu sein, sie ist witzig, schlagfertig und kultiviert, leidet aber auch still vor sich hin, schafft es nicht, sich von dem gefühllosen Ehemann zu lösen und begeht auf kuriose Weise Selbstmord.

Die meisten positiven Eigenschaften vereint der Pole Jan Bronski auf sich. Er ist höflich und sensibel, kümmert sich um die vernachlässigte Agnes und deren Sohn Oskar, vielleicht ist er sogar sein biologischer Vater. Zwar stiehlt er bei einem Juwelier ein Collier für Agnes, jedoch nur weil Oskar zuvor eine Glasscheibe zerstört und ihn damit zur Tat verführt hat.  

Diese Konstellation erinnert stark an die Dramaturgie Hollywoods, etwa an den Film Casablanca (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten). Nicht was die psychologische Ebene angeht, die Charaktere sind durchaus lebendig und vielschichtig gestaltet, sondern bezogen auf ihre moralische Verortung. Hier liegt ein klares Gut-Böse-Schema vor: Alfred ist böse und nimmt Schuld auf sich – symbolisch bereits zu Beginn des Romans dargestellt, indem er ein Beethoven-Bild von der Wand nimmt und durch ein Hitler-Porträt ersetzt. Agnes ist nicht böse, wird durch ihre Passivität aber mitschuldig. Jan spielt die Rolle des Helden. Durch seine Arbeit bei der Polnischen Post, die er schon im dritten Kapitel aufnimmt, demonstriert er Widerstandswillen gegenüber der deutschen Mehrheit. Letztlich stirbt er bei einem Angriff auf das Postamt den Opfertod, auch wenn er eher zufällig in die Ereignisse geraten ist.
Man kann es auf die einfache Formel bringen: Deutsch = böse. Polnisch = gut. Das hätte Steven Spielberg auch nicht schlechter hinbekommen.

Ein Roman in Schieflage

Nun ist es selbstverständlich zulässig, einen Roman im Kleinbürgertum anzusiedeln und als Hauptpersonen schlichte Gemüter wie Alfred Matzerath (und viele ähnliche Figuren) auftreten zu lassen. Nur darf man als Autor seine Figuren nicht denunzieren. Die Grenze zur Kolportage ist dann überschritten, wenn es keine verständliche Motivation für ihr Handeln gibt. In der Blechtrommel sind die Deutschen grundlos böse, sozusagen schuldig durch Geburt. Und das stellt den Roman auf eine Stufe mit Werken wie Casablanca und Schindlers Liste, wie Jud Süß und Hitlerjunge Quex. Diese Worte mögen hart klingen, sie sind aber berechtigt. Echter Fortschritt kann nur durch bedingungslose Ehrlichkeit gelingen.

Grass hätte dazu die Möglichkeit gehabt, mit seinem Wissen hätte er die ganze Geschichte erzählen können. Leider hat er es nicht getan. Dazu zwei wichtige Beispiele.

1. Militär: Im Kapitel „Soll ich oder soll ich nicht“ zählt der Autor die Namen von rund zwanzig deutschen Armeeeinheiten auf, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Danzig stationiert waren. Danach macht er einen großen Sprung ins Jahr 1939, als „alle Backsteinkasernen wieder voller fröhlich lachender Männer in Uniform (waren), die mit allen Waffen jonglierten.“ Die Phase dazwischen fasst er in einem Satz zusammen: „Zu Burckhardts, Rauschnings und Greisers (Danziger Bürgermeister) Zeiten gab es im Freistaat nur die grüne Schutzpolizei.“ In einem Sachbuch wäre das eine handfeste Lüge. In diesem Roman, der vorgibt realistisch zu sein, ist es mehr als nur eine Nachlässigkeit.
   
Lauter dem Versailler Vertrag (plus ergänzender Vereinbarungen) sollte Danzig eine Freie Stadt sein. Auf dem Stadtgebiet durften keine Truppen stationiert, keine Festungen errichtet und keine Waffen hergestellt werden. Am 24. Januar 1920 verließen die letzten deutschen Soldaten die Stadt – und noch am selben Tag marschierten die ersten britischen Besatzungssoldaten ein. Später errichtete die polnische Armee auf der Westerplatte – einem ehemaligen deutschen Badestrand – ein Munitionsdepot, das schrittweise zur Festung ausgebaut wurde. Beide Ereignisse waren eklatante Vertragsbrüche, die der Völkerbund jedoch tolerierte. Darüber verliert Günter Grass kein einziges Wort.    
         
2. Post: Die Freie Stadt sollte eine eigene Währung und eigene Postwertzeichen führen. Wieder taten die deutschstämmigen Danziger, was man von ihnen verlangte. Die Mark wurde ersetzt durch den Danziger Gulden, die Briefmarken erhielten die Aufschrift „Freie Stadt Danzig.“ Die Polen ignorierten die Symbole des neuen Staates. Sie bezahlten auf dem Stadtgebiet mit Zloty, verkauften polnische Briefmarken und hängten polnische Briefkästen auf. Grass schreibt dazu: „Während die Briefmarken des Freistaates ein hanseatisch rotgoldenes, Koggen und Wappen zeigendes Gepränge den Briefen boten, frankierten die Polen mit makaber violetten Szenen, die Kasimirs und Batorys Historien illustrieren.“ Das klingt fast schon nach einer volkstümlichen Anekdote. Dass sich hier aber wieder einmal die Deutschen an die Verträge hielten und die Polen sie brachen, verschweigt der Autor, ebenso wie den langwierigen Streit, der daraus entstand.

Wohlgemerkt: An dieser Stelle werden nur zwei Beispiele genannt und kurz erläutert. Man hätte Hunderte weitere Fälle nennen und Tausende Seiten darüber schreiben können. Das wäre eigentlich Aufgabe der Historiker gewesen – leider sind die Damen und Herren zu feige dazu.

Nichts gelernt aus der Geschichte

Heute fragen wir uns oft, wie die Nazis die Macht in Deutschland übernehmen konnten, wie all die schrecklichen Verbrechen während der Diktatur und des Weltkrieges geschehen konnten. Günter Grass hat die Chance gehabt, ein ehrliches Bild über die Vergangenheit zu zeichnen. Angst und Wut entstehen nicht grundlos. Wenn sich jemand wie Alfred Matzerath eine Uniform anzieht, dann tut er es nicht, weil er aufgrund seiner Herkunft schlecht, falsch oder böse ist. Das ist ein rassistisches Weltbild, das leider viele Autoren und Filmemacher verbreiten. Sondern er tut es, weil er sich im Recht sieht, weil er bedroht, unterdrückt und bestohlen wird. Daran muss man die Nachgeborenen erinnern. So wird das Handeln der Personen – fiktiver und realer – verständlich. So macht man aus einer Kolportage einen richtig guten Roman.

Obwohl ihm sämtliche Informationen zur Verfügung standen, hat Grass seine Chancen nicht genutzt. Stattdessen hat er einfach die Strukturen des totalitären Denkens wiederholt – nur mit vertauschten Rollen. In den Propagandawerken der Nazis sind die Juden und Slawen die Bösen, die an allem Unglück in der Welt schuld sind. In der Blechtrommel überträgt er diese Rollen auf die deutsche Bevölkerung. Deshalb ist es aus seiner Perspektive nur folgerichtig, dass Alfred Matzerath am Kriegsende von einem russischen Soldaten erschossen wird. Schuld verlangt nach Strafe. So war es immer, und so wird es immer sein.

Und so ist es auch heute wieder. Längst sind neue Konflikte aufgeflammt, mal wird in Afrika gekämpft, mal in Asien, mal in Amerika, auch am Rande von Europa gibt es regelmäßig Krieg. Das dürfte uns eigentlich nicht überraschen, denn überall auf der Welt werden Bücher wie die Blechtrommel geschrieben, verkauft, gelesen, mit Preisen ausgezeichnet, verfilmt und auf Theaterbühnen gebracht. Dadurch entsteht neue Angst und neue Wut. Man fürchtet sich vor Menschen wie Alfred Matzerath, die grundlos böse sind, man fordert Waffen gegen sie, man bedroht sie, man nimmt ihnen Land weg, man bricht Verträge, man verteufelt ihre Symbole und verehrt die eigenen Symbole… Und irgendwann wird wieder auf eine neue Westerplatte geschossen.

Aber jetzt ist es an der Zeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Wir brauchen bessere Bücher. Wir brauchen Autoren, die intelligent und mutig sind, die nicht davor zurückschrecken, die ganze Geschichte zu erzählen – auch wenn sie vorerst nur geringe Auflagen erzielen, schlechte Kritiken bekommen und keine Chance haben, verfilmt zu werden. Die Blechtrommel ist ein Produkt des zwanzigsten Jahrhunderts, der blutigsten Epoche unserer Geschichte. So muss man dieses Buch lesen und verstehen.

P.S.: Wenn Sie Lust auf ein Buch des einundzwanzigsten Jahrhunderts haben, probieren Sie es mal damit: Die Auswerterin - Oder: Das Ende von Auschwitz