Sonntag, 30. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 23 der Fortsetzungsgeschichte

     Der Wecker klingelte um sieben Uhr morgens. Lori sprang sofort aus dem Bett. Jedoch nicht, weil es sie drängte, in der Schule etwas zu lernen, sondern um das zu vollenden, was sie am Abend zuvor angefangen hatte, bevor sie das Licht in ihrem Zimmer ausmachen musste. Lori schlug den Comic auf, blätterte bis zu ihrem Lesezeichen. Schnell fand sie sich in die Handlung hinein, es war nicht schwer, der zwölfte Teil der Geschichte bestand aus vielen, leicht verständlichen Bildern und wenig Text.
     Der Ameisenmann hatte die Freundin von Jimmy entführt und hielt sie nun in seinem Schlupfwinkel, der Ameisenburg, gefangen. Unbesorgt ging er seinem Tagwerk nach: Ausführung und Kontrolle von wissenschaftlichen Experimenten. Mit einer Armee genetisch mutierter Ameisen wollte er die Weltherrschaft erringen, schon marschierten die ersten Minimonster in seinen Terrarien. Noch waren sie klein und schwach, aber mit jeder weiteren Generation wuchsen sie ein bisschen mehr, bis sie eines Tages in der Lage sein würden, ein Auto hochzuheben und mit ihren Mundwerkzeugen wie einen Grashalm durchzubeißen. Der Ameisenmann lachte schauerlich.
     In der Ameisenburg fühlte sich der Schurke sicher, denn sie verfügte über meterdicke Mauern, Wachtürme und Kanonen und lag zudem mitten in der Roten Wüste, weitab der Karawanenrouten. Allerdings wusste er nicht, dass sein Entführungsopfer mit den Perlen ihrer Kette heimlich eine Spur gelegt hatte.                          
     Mit seinen Superkräften war es Jimmy möglich, selbst kleine Unregelmäßigkeiten in der riesigen Weite der Wüste zu entdecken. Er folgte der Perlenspur, drang in die Ameisenburg ein und stellte den Bösewicht zum Kampf. Furchtbare Schläge wurden ausgetauscht, lange schien es so, als ob zwei gleichstarke Gegner miteinander rangen, bis es dem Ameisenmann gelang, Jimmy in eine Falle zu locken: eine fleischfressende Pflanze sollte ihn töten, auch sie entstammte dem Höllenlabor. Der Held jedoch durchschaute den Trick, gerade noch rechtzeitig sprang er zur Seite, zog den Stachel des Todes aus seiner Haut und stürzte den Verbrecher mit letzter Kraft in einen Abgrund. Sein Schrei war fürchterlich.
     Auf der letzten Seite befreite Jimmy seine Freundin aus ihrem Verlies, die beiden fielen sich glücklich in die Arme. Geschafft! Das Gute hatte gewonnen, das Böse war besiegt. Obwohl das letzte Bild keinen genauen Aufschluss darüber gab, ob der Ameisenmann im Abgrund den Tod gefunden hatte, oder ob er womöglich entkommen war…
     „Lori! Komm endlich. Wir wollen frühstücken“, rief Mona von unten.
     „Ja, Mama.“ Sie schlug das Heft zu und sortierte es in einer Kiste ein, in der bereits zahllose Hefte lagen.
     Der Schultag war langweilig. Auf zwei Stunden Mathematik folgten je eine Stunde Physik, Chemie und Englisch, allesamt Fächer, die Lori nicht besonders mochte. Erst der Nachmittag versprach interessant zu werden. Geschichte stand auf dem Stundenplan. Letzte Woche hatte der Lehrer angekündigt, dass sie das Thema Pearl Harbor behandeln würden, und seitdem freute sich Lori darauf. In ihrer Familie sprach man oft über diesen Wendepunkt amerikanischer Geschichte, dessen Bedeutung nur mit der Boston Tea Party und der Schlacht von Alamo zu vergleichen war. Den feigen Angriff der Japaner auf den Flottenstützpunkt im Pazifik hatte Loris Großvater einst zum Anlass genommen, sich freiwillig zur Armee zu melden, und noch Jahrzehnte später war er für Loris Vater einer der wesentlichen Gründe, um ebenfalls Soldat zu werden. Lori trug sich mit ähnlichen Ab-sichten, wollte aber erst die Wahrheit, die ganze Wahrheit über die damaligen Ereignisse erfahren. Der Lehrer gab sich große Mühe, er hing eine Karte an die Wand, brachte ein altes Surfbrett mit und spielte zur Einstimmung etwas Hula-Musik.
     Dann ging es los, die Rollladen wurden herabgelassen, das Licht abgeschaltet und der Film lief an. Die ersten Bilder zeigten das friedliche Leben auf der Inselgruppe, Kinder bauten Sandburgen, junge Männer und Frauen badeten im Meer, Felder wurden bestellt, Früchte geerntet, das Vieh auf die Weiden getrieben, eine fröhliche Musik spielte dazu. Alle Menschen auf Hawaii waren glücklich, niemand schien etwas Böses zu ahnen. Indes zog jedoch ein dunkler Schatten am Horizont auf, legte sich unmerklich über das Inselparadies. Die Musik brach ab, Motorenlärm dröhnte aus den Lautsprechern, verstärkt durch einen dumpfen Basston. Ein Flugzeug kam hinter einer Wolke hervor, dann noch eins und noch eins, der Strom der Maschinen riss nicht ab, sie formierten sich zu riesigen Schwärmen, die den Himmel verdunkelten. Aber noch immer begriffen die friedfertigen Insulaner nicht, welche Gefahr ihnen drohte, sie jubelten den Flugzeugen sogar zu, weil sie dachten, es wären ihre eigenen.
     Plötzlich brach die Hölle über sie herein. Ohne Vorwarnung stürzten sich die Piloten mit ihren Kampfmaschinen auf die arglose Idylle herab, warfen Bomben und Torpedos ab, zerstörten Flugzeuge und Schiffe, beschädigten Hangars und Dockanlagen, setzten Häuser und Kasernen in Brand, überall liefen schreiende Menschen umher, ungezählte von ihnen erlitten Verletzungen oder gar den Tod. Erst jetzt, als klar wurde, dass man sie feige und hinterrücks angegriffen hatte, griffen sie selbst zu den Waffen und schossen zurück. Damit endete der erste Teil des Films.
     Der zweite Teil zeigte die heutige Situation auf der Inselgruppe. Inzwischen war ganz Hawaii zu einer wehrhaften Festung ausgebaut, war nicht nur Heimathafen eines der kampfstärksten Schiffsverbände der Welt, sondern auch Hauptquartier der Pacific Air Force, einer gewaltigen Luftstreitmacht, deren Einsatzgebiet von der Westküste der USA über ganz Asien bis zur Ostküste Afrikas reichte. Damit all die Soldaten auch wussten, wofür sie kämpften, hatte man ein Mahnmal über dem zerstörten Schiffsrumpf der USS Arizona errichtet. Noch Jahrzehnte nach dem Angriff trat Öl aus den Bunkern des Schlachtschiffes aus, man nannte sie die Schwarzen Tränen. Immer wenn das geschah, flossen auch bei den Besuchern Tränen der Rührung, sie verneigten sich und warfen Blumenkränze ins Meer. Der Film endete mit der eindringlichen Forderung: Niemals vergessen! Niemals Vergessen!
     Für einen Augenblick herrschte Schweigen im Klassenzimmer, keines der sonst so lebhaften Kinder wagte es, einen Ton hervorzubringen. Der Lehrer erhob schließlich seine Stimme. Er forderte die Schüler auf, ihre Gefühle zu schildern, alles frei zu sagen, was ihnen auf der Seele lag. Ein Junge sprach zuerst, er beschrieb die Wut, die ihn erfüllte, als er die Bilder sah, und die noch immer nachwirkte. Andere äußerten sich ähnlich, Wut war das meistgenannte Gefühl. Zwischen den Geschlechtern zeigten sich die üblichen Unterschiede, Mädchen sprachen auch von ihrem Mitgefühl für die Opfer, während die Jungs ihren Wunsch nach Rache äußerten, allein die Wut verband die beiden Gruppen.
     Fast zwangsläufig kamen die Kinder auf die Atombombe zu sprechen. Dem Lehrer war es zunächst nicht recht, denn sie griffen dem Lehrplan vor; er ließ sie jedoch gewähren, weil sie das Thema sehr zu beschäftigen schien. Alle waren der Ansicht, die Japaner hätten sich den Abwurf der Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki selbst zuzuschreiben. Wer ein solches Verbrechen, den Überfall auf das friedliche Hawaii beging, hatte eine schmerzhafte Strafe verdient. Der Lehrer stimmte ihnen zu. Er besaß zwar noch viele weitere Informationen, die man hätte erwähnen können, doch er stand zu sehr unter dem Einfluss der Bilder. Er musste immerzu an die Kinder denken, die im Sand gespielt hatten, bevor die Bomben fielen. Wer weiß, was aus den Kindern geworden ist…
     Für diese Stunde sollte es genug sein. Dabei gab es vieles, was man noch hätte erwähnen können. Zum Beispiel hätte der Lehrer die geopolitische Lage im Pazifikraum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts schildern können – und zwar aus Sicht der Japaner. Damals feierte der Imperialismus seine Hochkonjunktur, Europäer und US-Amerikaner dehnten ihren Einflussbereich über die ganze Welt aus. Auch die Japaner wurden schrittweise von den fremden Mächten eingeschlossen, kaum ein Quadratmeter der asiatischen Landmasse blieb unbesetzt, weshalb sie sich ausrechnen konnten, wann sie selbst an der Reihe wären. Von Norden her kamen die Russen, die schon unter den Zaren begonnen hatten, die riesigen Weiten Sibiriens zu erobern und in ihr Reich einzugliedern. Spätestens mit Inbetriebnahme der Transsibirischen Eisenbahn im Jahr 1916 galt dieser Prozess als abgeschlossen. Nun konnte man von Moskau mit dem Zug in eine Stadt an der Pazifikküste fahren, welche den Namen Wladiwostok trägt, was bezeichnenderweise Beherrsche den Osten heißt, ohne dass man seine Ausweispapiere vorzeigen oder auch nur umsteigen musste.
     Von Westen her drangen Völker in die Region ein, denen es aus naturgegebenen Gründen nicht möglich war, komfortabel mit der Eisenbahn anzureisen. Die Briten, Franzosen, Spanier, Portugiesen und Niederländer, in geringem Maße auch Deutsche und Italiener, benutzten daher Schiffe, zunächst ausschließlich Expeditionsschiffe, die aber verkappte Kriegsschiffe waren. An Bord gab es viel Platz für Kanonen und Drehbassen, auch für christliche Kreuze und Flaggen samt Masten, um sie in fremde Erde zu rammen. Später kamen sie dann mit Handelsschiffen, auf dem Rückweg lagen diese meist tiefer im Wasser als auf dem Hinweg. Die Eroberer betrieben eine Art Inselspringen, errichteten in Indien, China und auf dem Malaiischen Archipel kleine Herrschaftsbereiche, die sie allmählich über die gesamten Länder ausweiteten. Von Osten und Süden her kamen schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika, um sich erst Hawaii und dann die Philippinen einzuverleiben.     
     All das beobachteten die Japaner von ihrem Logenplatz aus. Sie sahen aber nicht nur einen Prozess der gewaltsamen Landnahme, der Vernichtung eines großen Teils der Urbevölkerung und der dauerhaften Unterdrückung der Überlebenden, sie wurden auch Zeugen, wie schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, etwa Massenvergewaltigungen und Massenhinrichtungen, wobei die Opfer nicht selten ihre eigenen Gräber ausheben mussten. Verbrechen, derer man die Japaner später bezichtigte und für die sie bestraft wurden – im Gegensatz zu denjenigen, die sie zuerst begangen hatten. Eine kollektive Bestrafung der imperialen Nationen erfolgte allein durch die Achsenmächte, was eine bisher unbemerkte Ironie der Weltgeschichte darstellte. Die US-Amerikaner etwa wurden nie bestraft für die Ausrottung der Indianer, nie bestraft für die Sklaverei – die einzigen Ereignisse, die man vielleicht als Strafen hätte werten können, waren die beiden Weltkriege.
     Ebenso hätte man auch die unmittelbare Vorgeschichte des Angriffs erläutern können. Man hätte den Schülern verständlich machen können, dass die USA durch das Leih- und Pachtgesetz faktisch bereits in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, lange bevor sie offiziell den ersten Schuss abgaben. Oder dass dem Kaiserreich Japan nach Verhängung des Rohstoffembargos nur zwei Möglichkeiten blieben: Entweder wirtschaftlich zugrunde gehen oder einen gewaltsamen Ausweg suchen. Oder dass die Angriffspläne der japanischen Armee schon seit Jahren bekannt waren, Briten und Amerikaner ihre Funkschlüssel gebrochen hatten und darüber hinaus in den USA politische Pläne existierten, wonach man die Japaner dazu bringen wollte, die Kampfhandlungen zu eröffnen.     
     All dies – und vieles mehr – blieb unerwähnt.

Fortsetzung folgt.

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Dienstag, 25. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 22 der Fortsetzungsgeschichte

     „Warte! Nicht weiterfahren.“
     Der Fahrer stoppte den Panzer.
     Abseits der Straße hatte Peter einen Trümmerhaufen entdeckt, der nicht in seiner Karte verzeichnet war. Sie standen etwa zwanzig Meter davon entfernt, weder der Kameramann noch die Reporterin bemerkten die Lücke zwischen den Häusern, ihr Blickfeld war zu sehr eingeschränkt. Peter überlegte, was er tun sollte. Es könnte ein Wohnhaus gewesen sein, unter einer Betonplatte erkannte er die Reste eines Autos, gelbes Blech war wie ein Blasebalg zusammengepresst. Darunter hatte sich ein dunkler Fleck gebildet, vielleicht handelte es sich um Motorenöl, vielleicht aber auch um Blut.
     „Umdrehen!“, befahl er. „Zurück zur Kreuzung. Und dann links.“
     „Kreuzung, links“, wiederholte der Fahrer.
     „Was ist los?“, wollte die Reporterin wissen.
     „Ein verdächtiges Fahrzeug am Straßenrand. Möglicherweise eine Sprengfalle. Wir sind gut geschützt, aber durch eine Explosion könnten Zivilisten gefährdet werden.“
     „Oh, danke. Sie sind so verantwortungsbewusst.“ Sie lächelte ihn an.
     Über eine Parallelstraße umfuhren sie das eingestürzte Haus. Von der nächsten Kreuzung aus war es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel, einem Bombenkrater am Ufer des Tigris. Bewacht wurde der Krater von einem Zug amerikanischer Soldaten, die ihre gepanzerten Fahrzeuge beinahe kreisförmig drum herum aufgestellt hatten. Zwischen den Fahrzeugen standen Marines, das Gewehr im Anschlag, in alle Richtungen spähend.
     Peter öffnete die Turmluke, salutierte und rief ihnen zu: „Hauptmann Peter Smit.“
     Einige der Wachsoldaten salutierten ebenfalls und gaben eine Lücke frei, durch die der Bradley in die Wagenburg rollte. Am Kraterrand blieb er stehen. Der Fahrer öffnete die Heckklappe, Peter war der Reporterin beim Aussteigen behilflich.
     „Stolpern Sie nicht. Da liegen Betonbrocken.“
     „Vielen Dank.“
     Die Frau sah sich um. Der Kameramann sah sich um. Beide schienen nicht begeistert zu sein. Sie richtete ihre Haare, er putzte das Objektiv seiner Kamera.
     „Was ist das Besondere an diesem Loch?“
     „Möglicherweise ist es das Versteck von Saddam Hussein.“
     „Oh, wirklich?“ Sie strahlte.
     Der Kameramann schulterte sein Arbeitsgerät und begann zu filmen.
     „Was Sie hier sehen, ist der Rest eines Bunkers“, erklärte Peter. „Seine Tiefe beträgt rund vierzig Meter, und das dort war die Deckelplatte.“ Er zeigte auf ein Gebilde, welches an einen eingestürzten Vulkankrater erinnerte, nur dass es aus zerbrochenem Beton und verbogenen Stahlträgern bestand.   
     „Vierzig Meter?“ Die Reporterin staunte.
     „So ist es. Derzeit sind Spezialisten damit beschäftigt, die Daten auszuwerten. Beachten Sie bitte auch, dass die umliegenden Gebäude fast unbeschädigt sind.“
     Der Kameramann vollzog einen weiten Schwenk. Er filmte Wohnhäuser und Ladengeschäfte, die bis auf zersplitterte Fensterscheiben, herabhängende Stromkabel und ein paar eingestürzte Mauern intakt wirkten. Sie sahen zwar recht schäbig aus, an den Fassaden bröckelte der Putz, Dächer waren mit Plastikfolie abgedichtet, doch ließ sich nicht eindeutig bestimmen, ob es sich dabei um Folgen des Krieges oder den baulichen Standard des Viertels handelte.
     „Sie sehen, das ist Bombardieren mit höchster Präzision, ein chirurgischer Eingriff, sozusagen. Die Schurken werden bestraft, die Zivilbevölkerung wird geschont.“
     „Oh, wie edelmütig.“
     „Und beachten Sie bitte auch, wo wir uns hier befinden. Es ist die Uferpromenade von Bagdad, bei schönem Wetter gehen hier Hunderte Menschen spazieren. Und genau auf der Deckelplatte des Bunkers hatte man ein Café errichtet.“
     „Nein, wie gemein.“
     „So verhält sich Saddam Hussein. Er hat seine Bunker unter Schulen, Krankenhäusern und Ausflugslokalen eingerichtet, er benutzte die Zivilbevölkerung als Schutzschild. Aber wir sind ihm nicht auf den Leim gegangen. Über Tage hinweg haben wir den Bunker aus der Luft beobachtet und zum optimalen Zeitpunkt an-gegriffen. Das Ding ist sehr stabil, allein die Deckelplatte besteht aus fünf Metern Stahlbeton. Dafür haben wir mehrstufige Raketen entwickelt, genannt Bunkerknacker. Die erste Stufe ist eine Hohlladung, die an der Oberfläche explodiert und reaktive Panzerungen und Ähnliches beseitigt. Dann kommt ein Pfeil aus Wolframkarbid, der die Decke durchschlägt, und zum Schluss kommt eine weitere Ladung Sprengstoff, die im Inneren des Bunkers explodiert. Das überlebt niemand.“
     „Großartig!“ Die Reporterin klatschte in die Hände.
     „Ja, wir haben Saddam Hussein seiner gerechten Strafe zugeführt. Möglicherweise wird man noch heute seine Leiche aus diesem Loch ziehen.“
     „Das wäre fantastisch. Und wir sind live dabei.“
     Die Reporterin ging in Position. Sie stellte sich an den Kraterrand, klopfte vorher aber noch den Staub von ihrer Schutzweste und strich ihren Rock glatt. Auch der Kameramann und der Tonmann arbeiteten konzentriert, sie maßen die Licht- und Geräuschverhältnisse und stellten ihre Geräte darauf ein. Gemeinsam drehten sie eine Reportage, die noch am selben Abend in der halben Welt ausgestrahlt werden sollte.
     Peter beobachtete jeden ihrer Arbeitsschritte. Die Reporterin redete wieder Unsinn, sie brachte Informationen durcheinander, sprach Fachbegriffe falsch aus und wäre beinahe in den Krater gefallen. Aber sie hatte wirklich schöne Beine…
     Der Staub der Erinnerung verzog sich.
     „Willst du immer noch behaupten, eure Gesellschaft sei frei und ehrlich?“, fragte Helena. „Lebt ihr wirklich in einer Demokratie?“
     „Das ist etwas anderes“, verteidigte sich Peter. „Damals war Krieg. Im Krieg ist Desinformation eine Waffe wie ein Panzer oder eine Rakete.“
     „Der Krieg war seit einem Tag vorbei, Peter.“
     „Ja, aber der Krieg an der Heimatfront ging weiter. Damals gab es viele Politiker und viele Medienleute, die den kämpfenden Männern und Frauen in den Rücken gefallen sind, die falsche Informationen und einseitige Meinungen verbreitet haben. In einer solchen Situation ist es durchaus legitim, die Öffentlichkeit zu beeinflussen – schließlich geht es um die Freiheit.“
     „Falsch, gerade in einer solchen Situation darf die Öffentlichkeit nicht beeinflusst werden. Gerade dann, wenn ihr von Vätern und Müttern verlangt, ihre Söhne und Töchter in den Krieg zu schicken, müsst ihr schonungslos offen und ehrlich sein. Jeder Bürger muss im Besitz aller wesentlichen Informationen sein, muss den politischen Prozess nachvollziehen können, so definiert ihr selbst den Begriff Demokratie. Aber es geschieht genau das Gegenteil davon. Die wesentlichen Informationen gelangen niemals an die Öffentlichkeit, sie sind nur einer kleinen Gruppe von Menschen zugänglich, Regierungsmitgliedern, Militärs und Geheimdienstleuten. Und das Tollste ist: Ihr seid auch noch damit einverstanden! Ihr findet es akzeptabel, wenn man euch Informationen vorenthält, wenn ihr manipuliert und belogen werdet. Und wenn es euch notwendig erscheint, macht ihr sogar dabei mit – so wie du es in Bagdad getan hast.“
     „Aber es geht doch nicht anders! Der Feind muss besiegt werden. Nur so lässt sich der Kreislauf von Gewalt und Krieg durchbrechen. Nur so lässt sich eine bessere Welt erschaffen.“    
     „Eben nicht. Auf diese Weise setzt ihr den Kreislauf fort. Erst erschafft ihr das Ungeheuer, dann füttert ihr das Ungeheuer, zugleich schürt ihr die Angst vor dem Ungeheuer, und schließlich verlangt ihr von euren Söhnen und Töchtern, das Ungeheuer zu töten. Ihr zwingt die jungen Menschen, eure Fehler zu wiederholen. Jahr um Jahr, Generation um Generation. Vielleicht werden deine Kinder eines Tages gegen Hassans Kinder kämpfen.“
     Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das darf nicht sein. Das wird nicht geschehen.“
     „Was macht dich da so sicher, Peter? Deine Kinder denken so wie du. Sie sehen die Welt so wie du. Wer kann es ihnen verübeln? Weißt du, wie viele Bilder von Gewalt und Krieg jeden Tag im Fernsehen gezeigt werden? Weißt du, mit wie vielen negativen Informationen ihr die Gehirne eurer Kinder füttert?“
     „Aber so ist die Welt nun mal. Was sollen wir denn sonst tun? Sollen wir den Kindern etwa eine heile Welt vorgaukeln?“
     „Der Begriff Vorgaukeln ist in diesem Zusammenhang nicht angemessen. Kinder reflektieren ihre Umgebung. Erleben sie eine heile Welt, dann übertragen sie diese in ihre eigene Welt. Erst im Spiel, später im richtigen Leben. Erleben sie jedoch eine Welt, die dumm, rachsüchtig und gewalttätig ist, dann wird auch das Konsequenzen haben.“
     „Das mag sein. Aber selbst wenn man alles Böse von den Kindern fernhält, werden sie eines Tages doch darauf stoßen. Sie werden sehen, dass es Menschen gibt, die stehlen, vergewaltigen und morden. Darauf muss man sie vorbereiten.“
     „Richtig, Peter. Ihr müsst die Kinder darauf vorbereiten, indem ihr ihnen die ganze Geschichte erzählt, damit sie die Ursachen erkennen und auflösen.“
     „Dafür ist die Schule zuständig. Meine Kinder besuchen die besten Schulen des Landes. Dort bringt man ihnen kritisches Denken bei.“
     „Im Gegenteil, das kritische Denken wird ihnen abgewöhnt. In den entscheidenden Bereichen lehrt man sie blinden Glauben, bestenfalls Pseudokritik. Die Golfkriege etwa werden im Geschichtsunterricht sehr knapp behandelt, die Vorgeschichte, über die wir vorhin gesprochen haben, wird von den Lehrern überhaupt nicht erwähnt, sie reduzieren alles auf ein einfaches Schwarz-Weiß-Muster. Es ist nur folgerichtig, dass die Kinder so handeln wie ihre Eltern. Erinnerst du dich, deine Tochter Lori hat bereits davon gesprochen, nach ihrem Schulabschluss zur Armee zu gehen.“
     „Ausgeschlossen.“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Das wird nicht geschehen.“
     „Wieso nicht? In eurer Armee dürfen auch Frauen dienen. Sie dürfen Flugzeuge fliegen und Panzer fahren. Warum nicht auch deine Tochter? Ihr habt die Weichen gestellt, Peter. Lass uns doch mal einen Tag im Leben von Lori betrachten. Einen ganz gewöhnlichen Tag…“
     Peter und Helena kehrten in die Villa zurück.

Fortsetzung folgt.

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Freitag, 21. März 2014

Buchkritik: Der Erste Weltkrieg von H.P. Willmott - Propaganda aus dem Jahr 2004


In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Es gibt viele schlechte Geschichtsbücher, die einen negativen Einfluss auf unsere Gegenwart ausüben. Dies ist ein typisches Beispiel dafür.

Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei um eine objektive Gesamtbetrachtung des Ersten Weltkriegs, seiner Vorgeschichte und Auswirkungen zu handeln. Das Buch ist gegliedert in neun Kapitel, beginnend mit "Der Weg in den Krieg (1878-1914)", über eine Aufzählung sämtlicher bedeutender Kriegsschauplätze (inklusive Heimatfront) bis hin zu "Eine neue Weltordnung (1919-1923)." Auffallend ist die große Anzahl von Fotos, auf jeder Seite ist mindestens eines zu sehen. Der Autor des Buches ist Brite, was sich aufgrund der verwendeten Initialen nicht sofort erschließt. Wenn man aber die Bilder betrachtet, errät man schnell die Nationalität des Urhebers. Willmott benutzt ein typisches Merkmal der Propaganda: Er zeigt nur tote Soldaten des Gegners, nicht aber eigene Gefallene.

Unterschwellige Beeinflussung

Insgesamt zehn Bilder gefallener Soldaten sind zu sehen, auf der Hälfte davon erkennt der Leser ausschließlich tote Deutsche. Lediglich ein Bild zeigt Opfer des Empires - allerdings keine toten Engländer oder Schotten, sondern indische Hilfstruppen, eindeutig zu identifizieren anhand ihrer Turbane. Die Fotos der toten deutschen Soldaten sind großformatig, bis hin zur Dopppelseite, das Foto der toten Inder ist kleiner als eine Scheckkarte.

Die Absicht, die dahinter steckt, ist klar. Propagandisten wollen sich selbst und ihrem Volk einreden, dass sie stark und unbesiegbar sind, ihre Gegner hingegen sind schwach und werden am Ende die Verlierer sein. In einem Punkt jedoch wird die Stärke der Gegner gezeigt: in ihrem Wüten gegen unschuldige Opfer. Willmott berichtet ausführlich über die Gräueltaten, die deutsche Soldaten an belgischen Zivilisten verübten (sogar in zwei Kapiteln), er zeigt Bilder der zerstörten Stadt Ypern und von belgischen Flüchtlingen. Dass zur selben Zeit vergleichbare Dinge in Deutschland geschahen, verschweigt der Autor. Russische Truppen fielen damals in Ostpreußen ein, plünderten und zerstörten rund 2.000 Dörfer und Städte, deutsche Zivilisten wurden vertrieben, verletzt, vergewaltigt, getötet oder nach Russland verschleppt. Die Zahl der zivilen Opfer war bei weitem höher als in Belgien - im Text bleiben sie unerwähnt, kein Foto zeigt die Spuren der Gräueltaten.

Auch hier ist die Absicht klar: Der Feind ist zunächst einmal ausschließlich Täter, aber kein Opfer. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird er Opfer, als Strafe für seine Taten.

Eine Sammlung von Klischees

Die Liste der Dummheiten ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen. Beispiel Giftgas. Willmott behauptet, die deutschen Truppen hätten im April 1915 zum ersten Mal Giftgas eingesetzt. Das stimmt. Hierbei handelt es sich aber nur um den ersten wirksamen Einsatz von Giftgas. Dass diese teuflische Waffe zuerst von den Franzosen eingesetzt wurde (schon im August 1914), jedoch mit nur geringem Erfolg, teilt der Autor seinen Lesern nicht mit.

Beispiel Kriegseintritt der USA. Auf Seite 196 bezeichnet Willmott den amerikanischen Präsidenten Wilson im Jahr 1916 als unparteiischen Beobachter. Das ist zweifellos eine Lüge. Die USA waren damals indirekt am europäischen Krieg beteiligt, indem sie große Menge Waffen, Munition und Versorgungsgüter an die Briten und Franzosen lieferten und gleichzeitig Kredite zur Verfügung stellten, um die Geschäfte zu finanzieren (lesen Sie bitte auch J.P. Morgan und das Nye-Komitee). Immerhin erwähnt der Autor eine wichtige Zahl: Die Alliierten (Briten und Franzosen) bekamen 75mal höhere Kredite als die Mittelmächte (Deutschland und Österreich-Ungarn).

Grundlage für immer neue Kriege

Selbstverständlich darf man H.P. Willmott nicht unterstellen, er hätte mit seinem 2004 erschienen Buch absichtlich Propaganda für die Alliierten des Ersten Weltkriegs gemacht. Noch dümmer wäre die Behauptung, Willmott hätte sich mit anderen dazu verschworen, Menschen zu beeinflussen, Wahrheiten zu manipulieren und Informationen zu unterdrücken, um irgendein Ziel zu erreichen. Willmott ist gewiss nicht Teil einer organisierten Verschwörung. Man könnte ihn aber durchaus als Teil der "Verschwörung der Idioten" bezeichnen. Unsere Kultur wird geprägt von Autoren wie H.P. Willmott, von Menschen, die althergebrachte Konzepte übernehmen und nicht kritisch hinterfragen.

Eines dieser Konzepte ist das Prinzip Teilung. Die Welt ist geteilt in Gut und Böse, Täter und Opfer, Schuldige und Unschuldige. Das ist eindeutig falsch. Die Welt ist nicht geteilt, sie ist vielmehr ein großes Netzwerk. Alles hängt mit allem zusammen. Zur Entstehung des Ersten Weltkriegs und zu seinem schrecklichen Verlauf haben Deutsche, Österreicher und Ungarn beigetragen - ebenso aber auch Briten, Franzosen, Russen und Amerikaner.

Wer vom Prinzip Teilung überzeugt ist, wird zum Lügen gezwungen. Er muss auch seine Wahrnehmung teilen, er muss Informationen weglassen oder reduzieren (z.B. deutsche Opfer in Ostpreußen, Giftgaseinsatz der Franzosen, amerikanisches Engagement im Weltkrieg), um seine Weltanschauung zu untermauern. Das führt jedoch dazu, dass wir nicht aus der Geschichte lernen, sondern immer wieder dieselben Fehler machen. Auch heute wird in Medien einseitig berichtet, auch heute wird in Konflikte einseitig eingegriffen.

Neues Denken ist möglich

Oft stellen wir uns die Frage, was Menschen wie Barack Obama, George W. Bush oder Tony Blair antreibt? Sie sind in relativ freien und demokratischen Gesellschaften aufgewachsen und begehen dennoch Taten, die an jene der Diktatoren und Kriegstreiber erinnern. In Büchern wie "Der Erste Weltkrieg" von H.P. Willmott finden wir die Antwort. Diese Werke geben vor, objektiv und modern zu sein - doch sie sind es nicht. Stattdessen verbreiten sie unterschwellig ein antiquiertes Weltbild, sie versetzen die Menschen in Angst und Wut und reden ihnen ein, sie seien auf den Schutz der "Weißen Ritter" angewiesen.

Leider ist dieses Buch keine Ausnahme. In Britannien, Frankreich, den USA, Polen, Russland und vielen anderen Ländern erscheinen immer neue Werke dieser Art, nicht nur Bücher, auch Filme, TV-Dokumentationen, Zeitungsartikel und Ausstellungen. Junge Menschen werden damit konfrontiert, sie nehmen die einseitigen Darstellungen auf und wiederholen die Fehler ihrer Vorfahren.

Wenn wir wirklich vorankommen wollen, wenn wir in einer friedlichen Welt leben wollen, müssen wir unsere Kultur grundsätzlich neu gestalten. Alles muss auf den Prüfstand. Wir müssen uns fragen: Sind unsere Überzeugungen richtig? Sind die Resultate unseres Handelns wirklich diejenigen, die wir erleben wollen? Oder gibt es Alternativen? Kann man andere Bücher schreiben, andere Filme drehen? Gibt es einen anderen, umfassenderen Blick?  
     
Erst wenn wir uns diesen Herausforderungen stellen, wird ein echter Fortschritt möglich sein.

Lesen Sie bitte auch: Der Höllenmaschinist - ein Kurzroman zum Thema Schuld und Schulden.

Sonntag, 16. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 21 der Fortsetzungsgeschichte

     „Und dieser Kommandeur warst du, Peter! Du hattest die jungen Amerikaner in den Kampf geschickt.“
     Peter antwortete im selben Augenblick, er wartete nicht, bis sich der Rauch verzogen hatte, bis die letzten Eindrücke verflogen waren. „Ja, das stimmt. Und ich bin stolz darauf. Und ich bin stolz auf meine Männer. In einem tapferen und heldenhaften Kampf haben wir den Feind besiegt.“
     „Tapfer und heldenhaft?“ Sie lachte bitter. „Peter, eure Gegner hatten nicht den Hauch einer Chance. Ihr habt mit moderner Hochtechnologie eine Dritte-Welt-Armee besiegt. Das ist ungefähr so, als ob ein Erwachsener ein Kind schlägt. In den meisten Kulturen gilt das als ein Akt der Feigheit.“
     „Na und? Ist doch nicht unsere Schuld, dass sich die Iraker keine vernünftigen Panzer leisten können. Wir haben die beste Waffenindustrie der Welt, dafür müssen wir uns nicht schämen.“
     „Trotzdem hattest du nicht den Mut, in einen Panzer zu steigen – so wie Hassan. Du hast es vorgezogen, den Krieg in einem Bunker in Katar zu verbringen.“
     „Bei uns ist das so üblich. Ein Hauptmann ist zu wertvoll, um im Kampf geopfert zu werden. Ich war im Planungsstab. Jemand musste diese Arbeit erledigen.“
     „Warum ausgerechnet du, Peter? Warum hast du dich wieder freiwillig zur Armee gemeldet? Du hattest doch schon längst deinen Abschied genommen.“
     „Ja, aber ich war immer noch Offizier der Reserve. Nach den Anschlägen des 11. Septembers empfand ich es als meine Pflicht, zur Truppe zurückzukehren. In unserem Land pflegen wir eine stolze Tradition der Wehrhaftigkeit.“
     Peter dachte an die Minutemen, eine Bürgerwehr, die schon im Unabhängigkeitskrieg zum Einsatz gekommen war. Ihr Name rührte daher, dass sie innerhalb kürzester Zeit kampfbereit sein sollte, im Idealfall innerhalb einer einzigen Minute. Die Minutemen entsprachen dem Idealbild des opferbereiten, patriotischen Bürgers, der jedem inneren und äußeren Feind entgegentrat. Doch das war lange her. Seitdem die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, im Anschluss an den verlustreichen Vietnamkrieg, sank die Bereitschaft, freiwillig in die Streitkräfte einzutreten. Um die modernen Kriege zu führen, mussten deshalb immer mehr Aufgaben an private Unternehmen und Reservisten abgegeben werden, auch an solche, die dafür eigentlich nicht geeignet waren.        
     „Lag es vielleicht auch daran, dass deine Karriere bei der Bank nicht so lief, wie du es dir vorgestellt hattest? Der Irak war für die US-Armee kein ernstzunehmender Gegner, das wusstest du genau. Hattest du nicht auf ein paar leicht verdiente Orden spekuliert?“
     „Wer Gutes tut, soll auch dafür belohnt werden. Daran ist nichts Verwerfliches. Der Hauptgrund war aber der 11. September. Amerika wurde angegriffen, ohne jeden Grund. Wir mussten uns verteidigen. Wir mussten Al-Qaida bekämpfen. Wir mussten die Welt vom Übel des Terrorismus befreien.“
     „Jetzt sind wir wieder am Anfang, Peter. Saddam Hussein hatte Al-Qaida nicht unterstützt. Allerdings wurden die Mudschaheddin in Afghanistan, aus denen Al-Quaida hervorging, lange von der CIA unterstützt.“
     „Ist mir egal!“, rief er zornig. „Es war richtig, den Irak zu befreien. Es war richtig, Saddam zu beseitigen, auch wenn er vielleicht den Terror nicht direkt unterstützt hat. Dieser Unmensch besaß ein unendlich langes Sündenregister. Er war der Teufel in Person. Denk nur an den Überfall auf Kuwait. Damit hatte er eine schwere Schuld auf sich genommen, und diese Schuld musste gesühnt werden.“
     „Mit dem Begriff Schuld liegst du in diesem Fall gar nicht so verkehrt, Peter, noch besser ist die Mehrzahl davon, Schulden. Der Irak hatte durch den Grenzkrieg mit dem Iran eine gewaltige Schuldenlast aufgetürmt; wie du weißt, sind Waffen und Munition nicht gerade billig. Das war der Hauptgrund, weshalb der Diktator seine Nachbarn überfiel. Er hatte es auf die Ölreserven Kuwaits abgesehen, und er erwartete, dass durch den Krieg der Ölpreis ansteigen würde, was wiederum dem irakischen Ölexport zugute käme. Ebenso spekulierte er darauf, dass die Weltgemeinschaft tatenlos zusehen würde, so wie sie es schon bei seinem Überfall auf den Iran machte und bei seinem Giftgasangriff auf die Kurden. Doch damit hatte er sich verrechnet, denn Öl ist für euch wertvoller als Menschenleben. Dieses Mal war er zu weit gegangen, die Welt schmiedete einen Plan zu Befreiung Kuwaits.“
     „Gut, ich gebe zu, in der Vergangenheit wurden Fehler gemacht. Wir haben Dinge getan, die wir nicht hätten tun sollen, wir haben Leute unterstützt, die es nicht verdient hatten. Aber wir haben daraus gelernt, jetzt verhalten wir uns anders.“
     „Wirklich? Dann verrate mir doch bitte, was ihr mit den Panzern getan habt, mit denen der Irak befreit wurde.“
     „Wir haben sie bei unserem Abzug wieder mitgenommen.“
     „Alle?“
     Er stöhnte. „Nein, nicht alle. Ein paar haben wir dagelassen, für den Wiederaufbau der irakischen Armee.“
     „Siehst du, damit habt ihr das Feuer am Schwelen gehalten. Vielleicht werden eines Tages Hassans Söhne in den Panzern sitzen und einen neuen Krieg führen. Aber entschuldige, Peter, falls sie das tun werden, ist es natürlich allein ihre Schuld. Die Friedensstifter aus dem Westen werden wieder einmal ihre Hände in Unschuld waschen.“
     Er sah sie erstaunt an. „Hey, was soll das denn? Warum bist du auf einmal sarkastisch?“
     „Darf ich das etwa nicht? Ist der Sarkasmus für dich reserviert?“
     „Das nicht, aber… aber du bist ungerecht, Helena. Du übersiehst dabei, dass es durchaus eine kritische Aufarbeitung der Ereignisse gibt. Viele Menschen, Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, haben darüber berichtet und darüber nachgedacht. Das ist der Vorteil einer Demokratie, einer freien und ehrlichen Gesellschaft. Alles kommt irgendwann ans Tageslicht.“
     „Du machst Witze.“
     „Nein, das ist mein Ernst. Wir leben in einer freien und ehrlichen Gesellschaft.“
     „Ausgerechnet du sagst so etwas?“
     „Natürlich sage ich so etwas. Ich habe mich immer um größtmögliche Ehrlichkeit bemüht.“
     „So? Erinnerst du dich daran, was am 15. April 2003 geschehen ist?“
     „15. April? Ein Tag nach Ende des Krieges? Wir haben gefeiert.“           
     „Sonst habt ihr nichts getan?“
     „Nicht dass ich wüsste.“
     „Dann will ich deiner Erinnerung mal ein bisschen auf die Sprünge helfen. Du warst damals in der irakischen Hauptstadt. Deine Aufgabe lautete, Journalisten zu begleiten und zu beschützen. Es war jedoch keine gewöhnliche Besichtigungstour, du verbandest eine bestimmte Absicht damit. Und ihr wart auch nicht mit einem Bus unterwegs.“
     Peter ahnte, worauf sie anspielte. Die Ereignisse lagen bereits einige Jahre zurück, aber die Informationen existierten noch immer. Er wusste, sie würden niemals aufhören zu existieren.
     Ein M3 Bradley rasselte durch die Straßen von Bagdad. Peter saß oben rechts im Turm, auf dem Platz des Kommandanten, von wo aus er alles unter Kontrolle hatte. Er sah die Fahrbahn, den Bürgersteig, die Häuser und – extrem wichtig – die Dächer der Häuser, denn dort könnten Heckenschützen lauern. Und wenn er sich drehte und herabbeugte, sah er auch das Fernsehteam, das er beaufsichtigen musste. Im Kampfraum, wo normalerweise sechs Infanteristen mit Sturmgewehren und Sturmgepäck eng beieinander hockten, verteilten sich eine Reporterin, ein Kameramann und ein Tonmann mitsamt ihrer Ausrüstung. Die Reporterin schien regelrecht begeistert zu sein von der Fahrt, immer wieder presste sie ihre Stirn gegen die Außenwand des Bradleys, sah durch die schmalen Panzerglasfenster hindurch, kommentierte mit aufgeregter Stimme, was sie draußen erblickte, wandte sich dann wieder dem Kameramann zu und redete weiter, wobei ihre Aufregung kaum nachließ.
     Sie redete ohne Unterbrechung, jetzt schon seit einer halben Stunde. Am Anfang hatte Peter ihr noch zugehört, inzwischen tat er es nicht mehr. Er nahm die Frau nicht ernst, sie redete seltsames Zeug, stellte seltsame Fragen und sah außerdem seltsam aus. Ihr Oberkörper wurde geschützt von einem Stahlhelm und einer schusssicheren Weste, das war Vorschrift, aber darunter trug sie einen kurzen Rock und hochhackige Schuhe, ihre nackten Beine glänzten im fahlen Licht der Innenraumbeleuchtung. Vor Beginn der Aufnahmen hatte sie das Rot ihrer Lippen nachgezogen und die Haarsträhnen, die unter dem Helm hervorlugten, sorgsam gekämmt. In dieser Aufmachung hätte sie auch an einer Miss-Wahl in einem Militärlager teilnehmen können, wahrscheinlich hätte sie sogar gewonnen. Aber immerhin war sie gut gelaunt und folgte seinen Anweisungen.
     Der Kameramann war weniger gut gelaunt, er beschwerte sich über das schwache Licht im Panzer und darüber, dass er durch die Sehschlitze nicht richtig filmen konnte. Sein Objektiv passte nicht darauf, oben und unten blieb ein schwarzer Rand, ähnlich wie bei einem alten Spielfilm, der im Fernsehen gezeigt wurde. Als Entschädigung hatte ihm Peter besonders interessante Bilder vom Ziel ihrer Fahrt versprochen, Bilder, die allein er bekommen sollte – das versöhnte ihn. Am kooperativsten verhielt sich der Tonmann, er saß die ganze Zeit nur still in einer Ecke und machte seine Arbeit. So wünschte sich Peter alle Fernsehleute.

Fortsetzung folgt.

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Der Höllenmaschinist - Erzählung
2. Auflage

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
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Montag, 10. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 20 der Fortsetzungsgeschichte

    Doch vorerst funktionierte sein Trick. Zwischen den Häusern und Fabrikhallen, wo nur wenig Wind wehte, blieben die grauweißen Abgaswolken dicht beisammen, Hassans Panzer waren unsichtbar für die elektronischen Augen der Drohnen. Auch die Piloten der Hubschrauber und Flugzeuge, die seit Beginn des Krieges den Luftraum beherrschten, übersahen sie, keine panzerbrechende Waffe wurde auf sie abgefeuert. Hassans Zuversicht steigerte sich. Vielleicht würde man ihm bald einen weiteren Orden an die Brust heften.
     Dann jedoch hatten sie die Mauern der Stadt hinter sich gelassen, sie fuhren in ein weites, leicht hügliges Gelände. Hier war alles anders. Es gab keine Deckung, und der Wind zerstreute ihre Rauchwolken. Wie schon die babylonischen Armeen, mussten sie sich zur offenen Feldschlacht stellen, eine antike Form des Krieges, die sich manchmal aber nicht vermeiden ließ. Hassan stoppte den Zug der fünf Panzer. Er klappte die Turmluke auf und streckte seinen Oberkörper hinaus. Weil alle Frequenzen gestört waren, musste er die Anweisungen per Handzeichen erteilen. Seine Männer verstanden, was er meinte; sie stoben auseinander, besetzten eine Anhöhe und brachten ihre Streitwagen in Gefechtsposition. Nun hieß es, geduldig zu sein, auf den Gegner zu warten. Die Iraker hatten den Vorteil des Verteidigers, die anderen mussten kommen.
     Hassan ließ sich ein Fernglas reichen. Er hoffte, ein Aufklärungsbataillon zu entdecken, welches das Gelände mit schnellen und leichten Fahrzeugen erkundete, etwa dem amerikanischen M3 Bradley-Panzer. Auch eine Luftlandeeinheit käme ihm sehr gelegen, da ihre Fahrzeuge, zum Beispiel der Radpanzer Stryker, ebenfalls nicht zu schwer sein durften, damit sie per Flugzeug verlegt werden konnten. Beide Typen waren relativ schwach gepanzert und deshalb eine leichte Beute für seine T-55. Den schweren amerikanischen M1 Abrams und den britischen Challengers hingegen wollte er aus dem Weg gehen, um sie sollte sich die Republikanische Garde kümmern.
     Es dauerte nicht lange, bis er eine Staubwolke in der Ebene aufspürte. Hassan stellte sein Fernglas scharf, ein Schattenbild zeichnete sich ab; das führende Fahrzeug war flach, breit, kantig, sein Rohr ragte drohend aus dem Staub hervor: ein M1 Abrams.
     Hassan erstarrte vor Schreck. Er hatte sich verrechnet. Sie waren erledigt. Im Grunde brauchten sie den Kampf gar nicht aufzunehmen, das Ergebnis stand bereits fest. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er aus dem Panzer springen und davonlaufen sollte. Fahnenflucht. Freiheit oder Standgericht. Es desertierten doch so viele Soldaten, ganze Kompanien hatten sich aufgelöst. Auf einen mehr oder weniger käme es nicht an. Die Bilder rasten durch seinen Kopf. Doch ehe er sich über alle Konsequenzen bewusst war, hatte er schon die Luke geschlossen und seinen Platz im Inneren des Panzers eingenommen. Der Film lief automatisch ab, er verrichtete die Handgriffe, die er so oft geübt hatte, gab die Befehle, die er in Manövern so oft gegeben hatte – dies jedoch war kein Manöver, es war ein echter Krieg. Hassan zitterte am ganzen Leib.
     Die Angehörigen beider Parteien bemerkten sich etwa zum gleichen Zeitpunkt und begannen sofort das Gefecht – allerdings taten sie nicht das Gleiche. Während die Richtschützen der T-55 durch Winkelspiegel und Zielfernrohre blickten, um ihre Kanonen mithilfe von Hebeln und Drehschaltern auszurichten, blickten die Richtschützen der M1 auf einen Monitor und markierten ihre Ziele mit einem Cursor. Der amerikanische Feuerleitrechner war in der Lage, bis zu sechs Ziele gleichzeitig zu erfassen und zu bekämpfen, er berücksichtigte sogar Faktoren wie den Seitenwind, der seine Geschosse ablenken konnte, und glich sämtliche Bewegungen aus, die der Panzer während der Fahrt vollzog – der Richtschütze musste lediglich auf den Abzug drücken.
     Hassans Panzer galt der erste Schuss. Deutlich spürte seine Besatzung die Erschütterung, es gab einen gewaltigen Knall – beides rührte jedoch nur teilweise von der feindlichen Granate her, mindestens ebenso sehr entstammte es der reaktiven Panzerung des T-55. Rund um die Wanne und den Turm waren Kacheln angebracht, fast hundert Stück, die jeweils aus einer Stahlplatte und einem dahinterliegenden Sprengstoffpaket bestanden. Eines davon explodierte, als die Granate den Panzer traf, und die Platte schlug sie zurück, ähnlich wie ein Tennisspieler einen Ball zurückschlägt. Im modernen Panzerkrieg benutzte man zumeist reine Wuchtgeschosse, ohne Explosivladung, weshalb dieser Angriff den Panzer nahezu unbeschädigt ließ.
     Die Männer in dem T-55 atmeten auf, sie wussten, dass sie eine zweite Chance bekommen hatten. Sie wussten aber auch, dass sie jetzt nackt und verwundbar waren, zumindest an dieser Stelle – der nächste präzise Schuss würde ihr Ende bedeuten.
     Fünf Sekunden – so lange brauchte der Ladeautomat des Abrams, um eine neue Granate in das Rohr einzuführen. Fünf Sekunden. Zeit für eine Gegenwehr. Ein Treffer am Turm des Amerikaners würde ihn zwar nicht vernichten, aber kampfunfähig machen. Vielleicht könnte man ihm auch in die Kette schießen. Dann wäre er bewegungsunfähig. Die irakischen T-55 könnten ihr Feuer konzentrieren und ihn in seine Einzelteile zerlegen.
     Die Finger des irakischen Richtschützen zitterten, er musste noch einmal korrigieren. Die Explosion hatte seinen Turm verdreht, nur ein paar Grad, aber es reichte, um seine vorherigen Berechnungen zunichte zu machen. Er wollte gerade den Abzug drücken, da traf eine weitere Granate den Panzer, wieder an derselben Stelle. Ihr Stahlpfeil durchbrach die Hülle des T-55 und zerbarst in seinem Inneren. Mit einer kinetischen Energie, die der eines Schwerlastwagens entsprach, welcher in voller Fahrt gegen einen Brückenpfeiler stieß, wurden die Trümmerstücke umhergeschleudert. Der Richtschütze und der Fahrer waren sofort tot, sie saßen an einer ungünstigen Stelle, direkt hinter der Frontplatte. Hassan und der Ladeschütze überlebten mit schweren Verletzungen, weil Splitterschutzmatten ihre Sitzplätze umgaben.
     Hassan wusste nicht, wie lange er ohnmächtig gewesen war. Als er wieder zu sich kam, spürte er zuerst den dichten Qualm, der den Panzer erfüllte. Irgendetwas brannte, vielleicht die Treibladung der Granate. Er konnte kaum atmen, er konnte fast nichts sehen, der Qualm reizte seine Augen, Blut lief an seinem Körper herab, und er hatte einen Schock, der ihn daran hinderte, klar zu denken. Instinktiv ahnte er jedoch, dass sie das Wrack so schnell wie möglich verlassen mussten, ehe sie erstickten oder die gelagerte Munition explodierte.
     „Raus! Raus! Raus!“, brüllte er in den Qualm und die Dunkelheit hinein.
     Mit letzter Kraft versuchte er, die Luke des Notausstiegs zu öffnen. Er musste sich dafür ungeheuer anstrengen, das Rad war schwergängig, seine Verletzungen behinderten ihn, und er fand mit den Füßen keinen sicheren Halt, weil der Tank einen Riss bekommen hatte und Treibstoff auslief. In dem Augenblick, in dem es ihm gelang, die Luke aufzustoßen, traf ein Schwall Dieselöl auf ein rot glühendes Trümmerstück der amerikanischen Granate. Das Öl entzündete sich, mehrere Hundert Liter gerieten in Brand, die Stichflamme suchte nach Sauerstoff und schoss durch den Notausstieg ins Freie hinaus. Hassan verbrannte bei lebendigem Leib, unendliche Sekunden lang spürte er unermessliche Schmerzen, dann erlöste ihn eine gnädige Ohnmacht und er starb. Seine Leiche verkohlte vollständig. Hinterher sah es ein bisschen so aus, als steckte ein Docht in einem niedergebrannten Teelicht.
     Hassans Familie erfuhr nicht, was genau geschehen war. Sie erhielt die Standardnachricht der irakischen Armee: Gestorben als Märtyrer für die gerechte Sache…   
     Das gesamte Gefecht dauerte nur vier Minuten. Innerhalb dieser Zeitspanne wurden alle fünf irakischen Panzer vernichtet, zwanzig Männer fanden den Tod. Von den amerikanischen Soldaten erlitt niemand eine Verletzung, noch während die T-55 im Vollbrand standen, nahmen sie bereits die Glückwünsche ihres Kommandeurs entgegen.

Fortsetzung folgt.


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Der Höllenmaschinist - Erzählung
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Mittwoch, 5. März 2014

Buchkritik: Blond war der Weizen der Ukraine von Marie Fürstin Gagarin


Der Konflikt um die Ukraine macht uns wieder einmal deutlich, wie wenig wir von diesem Land in Osteuropa und seiner wechselhaften Geschichte wissen. Marie Fürstin Gagarin hat die Verwicklungen am eigenen Leib erfahren. 1904 wird sie in eine alte russische Adelsfamilie hineingeboren, ihre Kindheit und Jugend verbringt sie auf einem Landgut in der westlichen Ukraine. Mit ihren Geschwistern verlebt sie unbeschwerte Tage: Die Kinder erfinden eine eigene Sprache, tollen über blumengesäumte Wiesen, gehen auf Schatzsuche, bauen Höhlen, spielen mit ihren Tieren und klettern auf Bäume. Gleichzeitig erhalten sie aber auch eine gute Schulbildung von den Hauslehrern, neben ihrer Muttersprache Russisch wird ihnen Französisch, Englisch und Deutsch beigebracht. Für Angehörige der russischen Oberschicht ist es selbstverständlich, Kontakte ins Ausland zu pflegen, selbst auf Reisen zu gehen oder in fremden Ländern zu leben.

Eine unabhängige Ukraine gibt es zu dieser Zeit nicht. Das Land ist aufgeteilt zwischen dem zaristischen Russland und dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. In Podolien, der Heimat von Marie Fürstin Gagarin, siedeln damals Ukrainer, Russen, Polen, Juden und Deutsche. Meist lebt man friedlich nebeneinander, man unterhält Kontakte, grüßt sich, plaudert, macht Höflichkeitsbesuche, doch zu einer echten Vermischung der Volksgruppen kommt es nicht. Jede Gruppe versucht ihre kulturelle Identität zu wahren, man wohnt in eigenen Dörfern oder Stadtvierteln, trägt eigene Kleidung, spricht die eigene Sprache - und man pflegt die Vorurteile gegenüber den Nachbarn.

Multikulti - nur oberflächlich

Wie instabil diese Gesellschaft war, zeigte sich beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Zunächst gibt man sich patriotisch. Maries Onkel Rotislaw meldet sich freiwillig zur kämpfenden Truppe, ihr Vater wird Offizier der Reserve. Die russische Armee erleidet verheerende Niederlagen, das Riesenreich kann nicht effektiv geschützt werden. Bald marschieren die Ungarn in Podolien ein - und damit beginnt der Zerfall von Maries heiler Welt. Die Husaren plündern das Schloss und versuchen es vor ihrem Abzug anzuzünden, zum Glück erlischt das Feuer bevor es ernsthaften Schaden anrichtet. Gerettet sind die Gagarins damit nicht. Kämpfe brechen aus, alte Konflikte zwischen den Volksgruppen werden ausgefochten. Nacheinander ziehen deutsche, österreichische und polnische Truppen durch Podolien, dazu kommt die ständige Furcht vor den Roten Garden der Oktober-Revolution, die in anderen Landesteilen wüten.

Ein kurze Phase der Erleichterung bringt schließlich die Besetzung der Ukraine durch die deutsche Armee. Frieden kehrt ein ins Land, es herrschen Ruhe und Ordnung, die öffentliche Verwaltung nimmt ihre Arbeit auf, Eisenbahnen verkehren wieder. Es kommt sogar noch besser: Durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk (abgeschlossen zwischen Deutschland und Russland) erhält die Ukraine - zum ersten Mal in der Geschichte - ihre Unabhängigkeit.

Ukraine wird Spielball der Großmächte

Es ist erstaunlich, wie negativ der Vertrag von Brest-Litowsk heute von der Geschichtsforschung beurteilt wird. Man spricht von einem Gewaltfrieden, durch militärischen Vormarsch erzwungen, angeblich soll der Vertrag noch härter gewesen sein als der Versailler Vertrag. Die Menschen, die damals lebten, sahen das ganz anders. Obwohl Marie Fürstin Gagarin selbst eine ethnische Russin war, erfüllt von Nationalstolz, schreibt sie auf Seite 169: "Eine ungenaue und sich ständig veränderte Grenzlinie teilte Russland derzeit (Anfang 1918) in zwei Hälften. Wir in der Ukraine schätzten uns glücklich, in der guten Hälfte zu leben."

Leider blieb es nicht dabei. Deutschland hat bekanntlich den Ersten Weltkrieg verloren, mit Unterzeichnung des Waffenstillstandes wurde der Friedensvertrag annulliert - und damit begann die Katastrophe. Sofort flammte der Bürgerkrieg wieder auf, er dauerte bis 1920 und wurde schließlich von den Bolschewisten gewonnen. Parallel tobte der Polnisch-Ukrainische Krieg, den die Polen siegreich beendeten. In der Folge musste der westliche Teil der Ukraine an Polen abgetreten werden, der östliche an Russland - die freie Ukraine hörte auf zu existieren. Für die Bevölkerung begannen furchtbare Jahre. Sowohl Polen als auch Russen unterdrückten die Ukrainer, sie durften ihre Kultur nicht mehr pflegen, ihr Land wurde enteignet und vieles mehr. Im östlichen Teil der Ukraine kam es sogar zum Holodomor, einer Hungerkatastrophe, die Millionen Menschenleben forderte.

Marie Fürstin Gagarin bekam davon nicht viel mit, denn sie hatte ebenso wie viele andere Ukrainer ihre Heimat für immer verlassen. Als junge Frau begann sie ein Studium in Tschernowitz, damals zu Rumänien gehörend, später lebte sie in Berlin und Paris. In Frankreich brachte sie auch ihre Töchter zur Welt, eine von ihnen wurde unter dem Namen Macha Méril eine bekannte Schauspielerin.

Kontrafaktische Geschichte

Einige interessante Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang: Was wäre gewesen, wenn die Alliierten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk nicht aufgehoben hätten? Was wäre gewesen, wenn sie die polnische Armee nicht mit Waffen und Munition unterstützt hätten? Wahrscheinlich wäre die Geschichte friedlicher verlaufen. Polen, Finnland, Weißrussland, die baltischen Staaten und die Ukraine hätten ihre Unabhängigkeit bekommen - ohne Blutvergießen. Die Macht der Sowjetunion wäre wesentlich geringer gewesen. Vielleicht wären uns auch der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg erspart geblieben.

Zum Verständnis der Lage in Osteuropa ist Blond war der Weizen der Ukraine auf alle Fälle besser geeignet als der ganze Nazi-Kitsch, der unseren Buchmarkt überflutet. Leider ist das Buch derzeit nur antiquarisch erhältlich. Eine Neuauflage wäre wünschenswert.
    
Mehr von diesem Autor: www.elk-von-lyck.blogspot.de

Montag, 3. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 19 der Fortsetzungsgeschichte

     Hassan entschied, dass es Zeit war zu kämpfen.
     Als ranghöchster Offizier befahl er, sämtliche noch einsatzfähige Fahrzeuge auf das Gefecht vorzubereiten – im Falle seiner Kompanie waren es fünf Panzer des sowjetischen Typs T-55. Ursprünglich bestand die Kompanie aus vier Zügen mit jeweils vier Kampfpanzern vom Typ T-72 plus Begleitfahrzeuge. Doch die volle Einsatzstärke wurde schon seit Langem nicht mehr erreicht, die meisten Panzer gingen bereits im Kuwait-Krieg verloren und konnten wegen des Waffenembargos nicht mehr ersetzt werden. Darüber wunderten sich viele in seinem Bataillon. Erst bekamen sie so viele Fahrzeuge geliefert, dass sie sie gar nicht alle in den Hallen unterbringen konnten, sie teilweise unter freiem Himmel abgestellt werden mussten, und dann kam plötzlich überhaupt nichts mehr. Auch auf die Instandhaltung wirkte sich das Embargo verheerend aus. Es fehlte an Ersatz- und Verschleißteilen, weshalb viele der verbliebenen Fahrzeuge ausgeschlachtet wurden. Als Resultat dieser Entwicklung musste Hassans Kompanie ihre letzten T-72 an andere Verbände abgeben und wurde auf die alten T-55 zurückgerüstet.
     Der T-55 zählte zu den meistgebauten Panzern der Welt, entwickelt in den späten fünfziger Jahren für die Armeen der Sowjetunion und des Warschauer Pakts. Während der folgenden Jahrzehnte kam er in nahezu allen bewaffneten Konflikten zum Einsatz, meist bewährte er sich dabei. Selbst im für Panzer ungünstigen Gelände, etwa im Dschungel von Vietnam, erzielte er beachtliche Erfolge bei nur geringen eigenen Verlusten. Nicht selten kam es vor, dass bei den Stellvertreterkriegen, die die Supermächte vor allem in Afrika ausfechten ließen, T-55 von allen Parteien genutzt wurden, was bei schlampiger Kennzeichnung zu erheblicher Verwirrung führen konnte. Manche Kommandeure mussten deshalb höhere Verluste durch eigenes als durch feindliches Feuer verzeichnen.   
     Diese Gefahr bestand im Irak nicht. Der Dritte Golfkrieg fand zu Beginn des 21. Jahrhunderts statt, zu einer Zeit, als längst schon modernere Panzer die Schlachtfelder beherrschten. Darüber waren sich Hassan und seine Leute natürlich im Klaren, auch nach Ende des Ost-West-Konflikts kamen ständig neue Waffensysteme auf den Markt, nur waren diese nicht für alle Nationen zugänglich. Die Soldaten der Panzertruppe reagierten darauf mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Ironie, sie mussten es hinnehmen, dass man die Dinge unterschiedlich verteilte. Mal wurde der Iran aufgerüstet, mal der Irak, mal Saudi-Arabien und die Emirate; sie hofften nur, sie wären möglichst bald wieder an der Reihe.
     Ihre Panzer pflegten sie derweil so gut es eben ging. Weil die  T-55 aber schon seit Jahrzehnten keine Kampfwertsteigerung mehr erfahren hatten, wurden sie von denjenigen, die täglich mit ihnen umgehen und im Ernstfall auch kämpfen mussten, als Eisenschweine bezeichnet, was in islamischen Ländern kein Kompliment darstellte. Auch ihre Hauptbewaffnung, eine Hundert-Millimeter-Kanone, trug mit dem Namen Panzerklopfgerät keinen Ehrentitel, denn gegen die Hundertzwanzig-Millimeter-Kanonen und die Verbundpanzerungen ihrer jüngeren Konkurrenten vermochte sie nichts auszurichten. Damit nicht genug, auch die Feuerleitanlagen der T-55 waren veraltet, Höchstgeschwindigkeit und Reichweite entsprachen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Somit stand den Irakern etwas bevor, für das man in den westlichen Medien einen neuen Begriff erfunden hatte: ein asymmetrischer Krieg.
     Dennoch war es kein reines Selbstmordunternehmen, in das Hassan seine Männer führte; er rechnete sich eine gewisse Chance aus, einen kleinen militärischen Sieg zu erringen. Die irakischen Generäle hatten eine Strategie entwickelt, mit der sie – auf lange Sicht – den Konflikt für sich entscheiden wollten. Die erste Phase der Invasion wollten sie eingegraben in ihren Bunkern überstehen. Später, in der letzten Phase, planten sie, den Feind in lange und verlustreiche Kämpfe zu verwickeln, sie wollten in Guerillataktik zuschlagen und verschwinden, dabei möglichst viele gegnerische Soldaten verletzen oder töten, so dass der politische Druck an der Heimatfront zu groß werden würde und man unverrichteter Dinge wieder abziehen müsste. In Vietnam und Afghanistan hatte eine ähnliche Strategie zum Erfolg geführt, warum also nicht auch hier?
     Dazwischen lag aber noch die mittlere Phase, und die war die schwierigste. Der irakische Plan sah vor, die amerikanischen und britischen Angriffsspitzen zu spalten, in der Fläche zu zerstreuen, um sie in vielen kleinen Gefechten aufzureiben. Zunächst sollten ihnen schwache irakische Einheiten entgegentreten, sollten den Eindruck erwecken, der Gegner sei zahlenmäßig klein und mit veraltetem Material ausgestattet. Dann sollte plötzlich die Republikanische Garde auf dem Schlachtfeld erscheinen und das Blatt zugunsten der Verteidiger wenden. Saddam Husseins Elitetruppe war nicht nur besser ausgebildet und besser bezahlt als der Rest der irakischen Armee, sie war vor allem auch besser ausgerüstet. So verfügte ein ganzes Bataillon über den Löwen von Babylon, einer Weiterentwicklung des T-72, der dank seiner starken Panzerung und Bewaffnung und seiner leistungsfähigen Feuerleitanlage den alliierten Verbänden durchaus Paroli bieten konnte. Darauf verließ sich Hassan, als er gemeinsam mit seinen Soldaten in den Kampf zog.
     Leider waren ihm einige sehr wesentliche Umstände nicht bekannt. Der Oberbefehlshaber der Republikanischen Garde hatte vom amerikanischen Geheimdienst fünfundzwanzig Millionen Dollar bekommen, damit er seine Truppen in den Kasernen hielt. Mehrere Generäle der regulären irakischen Armee waren ebenfalls fest zur Untätigkeit entschlossen, weil sie eine sichere Niederlage erwarteten und bereits darauf spekulierten, in die Armee des neuen Staates, nach der Ära Saddam Hussein, übernommen zu werden.
     Hassan, den man für einen treuen Anhänger der Bath-Partei hielt, wurde darüber nicht informiert. Seine Kompanie gehörte zu den wenigen, die überhaupt am Krieg teilnahmen.
      Zunächst jedoch schien sein Plan aufzugehen. Hassan fasste die verbliebenen fünf Panzer zu einem Zug zusammen und übernahm persönlich den Führungspanzer. Bei Tagesanbruch starteten sie ihre Motoren. Hassan sah ein letztes Mal zum Himmel hinauf. Weit oben zogen Flugzeuge Kondensstreifen hinter sich her. Keine Tiefflieger auszumachen. Bevor sie ihren Unterstand verließen, befahl er seinen Männern, sich selbst einzunebeln. Es war ganz einfach, sie mussten nur einen Hebel umlegen, schon spritzten die T-55 Dieselöl in ihre Auspuffanlagen. Der Kommandant hoffte, im Schutz der Rauchwolken von der gegnerischen Luftaufklärung nicht bemerkt zu werden. Unter all den Rauchsäulen, die über der Stadt standen, würde eine mehr nicht auffallen.
     Besonders die Drohnen fürchtete Hassan. Diese unbemannten Flugkörper waren dazu imstande, stundenlang über ihrem Einsatzgebiet zu kreisen und dabei sämtliche Truppenbewegungen zu beobachten und aufzuzeichnen. Selbst kleinste Details erkannten ihre hoch auflösenden Kameras, sie identifizierten einzelne Personen, lasen die Kennzeichen von Autos und speicherten sie in irgendwelchen Computern, erstellten Bewegungsprofile und gaben Prognosen über zukünftige Bewegungen ab. Eine teuflische Technik. Einige der Drohnen konnten sogar aktiv in die Kämpfe eingreifen, sie waren mit Raketen und Bordkanonen ausgestattet. Gelenkt wurden sie meist nicht von Soldaten vor Ort, sondern von solchen, die Hunderte, manchmal Tausende Kilometer entfernt in sicheren und klimatisierten Gebäuden saßen, Satelliten übernahmen den Datentransfer. Für diese Operator war der Krieg bereits zum Videospiel geworden. Sie betrachteten das Kampfgeschehen auf einem Bildschirm und entschieden per Mausklick, wer leben durfte und wer sterben musste – wobei sie selbst überhaupt kein Risiko eingingen. Wie ganz normale Arbeitnehmer meldeten sie sich auf ihrem Stützpunkt – vielleicht bedienten sie sogar eine Stechuhr –, erledigten eine Acht-Stunden-Schicht und fuhren danach nach Hause zu ihren Familien. Davon konnten sie in Bagdad nur träumen, hier wurde noch selbst geschwitzt, gekämpft und gestorben.

Fortsetzung folgt.

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