Samstag, 9. Mai 2015

Siebzig Jahre Kriegsende - Eine Antwort auf Winklers dämliche Rede im Bundestag


Am 8. Mai 2015 jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum siebzigsten Mal. Aus diesem Anlass hielt der Historiker Heinrich August Winkler eine Rede vor dem deutschen Bundestag (hier nachzulesen auf Spiegel online), die symptomatisch ist für den derzeitigen Stand der Geschichtsforschung und auch für den Bewusstseinszustand weiter Teile unserer Gesellschaft. Die Rede war einseitig, unvollständig und einfach nur dumm - dennoch wurde sie von den Abgeordneten beklatscht. Dadurch erklärt sich, dass wir heute immer noch Krieg, Unterdrückung und Vertreibung auf der Welt erleben. Wer aus der Geschichte nicht lernt, wiederholt die Fehler der Vergangenheit.

Die Geschichte ist kein Baumarkt

Winkler stützt sich –  wie nahezu jeder seiner Berufskollegen – auf das Prinzip der Teilung. Er sucht sich die Informationen aus, die seine Überzeugungen bestätigen. Was nicht passt, wird einfach weggelassen. Dazu nur ein Beispiel: Winkler erinnert an die Leiden der russischen Bevölkerung und der russischen Soldaten, so wie es auch Bundespräsident Gauck wiederholt getan hat. Er spricht von der 900 Tage dauernden Belagerung von Leningrad, die zwischen 600.000 und 800.000 Tote gekostet hat, und vom Tod der 2,7 Millionen russischen Kriegsgefangenen und leitet davon eine deutsche „Schuld“ ab. Die grundlegenden Informationen sind richtig und können nicht abgestritten werden, aber die Schlussfolgerung ist falsch. Einzelne Ereignisse sind keine Inseln in der Geschichte, sondern sie sind eingebettet in ein Netzwerk aus zahllosen anderen Ereignissen. Wer vom Zweiten Weltkrieg spricht, darf über die Vorgeschichte nicht schweigen. Heute ist weitgehend vergessen, dass die Sowjetunion maßgeblich zum Ende der Weimarer Republik beigetragen hat. So wurde u.a. auf dem Weltkongress der Komintern 1928 die These des Sozialfaschismus ausgerufen, welche die Sozialdemokraten zum Hauptfeind der kommunistischen Weltbewegung erklärte. Bereits seit 1918 verübte die Deutsche Kommunistische Partei, unterstützt von den Genossen in Moskau, zahllose Anschläge und politische Morde, zettelte Streiks und Aufstände an usw. Die Kommunisten wollten eine rote Diktatur in Deutschland errichten und halfen ungewollt mit, Hitler an die Macht zu bringen. Deshalb sind die Russen selbstverständlich nicht „schuld“ am Zweiten Weltkrieg, aber sie sind auch nicht die unschuldigen Opfer, als die sie sich heute so gerne darstellen.

Dieses Handlungsmuster hat sich in jüngster Zeit mehrfach wiederholt. Die Diktatoren Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi wurden über Jahre hinweg vom Westen unterstützt, weil sie halfen kurzfristige politische Ziele zu erreichen. Dann änderte sich die Zielsetzung, die Diktatoren wurden zu Feinden erklärt und durch Kriege beseitigt. Dadurch explodierte die Gewalt im Irak und in Libyen und kehrt jetzt in Form von Terrorismus und steigenden Flüchtlingszahlen in den Westen zurück. Die Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins – aber die Grundmuster ähneln einander.      

Mahnen und warnen und dumm schwätzen

Besonders grotesk erscheinen in diesem Zusammenhang zwei Warnungen, die Winkler ausspricht. Erstens: Die Warnung vor dem Vergessen. Wörtlich sagt er: „ Es gibt keine moralische Rechtfertigung dafür, die Erinnerung an solche Untaten (gemeint ist u.a. die Tötung der Russen) in Deutschland nicht wachzuhalten.“ Wohlgemerkt, er meint damit nicht die Einheit aller geschichtlichen Ereignisse, sondern nur die AUSWAHL von Ereignissen, die er selbst und andere so genannte Historiker getroffen haben. Tatsache ist aber, dass wir den größten Teil der Geschichte vergessen haben, Taten und Untaten, und deshalb immer wieder dieselben Fehler machen.

Die zweite Warnung ist die vor der Instrumentalisierung der Geschichte. Zitat: „Ein verantwortlicher Umgang mit der Geschichte zielt darauf ab, verantwortliches Handeln in der Gegenwart möglich zu machen.“ Leider hält er sich nicht an seine eigene Empfehlung. Mit dieser Rede positioniert sich Winkler wieder einmal als politisch korrekter „Historiker“, der dem allgemeinen Konsens folgt, und profitiert selbst davon. Jemand wie er bekommt eine Professur an einer bedeutenden Universität, kann Bücher bei namhaften Verlagen veröffentlichen, die von Kritikern positiv besprochen werden, und darf nicht zuletzt auch vor dem Bundestag sprechen. Ein echter Historiker, der das Netzwerk geschichtlicher Ereignisse aufzeigt, hätte all das nicht bekommen.

Daraus erwächst aber auch eine große Gefahr: die geistige Inzucht. Es sprechen nur noch Leute miteinander, die derselben Meinung sind. Kritische Anmerkungen, Widerspruch, Reflexionen und tiefgründiges Nachdenken sind von vorneherein ausgeschlossen. Als mittelbare Folge kommt es zu immer neuen Kriegen, wie z.B. in der Ukraine und im Irak und Syrien.

Einfacher Ausweg

Wie kann man es besser machen? Der Königsweg ist altbekannt, er führt über die Stationen Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Wir müssen ehrlich sein gegenüber allen geschichtlichen Ereignissen – ob sie in unser Konzept passen oder nicht. Und wir müssen gerecht sein gegenüber allen Menschen – ob wir sie mögen oder nicht. Nur so werden wir dauerhaften - weltweiten - Frieden erleben.

Dienstag, 3. Februar 2015

Buchkritik: Die Blechtrommel von Günter Grass - Vielleicht das meist überschätzte Buch der Welt





Das Erscheinen der Blechtrommel liegt über ein halbes Jahrhundert zurück. Inzwischen gilt der Roman als Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur, er wurde in etliche Sprachen übersetzt, erfolgreich verfilmt und fürs Theater bearbeitet. Den Literaturnobelpreis erhielt Günter Grass zwar für sein Lebenswerk, in dem dieses Buch aber eine zentrale Rolle einnimmt. Deshalb stellt sich die Frage, ob wir nach all den Kritiken, die dazu bereits veröffentlicht sind, noch eine weitere brauchen? Die Antwort lautet eindeutig ja. Denn wir leben nicht mehr in der Nachkriegszeit, auch nicht in der Zeit des Kalten Krieges, wir leben im 21. Jahrhundert. Jetzt ist es Zeit für einen echten Fortschritt. Und dazu zählt auch, alle vermeintlich sicheren Wahrheiten auf den Prüfstand zu stellen, an den Denkmälern zu rütteln und diejenigen von den Sockeln zu stoßen, die dort nicht hingehören.

Schnell ein paar Worte zum Inhalt: Hauptperson ist Oskar Matzerath. Er kommt 1924, inmitten einer politisch unruhigen Zeit, in Danzig zur Welt, damals ein Freistaat mit eigener Regierung. Weil er bereits als Säugling einen voll entwickelten Verstand besitzt, durchschaut er das Treiben der Erwachsenen – und verurteilt es. Sein Vater ist Alfred Matzerath, ein deutschnationaler Lebensmittelhändler, seine Mutter die sensible Agnes, die eine heimliche Affäre mit ihrem polnischen Cousin Jan Bronski hat. Aus Protest beschließt Oskar, nicht mehr zu wachsen. Fortan beobachtet er seine Umwelt aus der sicheren Position eines Kindes heraus, nimmt aber kaum an ihr Teil, sondern versucht nur gelegentlich Unruhe zu stiften, indem er mit seiner Stimme Glas zerspringen lässt oder Aufmärsche mit dem Takt seiner Trommel durcheinander bringt.
Das Ganze wird in einer vulgären Sprache erzählt, teilweise barock ausufernd, aber leider nicht sehr stringent. Eine durchgehende Handlung ist kaum zu erkennen, der Autor verknüpft einzelne Episoden lose miteinander. Wahrscheinlich ist das Absicht. Damit soll Raum für weitgehende Interpretationen geschaffen werden. Ein alter literarischer Trick, der heute noch funktioniert.

Füllen eines Vakuums

Wie erklärt sich der Erfolg dieses Werkes? Um diese Frage zu beantworten, muss man die zeitgeschichtlichen Umstände betrachten, in denen es entstanden ist. Günter Grass ist wie Oskar Matzerath in Danzig geboren. Im Gegensatz zu diesem jedoch fand er am Militarismus durchaus Gefallen. Grass trat als Siebzehnjähriger der Waffen-SS bei, will nach eigenen Angaben aber während des gesamten Krieges keinen Schuss abgegeben haben. Einen Vorwurf darf man dem späteren Schriftsteller ob dieses dunklen Flecks in seiner Biographie nicht machen. In diesem Alter ist man im Grunde noch ein Kind und kann die Tragweite einer solchen Entscheidung nicht ermessen. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Kind in einem totalitären Staat aufgewachsen ist, ohne Zugang zu freier, unzensierter Presse, dafür aber unter ständiger ideologischer Beeinflussung stehend. Wer kann sagen, wie er unter diesen Umständen gehandelt hätte?
    
Nach dem Krieg war das Bedürfnis nach Aufarbeitung groß. Einige deutsche Autoren versuchten sich für ihre Taten zu rechtfertigen und schufen dadurch unbeabsichtigt ein eigenes Genre, etwa Ernst von Salomon mit seinem Fragebogen. Diese Bücher sind literarisch von eher geringem Wert, liefern aber immerhin einige zeitgeschichtliche Informationen. Grass geht einen anderen Weg. Er versucht, das Aufziehen des Nationalsozialismus, die Verheerungen des Weltkriegs und den Neubeginn nach der Stunde Null anhand des Schicksals einer kleinbürgerlichen Familie zu erklären – und scheitert damit grandios.

Klischees auf hohem Niveau

Im frühen Stadium der Arbeit trifft Grass noch die richtigen Entscheidungen. Er schreibt über seine Heimatstadt, schreibt über das Milieu, in dem er aufgewachsen ist. Sein Vater war ebenso wie Alfred Matzerath Lebensmittelhändler, die Mutter war Katholikin kaschubischer Abstammung. Man darf getrost unterstellen, dass viele Anekdoten die in der Blechtrommel geschildert werden, sich in dieser oder ähnlicher Form tatsächlich ereignet haben. Damit hat Grass die Hälfte der Arbeit eines Schriftstellers erledigt. Die andere Hälfte jedoch – die Schaffung einer Reflexionsebene, die Deutung der Wirklichkeit jenseits des Sichtbaren – konnte oder wollte er nicht leisten. Der Symbolismus, etwa die Trommel in den polnischen Landesfarben Rot und Weiß, ist zu offensichtlich und führt zu keinen tiefgründigen Erkenntnissen.
 
Das wird schon deutlich an der Zeichnung der Charaktere. Alfred Matzerath ist der Inbegriff des deutschen Spießers, der zwar Tugenden wie Fleiß und Disziplin hochhält, aber niemals über den eigenen Tellerrand hinausblickt und unfähig zu jeder Gefühlsregung ist. Selbstverständlich schließt sich einer wie er den Nationalsozialisten an, „im Jahr vierunddreißig, also verhältnismäßig früh die Kräfte der Ordnung erkennend.“

Seine Frau Agnes scheint auf den ersten Blick positiver gestaltet zu sein, sie ist witzig, schlagfertig und kultiviert, leidet aber auch still vor sich hin, schafft es nicht, sich von dem gefühllosen Ehemann zu lösen und begeht auf kuriose Weise Selbstmord.

Die meisten positiven Eigenschaften vereint der Pole Jan Bronski auf sich. Er ist höflich und sensibel, kümmert sich um die vernachlässigte Agnes und deren Sohn Oskar, vielleicht ist er sogar sein biologischer Vater. Zwar stiehlt er bei einem Juwelier ein Collier für Agnes, jedoch nur weil Oskar zuvor eine Glasscheibe zerstört und ihn damit zur Tat verführt hat.  

Diese Konstellation erinnert stark an die Dramaturgie Hollywoods, etwa an den Film Casablanca (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten). Nicht was die psychologische Ebene angeht, die Charaktere sind durchaus lebendig und vielschichtig gestaltet, sondern bezogen auf ihre moralische Verortung. Hier liegt ein klares Gut-Böse-Schema vor: Alfred ist böse und nimmt Schuld auf sich – symbolisch bereits zu Beginn des Romans dargestellt, indem er ein Beethoven-Bild von der Wand nimmt und durch ein Hitler-Porträt ersetzt. Agnes ist nicht böse, wird durch ihre Passivität aber mitschuldig. Jan spielt die Rolle des Helden. Durch seine Arbeit bei der Polnischen Post, die er schon im dritten Kapitel aufnimmt, demonstriert er Widerstandswillen gegenüber der deutschen Mehrheit. Letztlich stirbt er bei einem Angriff auf das Postamt den Opfertod, auch wenn er eher zufällig in die Ereignisse geraten ist.
Man kann es auf die einfache Formel bringen: Deutsch = böse. Polnisch = gut. Das hätte Steven Spielberg auch nicht schlechter hinbekommen.

Ein Roman in Schieflage

Nun ist es selbstverständlich zulässig, einen Roman im Kleinbürgertum anzusiedeln und als Hauptpersonen schlichte Gemüter wie Alfred Matzerath (und viele ähnliche Figuren) auftreten zu lassen. Nur darf man als Autor seine Figuren nicht denunzieren. Die Grenze zur Kolportage ist dann überschritten, wenn es keine verständliche Motivation für ihr Handeln gibt. In der Blechtrommel sind die Deutschen grundlos böse, sozusagen schuldig durch Geburt. Und das stellt den Roman auf eine Stufe mit Werken wie Casablanca und Schindlers Liste, wie Jud Süß und Hitlerjunge Quex. Diese Worte mögen hart klingen, sie sind aber berechtigt. Echter Fortschritt kann nur durch bedingungslose Ehrlichkeit gelingen.

Grass hätte dazu die Möglichkeit gehabt, mit seinem Wissen hätte er die ganze Geschichte erzählen können. Leider hat er es nicht getan. Dazu zwei wichtige Beispiele.

1. Militär: Im Kapitel „Soll ich oder soll ich nicht“ zählt der Autor die Namen von rund zwanzig deutschen Armeeeinheiten auf, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Danzig stationiert waren. Danach macht er einen großen Sprung ins Jahr 1939, als „alle Backsteinkasernen wieder voller fröhlich lachender Männer in Uniform (waren), die mit allen Waffen jonglierten.“ Die Phase dazwischen fasst er in einem Satz zusammen: „Zu Burckhardts, Rauschnings und Greisers (Danziger Bürgermeister) Zeiten gab es im Freistaat nur die grüne Schutzpolizei.“ In einem Sachbuch wäre das eine handfeste Lüge. In diesem Roman, der vorgibt realistisch zu sein, ist es mehr als nur eine Nachlässigkeit.
   
Lauter dem Versailler Vertrag (plus ergänzender Vereinbarungen) sollte Danzig eine Freie Stadt sein. Auf dem Stadtgebiet durften keine Truppen stationiert, keine Festungen errichtet und keine Waffen hergestellt werden. Am 24. Januar 1920 verließen die letzten deutschen Soldaten die Stadt – und noch am selben Tag marschierten die ersten britischen Besatzungssoldaten ein. Später errichtete die polnische Armee auf der Westerplatte – einem ehemaligen deutschen Badestrand – ein Munitionsdepot, das schrittweise zur Festung ausgebaut wurde. Beide Ereignisse waren eklatante Vertragsbrüche, die der Völkerbund jedoch tolerierte. Darüber verliert Günter Grass kein einziges Wort.    
         
2. Post: Die Freie Stadt sollte eine eigene Währung und eigene Postwertzeichen führen. Wieder taten die deutschstämmigen Danziger, was man von ihnen verlangte. Die Mark wurde ersetzt durch den Danziger Gulden, die Briefmarken erhielten die Aufschrift „Freie Stadt Danzig.“ Die Polen ignorierten die Symbole des neuen Staates. Sie bezahlten auf dem Stadtgebiet mit Zloty, verkauften polnische Briefmarken und hängten polnische Briefkästen auf. Grass schreibt dazu: „Während die Briefmarken des Freistaates ein hanseatisch rotgoldenes, Koggen und Wappen zeigendes Gepränge den Briefen boten, frankierten die Polen mit makaber violetten Szenen, die Kasimirs und Batorys Historien illustrieren.“ Das klingt fast schon nach einer volkstümlichen Anekdote. Dass sich hier aber wieder einmal die Deutschen an die Verträge hielten und die Polen sie brachen, verschweigt der Autor, ebenso wie den langwierigen Streit, der daraus entstand.

Wohlgemerkt: An dieser Stelle werden nur zwei Beispiele genannt und kurz erläutert. Man hätte Hunderte weitere Fälle nennen und Tausende Seiten darüber schreiben können. Das wäre eigentlich Aufgabe der Historiker gewesen – leider sind die Damen und Herren zu feige dazu.

Nichts gelernt aus der Geschichte

Heute fragen wir uns oft, wie die Nazis die Macht in Deutschland übernehmen konnten, wie all die schrecklichen Verbrechen während der Diktatur und des Weltkrieges geschehen konnten. Günter Grass hat die Chance gehabt, ein ehrliches Bild über die Vergangenheit zu zeichnen. Angst und Wut entstehen nicht grundlos. Wenn sich jemand wie Alfred Matzerath eine Uniform anzieht, dann tut er es nicht, weil er aufgrund seiner Herkunft schlecht, falsch oder böse ist. Das ist ein rassistisches Weltbild, das leider viele Autoren und Filmemacher verbreiten. Sondern er tut es, weil er sich im Recht sieht, weil er bedroht, unterdrückt und bestohlen wird. Daran muss man die Nachgeborenen erinnern. So wird das Handeln der Personen – fiktiver und realer – verständlich. So macht man aus einer Kolportage einen richtig guten Roman.

Obwohl ihm sämtliche Informationen zur Verfügung standen, hat Grass seine Chancen nicht genutzt. Stattdessen hat er einfach die Strukturen des totalitären Denkens wiederholt – nur mit vertauschten Rollen. In den Propagandawerken der Nazis sind die Juden und Slawen die Bösen, die an allem Unglück in der Welt schuld sind. In der Blechtrommel überträgt er diese Rollen auf die deutsche Bevölkerung. Deshalb ist es aus seiner Perspektive nur folgerichtig, dass Alfred Matzerath am Kriegsende von einem russischen Soldaten erschossen wird. Schuld verlangt nach Strafe. So war es immer, und so wird es immer sein.

Und so ist es auch heute wieder. Längst sind neue Konflikte aufgeflammt, mal wird in Afrika gekämpft, mal in Asien, mal in Amerika, auch am Rande von Europa gibt es regelmäßig Krieg. Das dürfte uns eigentlich nicht überraschen, denn überall auf der Welt werden Bücher wie die Blechtrommel geschrieben, verkauft, gelesen, mit Preisen ausgezeichnet, verfilmt und auf Theaterbühnen gebracht. Dadurch entsteht neue Angst und neue Wut. Man fürchtet sich vor Menschen wie Alfred Matzerath, die grundlos böse sind, man fordert Waffen gegen sie, man bedroht sie, man nimmt ihnen Land weg, man bricht Verträge, man verteufelt ihre Symbole und verehrt die eigenen Symbole… Und irgendwann wird wieder auf eine neue Westerplatte geschossen.

Aber jetzt ist es an der Zeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Wir brauchen bessere Bücher. Wir brauchen Autoren, die intelligent und mutig sind, die nicht davor zurückschrecken, die ganze Geschichte zu erzählen – auch wenn sie vorerst nur geringe Auflagen erzielen, schlechte Kritiken bekommen und keine Chance haben, verfilmt zu werden. Die Blechtrommel ist ein Produkt des zwanzigsten Jahrhunderts, der blutigsten Epoche unserer Geschichte. So muss man dieses Buch lesen und verstehen.

P.S.: Wenn Sie Lust auf ein Buch des einundzwanzigsten Jahrhunderts haben, probieren Sie es mal damit: Die Auswerterin - Oder: Das Ende von Auschwitz     

           

Donnerstag, 29. Januar 2015

Lügenpresse - Unwort oder Medienkritik?


Der Begriff „Lügenpresse“ wurde zum Unwort des Jahres 2014 ernannt. Die Jury der Sprachkritischen Aktion gab die Entscheidung Mitte Januar bekannt und begründete sie folgendermaßen: „Das Wort Lügenpresse war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien."
Kurz darauf äußerte sich Bundespräsident Joachim Gauck und nannte den Begriff „geschichtsvergessenen Unsinn.“ Weiter sagte er: „Wer den Medien hierzulande unterstellt, sie verbreiteten systematisch Lügen, der sollte sich daran erinnern, wie es früher in Deutschland zuging.“

Auf den ersten Blick scheint es sich hier um den Versuch zu handeln, eine wichtige demokratische Institution zu verteidigen, nämlich die unabhängige Presse. Leider ist dem nicht so. Wer den Vorgang kritisch untersucht, wird wieder einmal auf den Eisbergeffekt stoßen: Der größte Teil verbirgt sich unter der Oberfläche.

Die Lobby lobt sich selbst

Zunächst einmal: Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und zwei Journalisten. Hätte sie aus vier Sprachkundlern und zwei Metzgern bestanden, würde das Unwort des Jahres wahrscheinlich „Chlorhühnchen“ lauten.

Noch schlimmer aber ist, dass die „aufrechten Demokraten“ genau das tun, was sie ihren Gegnern unterstellen: sie diffamieren pauschal. Wie kann man in Deutschland unliebsame Stimmen am besten zum Schweigen bringen? Verbieten ist schwer möglich. Ignorieren gelingt nur, wenn es nicht zu viele sind. Bleibt nur ein Ausweg: In die rechte Ecke drängen. Rechts ist böse, und mit bösen Menschen braucht man nicht zu reden. Dazu zieht man einfach eine Verbindung zum Dritten Reich. Problem gelöst. Scheinbar.

Worum geht es wirklich?

Es ist natürlich Quatsch, was der Bundespräsident behauptet. Niemand unterstellt unseren Medien, sie würden systematisch Lügen verbreiten. Das Wort Lügenpresse dient vielmehr der Provokation, es soll Aufmerksamkeit erzeugen, soll darauf hinweisen, dass die Berichterstattung in den Medien oft unausgewogen und parteiisch ist.

Dazu einige Beispiele: Spiegel Online berichtet am 21.11.14 über den Goldhandel der Partei AfD. Die Überschrift lautet: "Professor Goldfingers großer Plan." Goldfinger ist ein Bösewicht aus einem James-Bond-Film. Eine solche Suggestion erwartet man vielleicht in der Regenbogenpresse, nicht aber in einem seriösen Nachrichtenmagazin.

Elmar Theveßen, Redakteur beim ZDF, veröffentlicht auf heute.de den Artikel "Die Mär von der muslimischen Mehrheit." Darin verwendet er neunmal die Begriffe Islamhasser und Islamfeinde (samt Variationen), aber nur einmal den Begriff Islamkritiker. Viele Journalisten gehen so wie Theveßen fahrlässig mit der Sprache um. Sie belegen Menschen, die sie offensichtlich nicht mögen, mit abwertenden Bezeichnungen und heizen den Konflikt dadurch erst recht an.

Als Grundlage dieser Artikel werden immer wieder zweifelhafte Studien genannt. Besonders die Bertelsmann Stiftung tritt in dieser Hinsicht unrühmlich hervor. Ihre jüngste Umfrage zum Thema Islam ergab, dass angeblich 57 Prozent der Befragten den Islam für bedrohlich oder sehr bedrohlich halten. Klingt so, als ob die Mehrheit der Deutschen dieser Religion feindlich gegenüberstehen würde. Der Spiegel kommt deshalb auch zu einem abenteuerlichen Fazit: "Muslime integrieren sich, Deutsche schotten sich ab." Leider ist diese Studie wertlos, denn sie unterscheidet nicht zwischen Islam und Islamismus. Die eigentliche Bedrohung ist nicht der friedliche muslimische Nachbar, sondern es sind die Terroristen von IS und Boko Haram, die Hassprediger und Scharia-Polizisten. Der besorgte Bürger hat jedoch keine Möglichkeit, seiner Besorgnis Ausdruck zu verleihen. Entweder er ist für den Islam oder dagegen. Differenziert wird nicht, weder in der Studie noch im Artikel.

Linke beherrschen die Medien

All das erscheint auch nicht verwunderlich, wenn man die politischen Einstellungen der Journalisten betrachtet. Auch dazu gibt es Studien, die aber zum Glück nicht von der Bertelsmann Stiftung stammen. Insgesamt vier Umfragen aus den Jahren 2005 bis 2013 kommen zum selben Ergebnis: Die meisten Journalisten, die klar ihre politischen Ansichten äußern, wählen die Grünen. Auf Platz zwei liegt die SPD, danach folgen weit abgeschlagen CDU/CSU und FDP. Der Focus bringt es auf den Punkt: „Die Kollegen votieren also mit einer satten Zweidrittelmehrheit für die neue Bundeskanzlerin Claudia Roth und wählen die SPD als Juniorpartner in einer grün-roten Koalition.“ (Quellen: Focus und Medienwoche)

Nun hat selbstverständlich jeder Mensch das Recht auf seine politische Meinung. Nur sollte man Berufliches von Privatem trennen. Einem erheblichen Teil der Journalisten gelingt das leider nicht, sie vermischen regelmäßig Information und Meinung. Auf der anderen Seite stehen aber keine dummen und leicht beeinflussbaren Kinder, sondern mündige und durchaus kritische Bürger die es bemerken, wenn sie in eine bestimmte Richtung gedrängt werden sollen. Viele reagieren darauf, indem sie sich von den etablierten Medien abwenden, keine Zeitungen mehr kaufen, weniger Fernsehnachrichten schauen und sich stattdessen neuen Informationsquellen wie dem Internet zuwenden.
Andere benutzen ein Spottwort: Lügenpresse.