Donnerstag, 27. Februar 2014

Verdrängte Geschichte Teil 2: Strategie im Luftkrieg nach 1918

Vickers Vimy

Wie konnte der Nationalsozialismus zu einer Massenbewegung werden? Warum wurden so viele Deutsche und Menschen anderer Nationalitäten zu Hitlers willigen Vollstreckern? Trotz intensiver zeitgeschichtlicher Forschung sind diese Fragen bis heute nur unzureichend beantwortet. Hauptursache dafür ist zweifellos, dass weite Bereiche unserer Geschichte immer noch mit einem Tabu belegt sind. Wissenschaftler, Journalisten, Blogger und interessierte Bürger trauen sich nicht, heikle Themen aufzugreifen und zu diskutieren. Allerdings kann man den jungen Menschen keinen Vorwurf machen - denn viele der wichtigen Informationen sind heute nicht mehr zugänglich. Dieser Text soll zur Aufklärung beitragen, indem er die Strategie im Luftkrieg nach 1918 (stellvertretend für viele weitere Themen) ansatzweise beleuchtet.

     In den 1920er Jahren entstanden neue Strategien des Luftkriegs. Sie sahen vor, den Krieg tief ins Hinterland des Feindes zu tragen, neben militärischen und wirtschaftlichen Zielen sollten ausdrücklich auch Zivilisten bekämpft werden, neben herkömmlichen Sprengbomben sollte auch Gas zum Einsatz kommen. Die bekanntesten Luftstrategen hießen Giuilo Douhet (QV 124), Hugh Trenchard (QV 125), Basil Liddell Hart (QV 126) und William Mitchell (QV 127). Sie stammten aus Italien, Britannien und den USA und waren einflussreiche Theoretiker, deren Konzepte von vielen Armeen der Welt nachgeahmt wurden.

Die neuen Kriegstreiber

Die Kriege der Zukunft beschrieben sie folgendermaßen: „Der erste war der italienische General Giulio Douhet, der 1921 der Öffentlichkeit ein Buch mit dem Titel Il domino dell´ avia (dt. Luftherrschaft) vorlegte. (…) Als mögliche Ziele nannte er industrielle und kommerzielle Einrichtungen, wichtige Gebäude, Nachrichtenwege und die Zentren des Zivillebens. Er glaubte, dass ein feindlicher Staat durch diese Art von Angriff physisch und geistig gelähmt werden könne; der Armee und der Flotte solle nur die Rolle des Aufräumens bleiben.“

 „1919 wurde Trenchard Stabschef der Royal Air Force. (…) In seinem Bericht über die IAF behauptete er, dass die moralische Wirkung der Bombardierung zu der materiellen zweifellos im Verhältnis zwanzig zu eins steht.“

 „Der zweite Teil des Buches The Remaking of Modern Armies befasst sich mit dem psychologischen Ziel der neuen Kriegsführung, dem moral objective. (…)
Wie Douhet, Trenchard und Fuller erklärte er (Liddell Hart), dass der Luftkrieg vielleicht das beste Mittel sei, um den Willen des Feindes zu vernichten und empfahl gleichzeitige Angriffe auf die Bevölkerungszentren.“

„Sein erstes Werk, Winged Defence, erschien kurze Zeit nach seinem Abschied aus der Armee. (…) Auch er (William Mitchell) glaubte fest an die moralische Wirkung der Luftwaffe, besonders weil sie in der Lage war, den Krieg tief ins Hinterland des Gegners zu tragen.
In Zukunft wird die bloße Drohung, eine Stadt zu bombardieren, dazu führen, dass sie evakuiert wird und jede Arbeit in den Fabriken aufhört. (…) Es ist unnötig, dass (…) Städte in dem Sinn vernichtet werden, dass jedes Haus dem Erdboden gleichgemacht wird. Es genügt, die Zivilbevölkerung zu vertreiben, so dass sie ihre üblichen Tätigkeiten nicht mehr ausführen kann. Dazu genügen einige Gasbomben.“

Leere Drohungen?

Dass die Herren es ernst meinten, zeigten die damaligen Kriegsschauplätze: Italiens Armee kämpfte gegen Aufständische in Libyen, die Briten taten dasselbe u.a. im Irak, die USA verteidigten ihre Interessen u.a. in Nicaragua (auch bekannt als banana wars). Bei all diesen Konflikten kam es zu schweren Luftangriffen auch gegen die Zivilbevölkerung, die Italiener und die Briten (QV 128) setzten sogar Giftgas ein. Genaue Informationen darüber sind heute nicht mehr bekannt. Sicher ist nur, dass die Zahl der Opfer (Tote, Verletzte, Vertriebene) in die Hunderttausende ging.

Was hat all das nun mit Deutschland und dem Aufkommen des Nationalsozialismus zu tun? Ganz einfach. Deutschland war zu dieser Zeit militärisch nahezu wehrlos. Die Reichswehr durfte offiziell weder Jagdflugzeuge noch Kanonen zur Flugabwehr besitzen (siehe auch Verdrängte Geschichte Teil 1). Die Menschen, die damals lebten, konnten sich noch sehr gut an den Ersten Weltkrieg erinnern, der nur wenige Jahre zurück lag. Sie konnten sich deshalb ausmalen, was geschehen würde, wenn ein neuer Krieg ausbrechen würde.
        
Demokratische deutsche Politiker versuchten in dieser Zeit immer wieder, ihrem Land zu voller Gleichberechtigung zu verhelfen - auch was die Stärke seiner Armee anging. Jeder dieser Versuche wurde von den Politikern aus den Gewinnerstaaten des Weltkriegs abgeschmettert. Es gab zwar völkerrechtliche Garantien, etwa die Verträge von Locarno, doch angesichts der vielen bereits gebrochenen Versprechen wirkten diese nicht sehr beruhigend. Angesichts der Meldungen von den Kolonialkriegen, von neu entwickelten Waffensystemen (u.a. Flugzeugträger) und neuen Militärstrategien musste sich das deutsche Volk mit Recht bedroht fühlen. Letztlich profitierte von der alliierten "Sicherheitspolitik" vor allem einer: Adolf Hitler.


Hier zeigt sich eine interessante Parallele zur heutigen Situation. Immer häufiger kommen in Konflikten bewaffnete Kampfdrohnen zum Einsatz. Besonders die USA treten dabei unrühmlich hervor, ihre Drohnen töteten bereits Tausende Menschen, darunter viele Zivilisten (auch hier sind keine genauen Zahlen bekannt). Die Welt wird dadurch aber nicht sicherer, das Gegenteil ist der Fall. Zum einen radikalisieren sich Menschen in Konfliktgebieten. Wieder einmal macht sich das Gefühl breit, einem übermächtigen Gegner schutzlos ausgeliefert zu sein. Für Terrorgruppen kann es keine bessere Werbung geben.

Zum anderen ist dadurch ein neues Wettrüsten entstanden. Überall auf der Welt werden neue Kampfdrohnen entwickelt. In China beispielsweise arbeiten Techniker derzeit an dem Modell "Scharfes Schwert", ein Waffenträger mit Tarnkappeneigenschaften. Frankreich und Britannien bauen zusammen die Drohne Male (Medium Altitude, Long Endurance = mittlere Höhe, hohe Ausdauer). Man muss kein Prophet sein um zu sagen, dass diese vergleichweise billigen Waffensysteme früher oder später auch benutzt werden. 

Terminator wird Wirklichkeit

Vielleicht schweben Kampfdrohnen eines Tages auch über unsere Köpfe. Wahrscheinlich wird es ganz harmlos beginnen. Drohnen sollen die Sicherheit erhöhen. Argumente lauten: Beobachtung des Straßenverkehrs, Schutz vor Waldbränden usw. Später kommt die Verfolgung von Straftätern hinzu. Schließlich wird man Waffenmodule in die fliegenden Roboter integrieren. Dann muss der Operator nur noch ein paar Knöpfe drücken und er kann jeden Menschen an jedem Ort der Welt töten.

Das klingt unvorstellbar? Für die Menschen in den 1920er Jahren war es auch kaum vorstellbar, dass Flugzeuge wie die Vickers Vimy (und ihre Nachfolgemodelle) halb Europa in Schutt und Asche legen könnten. Und doch ist es geschehen - nur wenige Jahre später.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch den ersten Teil dieser Reihe: Militärische Luftfahrt nach 1918

Ein großer Teil dieses Textes ist dem Buch Die Fischnetz-Theorie entnommen. Die QV-Nummern beziehen sich auf die Einträge im Quellenverzeichnis.
 


 



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Samstag, 22. Februar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 18 der Fortsetzungsgeschichte

     Helena erzählte ungerührt weiter. „Im Nachbarland Irak verhielten sich die fremden Herrscher ähnlich. Dort war es schon 1920 zu einem Aufstand gekommen. Um ihre Macht zu sichern, hatten sich die Briten mit lokalen Führern verbündet, denen sie Vorrechte verliehen. Anderen Menschen hingegen entzogen sie ihre Rechte, indem zum Beispiel das kommunale Land, das jeder bestellen durfte, enteignet und an Günstlinge übertragen wurde. Das Resultat war eine Verelendung des Volkes.          
     Das, mein lieber Peter, sind ein paar der kollektiven Erfahrungen, die die Menschen in der Golfregion gemacht haben. Als Folge von über hundert Jahren Bevormundung, Unterdrückung und Ausbeutung glauben sie den Friedensstiftern aus dem Westen einfach nicht mehr. Deshalb demonstrieren sie gegen euch, belegen euch mit den schlimmsten Flüchen und verbrennen eure Flaggen. Das ist auch der Grund, weshalb Hassan in seinen Panzer gestiegen ist, um gegen die Invasionsarmee zu kämpfen. Alles Weitere wird er dir jetzt selbst mitteilen.“
     Es versprach ein schöner Tag zu werden, als Hassan am Morgen des 5. Aprils seine Unterkunft verließ. Tau hatte sich am Boden niedergeschlagen, die Luft schmeckte klar und frisch, gewürzt mit Spuren von Ruß und Staub. Ein lauer Wind blies durch die Straßen der Stadt, Wolken waren nicht am Himmel zu entdecken – zumindest keine Regenwolken. Rauchwolken waren dafür umso mehr zu sehen. Hassan zählte allein sieben große Brände, die er mit bloßem Auge erkennen konnte, andere Rauchsäulen vermischten sich miteinander und ließen sich nicht eindeutig einem Brand oder einer Explosion zuordnen. Amerikanische Flugzeuge hatten tags zuvor die Treibstofflager des Flughafens und die Brücken über den Tigris bombardiert, heute suchten sie sich neue Ziele. Von überallher erklang die Sinfonie des Krieges, bestehend aus den tiefen Donnerschlägen der Fliegerbomben und dem schnellen Geratter der Flugabwehrkanonen, dem leisen Surren auf- und absteigender Geschosse und dem unregelmäßigen Krachen und Scheppern, wenn ein Gebäude einstürzte oder metallische Trümmerteile zu Boden fielen. Was noch fehlte, war das dumpfe Dröhnen der Panzermotoren und das helle Prasseln der Sturmgewehre. Also hatte der Häuserkampf noch nicht begonnen. Hassan steckte sich eine Zigarette an.
     Er fühlte sich schlecht, unausgeschlafen, nervös. In der Nacht hatte Hassan gemeinsam mit seinen Kameraden vor den Unterkünften gestanden und das Schauspiel beobachtet, sie rauchten dabei oder tranken ihren Tee. Den Zuschauern wurde einiges geboten, die irakische Luftabwehr feuerte aus allen Rohren, ihre Geschosse stiegen in leuchtenden Bahnen empor und malten filigrane Kunstwerke an den sternenklaren Himmel. Diese waren jedoch nicht von Dauer, sie veränderten sich mit jedem Augenblick, mal schossen die Kanonen im spitzen und mal im stumpfen Winkel, je nachdem, wo die kommandierenden Offiziere den Feind vermuteten, ob draußen vor der Stadt oder genau über den eigenen Köpfen.
     Man konnte sogar erkennen, welche Waffensysteme zum Einsatz gelangten. Meist handelte es sich um Maschinenkanonen aus sowjetischer oder chinesischer Fertigung, angeordnet als Zwillings-, Drillings- oder Vierlingsgeschütz, und die wiederum waren zusammengefasst zu Batterien aus vier bis acht Geschützen. Selbst die Art der Munition, die sie verschossen, konnte ein aufmerksamer Zuhörer bestimmen. Hassan war mit dem Chef der benachbarten Batterie befreundet, der hatte ihm alles genau erklärt. Normale Hartkerngeschosse knallten nur beim Abschuss am Boden, Explosivgeschosse mit Zeitzünder auch in der Luft, flügelstabilisierte Geschosse pfiffen ein wenig und solche, die von einem Treibkäfig verstärkt wurden, streuten ein leichtes Heulen in die Klangkulisse ein.
     Die Geschütze waren zu erstaunlichen Leistungen fähig. Das sowjetische AZP-23 beispielsweise konnte Sperrfeuer schießen, bis zu dreitausendvierhundert Schuss pro Minute, womit es eine regelrechte Wand am Himmel aufbaute, die von keinem Luftfahrzeug durchdrungen werden konnte – zumindest nicht unbeschädigt. Darin bestand zugleich auch der größte Nachteil dieser Waffen, sie verbrauchten zu viel Munition; ein vergleichbares Magazin, mit dem ein Infanterist einen ganzen Tag auskam, leerten sie innerhalb weniger Sekunden. Entsprechend viel Munition musste hergestellt, gelagert und im Ernstfall verteilt werden, womit ein Land, das keine nennenswerte Waffenindustrie und auch sonst nur wenig Infrastruktur besaß, überfordert war. Außerdem entsprach der Feuerleitrechner des AZP-23 nicht mehr dem Stand der Technik. Er konnte nicht den optimalen Zeitpunkt zur Eröffnung und Beendigung des Kampfes errechnen, wodurch viel Munition vergeudet wurde. Auch die Kanonenrohre galten als sehr verschleißfreudig. Im Einsatz wurden sie so heiß, dass man eine Zigarette an ihnen entzünden konnte. Legte die Besatzung dann keine Pause ein, um sie abzukühlen, verzogen sich die Rohre und es kam zu Ladehemmungen, im schlimmsten Fall zu Rohrkrepierern. 
     Hassan konnte sich selbst von der Misere überzeugen. Die Batterien, die in der Nähe seiner Unterkunft lagen, hatten bereits nach wenigen Stunden ihre Munition verschossen oder ihre Geschütze waren nicht mehr einsatzfähig. Zwar versuchten die Offiziere noch, Ersatz aufzutreiben, doch es gab einfach nichts mehr, weder Munition noch Ersatzrohre. Die meisten Soldaten gingen daraufhin nach Hause.
     Weniger große Anforderungen an die Logistik stellten Luftabwehrsysteme auf Raketenbasis, sie schossen kein Dauerfeuer, sondern bekämpften ein Punktziel. Voraussetzung dafür war allerdings eine funktionierende Zielortung und –verfolgung, die in dieser Nacht von den angreifenden Armeen verhindert wurde. Alliierte Flugzeuge hatten gleich zu Beginn des Krieges alle größeren Radarstellungen zerstört, nahmen die Radarfrequenzen unter Dauerstörung, und was noch übrig blieb an mobilen Radarstellungen, bekam sobald es sich meldete einen feurigen Gruß vom Himmel geschickt. Irakische Radaroffiziere aktivierten ihre Anlagen deshalb nur für wenige Sekunden und verschossen sofort ihre Raketen, eine Vorgehensweise, die kaum bessere Erfolgsaussichten versprach, als ein Spiel am Roulettetisch. Entsprechend gering war ihre Trefferquote. Amerikanische und britische Bomben fielen zu Hunderten herab und explodierten in gewaltigen Feuerbällen, amerikanische und britische Flugzeuge hingegen fielen nicht herab.
     Immerhin bereicherten die Raketen das nächtliche Spektakel um einige kräftige Funkenspuren, mal flach und mal steil abgehend, gekrönt von einem letzten dramatischen Aufglühen am Himmel, wenn die Rakete sich selbst zerstörte, um als Blindgänger keinen Schaden am Boden zu verursachen.
     So ungefähr musste auch die Aktionskunst aussehen, vermutete Hassan, von der er in Zeitungsartikeln gelesen hatte. Menschen aus verschiedenen Bereichen kamen zusammen, um in geplanten oder spontanen Aktionen völlig sinnlose Dinge zu tun, und manchmal, unter günstigen Bedingungen, entstand Schönheit, wenn auch nur für einen Augenblick. Er öffnete eine Flasche Weinbrand, obwohl ihm als Muslim Alkohol eigentlich verboten war, und brachte auf jeden Feuerball einen Trinkspruch aus. Hass empfand er dabei nicht, nicht einmal Wut, weder auf die Amerikaner, noch auf die Briten. Für ihn gehörte es einfach zum Leben, dass es von Zeit zu Zeit Krieg gab, dass sie angegriffen wurden oder selbst angriffen. Meist rangen sie auch mit denselben Gegnern, es änderte sich nicht viel im Lauf der Geschichte.
     Hassan erinnerte sich an seinen Großvater, der davon erzählt hatte, wie die Briten den noch jungen Irak mit Sprengbomben und Giftgas beschossen. Und er erinnerte sich an Fernsehbilder, die amerikanische Angriffe auf den Libanon, Libyen und Afghanistan zeigten. Er erinnerte sich auch an die alliierten Angriffe auf seine eigene Kompanie, als sie versuchten, die abtrünnige Provinz, die einige als Kuwait bezeichneten, zurückzuerobern. Es änderten sich nur die Namen, die Uniformen, die eingesetzte Technik, sonst blieb alles beim Alten. Man sollte versuchen, die schönen Momente zu genießen, sie konnten schnell vorbei sein. Er brachte viele Trinksprüche aus in dieser Nacht.
      Heute aber war keine Zeit, um zu schauen, zu hören und zu sinnieren. Hassan bedauerte es nicht, die Inszenierung des Tages beeindruckte ihn weniger als jene der Nacht. Nicht nur, weil der dunkle Hintergrund fehlte, vor allem deshalb, weil weniger Struktur in den Aktionen enthalten war. Es ging kreuz und quer durcheinander, aus jeder Himmelsrichtung gellte und pfiff es, was weniger von chaotischen Kämpfen herrührte, als vielmehr davon dass Munition sich durch die Brände selbst entzündete. Viele Waffenlager waren getroffen, einige Feuer schienen außer Kontrolle zu sein. Hassan konnte darüber aber nur spekulieren, denn ihm standen keine präzisen Informationen zur Verfügung. Die Invasoren hatten die Kommunikationseinrichtungen seiner Armee weitgehend zerstört, Funkanlagen waren zerbombt, das Telefonnetz an zahllosen Stellen unterbrochen, selbst mit Handfunkgeräten konnte man sich nicht verständigen, auf allen Frequenzen ertönten Störsignale. Schon seit Stunden hatten sie nichts mehr von ihren vorgesetzten Stellen gehört. Die irakischen Verbände waren auf sich allein gestellt, mussten ihre Entscheidungen selbst treffen. 

Fortsetzung folgt.

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Montag, 17. Februar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 17 der Fortsetzungsgeschichte

     Peter machte eine abwehrende Bewegung. „Tut mir leid, daran glaube ich nicht. Aber ich will großzügig sein, ich werde dir etwas entgegenkommen, Helena. Vielleicht hast du Recht, und ein Teil der Schuld gebührt tatsächlich unserer Gesellschaft. Es stimmt, die Schulen in den Armenvierteln sind schlecht, Kinder erleben viel Gewalt, und an jeder Straßenecke werden Drogen verkauft. Da kann man leicht auf die schiefe Bahn geraten. Darum hätten wir uns kümmern müssen. Aber…“
     Helena sah ihn fragend an. Sie ahnte, dass Peter einen weiteren Schlag  vorbereitete.
     „Aber es gibt auch Menschen, die diese Ausrede nicht für sich in Anspruch nehmen können“, behauptete er, „die sind einfach böse, von Grund auf böse. Ich spreche von Leuten wie Hitler, Stalin, Mussolini, Mao oder Saddam Hussein.“
     „Die üblichen Verdächtigen.“ Sie lächelte. Helena wusste, was nun folgen würde.
     Peter bemerkte ihr Lächeln nicht. Er senkte seine Stimme und fuchtelte mit den Armen herum, als ob er einen Boxkampf mit einem imaginären Gegner führte. „Diese Männer waren furchtbare Ungeheuer. Sie taten alles aus sich selbst heraus, ohne äußere Einflüsse. Sie sind entweder böse geboren, oder sie entschieden sich im Laufe ihres Lebens bewusst für das Böse. Sie haben unschuldige Opfer überfallen, sie haben die schlimmsten Sünden begangen. Deshalb lastet auf ihnen alle Schuld der Welt. Und auch alle ihre Unterstützer waren böse und sind böse, bis in alle Ewigkeit. Sie verdienen die härteste Strafe. Ich hoffe, sie schmoren in der Hölle, in der grausamsten, die man sich vorstellen kann.“
     „Amen.“ Helena konnte sich nicht länger zurückhalten, sie fing an zu lachen.                        
     Für einen Moment war er sprachlos. „Was… was ist daran so witzig? Findest du Krieg und Massenmord etwa witzig?“
     „Peter, du hörst dich an wie ein Prediger, wie ein Imam oder ein Guru. Ausgerechnet du, der vernünftige und aufgeklärte Mensch. Unschuldige Opfer, das Böse, Ungeheuer, Schuld, Sünde, Strafe – das sind die typischen Motive aus dem Kindertheater. Fehlt nur noch das Kasperle.“ Wieder lachte sie.
     „Kindertheater? Das sind doch die großen Dramen der Weltgeschichte, die Verführung durch die Sünde, der ewige Kampf Gut gegen Böse…“
     „Nein, es ist Kindertheater, auch wenn es von Erwachsenen aufgeführt wird. Aber es steckt nichts dahinter, es gibt keinen Feind, keine Sünde, keine Schuld. Auch das Böse existiert nicht. Niemand war je böse oder wird je böse sein.“
     „Wie bitte? Das Böse existiert nicht? Nazis, Kommunisten und Terroristen sind nicht böse?“
     „Nein. All diese Menschen handeln aus konkreten Situationen heraus, und die werden von allen Beteiligten erschaffen.“
     Peter verschränkte die Arme vor dem Bauch. „Das glaube ich nicht. Es widerspricht allem, was ich bisher gehört habe. Es widerspricht jeder Philosophie und Religion.“
     „Ja, weil sich eure Philosophien und Religionen auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe befinden. Möchtest du ein Beispiel für diese Behauptung?“
     „Bitte.“
     „Dann pass auf, öffne deinen Geist. Es gab mal einen Menschen, dessen Leben du ebenfalls beeinflusst hast, allerdings erst ganz zum Schluss. Sein Name war Hassan. Er starb 2003, im Dritten Golfkrieg.“
     „Och, wie schade.“ Peter grinste breit.
     „Hör dir erst seine Geschichte an, bevor du ein Urteil fällst. Hassan wurde im selben Jahr geboren wie du, Peter, nur in einem anderen Land. Seine Geburtsstadt war Tikrit, im Norden des Irak.“
     „Kenn ich. Ein dreckiges Nest.“
     „Für ihn war es die schönste Stadt der Welt, jedenfalls während seiner Kindheit. Mit seinen Freunden ging er jeden Tag im Tigris schwimmen, sie spielten Verstecken zwischen Dattelpalmen, tobten durch die Gassen der Altstadt, bewunderten die Moscheen der Muslime und die Kirchen der Christen, und in den Basaren entdeckten sie eine Welt voller wunderlicher Farben und Gerüche. Als Heranwachsender wurden ihm jedoch die Probleme bewusst, mit denen sich seine Eltern plagten. Hassans Familie war arm an materiellen Gütern, arm an Nahrung, Kleidung und Wohnraum. Reich war sie nur an Kindern.“
     „Mir kommen gleich die Tränen.“
     „Hassan suchte einen Ausweg aus seiner misslichen Lage. Eine gute Schulbildung wurde ihm nicht zuteil, einen lukrativen Arbeitsplatz bekam man nur, wenn man über die richtigen Beziehungen verfügte. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen halfen ihm nicht weiter, denn alle in seiner Familie waren arm. Deshalb versuchte er politische Kontakte zu knüpfen – und trat in die Bath-Partei ein.“
     „Die Partei von Saddam Hussein? Helena, das ist eine pan-arabische und eine sozialistische Partei. Ihre Mitglieder haben einige der schwersten Verbrechen der Neuzeit begangen. Damit ist die Sache klar: Hassan war ein böser Mensch, er hatte den Tod verdient. Diskussion beendet.“
     „Nein, die Diskussion ist nicht beendet, weil du nicht alle Fakten kennst. Die Geschichte der Bath-Partei ist sehr verschlungen, ich werde sie jetzt nicht im Einzelnen erörtern, dafür fehlt uns die Zeit. Zusammenfassend kann man sagen, dass ihre Gründung als Reaktion auf den westlichen Imperialismus erfolgte. Lange Zeit wurden die arabischen Völker von den USA, Britannien und Frankreich, teilweise auch von Italien und den Niederlanden unterdrückt und ausgebeutet, besonders auf die Erdölschätze hatten sie es abgesehen. Die Ölgesellschaften verbündeten sich meist mit einer machtgierigen und korrupten Elite, die mit Geld und Privilegien bestochen wurde, während das Volk in tiefer Armut lebte – der bei weitem größte Teil des Gewinns ging ins Ausland. In einigen Ländern ist das heute noch so.“
     „Du musst die Hintergründe beachten, Helena. Diese Völker haben einfach keine demokratische Kultur.“
     „Ja, weil ihr diese demokratische Kultur behindert und manipuliert, wie es euch gerade passt. So war und ist es auch im Irak. Das Land war seit seiner Gründung an Britannien gebunden, die Iraker mussten ungleiche Verträge abschließen und durften ihre Politik nicht selbst bestimmen. Aufstände gegen die fremde Macht und ihre Vasallenregierung wurden brutal niedergeschlagen, Menschen, die unter anderen Umständen als Freiheitskämpfer gegolten hätten, wurden getötet oder ins Gefängnis geworfen.“ Helena sah Peter in die Augen.
     Er wich ihrem Blick aus. „Die Briten hatten ihre Gründe dafür.“
     „Ja, und genau diese Gründe trugen dazu bei, dass sich viele Menschen der Bath-Partei anschlossen. Auch Hassan. Er ging zur Armee, wurde der Panzertruppe zugeteilt und diente sich im Laufe der Jahre zum Hauptmann hoch – genau wie du, Peter.“
     „Nur mit dem gewaltigen Unterschied, dass ich in einer freiheitlichen und demokratischen Armee gedient habe.“
     „Wie groß dieser Unterschied wirklich ist, werden wir noch sehen. Wir machen einen Sprung ins Jahr 2003. Hassan hatte inzwischen eine eigene Familie gegründet. Mit seiner Frau und den vier Kindern lebte er in Bagdad, wo er ein ansehnliches Haus besaß. Und nicht nur das, er besaß ein Auto, einen Kühlschrank, zwei Fernseher, vor allem aber hatte seine Familie immer genug zu essen. In seiner Jugend war das nicht selbstverständlich. Kurz gesagt: Hassan gehörte zu denen, die etwas zu verlieren hatten.“
     „Er konnte aber auch etwas gewinnen“, hielt Peter dagegen, „nämlich Freiheit und Demokratie. Wir wollen nicht vergessen, dass Saddam ein Terrorregime errichtet hatte. Es gab keine Menschenrechte, keine freien Medien und so weiter.“
     „Das stimmt. Hassan bemerkte das große Unrecht, das Saddam und seine Leute begingen. Er sah, wie Oppositionelle gefoltert und hingerichtet wurden, er sah, wie Nachbarn und Kameraden verhaftet wurden, von denen die meisten nicht aus der Gefangenschaft zurückkehrten, und er sah auch die Massenmorde an den Kurden im Norden des Landes. Er sah es – doch er unternahm nichts dagegen. Mehr noch, er unterstützte das Regime nach Kräften, beim irakisch-iranischen Krieg gehörte er zu den höchstdekorierten Soldaten.“
     „Na bitte, du sagst es schon zum zweiten Mal, Helena. Dieser Hassan war böse, er hatte den Tod verdient.“
     „Er war nicht böse, er hat nur die Denkmuster wiederholt, die andere ihm vorgelebt haben. Das Einzige, was man ihm vorwerfen muss, ist, dass er sein Verhalten nicht hinterfragt und geändert hat. Hassan erhielt auch Denkanstöße, in großer Zahl sogar, doch er weigerte sich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Er machte weiter wie bisher, und so kam es zur nächsten Katastrophe. Und an der warst auch du beteiligt, Peter.“
     „Du meinst die Operation Iraqi Freedom. Das war keine Katastrophe, sondern die größte Heldentat der jüngeren Geschichte.“
     „Abwarten. Wir betrachten die Vorgänge weiterhin aus Hassans Perspektive. Während seines gesamten Lebens war sein Land stets eine Diktatur gewesen – und der Spielball fremder Mächte. Diese fremden Mächte, die USA und Britannien vornehmlich, schickten sich 2003 an, einen weiteren Krieg gegen sein Land zu führen. Die offizielle Begründung lautete, der Diktator würde Massenvernichtungswaffen besitzen und sei in die Anschläge vom 11. September verwickelt. Für keine dieser Behauptungen wurden je überzeugende Beweise vorgelegt.“                         
     „Helena, wir können uns die Einzelheiten ersparen. Saddam Hussein war ein böser Tyrann. Er musste beseitigt werden. Je eher, desto besser.“
     „Je eher, desto besser? Warum ist er dann so lange unterstützt worden? Saddam Hussein bekam große Mengen Waffen aus aller Welt geliefert, obwohl bekannt war, welche politischen Absichten er verfolgte. Vor allem mit dem irakisch-iranischen Krieg wurden Milliardengewinne erzielt.“
     „Hey, hey, da muss ich protestieren. Die USA haben nur wenige Waffen in den Irak geliefert. Das Meiste kam aus der damaligen Sowjetunion, China und Frankreich. Viele Länder belieferten sogar beide Kriegsparteien, darunter Schweden und die Schweiz, die Neutralen.“  
     „Das ist richtig, Peter, aber ein Unrecht hebt ein anderes nicht auf. Auch dein Land belieferte beide Kriegsparteien. Außerdem gabt ihr dem Irak Informationen, die aus der Luftaufklärung und der Geheimdienstarbeit stammten, und ihr saht tatenlos zu, als die Kurden mit Giftgas ermordet wurden.“
     „Das mag ja alles stimmen, was du da aufzählst, aber du musst die Hintergründe kennen, Helena, die Hintergründe“, sagte er beschwörend. „Saddam war damals unser Verbündeter, und das aus gutem Grund. Im Iran hatte kurz zuvor die Revolution stattgefunden, Ajatollah Chomeini war an die Macht gekommen. Auch ein böser Tyrann, nur diesmal ein religiös motivierter. Denk doch an die Botschaftsbesetzung in Teheran, eine furchtbare Sache. Zweiundfünfzig US-Bürger wurden mehr als ein Jahr festgehalten. Ein solches Regime verdient jede Strafe.“
     „Es ist bemerkenswert, wie einseitig du die Geschichte darstellst, Peter. Du hast anscheinend vergessen, was die Ursache der iranischen Revolution war. Nämlich das Gebärden des letzten Schahs von Persien, das dem eines bösen Tyrannen zumindest ähnelte – und der wurde lange vom Westen unterstützt.“
     „Wofür es gute Gründe gab. Eine Demokratie haben die Iraner nie gehabt. So was können die gar nicht.“
     „Das können sie sehr wohl. Die letzte demokratische Regierung im Iran wurde von den Briten und Amerikanern beseitigt.“
     „Glaub ich nicht. Warum sollten wir das tun?“
     „Rate mal. Wegen des Öls natürlich. Die Briten hatten die iranischen Ölfelder unter ihrer Kontrolle. Von den Gewinnen erhielten die Iraner zwanzig Prozent, für sich selbst beanspruchten die Briten achtzig Prozent. Laufzeit des Vertrages: sechzig Jahre. Es kam zu Unruhen, der iranische Premierminister Mossadegh drohte mit der Verstaatlichung der Ölindustrie. Sein Gegenspieler, der britische Premier Churchill, setzte sich daraufhin mit dem US-Präsidenten Eisenhower in Verbindung. Gemeinsam beschlossen sie, die frei gewählte Regierung zu stürzen und den Schah wieder an die Spitze des Landes zu bringen. Ausführende Organe waren der britische und der amerikanische Geheimdienst. Die Operation Ajax kostete nicht mal eine Million Dollar. Anschließend exportierten die westlichen Unternehmen Öl im Wert von vielen Milliarden Dollar.“
     „Na das nenn ich mal ein gutes Geschäft.“ Peter lachte genüsslich. „Entschuldige, war nur ein Witz. Du musst aber auch bedenken, dass die Briten das Öl entdeckt und gefördert haben. Allein wären die Iraner da doch nie rangekommen.“
     „Und für diese Dienstleistung sollen sie einen so hohen Anteil des Gewinns bekommen? Was für eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals mag sich daraus ergeben? Fünfhundert Prozent? Fünftausend Prozent?“
     „Keine Ahnung. Diese Zahlen bleiben geheim.“ Wieder grinste er breit. 

Fortsetzung folgt.

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Donnerstag, 13. Februar 2014

Verdrängte Geschichte Teil 1: Militärische Luftfahrt nach 1918

Vickers Virginia

Warum existiert so viel Leid auf der Welt? Warum kommt es immer wieder zu Kriegen, zu Gewaltherrschaft und Flüchtlingsdramen? Einer der wesentlichen Gründe ist sicher, dass wir unsere eigene Geschichte nicht kennen. Die Situation erscheint kurios: Noch nie wurde so viel über die Geschichte nachgedacht, wurden so viele Bücher und Artikel darüber geschrieben, so viele Filme gedreht - und trotzdem gab es wahrscheinlich noch nie eine Generation, die so dumm und unwissend war wie unsere.

Ein Beispiel dafür ist die militärische Luftfahrt. In den meisten Geschichtsbüchern klafft ein schwarzes Loch zwischen 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs, und 1936, dem Jahr, in dem die deutsche Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg erschien. Über das, was dazwischen geschah, gibt dieser Text teilweise Auskunft:


        Durch den Versailler Vertrag wurde Deutschland eine eigene Luftwaffe verboten. Artikel 198: „Deutschland darf Luftstreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines Heereswesens unterhalten.“ Genaue Zahlen über die Flugzeugbestände der Briten, Franzosen usw. sind nicht bekannt, verschiedene Quellen widersprechen einander, eine ernsthafte Forschung findet auf diesem Gebiet nicht statt. Deshalb seien exemplarisch einige Flugzeugtypen genannt.
     Das britische Modell Bristol F2 B „Fighter“ etwa wurde von 1916 bis 1926 in mindestens 4.470 Exemplaren gebaut (QV 116). Ab 1924 stand die Vickers Virginia in Diensten der Royal Air Force. Dieser schwere Bomber besaß eine Reichweite von 1.500 km – damals ein hervorragender Wert (QV 117). Von den Territorien der verbündeten Nationen Frankreich oder Polen hätte die britische Luftwaffe problemlos das Ruhrgebiet oder Berlin bombardieren können. Die deutsche Armee hätte keine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt, denn sie durfte weder Jagdflugzeuge noch Kanonen zur Flugabwehr besitzen (QV 113). Allenfalls ein tief fliegendes Flugzeug hätte man vielleicht mit einem Gewehr oder einem in die Luft geschleuderten Stein erwischen können – das wäre aber ein echter Glückstreffer gewesen.
     Der französische Hersteller Bréguet entwickelte ab 1920 sein Modell XIX, die Serienproduktion begann 1924. In Frankreich baute man rund 1.100 Maschinen als Bomber und Aufklärer, einschließlich der Lizenzproduktion wurden zwischen 1.800 und 2.000 Exemplaren hergestellt (QV 118). Sehr erfolgreich war auch die französische Potez 25. Der Prototyp dieses Aufklärers flog erstmals 1925. In der Schweiz wurde die Maschine als Fernaufklärer und leichter Bomber benutzt, in Rumänien als Aufklärungsbomber (QV 119).
     Zum sowjetischen Rüstungsprogramm gehörten auch Ausbau und Modernisierung der Luftstreitkräfte. Die Polikarpow R-1, einsetzbar u.a. als Bomber und Erdkampfflugzeug, wurde von 1923 bis 1930 in 2.800 Exemplaren gebaut (QV 120). Das Nachfolgemodell der R-1, die Polikarpow Po-2, flog erstmals 1928. Sie zählt zu den erfolgreichsten Militärflugzeugen, insgesamt wurden etwa 40.000 Stück gebaut (QV 121). Langstreckenbomber wurden auch in der Sowjetunion entwickelt. Die Tupolew TB-1 (Erstflug 1925) besaß eine Reichweite von 1.000 Kilometer. Das Nachfolgemodell TB-3 (Erstflug 1930) brachte es bereits auf 2.200 Kilometer. Auch damit hätte man problemlos Berlin erreichen können (QV 122).

Deutschland war wehrlos

     Aus all diesen Informationen lässt sich nicht ermitteln, wie viele Kriegsflugzeuge Deutschlands Nachbarn tatsächlich besaßen. Zwei wichtige Umstände müssen berücksichtigt werden:
1. Eine unbekannte Anzahl von Flugzeugen aus dem Ersten Weltkrieg wurde nicht verschrottet, sondern weiterverwendet.
2. Niemand war damals ehrlich. Auffällig ist z.B. die hohe Anzahl von „Aufklärungsflugzeugen“. Diese Maschinen sind in der Regel unbewaffnet und können auch für zivile Zwecke benutzt werden. Man kann sie aber ebenso leicht zu Jägern oder Bombern umbauen. Ähnliches geschah auch mit Verkehrsflugzeugen, wie etwa der dreimotorigen Fokker F-VII (Serienbau von 1925-1930, QV 123). Man muss davon ausgehen, dass Deutschlands ehemalige (und aus damaliger Perspektive vielleicht auch zukünftige) Kriegsgegner viele Tausend Kampfflugzeuge besaßen, während die Reichswehr offiziell nicht über ein einziges Flugzeug und auch über keine Flugabwehrkanone verfügen durfte. Das Land wäre angreifenden Luftflotten schutzlos ausgeliefert gewesen.

Doppeltes Ungleichgewicht
    
   Interessanterweise sind diese Informationen heute völlig in Vergessenheit geraten. Die deutsche Rüstung nach 1933 hingegen ist sehr umfangreich erforscht und dokumentiert. Als Beispiel soll das Jagdflugzeug Messerschmidt Me 109 (Erstflug 1935) dienen. Wer bei Google das Stichwort Me 109 eingibt, bekommt 756 Millionen Treffer gemeldet. Wohlgemerkt - es handelt sich hierbei nur um ein (!) Flugzeugmodell.

    In den 1920er Jahren gab es in Europa mehr Soldaten und Kriegsgerät als 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es bestand nur ein wesentlicher Unterschied: Über neunzig Prozent der Soldaten und der Ausrüstung befanden sich in der Verfügungsgewalt der Kriegsgewinner (ehemalige Entente und Verbündete), weniger als zehn Prozent befand sich in Händen der Kriegsverlierer (Deutschland, Österreich, Ungarn).

    Das Abrüstungsgebot jedoch, das ebenfalls im Versailler Vertrag enthalten ist, galt auch für die Gewinner des Weltkriegs. Auch sie hätten ihre Armeen reduzieren müssen.

Wer hat wirklich davon profitiert?

    Dabei muss man sich vor Augen halten, dass all das nicht in einer langen Friedensphase geschah, sondern unmittelbar nach dem schlimmsten Krieg, den die Menschheit bis dahin erlebt hatte. Jeden Tag sah man Kriegsversehrte auf den Straßen. Männer, denen Arme oder Beine fehlten, die erblindet waren und ihren Lebensunterhalt durch Betteln oder Hausieren verdienten. Jeden Tag sah man unterernährte Kinder, die durch die Hungerblockade der Alliierten besonders gelitten hatten und in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren. Jeder Mensch - ob Soldat oder Zivilist - erinnerte sich an die Schrecken des Weltkriegs.

    Damit nicht genug. Die Kriegsgewinner verhielten sich äußerst aggressiv gegenüber den Verlierern. Sie stellten überharte Reparationsforderungen, die die Verlierer und ihre Nachkommen über Jahrzehnte hinweg geknechtet hätten. Sie verlangten Gebietsabtretungen, sie vertrieben Menschen aus ihrer Heimat und unterdrückten Minderheiten. Auch darüber wissen wir heute fast nichts mehr.

    Und in dieser Situation trat ein Demagoge aus Österreich auf, der versprach: "Ich mache euch wieder stark! Ich gebe euch das, was euch die anderen verweigern!"

Der größte Teil dieses Textes ist dem Buch Die Fischnetz-Theorie entnommen. Die QV-Nummern beziehen sich auf die Einträge im Quellenverzeichnis.



 


Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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Wenn Sie mehr zum Thema Schuld erfahren wollen, lesen Sie bitte die Erzählung Der Höllenmaschinist 
 

Sonntag, 9. Februar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 16 der Fortsetzungsgeschichte

     Peter wollte es nicht aussprechen, aber er hatte die Bilder noch immer vor Augen. Es begann harmlos, mit kleinen Schritten. Nach der Geburt der Kinder fühlte sich Mona kraftlos und überfordert, auch bei Peter beklagte sie sich darüber. Eine Freundin empfahl ihr Yoga. Sie gab ihr ein Buch mit Übungen, erzählte von eigenen Erfahrungen. Mona hörte nur mit einem Ohr zu, mit dem anderen lauschte sie nach den Kindern, nebenbei blätterte sie in dem Buch, dachte an das Essen, das sie noch zubereiten musste und an den nächsten Einkauf, stellte schon eine Liste von Dingen zusammen, die sie besorgen wollte. Als ihre Freundin, die einige Jahre älter war, aber plötzlich auf einem Bein stand und mit ihrem Fuß von hinten den Kopf berührte, vergaß sie alles um sich herum. Mona war sprachlos. Das wollte sie auch schaffen.
     Ihre erste Übung hieß Der Berg und bestand nur darin, sich aufrecht hinzustellen, die Arme über die Seiten gestreckt nach oben zu führen und die Handflächen zusammenzulegen. Peter lachte darüber. Das kann doch jeder, behauptete er. Mona kümmerte sich nicht um seine Reaktion, sie machte weiter. Jeden Morgen und jeden Abend absolvierte sie ihre Übungen, die immer schwieriger und zeitaufwendiger wurden. Als sie auch mit dem Fuß ihren Kopf berühren konnte, lachte Peter nicht mehr. Im Gegenteil, plötzlich unterstützte er sie, nahm ihr sogar während des Trainings die Kinder ab. Es gefiel ihm, dass seine Frau so schlank, sportlich und vor allem dehnbar war. Er wollte mit ihr Dinge im Bett ausprobieren, von denen er bis dahin nur geträumt hatte. Mona durchschaute seine Absichten – und lächelte darüber. Sie erfüllte ihm seine Wünsche, die auch die ihren wurden. Fast beiläufig, als ein Nebeneffekt, näherte sie sich ihrer inneren Mitte. Immer seltener regte sie sich auf, über schlechte Noten der Kinder oder die ewigen Staus auf den Straßen, und sie ließ sich nicht mehr so leicht ablenken, weder durch Geschwätz noch durch das Hupen genervter Autofahrer. Mona tat nur eine Sache zur Zeit, die aber bewusst und mit voller Konzentration.
     Dabei blieb es nicht. Mona besorgte sich Bücher über Meditation, belegte einen Kurs, nahm an Seminaren teil. Obwohl sie das Gefühl hatte, mehr zu tun, mehr zu erleben, leerte sich ihr Terminkalender. Sie fuhr nicht mehr rastlos umher, von einem Einkaufszentrum zum nächsten, sie war nicht mehr der Chauffeur für jeden aus ihrer Familie und nahm auch nicht mehr an jeder Veranstaltung in der Nachbarschaft teil. Oft setzte sie sich auf ihre Strohmatte, dachte an nichts und verspürte einfach nur die Lust am Dasein.     
     „So eine Zeitverschwendung.“ Peter schüttelte den Kopf. „Mona konnte nicht mehr damit aufhören. Sie benutzte eine Klangschale und hat Räucherstäbchen angezündet. Bei uns roch es wie in einer Opiumhöhle. Und am Ende sagte sie dann im Gerichtssaal: Ich vergebe dir deine Schuld. Vor all den Leuten! Als ich das gehört habe, wäre ich vor Scham am liebsten im Boden versunken.“
     „Peter, sie ist nicht verrückt. Mona ist eine weise Frau. Was hätte es ihr gebracht, wenn sie Wut- und Rachegefühle gegenüber Leroy ausgedrückt hätte? Nichts. Ihr Leben wäre dadurch nicht besser sondern schlechter geworden. Denn die Gefühle hätten sie gequält, nicht ihn. Also hat sie Leroy verziehen – und dadurch auch sich selbst.“
     „Dazu hat sie nicht das Recht. Wenn ihm verziehen wird, dann tut er es doch wieder! Eine Strafe muss auch abschreckend wirken.“
     „Abschreckung funktioniert in den meisten Fällen nicht. In eurem Land gibt es die Todesstrafe, trotzdem habt ihr eine der höchsten Mordraten der Welt.“
     „Gut, über die Höhe der Strafe kann man reden. Aber Strafe muss sein. Sonst bricht das totale Chaos aus, dann macht jeder, was er will. Schuld und Sühne, das war immer so, und das wird immer so sein.“
     „Schuld und Sühne ist ein sehr dummes Prinzip, eines der dümmsten, das die Menschheit erfunden hat. Durch Ableisten einer Sühne wird die schuldhafte Tat weder ungeschehen gemacht, noch verhindert man, dass eine neue schuldhafte Tat begangen wird. Die sogenannte Schuld entsteht immer aus einer konkreten Situation heraus, und diese Situation wird von allen Beteiligten erschaffen.“
     „Von allen Beteiligten? Willst du etwa sagen, dass wir daran schuld sind? Willst du Opfer zu Tätern machen?“ Peter atmete tief ein, spannte seinen Brustkorb, er pumpte sich regelrecht auf.
     Helena beeindruckte er damit nicht. „Ja, ja, du armes Opfer. Du bist ein Opfer in einer Millionen-Dollar-Villa. Das war doch genau das Problem. Leroy wusste, dass ein Mensch mit seinen Fähigkeiten und seiner Herkunft niemals das erreichen kann, was du erreicht hast, Peter. Zumindest nicht auf ehrliche Weise. Deshalb hat er nach einer Alternative gesucht.“
     „Eine Alternative wäre harte Arbeit gewesen.“
     „Für sechs Dollar fünfundfünfzig pro Stunde? Würdest du für diesen Lohn arbeiten, Peter?“                   
     Er blieb die Antwort schuldig. „Anders geht es nun mal nicht. Es muss auch Leute geben, die die einfache Arbeit machen. Diese Arbeit kann nicht hoch bezahlt werden, sonst lohnt es sich nicht.“         
     „Es gibt sehr wohl Alternativen, die sich lohnen. Eine davon ist das bedingungslose Grundeinkommen. Das bedeutet, dass jeder Mensch so viel Geld bekommt, wie er zur Erfüllung seiner Grundbedürfnisse benötigt, also Gesundheit, Miete, Nahrungsmittel, Kleidung.“
     „Bedingungsloses Grundeinkommen?“ Er schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen. Dann würde doch niemand mehr arbeiten.“
     „Warum? Die meisten Menschen haben Spaß daran, etwas zu erschaffen, Dinge zu verbessern. Nur leider sind viele Arbeitsplätze so gestaltet, dass die Arbeit dort keinen Spaß macht.“ 
     „Das ist doch gar nicht zu bezahlen. Wenn jeder ein Grundeinkommen erhalten würde, sagen wir mal fünfhundert Dollar im Monat, würden sich dadurch Milliardenbeträge ergeben, die der Staat jedes Jahr aufbringen müsste.“
     „Ja, es wären Milliardenbeträge – aber euer Volk besitzt Billionenwerte. Sie sind nur sehr ungleichmäßig verteilt. Außerdem verplempert ihr viel Geld für unnötige Dinge, zum Beispiel für Kriege. Vor allem aber würde durch die Grundsicherung eine gewaltige Wertschöpfung erfolgen – und zwar nicht nur eine finanzielle. Stell dir vor, ihr würdet dieses Modell einführen. Sofort. Auf der ganzen Welt. Was würde geschehen? Kein Mensch müsste mehr hungern. Kein Mensch müsste mehr betteln, stehlen oder sich prostituieren, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Kein Mensch müsste mehr die Schule abbrechen, um Geld zu verdienen.“
     „Kein Mensch würde mehr zur Schule oder Universität gehen. Die würden alle faul am Strand liegen.“
     „Peter, glaubst du wirklich, dass die Menschen gerne faul und dumm sind?“
     „Nicht alle, aber ziemlich viele.“
     „Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Menschen möchten schöpferisch und rege sein, sie möchten lernen und sich weiterentwickeln. Nur leider haben viele nicht die Möglichkeit dazu, weil sie einen großen Teil ihrer Zeit und Energie ins nackte Überleben investieren müssen. Viele wissen gar nicht, welche Fähigkeiten in ihnen schlummern. Leroy zum Beispiel. Er ist ein guter Geschichtenerzähler. Er besitzt das Talent, Geschichten in Worten und Bildern zu erzählen. Und er kann sich sehr gut Geschichten ausdenken. Wenn er an einen fremden Ort kommt, fällt ihm sofort etwas dazu ein, was dort geschehen sein könnte oder noch geschehen wird, wenn ihm eine fremde Person begegnet, hat er sofort Ideen zu deren Vergangenheit oder Zukunft.“
     „Leroy? Ausgerechnet der?“
     „Ja, ausgerechnet der. Hätte er Zeit gehabt, sich darüber bewusst zu werden, hätte er eine Förderung erhalten, wäre aus ihm vielleicht ein berühmter Regisseur geworden.“
     „Okay, okay, das mag ja alles sein. Aber du hast einen entscheidenden Punkt übersehen, Helena. Leroy hat den größten Teil seiner Strafe für die zweifache Vergewaltigung bekommen. Davon hätte ihn auch das bedingungslose Grundeinkommen nicht abgehalten.“
     „Wahrscheinlich doch, denn dann wären die Bedingungen anders gewesen. Sex und Geld sind in eurer Gesellschaft eng miteinander verbunden. Formulieren wir es mal so: Ein Mann, der in der Küche eines Schnellrestaurants arbeitet, ist nicht gerade der begehrteste Heiratskandidat. In Leroys Leben gab es nicht genug Sex. Und was ihm fehlte, nahm er sich mit Gewalt.“
     „Womit er sich nur noch tiefer reingeritten hat. Seine Bilanz ist extrem unausgeglichen. Der Kerl muss nach seinem Tod in die Hölle kommen. Das verlange ich! Wenn es noch Gerechtigkeit gibt, dann musst du, Helena, oder ein anderer Engel ihn in die Hölle bringen.“
     „Wozu? Eine Hölle habt ihr ihm doch schon bereitet: achtzig Jahre Haftstrafe! Bei seiner Verurteilung war Leroy fünfundzwanzig Jahre alt. Erst nach fünfzig Jahren kann er um Begnadigung bitten. Fünfzig Jahre im Gefängnis! So lange wird er keine Freiheit haben, keinen Baum und keinen Grashalm sehen, nicht am Strand entlanglaufen und nicht im Meer schwimmen, kein Auto fahren und keine fremde Stadt besuchen, er wird keine Frau berühren dürfen, wird sie nicht küssen und streicheln und keinen Sex mit ihr haben. Das wunderbare Geschenk der Liebe wird ihm verwehrt bleiben. Kannst du dir das vorstellen, Peter?“
     „Nein, muss ich ja auch nicht. Ich hab schließlich nichts verbrochen. Der Kerl sollte lieber darüber nachdenken, was er getan hat.“
     „Das wird er auch. Und genau da liegt seine Chance. Durch Nachdenken kann er der Situation entkommen.“
     „Ein Ausbruch aus dem Gefängnis? Sehr unwahrscheinlich.“
     „Nein, die Mauern wird Leroy nicht überwinden können. Aber er kann sein Verhältnis zu ihnen ändern. Eine Gelegenheit dafür ist schon vorbereitet. In ein paar Monaten wird man Leroy zur Arbeit in der Gefängnisbücherei einteilen. Dort wird er auf ein Buch stoßen, welches verschiedene Methoden des Meditierens vorstellt – ja, es ist das verrückte Zeug, von dem du eben gesprochen hast. Wenn Leroy seine negativen Gedanken und Gefühle in sich auflöst, wird er das Paradies erleben – in dieser und in der nächsten Welt.“

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung
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Montag, 3. Februar 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 15 der Fortsetzungsgeschichte

     „Mach schon.“ Er streifte die Ärmel seines Overalls ab.
     Mai-Li zitterte bloß, war unfähig zu einer Bewegung. Leroy zeigte mit der Pistole, was er von ihr erwartete. Als sie immer noch nicht reagierte, fasste er unter ihr Kleid und riss mit einer kräftigen Bewegung das Höschen in Fetzen. 
     Endlich fügte sie sich. Wimmernd und zitternd sank sie zu Boden.
     Er sah Mona an. „Und du bleibst schön hier.“
     Sie nickte stumm.
     „Meine Kanone ist geladen.“ Er lachte über seinen zweideutigen Witz.
     Leroy überlegte, wie er sie beide in Schach halten sollte. Den Overall hatte er bereits bis zu den Knien herabgezogen, er konnte die Waffe nicht mehr in die Tasche stecken. Er konnte sie aber auch nicht in der Hand halten, wenn er sich zugleich auf Mai-Li legte, und das wollte er unbedingt, denn er wollte ihr dabei ins Gesicht sehen. Er konnte die Waffe auch nicht auf den Boden legen, denn dort könnte die andere Frau an sie herankommen, und er wollte unbedingt, dass sie dabei zusah, dass sie ganz dicht daneben stand.
     „Ach Scheiße.“ Er nahm den Lauf zwischen die Zähne und bückte sich zu seinem Opfer herab.
     Mai-Li schrie ein letztes Mal auf, danach verstummte sie endgültig. Leroy drängte sich zwischen ihre Beine, er hatte sofort eine Erektion, was ihn selbst überraschte. Er wischte den Speichel von seinem Mund und verschmierte ihn über ihrem Unterleib; dann drang er in sie ein und begann sie heftig zu stoßen. Es machte ihm großen Spaß, selten hatte er so viel Spaß beim Sex gehabt. Natürlich kannte er Vergewaltigungen aus Pornofilmen, aber diese Szenen waren gestellt, man sah immer, dass die Frauen keine echte Angst verspürten und die Männer nicht wirklich zuschlugen. Hier aber war nichts gestellt, Mai-Li zitterte die ganze Zeit, Leroy spürte die feinen Vibrationen, ihr liefen echte Tränen übers Gesicht. Fast bedauerte er, dass sie so wenig Gegenwehr zeigte. Er stieß noch heftiger zu, am liebsten hätte er Sätze gerufen wie: „Du willst es doch auch, du asiatische Hure! Darauf hast du doch nur gewartet, du geile Schlampe!“ Aber leider hatte er die Pistole im Mund, so musste er sich auf Grunzlaute beschränken.
     Trotzdem, auch so genoss er jede einzelne Bewegung, er genoss die Schmerzen, die er ihr zufügte. Leroy hasste die Asiaten, die Vietnamesen hasste er ganz besonders. Erst vor wenigen Jahren waren sie ins Land gekommen, und schon hatten sie seine Leute überholt. Sie wohnten in den guten Stadtteilen, sie fuhren die großen Autos, sie machten das große Geld. Nur ihre Frauen befriedigen konnten sie nicht, dafür brauchten sie die Hilfe der Schwarzen. Genauso wie die weißen Männer, die waren auch Schlappschwänze. Sie waren schlechte Sportler, schlechte Musiker und schlechte Liebhaber, deshalb unterdrückten sie ihn und seine Leute. Leroy sah zur Seite, sah die weiße Frau an. Sie war älter als die Asiatin, ihr Gesicht hatte Falten, aber unter dem Trainingsanzug schien sich ein knackiger Körper zu verbergen.
     Er nahm die Pistole aus dem Mund. „Jetzt bist du dran.“
     Mona wehrte sich nicht. Sie zog sich aus und breitete ihre Sachen auf dem Fußboden aus. Sie wollte es nur schnell hinter sich bringen, ohne dass er sie schlug oder ernsthaft verletzte. Als Leroy in sie eindrang, dachte sie an ihre Kinder. Hoffentlich würde es vorbei sein, ehe sie von der Schule kamen. Mona roch den Schweiß an Leroys Körper, sie roch das Fett, mit dem die Pistole eingerieben war, sie roch Pulverreste. Und da war noch etwas anderes, es erinnerte sie an altes Bratfett, ein dumpfer, ekliger Geruch. Sie verzog das Gesicht, aber sie sah nicht weg. Und sie weinte nicht. Diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen. Sie sah ihm die ganze Zeit in die Augen.
     Leroy verstand ihre Gesten falsch. Weil sie sich so schnell ausgezogen hatte, dachte er, sie würde sich darauf freuen, mit ihm Sex zu haben, Sex haben zu dürfen; ihr verzerrtes Gesicht deutete er als Ausdruck ihrer Lust. Seinen Erguss zögerte er so lange wie möglich hinaus. Als es geschah, brüllte er ihr seinen Orgasmus ins Gesicht. Dabei fiel die Pistole aus seinem Mund und blieb genau zwischen ihren Brüsten liegen. Mona erschrak, Leroy lachte. Er wusste, es konnte nichts geschehen, denn die Waffe war entgegen seiner Behauptung nicht geladen. Das Magazin hatte er sicherheitshalber in der Tasche seines Overalls gelassen. Nachdem es vorbei war, machte er einen Scherz darüber, hielt sich die Pistole an die Stirn und drückte ab. Wieder lachte nur er allein.
     Damit war sein Job erledigt. Leroy fühlte sich gut. Er hatte zwei Frauen zu einem Erlebnis verholfen, dass sie niemals vergessen würden; dafür bekam er von ihnen Geld und ein paar Sachen aus dem Haus, somit war allen gedient. Leroy bedankte sich und lief davon.   
     Im Auto rekapitulierte er die Tat. Der weißen Frau schien es echten Spaß gemacht zu haben, sie hatte sich seinen Bewegungen angepasst, hatte ihm dabei sogar in die Augen gesehen. Die Asiatin dagegen war eine Nervtöterin, ihre Schreie gellten noch immer in seinen Ohren, spitze, hohe Schreie. Leroy stellte das Radio an, drehte den Ton weit auf. Mit der einen Hand lenkte er den Wagen, mit der anderen zog er die Geldscheine aus dem Overall. Es war ein hübsches Sümmchen, das sich da auf dem Beifahrersitz anhäufte: sechshundert Dollar. Nicht schlecht, für so ein bisschen Arbeit. Genugtuung erfüllte ihn, steigerte sich zum Triumphgefühl. Er lachte in sich hinein, am liebsten hätte er sich die Hände gerieben – wenn er die Hände nicht fürs Autofahren benötigt hätte und dafür, einen Sender zu finden, der die Schreie übertönte.
     Das böse Erwachen kam ein paar Stunden später. Eine Hausangestellte aus der Nachbarschaft hatte das Kennzeichen von seinem Auto aufgeschrieben. Die Polizei verhaftete ihn an seinem Arbeitsplatz. Die Verhöre waren kurz und brutal, Leroy gestand alles, was man ihm vorwarf. In der anschließenden Gerichtsverhandlung verurteilte man ihn zur Höchststrafe: achtzig Jahre Gefängnis! Die Strafen der einzelnen Taten wurden zusammengerechnet, dazu kamen Strafen aus früheren Taten – ein paar Mal hatte man ihn mit Drogen erwischt –, die zur Bewährung verhängt waren. Das Meiste ging jedoch auf Mai-Lis Ehemann zurück. Er drängte seine Frau, hart und unnachgiebig zu bleiben, jedes Detail der Vergewaltigung zu schildern, obwohl sie sehr darunter litt. Ihre Tränen und die Zusammenbrüche nahm er billigend in Kauf, er wusste, welche Wirkung sie bei den Geschworenen erzielen würden.
     Auf Mona ging nur ein kleiner Teil der achtzig Jahre zurück. Sie hatte ihm vergeben.
      „Mona ist verrückt“, sagte Peter. „Eine solche Schuld darf man nicht vergeben. Niemals.“
     „Sie ist nicht verrückt“, widersprach Helena. „Sie ist…“
     Er fiel ihr ins Wort. „Der Bastard hat mich entehrt. Er hat meine Familie entehrt.“
     „Und was ist mit Mona und Mai-Li?“
     „Die natürlich auch. Gerade deshalb darf die Schuld nicht vergeben werden. Ich kann das überhaupt nicht begreifen. Da waren Kameras und Zuschauer im Gerichtssaal, und Mona spielte die Heilige. Ich will keine Rache, sagte sie. Ich will sein Leben nicht ruinieren. Dabei hat er doch selbst sein Leben ruiniert. Er ist selbst schuld. Aber das wollte die heilige Mona nicht kapieren.“
     „Sie hat es sehr wohl kapiert – und Leroy hat es auch kapiert. Er hat seine Tat bereut, er hat sie um Vergebung gebeten, und sie hat angenommen. Das war sehr, sehr großzügig von deiner Frau.“
     „Von meiner Exfrau“, korrigierte Peter. „Helena, du glaubst gar nicht, wie peinlich mir das war. Was sollen denn meine Freunde und meine Geschäftspartner von mir denken? Dabei war Mona früher immer so vernünftig. Sie hat sich ganz normal verhalten, wie ein moderner, aufgeklärter Mensch. Doch dann passierte etwas mit ihr, sie hat sich mit diesem verrückten Zeug befasst, diesem New Age. Daran glauben jetzt ja viele Leute. Du kannst dir nicht vorstellen, was die für einen Blödsinn machen.“

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



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