Montag, 28. April 2014

Die Auswerterin - demnächst im Radio


"Die Auswerterin" zählt zu den provokantesten Dramen der Gegenwart, zu einem der Werke die sich trauen, als sicher geltende Positionen infrage zu stellen. Wie wichtig eine solche Haltung ist, zeigen u.a. die jüngsten Konflikte in Syrien und der Ukraine.
Nach dem Roman und dem Theaterstück wurde der Stoff mittlerweile auch als Hörspiel produziert.
Unter diesem Link finden Sie eine Hörprobe.

Hier sind die ersten Sendetermine:

  
Sonntag 4. Mai 2014 um 15-16 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Stuttgart
Freies Radio Stuttgart www.freies-radio.de unter 99,24MHz; Kabel 102,1MHz.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Montag 5. Mai 2014 von 10-11 Uhr
Radiosendung bei radiofips Göppingen



Hören Sie die Auswerterin im Internetradio mit Live Stream unter www.radiofips.de.

Hier die Erstsendungstermine im Radio:
Montag 05. Mai 2014 um 16 - 17 Uhr

Freies Radio StHörfunk unter www.sthoerfunk.de oder in der Region Schwäbisch Hall, Crailsheim mit diesen Frequenzen 104,8 oder 97,5 MHz.


Donnerstag 8. Mai 2014 um 17-19 Uhr
Radiosendung im DIAK-Karlsruhe
Hören Sie die Auswerterin im Klinikradio des Diakonissen-Krankenhauses.



Montag 12. Mai 2014 um 20 - 21 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Rhein-Neckar-Bermudafunk
Hören Sie "Die Auswerterin" bei Kopf im Ohr, der Radiosendung des Verbands der Schriftsteller Baden-Württemberg Regiogruppe Rhein-Neckar. Freies Radio Rhein-Neckar Bermudafunk Heidelberg UKW 105,4, Mannheim UKW 89,6 MHz, Kabel 107,45 MHz und Livestream unter www.bermudafunk.org.
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Freitag 16. Mai 2014 um 16 - 17 Uhr

Freies Radio Ulm - Radio Free FM auf 102,6 MHz, Kabel 97,70 und 93,45 MHz; Livestream: www.freefm.de.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken.


Donnerstag 22. Mai 214 um 16-17 Uhr
Radiosendung bei Radio Wiesenthal/Schopfheim
Hören Sie die Auswerterin bei Freies Radio Schopfheim Kanal Ratte auf UKW 104,5 MHz, im Kabel auf 89,35 MHz und als Livestream unter www.kanal-ratte.de oder www.freies-radio-wiesental.de 
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Freitag 23. Mai 2014 um 19-20 Uhr
Radiosendung von Freies Radio Freudenstadt

Hören Sie die Auswerterin bei Freies Radio Freudenstadt UKW 100,1 / 89,2 / 104,1 Kabel: 105,85 MHz Livestream unter www.radio-fds.de.
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Mittwoch 28. Mai 2014 um 16 - 17 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Dreyeckland - Freiburg
Die Auswerterin im Freien Radio Dreyeckland in der Region Freiburg bei 102,3 MHz FM, oder bei www.rdl.de.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Donnerstag 29. Mai 2014 um 14-15 Uhr
Freies Radio Tübingen Radio Wüste-Welle
Hören Sie die Auswerterin bei Freies Radio Tübingen Radio Wüste-Welle unter UKW 96,6 MHz; Kabel in Tübingen, Reutlingen 97,45; Kabel.

Montag 2. Juni 2014 um 22 - 00 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Rhein-Neckar-Bermudafunk
Hören Sie "Die Auswerterin" bei "Alles ist möglich", eine Sendung mit Kaja Torunsky. Freies Radio Rhein-Neckar Bermudafunk Heidelberg UKW 105,4, Mannheim UKW 89,6 MHz, Kabel 107,45 MHz und Livestream unter www.bermudafunk.org.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Freitag, 18. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 26 der Fortsetzungsgeschichte

     Allmählich verlangsamte sich die Bewegung, auch der Wirbel rotierte langsamer. Peter schöpfte Hoffnung. Er spürte die Anwesenheit von Personen. Sie griffen nach ihm, pressten seine Arme und Beine zusammen. Jemand berührte seine Hände. Aber nicht, um ihm die Hand zu reichen, sondern um etwas um seine Gelenke zu legen. Es war kalt, fühlte sich wie Eisen an.
     Handschellen! Man hatte ihn in Ketten gelegt, den letzten Rest seiner Bewegungsfreiheit genommen. Um seine Füße schlangen sich noch immer die Tentakel, und an den Händen trug er nun Handschellen, beides schien miteinander verbunden zu sein. Peter konnte sich kaum noch regen.
     „Was soll das?“, rief er. „Was habt ihr vor?“
     Das Dröhnen kehrte zurück. Peter fiel auf, dass er es eine Weile nicht gehört hatte; als er durch den Wirbel gezogen wurde, hörte er zunächst nur das Rauschen eines Sturmes, später auch die Stimmen der Personen, die ihm erschienen waren und möglicherweise an die Stationen seines Lebens erinnern sollten. Aber es ging ja alles so schnell, er konnte es nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Jetzt war das Dröhnen wieder da. Peter erkannte es als das Geräusch eines Motors, eines schweren Dieselmotors. Auch das Quietschen ertönte wieder. Ketten! Es kam von den Ketten, die um seinen Leib geschlungen waren und an ihm zerrten. Peter versuchte den Ort zu bestimmen, an dem er sich befand. War es eine Höhle? Eine offene Landschaft? Ein Wald? Ein fremder Planet? Kein Hinweis ließ sich ausmachen, nicht mal eine Schattenlinie entdeckte Peter. Eine tiefe, undurchdringliche Dunkelheit umgab ihn. Er spürte nur, dass er immer weiter fortgezogen wurde.
     „Sagt mir doch endlich, wo ich bin“, rief er. „Wo bringt ihr mich hin?“
     Er bekam keine Antwort. Die Ketten zogen ihn weiter fort, immer weiter und weiter. Peter spürte eine Veränderung unter seinem Körper, etwas Nasses, Glitschiges kam hinzu. Es fühlte sich an wie eine Art Schlamm. Ein Schlamm, wie man ihn in Sümpfen oder manchmal am Meer fand. Nur hatte dieser nichts Organisches an sich, er war dreckig und stank. Anscheinend hatte er sich mit Öl vermischt, mit altem, verunreinigtem Maschinenöl. Peter konnte es riechen, er spürte es am ganzen Leib. Metallspäne steckten in dem Öl, kleine, spitze Stücke, die erst seine Kleidung und dann seine Haut aufrissen, um ihm Schmerzen zu bereiten.
     „Na toll, ich bin in der Hölle gelandet“, sagte er zu sich selbst.
     Die Marter war damit noch nicht beendet. Peter spürte, dass sich zwischen seinen Beinen Schlamm anhäufte. Sein Körper wirkte wie ein umgekehrter Schneepflug, als er über den Boden gezogen wurde. Schließen konnte er die Beine nicht, zwischen den Füßen steckte eine Querstange. Immer größere Mengen sammelten sich an. Peter versuchte sie abzuschütteln, er drehte sich mal nach links, mal nach rechts, er stützte sich auf seinen Händen ab, soweit es die Ketten zuließen, benutzte die Ketten sogar als Werkzeug, doch es half alles nichts. Die Masse nahm stetig zu, immer mehr Schlamm türmte sich auf, wuchs zu einem Berg an. Dann löste sich eine Lawine und brach über seinen Oberkörper herein, drückte ihn nieder, erschwerte das Atmen…
     „He, aufhören! Was soll das? Ich krieg keine Luft mehr. Aufhören!“        
     Der Druck ließ nach.                     
     Für einen Augenblick fühlte er sich erleichtert, ein Teil des Schlamms fiel zur Seite. Aber ein anderer Teil fing an, sich zu bewegen. Ein Arm wuchs aus dem Schlamm heraus, griff nach seiner Kehle, drückte sie zu. Peter geriet in Panik, er fürchtete, ersticken zu müssen. Er packte den Arm und rang mit ihm, die Ketten ließen ihm gerade genug Freiraum dafür. Seine Kraft war die größere, es gelang ihm, den Arm fortzustoßen. Er bekam wieder Luft, schnappte sie gierig auf. Aber kaum war der eine Arm verschwunden, tauchten zwei, drei, vier neue auf und auch sie würgten ihn. Der Übermacht konnte er sich nicht widersetzen, sie besiegten ihn, drückten seinen Kopf in den Schlamm, schnürten ihm die Luft ab. Die Panik kehrte zurück, Peter wandte seine letzten Reserven auf, schlug und trat, biss und spuckte sogar…
     Dann aber fiel ihm ein, dass er ja bereits tot war und nicht noch einmal sterben konnte. Abrupt stoppte er all seine Bewegungen. Peter lachte. Er wehrte sich nicht mehr, ließ es einfach geschehen. Er hörte auf zu denken. Sein Kopf leerte sich, Bilder lösten sich auf, gesprochene Worte verstummten, Informationen zerrannen im Nichts. Peter empfand keinen Groll mehr, die Angst ließ nach. Er fühlte sich frei. Es gab nichts mehr, was er noch tun musste. Keinen Feind musste er mehr bekämpfen, kein Ziel erreichen und keinen Auftrag erfüllen. Alles war bereits erledigt.
     Und plötzlich hörte es auf. Die Arme rangen nicht mehr mit ihm, ließen einfach los, gaben seinen Körper frei. Sie zogen sich zurück und verschwanden in der Dunkelheit.
     „Ihr Bastarde!“, rief Peter ihnen nach. Wieder lachte er.
     Doch es war noch nicht ganz vorbei. Er wurde weitergezogen, in eine Richtung, die er nicht zu bestimmen vermochte, hin zu einem Ort, den er nicht sah, den er nicht kannte. Es dröhnte und quietschte, er spürte den Schlamm und die Metallsplitter. Auch das Gewicht zwischen seinen Beinen erhöhte sich wieder, abermals wuchsen Körperteile aus dem Schlamm heraus. Sie fügten sich zu Menschen zusammen, sie zerrten an ihm, sie drückten ihn nieder. Peter erkannte einige von ihnen. Er sah Mona, er sah Leroy, er sah einen schwarzen, verkohlten Körper, von dem er ahnte, dass es Hassan war, der in seinem Panzer einen qualvollen Tod gefunden hatte. Sie schlugen ihn, bissen ihn und kratzten ihn…
     Diesmal jedoch empfand Peter keine Schmerzen, er hatte auch keine Angst. Er wusste, dass sie ihm keinen Schaden zufügen konnten. Peter verstand sogar, warum sie all das taten. Aus denselben Gründen, aus denen auch er es getan hatte. Helenas letzte Worte kamen ihm wieder in den Sinn: Du kannst dir nur selbst vergeben. Du kannst dich nur selbst erlösen. Du tust es, indem du es tust.
     Peter schüttelte sich. Er schüttelte die Personen ab, die ihn niederdrückten. Dann beugte er sich vor, riss die Handschellen auseinander und riss die Ketten ab, die ihn fortzogen. Die Bewegung brach ab. Er stand auf und ging davon.
     Es wurde hell. Ein leises Piepen erklang. Jemand beugte sich über ihn. Er trug einen weißen Kittel und einen Mundschutz, der hohe Haaransatz wies ihn eindeutig als Mann aus.
     „Hallo, Mr. Smit. Bleiben Sie ganz ruhig. Ich bin Dr. Carlton. Sie hatten einen Unfall. Aber Sie werden wieder gesund. Wir kümmern uns um Sie.“
     Der Höllenmaschinist erwachte aus seinem Traum.


            
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Freitag, 11. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 25 der Fortsetzungsgeschichte

     „Was willst du damit sagen?“
     Helena antwortete nicht. Es war nicht nötig, die medizinischen Geräte gaben die Antwort. Ein lauter Piepton erklang.             
     „Was soll das?“ Er ging zu den Geräten, sah auf die Bildschirme. Die angezeigten Werte änderten sich, die Kurven fielen ab.
     „Hast du das getan, Helena?“
     „Nein, das hast du selbst getan.“
     „Wie…“ Peter kam nicht dazu, den Satz zu vollenden.
     Die Tür wurde aufgestoßen, medizinisches Personal stürmte in das Zimmer. Eine Krankenschwester riss die Plane beiseite, ein junger Arzt schaute auf die Anzeigen. Er wirkte unschlüssig.
     „Rufen Sie Dr. Carlton“, sagte er schließlich. „Wir brauchen seine Hilfe.“
     Die Krankenschwester rannte aus dem Zimmer.
     Peter stand neben dem Bett, sah auf seinen leblosen Körper. „Tu doch was“, rief er dem Arzt ins Gesicht. „Tu doch endlich was.“
     „Er kann dich nicht hören“, sagte Helena.
     Peter wollte den jungen Mann an den Schultern packen und kräftig durchschütteln – doch seine Hände griffen ins Leere.
     „Das bringt nichts“, sagte sie. „So, wir müssen jetzt allmählich los…“ Helena machte einen Schritt in Richtung Tür.
     „Noch nicht. Ich werde mich ändern. Ich verspreche dir, ich werde mich ändern.“
     „Das kommt ein bisschen spät, mein Lieber.“
     Die Tür öffnete sich abermals. Draußen erklangen wieder jene Geräusche, die Peter bereits gehört hatte, als er den Flur erkundete, das tiefe Dröhnen, in das sich ein schrilles Quietschen einfügte, und das menschliche Wehklagen.
     Peter fiel auf die Knie, griff nach Helenas Kleid, um sich daran festzuhalten. „Noch nicht. Ich flehe dich an, gib mir eine zweite Chance.“
     Mit sanfter Gewalt löste sie sich von ihm. „Das kann ich leider nicht.“   
     Er kroch auf den Knien umher, faltete seine Hände zum Gebet und reckte sie empor. „Jesus, ich flehe dich an: Erlöse mich. Schick mich bitte nicht in die Hölle.“
     Helena schüttelte den Kopf. „Jetzt geht das wieder los. Peter, niemand schickt dich in die Hölle. Alles liegt in deiner Verantwortung.“
     Hektisch drehte er den Kopf, sah in alle Richtungen. Als er merkte, dass nichts geschah, rief er: „Buddha, hörst du mich? Hol mich zu dir ins Nirwana.“
     „Oh Mann…“
     Ein Luftzug wehte durch den Raum. Peter spürte eine Sogwirkung. Etwas zog ihn fort. Es kam aus dem Korridor und griff ins Krankenzimmer hinein. „Was passiert hier?“
     „Darf ich dir leider nicht sagen.“
     Er richtete sich auf, wollte zum Fenster rennen und hinausspringen, doch der Boden war plötzlich glatt wie Eis. Peter lief so schnell er konnte, kam dabei aber keinen Meter voran. „Mohammed! Großer Prophet! Vergib mir meine Sünden. Ich bitte dich, erlöse mich mit deiner Gnade“, keuchte er.
     „Wieder falsch“, sagte Helena. „Du kannst dir nur selbst vergeben. Du kannst dich nur selbst erlösen.“
     Der Sog wurde stärker, zog ihn langsam zur Tür. Peter bekam den Türrahmen zu fassen und hielt sich dort fest. „Aber sag mir doch, was ich tun soll! Wie soll ich es besser machen?“
     „Das weißt du längst, Peter. Du bist im Besitz aller wichtigen Informationen. Du hast auch andere Gefühle und Gedanken in dir, du musst sie nur zulassen. Du hast nicht nur Wut in dir, sondern auch Liebe, nicht nur Angst, sondern auch Mut, nicht nur ein Gefühl von Überlegenheit, sondern auch eines von Anteilnahme. Werde dir darüber bewusst und lass es geschehen. Anschließend ändern sich deine Gedanken, und mit deinen Gedanken ändert sich die Welt, in der du lebst.“
     Peter lachte. „Ja, natürlich. Ich habe alles in mir… Ich muss es nur zulassen…“
     Er lachte lauter, dabei zitterte er und schwitzte. „Aber… aber warum sagst du mir das erst jetzt, wo es auf ´s Sterben zugeht? Warum hast du mir es nicht früher gesagt, als noch Zeit war, als ich mich hätte ändern können?“ Er schrie sie an: „Warum erst jetzt?“
     „Du irrst dich, Peter. Ich habe es dir früher gesagt, wir haben es dir früher gesagt. Du wirst ständig über diese Dinge informiert. Es geschieht auf zweierlei Weise: Einmal über deine innere Stimme, die jeden Tag zu dir spricht. Das ist ein Teil von dir, der Ratschläge gibt und vorhersagt, was geschehen könnte, wenn du etwas tust oder lässt.“
     „Innere Stimme? Tut mir leid, so etwas habe ich nicht. Da muss irgendwas defekt sein bei mir…“ Mit den Fingern verkrallte er sich am Türrahmen, mit dem rechten Bein versuchte er sich an der Wand zu verhaken.
     „Jeder hat eine innere Stimme, Peter. Nur viele von euch beachten sie einfach nicht. Deshalb werden euch immer wieder weise Männer und Frauen gesandt, die euch an Dinge erinnern, die ihr schon wisst. Sie treten auf als religiöse oder politische Führer, als Künstler oder Wissenschaftler. Du kennst ihre Namen, Peter, du kennst ihre Botschaften.“
     „Ja, aber es wird doch so viel geredet, so vieles widerspricht einander. Man weiß doch gar nicht, was man glauben soll.“
     Der Sog überstieg Peters Kräfte. Er musste den Türrahmen loslassen, stürzte zu Boden und wurde in den Flur hinausgezogen.
     Helena ging ihm nach. „Weil ihr die Botschaften verzerrt, Peter. Weil ihr sie kürzt, ergänzt und abändert, so dass sie euren Wünschen entsprechen. Aber die wesentlichen Informationen kennst du.“
     „Was? Was meinst du?“
     „Erinnere dich, was Buddha Siddhartha gesagt hat, Peter. Sagte er etwa: Du sollst die Menschen in die Guten und die Bösen aufteilen, und mit den Bösen darfst du machen, was du willst. Hat er das gesagt, Peter?“
     „Nein, nein, das hat er nicht gesagt.“
     Am Ende des Flures erschien wieder die dunkle Spirale. Sie drehte sich, schneller und schneller. Ein Sturm begann zu heulen. Papierfetzen sausten durch die Luft und verschwanden im Wirbel. Es war seine Krankenakte, die sich langsam auflöste. Mit aller Kraft stemmte sich Peter gegen den Sog, er versuchte am Boden Halt zu finden, seine Fingernägel zogen Kratzspuren hinter ihm her.
     „Und was hat Jesus zum Thema Schuld gesagt? Sagte er etwa: Du sollst über jede Schuld peinlich genau Buch führen, und du sollst die Rückzahlung  jeder Schuld einfordern. Und wenn jemand seine Schuld nicht begleichen kann, dann soll er dafür büßen. Hat er das gesagt, Peter?“
     Auch die Augen waren wieder da. Peter sah nicht hin, doch er wusste, dass sie auf ihn gerichtet waren.
     „Nein, hat er nicht.“
     „Was sagte Jesus über die Schuld, Peter?“
     „Man soll vergeben… Ja, vergeben soll man sie.“ Er spürte kaltes Eisen an seinen Füßen, metallische Tentakel griffen nach ihm.
     „Und er sagte noch etwas. Jesus sagte etwas über den ersten Stein… “
     „Ja, ja, ich kenne das Gleichnis mit dem ersten Stein!“, brüllte Peter. Seine Finger rissen Brocken aus dem Boden, die augenblicklich in der Spirale verschwanden.
     „Na bitte. Du weißt alles. Also warum handelst du nicht danach?“
     „Aber wie? Wie soll ich es tun?“
     „Es ist ganz einfach. Du tust es, indem du es tust.“    
     Die Tentakel rissen ihn fort, warfen ihn in die dunkle Spirale hinein. Um Peter herum drehte sich alles, das Krankenhaus löste sich auf, Mauern und Maschinen zerfielen in winzig kleine Bruchstücke. Es ging rasend schnell, das Tempo steigerte sich sogar noch.
     „Vergebt mir!“, rief er in die rotierende Dunkelheit hinein.
     Peter suchte nach einem hellen Licht, das ihn am Ende eines Tunnels erwarten sollte, so wie er es aus den Erzählungen kannte. Doch er konnte nichts davon erkennen, kein helles Licht, keinen Tunnel, auch ein Ende von all dem kam nicht in Sicht. Er war in dem Wirbel gefangen. Peter fühlte sich rettungslos verloren, seine Hoffnung schwand.
     „Helena? Bist du hier irgendwo?“
     Niemand antwortete. Helena schien sich mit dem Krankenhaus im Nichts aufgelöst zu haben.
     „Ist hier jemand? Ein Mensch, ein Engel, irgendwer?“
     Plötzlich bildeten sich regelmäßige Strukturen. Menschliche Umrisse erschienen im Wirbel. Erst waren es nur dunkle Schattenrisse, dann hellten sie sich auf. Peter erkannte die Gesichter von Personen, die in seinem Leben von Bedeutung waren, Mona, die Kinder, seine Eltern, Freunde, Kollegen, Kameraden. Sie regten sich jedoch nicht, blickten nur stumm auf ihn herab. Zu den Menschen kamen Orte hinzu. Es waren die Orte, an denen Peter gelebt hatte, sein Elternhaus, die Schule, eine Kaserne, seine eigenen Häuser, sein Büro, alles blitzte für einen Moment auf und verschwand gleich wieder. Stimmen erklangen. Jemand sprach ihn an, Peter verstand die Worte aber nicht. Es hatte etwas mit seinem Leben zu tun, glaubte er. Anklage? Rechenschaft? Urteil? Sinnloses Geschwätz? Alles ging wild durcheinander.
     Die Kraft zog ihn weiter fort, durch den Wirbel hindurch, mit ungeheurer Macht. Peter konnte sich nicht dagegen wehren, so sehr er auch strampelte, um sich schlug, schrie und weinte, es ging immer weiter, in tiefere und dunklere Welten hinein. Ein Ende war nicht abzusehen. Peters Kraft ließ nach, sein Widerstand wurde schwächer.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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Sonntag, 6. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 24 der Fortsetzungsgeschichte

     Was der Lehrer jedoch erwähnte, war, dass es eine Verschwörungstheorie gab, wonach der amerikanische Präsident und vielleicht auch weitere Stellen von dem bevorstehenden Angriff wussten, jedoch nichts dagegen unternahmen, um einen Grund für einen Krieg gegen Japan zu haben. Im Internet kursierten dazu allerlei verrückte Geschichten, im Wortlaut ähnlich wie jene über das Ufo, das angeblich bei Roswell abgestürzt war und in Area 51 vor der Öffentlichkeit verborgen wurde, oder wie jene über die Mondlandung, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben sollte.
     Die Kinder lachten herzlich darüber.        
     Es gab noch viel mehr Informationen, die lächerlich gemacht oder den Kindern vorenthalten wurden. Man sagte ihnen nicht, was die amerikanische Regierung wirklich dazu bewog, die Atombomben auf Japan abzuwerfen. Man sagte ihnen nicht, dass das Kaiserreich zu diesem Zeitpunkt militärisch geschlagen und zu Kapitulationsverhandlungen bereit war. Die Kinder erfuhren auch nicht, welche weitreichenden Folgen der Einsatz dieser furchtbaren Waffen für die Menschheit hatte. Sie erfuhren nicht, dass dadurch große Angst aufseiten derjenigen entstand, die damit rechnen mussten, beim nächsten Konflikt Angriffsziel der Atombomber zu sein. Sie erfuhren nicht, dass dadurch eine Kettenreaktion anlief, dass eine Regierung nach der anderen eine eigene Atombombe verlangte, eine Entwicklung, die bis in ihre Gegenwart hineinreichte und sich nicht nur auf Regierungen, sondern mittlerweile auch auf Terrororganisationen erstreckte. Sie erfuhren auch nichts von der Existenz des Atomwaffensperrvertrages, der nicht nur die Weitergabe von Technologien zur Herstellung von Atomwaffen verbot, sondern auch die bisherigen Atommächte dazu verpflichtete, ihre Atomwaffenarsenale aufzulösen, damit sich niemand mehr davon bedroht fühlte. All das erfuhren die Kinder nicht.
     Obwohl eine der Hauptforderungen der Erwachsenen Niemals vergessen! lautete, hatten sie selbst doch den größten Teil der Geschichte vergessen. Und sie hatten vergessen, welche Konsequenzen sich daraus ergaben. Wenn es aber jemand wagte, sie daran zu erinnern, erkannten sie in ihm, dem Ehrlichen, eine Witzfigur und betitelten ihn als Verschwörungstheoretiker, sofern die Angst ein gewisses Maß nicht überschritt; bei großer Angst aber erkannten sie in ihm den Feind und versuchten ihn zu bekämpfen und zu vernichten.
     Und es gab noch etwas weit Bedeutenderes, das die Erwachsenen den Kindern vorenthielten: Freiheit. Sie sprachen zwar bei jeder Gelegenheit von diesem höchsten aller Rechte, garantierten es sogar in der Verfassung, doch was sie meinten war nicht Freiheit, sondern Auswahl. Sie garantierten die Auswahl zwischen Politikern und Parteien, zwischen Schulen und Universitäten, zwischen Produkten und Dienstleistungen, die sich alle mehr oder weniger glichen. Die Menschen im Land konnten wählen zwischen Coca-Cola und Pepsi, zwischen ABC News und CBS News. Die wahre Freiheit jedoch, ohne Angst leben zu können, verweigerten sie ihnen. Ständig waberte eine gewaltige Blase aus Angst über ihren Köpfen, die Angst vor dem Bösen, die Angst vor den weit entfernten Ungeheuern, den Nazis, Kommunisten und Terroristen, von denen man so viel hörte, obwohl die meisten noch nie ein echtes Exemplar aus diesen Gattungen zu Gesicht bekommen hatten, aber auch die Angst vor denen, die ihnen ganz nahe waren, Diebe und Gewalttäter, die ihnen etwas wegnehmen oder sie verletzen könnten, wodurch sie in Armut und Unglück stürzen würden, was wiederum neue Angst auslöste.
     Darunter litten sie, die Angst versetzte sie in Wut, zuweilen rief sie sogar blanken Hass hervor. Diese Gefühle gaben sie weiter an ihre Kinder, offen und versteckt, so wie sie die Gefühle selbst schon von ihren Vorvätern übernommen und nicht hinterfragt hatten. Mit jedem Jahr wurde das System aus Angst und Wut, Belohnung und Bestrafung weiterentwickelt, es passte sich den Gegebenheiten der jeweiligen Epoche an, manchmal kam es sehr grobschlächtig daher, mit grellen Bildern und lauten Geräuschen, und manchmal verhielt es sich sehr unauffällig, versteckte sich dort, wo es niemand vermutete.
     Als Lori von der Schule kam, stellte sie gleich den Computer an. Ihre jüngeren Brüder hatten bei dem Spiel, das ihnen ihr Vater zu Weihnachten schenkte, einen höheren Punktestand erreicht als sie, das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Obwohl Lori das Spiel selbst nicht besonders mochte. Es handelte vom Vietnamkrieg, die Aufgabenstellung lautete, möglichst viele feindliche Flugzeuge abzuschießen, Waffenlager zu zerstören oder den Ho-Chi-Minh-Pfad zu unterbrechen, ohne in den Feuerbereich des Gegners zu gelangen. Als Einsatzflugzeug wählte Lori eine F-4 Phantom und bewaffnete sie mit Sidewinder-Raketen und ungelenkten Bom-ben, zu ihrer Heimatbasis bestimmte sie den Flugzeugträger Kitty Hawk. Dann zog sie in den Krieg.
     Bis zum Abend hatte sie über einhundert nordvietnamesische MIGs abgeschossen, drei Fabriken und elf Waffenlager zerstört und über siebzig Mal den Ho-Chi-Minh-Pfad angegriffen. Dabei wurde sie selbst zwar einmal von der Flak und zweimal von sowjetischen SAM-Raketen abgeschossen, konnte sich aber jeweils mit dem Schleudersitz retten. Kurz bevor Mona ins Zimmer kam und ihrer Tochter endgültig verbot, weiterzuspielen, hatte sie es geschafft: Eine Fanfare ertönte, Loris Name erschien ganz oben auf der Siegerliste. Wie eine Königin stieg sie ins Erdgeschoss herab, um die Nachricht zu verkünden.
     Den Rest des Abends verbrachte sie mit ihrer Familie vor dem Fernseher. Im Kabelnetz lief ein Kriminalfilm, allerbeste Hollywood-Ware. Normalerweise erlaubte Mona ihren Kindern nicht, solche Filme anzusehen, doch dieser hatte immerhin fünf Oscars gewonnen. Im Zentrum der Handlung stand ein Polizist, dessen Familie Jahre zuvor von einer Gangsterbande getötet worden war und der nun auf Rache sinnte. Es erforderte langwierige Ermittlungen, um die Verbrecher aufzuspüren, die sich als biedere Bürger tarnten. Einer bekleidete sogar ein hohes politisches Amt, er behinderte die Arbeit des Helden, wo er nur konnte. Mit Einsetzen der Schlussmusik hatte der Rächer aber auch den letzten Täter gefunden und zu Tode gebracht.      
     Peter schaltete den Fernseher ab. Er war zufrieden. Die beiden Jungs zitterten zwar, wahrscheinlich würden sie in der folgenden Nacht schlecht schlafen, doch das war wenig im Vergleich zu der Lektion, die sie gelernt hatten: Der Kampf zwischen Gut und Böse währt ewig, und am Ende siegt immer das Gute.
     Lori küsste ihre Eltern und ging nach oben. Als sie schon im Bett lag, klingelte ihr Telefon. Eine Freundin war dran, erzählte mit atemloser Stimme, was sie an diesem Tag im Einkaufszentrum erlebt hatte. Lori hörte sich alles geduldig an, fragte, kommentierte und brach immer wieder in Gekicher aus. Wie jede Heranwachsende interessierte auch sie sich für Mode, Jungs und Popmusik, wobei die Reihenfolge der Bedeutung fast jede Woche wechselte. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen ließ sie sich aber nicht von diesen Themen beherrschen. Lori war zielstrebig, hatte einen festen Lebensplan.
     Mondlicht fiel durch das Fenster in ihr Zimmer. An der Wand leuchtete das Bild einer Zeremonie auf. Ihr Vater trug seine Ausgehuniform und bekam soeben einen Orden an die Brust geheftet; er wirkte stolz, sehr stolz. Entstanden war das Foto bei seiner Entlassung aus dem Militärdienst, Mitte der neunziger Jahre. Niemand erwartete damals, dass er noch ein zweites Mal in die Armee eintreten und sie danach wieder verlassen würde, mit noch mehr Orden an der Brust.
     Dieser Lebensweg schwebte auch Lori vor. Sich erst zur Armee melden, dem Präsidenten und dem Land dienen und anschließend in die Wirtschaft gehen. Nur noch drei Jahre, dann hatte sie die Schule endlich hinter sich gebracht. Karrierechancen würde es auch dann noch in ausreichender Zahl geben, daran zweifelte sie nicht. Die alten Feinde waren nicht endgültig besiegt, und am Horizont tauchten bereits neue Feinde auf. In ihrer Umgebung hörte man viel von der Bedrohung durch die Chinesen. Sie überschwemmten den amerikanischen Markt mit ihren billigen Produkten, vernichteten dadurch amerikanische Arbeitsplätze, sie spionierten bei amerikanischen Unternehmen und dem Militär. Außerdem hatten die Chinesen Tibet überfallen, Taiwan wollten sie zurückerobern. Und dann gab es ja noch das Problem mit den Terroristen, und in Südamerika waren die Kommunisten wieder auf dem Vormarsch…
     Lori schlief ein. Das Bild löste sich auf.                               
     „Nein, nein, nein!“ Peter schüttelte den Kopf, schüttelte die Arme. Hätte er einen Tisch zur Verfügung gehabt, hätte er mit den Fäusten darauf getrommelt. „Lori soll gleich in die Wirtschaft gehen. Sie darf keine Uniform tragen. Sie soll Ärztin werden. Oder Anwältin. Sie ist so ein hübsches und intelligentes Mädchen.“
     „Das stimmt.“
     „Ich kümmere mich um ihre Zukunft. Vor ein paar Wochen erst habe ich sie in die Kanzlei meines Anwaltes mitgenommen. Der hat ihr gezeigt, wie spannend die Arbeit an einem Fall ist. Man kann doch überall für das Gute kämpfen, auch in einem Gerichtssaal.“           
     „Sie fand es langweilig. Lori nannte es Aktenwälzen und Staubschlucken. Beim Militär gibt es mehr Aufregung.“
     „Ich verbiete es Ihr!“, brüllte er. Peter brüllte Helena an, als ob sie seine Tochter wäre. „Ich lasse es nicht zu! Lori geht nicht zur Armee.“
     „Peter, beruhige dich. Du hast keine Macht über sie. Lori kann es tun, sobald sie volljährig ist. Vielleicht wird deine Tochter eines Tages auf Hassans Sohn treffen. Vielleicht werden sie auf derselben Seite stehen, vielleicht werden sie aber auch gegeneinander kämpfen. Vielleicht wird deine Tochter den tödlichen Schuss aus einer Panzerkanone abgeben. Oder sie wird selbst den tödlichen Schuss abbekommen, vielleicht wird sie im Panzer verbrennen…“               
     „Genug, das ist genug! Ich will das nicht hören.“ Peter wandte sich von Helena ab, ging zum Fenster. „Deshalb tun wir das doch alles! Deshalb kämpfen wir! Damit unsere Kinder eines Tages in einer besseren Welt leben. Einer gerechten Welt, einer Welt, in der es keinen Hass und keine Gewalt mehr gibt. Davon träume ich, davon träumen alle guten Menschen. Und du wirst sehen, eines Tages werden wir unser Ziel erreichen. Mit Gottes Hilfe…“
     Er hob seinen Kopf und blickte zuversichtlich aus dem Fenster, obwohl er draußen nichts sah, außer einer alles verschluckenden Dunkelheit. Es war ihm so, als hörte er aus der Ferne die Nationalhymne erklingen, und irgendwo dort hinten, so glaubte er, musste die Flagge im Wind wehen. Beinahe automatisch, ohne dass er lange darüber nachdachte, fand seine Hand den Weg zur Schläfe. Peter salutierte, Tränen standen ihm in den Augen. „Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen.“
     Im ersten Moment dachte Helena, er wollte einen Scherz machen. Doch Peter meinte es ernst.
     Sie stellte sich neben ihn und sprach mit besonders sanfter Stimme. „Peter, nimm es mir nicht übel, aber du bist ein Vollidiot. Du kapierst rein gar nichts. Ständig wiederholst du die alten Gefühls- und Gedankenmuster. Und obwohl du immer wieder die gleichen Resultate erlebst, änderst du nichts daran. Man kann es dir auf drei verschiedene Weisen erklären, doch du kapierst es immer noch nicht. Jedes Argument parierst du mit einem Gegenargument, und sei es noch so dämlich. Vielleicht ist es ganz gut, wenn du in eine andere Umgebung gelangst. Vielleicht hilft es dir, in einer anderen Welt über deine Lebensweise nachzudenken.“

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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Der Höllenmaschinist - Erzählung
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Donnerstag, 3. April 2014

Buchkritik: Die Weimarer Republik von Eberhard Kolb und Dirk Schumann - Oldenbourg Verlag wird schwächer


Dieses Buch wird als Standardwerk zur Geschichte der Weimarer Republik bezeichnet. Unverständlich, wenn man es gründlich analysiert. Leider gilt auch hier, was man über die meisten Bücher zu diesem schwierigen Thema sagen muss: unvollständig und unausgewogen.

Immerhin kann man den Autoren zugute halten, dass ihr Buch übersichtlich gestaltet und im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Werken, die sich einer umständlichen, mit vielen Fachausdrücken gespickten Sprache bedienen, leicht lesbar ist. Das allerdings ist nicht viel, wenn man die hohen Ansprüche bedenkt, die die Herausgeber und der Autor Eberhard Kolb in ihren Vorwörtern formulieren. Sie sprechen davon einen Überblick über die zeitgeschichtliche Forschung zu geben, verlieren dabei aber den Gegenstand ihrer Forschung aus den Augen.

Die üblichen Fehler
  
Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Erstens: Eine chronologische Aufzählung der (aus Sicht der Autoren) wesentlichen Ereignisse der Weimarer Republik. Zweitens: Grundprobleme und Tendenzen der Forschung. Drittens: Quellen und Literatur. Obwohl der letzte Teil beinahe hundert Seiten (!) umfasst, bringen es die Autoren dennoch fertig, viele wichtige und zugleich brisante Fakten auszusparen. Als erstes Beispiel seien zwei Zahlen genannt: 68 und drei. Laut dem Young-Plan (beschlossen im Jahr 1929) sollte Deutschland für den verlorenen Ersten Weltkrieg bis 1987 Reparationen leisten. Da bereits seit 1919 Sach- und Geldleistungen abgeführt wurden, ergibt sich daraus eine Gesamtlaufzeit von 68 Jahren. Die Autoren schreiben auf Seite 73: „In Deutschland jedoch wurde damals der Young-Plan nicht allgemein als der Erfolg anerkannt, der er tatsächlich war.“ Diese Aussage ist höchst problematisch. Sicher, im Vergleich zu den vorherigen Plänen war der Young-Plan relativ milde. Aber die normalen Bürger schauen nicht nur auf das, was in internationalen Konferenzen verhandelt wird, auch nicht auf die Zukunftserwartungen von Politikern oder Wissenschaftlern. Wichtig für uns Menschen ist vor allem das eigene Erleben, auch das unserer Vorfahren und Nachkommen. Und da drängt sich ein ganz anderer Vergleich auf: der Deutsch-Französische Krieg von 1871/71.

Frankreich hatte diesen Krieg verloren und musste dafür Reparationen leisten – ganze drei Jahre lang. Danach erhielt das Land seine volle Souveränität zurück, die deutsche Armee gab sogar einige beschlagnahmte Waffen an den ehemaligen Kriegsgegner zurück, auch die französischen Kolonien wurden nicht von Deutschland beansprucht. Mehr noch, im folgenden Jahrzehnt setzte ein großer Wirtschaftsaufschwung bei unseren westlichen Nachbarn ein, man baute das damals höchste Gebäude der Welt – den Eiffelturm. Für den verlorenen Krieg von 1870/71 sollte also nur die Kriegsgeneration eine kurze Zeit lang zahlen. Für den Krieg von 1914-1918 sollten aber auch die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration zahlen, also Menschen, die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch gar nicht geboren waren. Das löste damals große Empörung aus – eine Empörung, die sich rechte und linke Extremisten zunutze machten.

Qualität der Forschung lässt nach

Ein weiteres Beispiel ist die Rüstung nach 1918, der Einfachheit halber hier beschränkt auf die militärische Luftfahrt. Die Siegernationen des Ersten Weltkriegs verboten Deutschland eine eigene Luftwaffe, auch Luftabwehrkanonen waren nicht erlaubt. Laut Versailler Vertrag sollten alle Nationen gleichmäßig abrüsten. Die Sieger hielten sich jedoch nicht an ihre eigene Vorgabe, sie behielten einen großen Teil ihrer Kampfflugzeuge aus dem Weltkrieg, zugleich entwickelten und bauten sie immer neue leistungsfähigere Flugzeuge. Im Falle eines neuen Krieges hätten ausländische Luftflotten Deutschland bombardieren können, ohne dass die Reichswehr eine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt hätte (siehe auch Militärische Luftfahrt nach 1918). Kolb und Schumann unterschlagen diese wichtigen Informationen vollständig.

Die Liste der Unterschlagungen ließe sich noch lange fortsetzen. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein anderer Vergleich. 1966 erschien im selben Verlag ein Buch mit dem sperrigen Titel „Entwaffnung und Militärkontrolle in Deutschland 1919 – 1927.“ Dem Autor Michael Salewski gelang damals ein erstaunlich mutiges und vor allem vollständiges Werk, das in dieser Form heute sicher nicht mehr erscheinen könnte. Auch dazu ein Beispiel. Da die Weimarer Republik seit ihrer Gründung von Kommunisten und Rechtsextremisten bekämpft wurde, benötigte sie eine schlagkräftige, mit ausreichend Personal, Material und Befugnissen ausgestattete Polizei – so würde zumindest jeder vernünftige Mensch argumentieren. Nicht aber die Gewinner des Weltkrieges. Sie versuchten die deutsche Polizei zu beschränken, wo immer es ihnen möglich war. Salewski liefert dazu viele Einzelinformationen und resümiert mit folgendem Zitat: „Aus all dem ergab sich für Deutschland das Fazit, dass die IMKK die völlige Auflösung der Polizei in eine undisziplinierte, für jede irgendwie größere Unternehmung untaugliche, jeder Schlagfertigkeit entbehrenden, nur noch für den Straßendienst in ruhigen Zeiten verwendbare Einzelschutzmannschaft anstrebte.“ 
Kolb und Schumann dagegen machen es sich leicht, indem sie diesen schwierigen Themenkomplex gänzlich ausklammern.  

Generation Casablanca - wie so oft

Zwei wichtige Fragen ergeben sich daraus: Wie kann es sein, dass intelligente und akademisch gebildete Menschen wie die beiden Autoren und deren Verleger ein solch eindimensionales und unvollständiges Werk schreiben und in das Verlagsprogramm aufnehmen? Und wie kann es auch noch als Standardwerk gelten? Die Antworten sind wahrscheinlich im kulturellen Umfeld zu suchen, in dem alle Beteiligten aufgewachsen sind. Kolb und Schumann sind Teil der „Generation Casablanca“, also derjenigen, die ihr ganzes Leben unter dem Einfluss der angloamerikanischen Kultur verbracht und nicht hinterfragt haben (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten). Für diese Menschen ist es selbstverständlich, voreingenommen zu sein, Dinge einseitig zu betrachten und nicht genau hinzusehen. Ursache hierfür ist, dass sie vom Prinzip „Teilung“ überzeugt sind. Demnach ist die Welt in einen guten und einen schlechten Teil gespalten, in Täter und Opfer, Schuldige und Unschuldige. Weil diese Überzeugung aber grundsätzlich falsch ist, müssen ihre Anhänger auch Informationen teilen, in gute und schlechte, in solche, die man veröffentlicht, und solche, die man lieber unterschlägt – in den meisten Fällen geschieht dies unbewusst.

Eberhard Kolb und Dirk Schumann unterläuft der Kardinalfehler aller gegenwärtigen Forscher: Sie betrachten die Vorgänge zu sehr aus der Perspektive der Nachgeborenen, sie versetzen sich nicht in die Personen hinein, über die sie schreiben – und urteilen. Auch aus diesem Geschichtsbuch erfährt man viel über die Autoren, aber nur wenig über die Geschichte.


Wer sich wirklich umfassend informieren will, auch über die tieferen Ursachen menschlichen Handelns, sollte dieses Buch lesen:

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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