Samstag, 1. November 2014

Die Amerikaner im Irak und Syrien – Das Böse sind wir


Wie konnte das nur passieren, fragt sich die Weltgemeinschaft wieder einmal. Wie gelang es der Terrororganisation Islamischer Staat, derart große Gebiete in Syrien und im Irak zu erobern und dauerhaft zu beherrschen? Einer der Gründe dürfte darin bestehen, dass der IS sehr gut ausgerüstet ist. Die Gewehre und Kanonen stammen zum großen Teil aus dem internationalen Waffenhandel, der leider kaum reguliert ist. Viele Waffen stammen aber auch aus Beständen der syrischen und irakischen Armee. Und das führt zu einer kuriosen Situation: zum Kampf gegen die eigenen Waffen.

Aber der Reihe nach. Die irakische Armee wurde nach dem Sturz von Saddam Hussein zunächst einmal "abgewickelt", d. h. die meisten Offiziere und Mannschaften entlassen. Danach baute man die Armee wieder neu auf, mit "unbelasteten" Führungskadern. Und natürlich brauchten die Streitkräfte des nun demokratischen Staates auch neues Material - es stammt größtenteils aus amerikanischen Beständen.

Guter Plan, dachte man damals. Leider hat er nicht funktioniert. Das neue Personal verhielt sich nicht loyal gegenüber einem Staat, der von Korruption, Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft geprägt ist und in dem ethnische und religiöse Konflikte schwelen. Als die Terroristen die Armee angriffen, flohen die Soldaten zu Tausenden und ließen ihre Waffen zurück. Der Islamische Staat, der westliche Erzeugnisse normalerweise für Teufelszeug hält, machte eine großzügige Ausnahme und übernahm die Hummer (siehe Bild), M1 Abrams Kampfpanzer, Haubitzen usw. in seine Bestände.
Inzwischen tobt der Kampf um die syrische Grenzstadt Kobane. Die amerikanische Luftwaffe bombardiert die Stellungen des Islamischen Staates - und vernichtet neben zahllosen Menschenleben auch die eigenen Waffen. Wie soll man diese Politik nennen? Kurzsichtig? Unüberlegt? Riskant? Total gaga?

Alle Menschen sind am Prozess beteiligt

Die Hauptursache für diese schreckliche Situation sind aber nicht die vielen Fehlentscheidungen, die von Politikern und Militärs getroffen wurden. Die Wurzeln reichen bedeutend tiefer.
Leider haben wir die Grundprinzipien des menschlichen Lebens immer noch nicht erkannt. Eines davon ist das Prinzip Einheit. Was Menschen kollektiv erleben, wird auch kollektiv erschaffen. Das ist eigentlich leicht zu verstehen. Trotzdem glauben immer noch viele Menschen an das Prinzip Teilung. Demnach werden die guten Ereignisse von guten Menschen erschaffen, die schlimmen Ereignisse hingegen von bösen Menschen. "Gute" Menschen - oder solche, die sich selbst dafür halten - sagen oft: "Wir dürfen das. Denn alles was wir tun, geschieht im Namen des Guten." Und so geht der Schlamassel in die nächste Runde.

Die Alternative dazu ist sehr einfach: Wer positive Energie in den Prozess eingibt, erhält positive Resultate. Das bedeutet: Nahrung und Medikamente liefern, Hilfe bei Verhandlungen anbieten, Armut auflösen, Bildung fördern usw.
In einer konkreten Bedrohungssituation hilft das natürlich nicht weiter. Wenn bewaffnete Fanatiker vor den Toren einer Stadt stehen, muss man mit militärischer Gewalt antworten. Kurzfristig zumindest. Aber langfristig sollten wir unsere Politik umstellen. Die Schaffung einer friedlichen Welt muss als Ziel klar definiert werden. Alle müssen dabei mithelfen. Niemand darf sich mehr über einen anderen erheben. Dazu gehört neben der militärischen auch eine ideologische Abrüstung. Wir brauchen eine neue, friedliche Kultur. Geistigen Brandstiftern muss das Handwerk gelegt werden - und zwar auf allen Seiten.

Bessere Bücher lesen

All das ist natürlich nicht neu. Selbst dieser aktuelle Konflikt in Syrien und im Irak wurde vorhergesagt - unter anderem auch vom Verfasser dieser Zeilen. Lesen Sie hier bitte einen kurzen Ausschnitt aus meiner Erzählung DER HÖLLENMASCHINIST. Auf Seite 85 heißt es:

     „Wirklich? Dann verrate mir doch bitte, was ihr mit den Panzern getan habt, mit denen der Irak befreit wurde.“
     „Wir haben sie bei unserem Abzug wieder mitgenommen.“
     „Alle?“
     Er stöhnte. „Nein, nicht alle. Ein paar haben wir dagelassen, für den Wiederaufbau der irakischen Armee.“
     „Siehst du, damit habt ihr das Feuer am Schwelen gehalten. Vielleicht werden eines Tages Hassans Söhne in den Panzern sitzen und einen neuen Krieg führen. Aber entschuldige, Peter, falls sie das tun werden, ist es natürlich allein ihre Schuld. Die Friedensstifter aus dem Westen werden wieder einmal ihre Hände in Unschuld waschen.“

Erstmals ist dieser Text im Jahr 2010 erschienen. Wenn Sie ein tieferes Verständnis für den Konflikt in der Golf-Region entwickeln wollen - und damit auch für die Grundprinzipien des Lebens -, sollten Sie entweder das komplette Buch kaufen oder den Text auf diesem Blog lesen. Unter diesem Link finden Sie alle 26 Teile.






Der Höllenmaschinist - Erzählung
2. Auflage

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
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Sonntag, 29. Juni 2014

Hörspiel Die Auswerterin oder: Das Ende von Auschwitz - jetzt als Video online


DIE AUSWERTERIN ODER DAS ENDE VON AUSCHWITZ hat bereits als Roman und Theaterstück für Furore gesorgt. Nun ist sind zwei weitere Versionen hinzugekommen: ein Hörspiel und abgeleitet davon ein YouTube-Video.
Wer mehr erfahren möchte, sollte den Roman lesen (ungefähr zehnmal länger als das Hörspiel-Manuskript), der im Anhang einige wenig bekannte Informationen enthält.




DIE AUSWERTERIN - ODER DAS ENDE VON AUSCHWITZ
160 Seiten   EUR 9,90  erhältlich u.a. bei Amazon.
Auch erhältlich als E-Book für EUR 4,99 u.a. bei Amazon.


Unter diesen Links finden Sie Kritiken von Phantasienreisen, Herzbücher, Die Rezensentin...Seitenweise..., Klusi liest und Traumfantasiewelten

Sonntag, 11. Mai 2014

Kleinwaffen, ein großes Problem - Demnächst aus dem 3D-Drucker?


Kleinwaffen - das Wort klingt harmlos, doch dahinter verbergen sich die wahren Massenvernichtungswaffen unserer Zeit. Per Definition sind damit alle Waffen gemeint, die von einer Person getragen und bedient werden können. Niemand weiß genau, wie viele Pistolen, Revolver, Gewehre usw. auf der Welt im Umlauf sind. Das unabhängige Institut Small Arms Survey schätzt, dass es derzeit 875 Millionen sind - und jeden Tag kommen weitere hinzu.

Nur ein kleiner Teil dieser gewaltigen Menge befindet sich unter der Kontrolle von staatlichen Einrichtungen: rund 200 Millionen Waffen sind im Besitz des Militärs, 25 Millionen gehören Strafverfolgungsbehörden. Der große Rest - 650 Millionen Exemplare - befindet sich in den Händen von Zivilisten. Die Gruppe der Waffenbesitzer lässt sich nur schwer definieren. Sportschützen und Antiquitätensammler sind darunter, aber auch ängstliche Bürger, die sich vor Verbrechern schützen wollen - und natürlich die Verbrecher selbst. In welcher Weise die Waffen benutzt werden, ist noch schwerer zu sagen. Viele kommen wahrscheinlich niemals zum Einsatz, sie liegen in irgendwelchen Waffenschränken, vielleicht sogar Nachttischschubladen, und dienen zur Beruhigung ihrer Besitzer. Andere werden nur benutzt, um damit auf Zielscheiben zu schießen. Angeblich handelt es sich hierbei um einen Sport, vielleicht geht es aber auch nur darum, dem Schützen zu etwas Selbstbewusstsein zu verhelfen.   

Und dann gibt es noch den Teil der Waffen, der gegen Menschen gerichtet wird. Kleinwaffen kommen bei Verbrechen zum Einsatz, um Menschen damit zu bedrohen, zu bestehlen, zu verletzen und zu töten. Außerdem werden sie bei Terroranschlägen und in Bürgerkriegen benutzt, denn sie sind viel leichter verfügbar als Großwaffen wie Panzer oder Flugzeuge. Leider gibt es auch hier keine genauen Informationen. Sicher ist nur, dass jedes Jahr Hunderttausende Menschen mit Kleinwaffen getötet werden. 

Deutschland exportiert Angst

Zu den größten Exporteuren von Kleinwaffen zählt Deutschland. Letztes Jahr verzeichneten wir einen traurigen Rekord: Waffen und Munition im Wert von 135 Millionen Euro wurden ausgeführt, das bedeutet einen Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 43 Prozent. Bundeswirtschaftsminister Gabriel hat angekündigt, die Exporte von Waffen zukünftig stärker kontrollieren zu wollen. Das ist grundsätzlich lobenswert, doch das Problem ist damit noch lange nicht gelöst. Aus zwei Gründen:
1. Kleinwaffen unterliegen nur einem sehr geringen Verschleiß. Bei einem minimalen Pflegeaufwand kann man sie über Jahrzehnte, im Extremfall sogar über Jahrhunderte hinweg benutzen.
2. Kleinwaffen sind leicht herzustellen. Derzeit gibt es rund 1000 Produzenten in etwa 100 Ländern. Und auch hier gilt: ständig werden es mehr. Es laufen bereits erste Versuche, Kleinwaffen mithilfe von 3D-Druckern herzustellen. Noch sind die Ergebnisse kläglich, doch die Technik schreitet voran.

Wenn es so weitergeht, wird es bald mehr als eine Milliarde Kleinwaffen geben. Aber wird die Welt dadurch ein sicherer Ort? Wahrscheinlich nicht.

Eine neue Zivilisation schaffen

Verbote und Kontrollen sind ein wirksamer Weg, um das Problem zu reduzieren. Sinnvoller ist es aber, die Ursachen des Problems aufzulösen. Warum greifen Menschen zu Waffen? Eine der Hauptursachen ist Angst. Menschen haben Angst vor anderen Menschen, die ihnen etwas wegnehmen könnten. Zum Beispiel ihr Geld oder ihr Eigentum. Was ist hierfür die Ursache? Oft ist es soziale Ungleichheit. Auf der Welt leben immer mehr Reiche und Superreiche - aber auch immer mehr Arme und Hungerleider. Nicht jeder auf der Seite der Verlierer ist gewillt, sein Schicksal einfach so hinzunehmen. Wenn es keine Möglichkeit gibt, auf ehrliche Weise zu ein bisschen Wohlstand zu kommen, entscheiden sich manche Menschen für eine kriminelle Laufbahn. Hier reicht es oftmals schon, ein gerechtes Steuersystem einzuführen. Wenn Reiche angemessene Steuersätze zahlen und das Steuergeld in Bildung und Wirtschaftsförderung investiert wird, löst sich ein großer Teil der Kriminalität von selbst auf.

Andere Menschen haben Angst davor, ihre Freiheit zu verlieren. Zum Beispiel durch politischen oder religiösen Extremismus, der verbreitet wird durch Medien, durch Einwanderung oder direkte Gewalt. Auch hier ist Angst die Ursache. Menschen, die einer radikalen Ideologie verfallen, haben meist selbst Angst davor, von anderen Menschen beherrscht zu werden. Diese Spirale zu durchbrechen, ist sehr viel schwieriger als nur ein gerechtes Steuersystem zu installieren. Es erfordert ein Zugehen auf den anderen, ein Anerkennen des anderen als gleichberechtigten Partner. Und es erfordert, sich selbst nicht mehr als überlegen zu fühlen - was vermutlich die größte Herausforderung darstellt.

All diese Probleme zu lösen, wird lange dauern und große Anstrengungen verursachen. Doch wir können es schaffen. Wir haben es buchstäblich "in der Hand".   

Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch: UNO beschränkt Waffenhandel

Montag, 28. April 2014

Die Auswerterin - demnächst im Radio


"Die Auswerterin" zählt zu den provokantesten Dramen der Gegenwart, zu einem der Werke die sich trauen, als sicher geltende Positionen infrage zu stellen. Wie wichtig eine solche Haltung ist, zeigen u.a. die jüngsten Konflikte in Syrien und der Ukraine.
Nach dem Roman und dem Theaterstück wurde der Stoff mittlerweile auch als Hörspiel produziert.
Unter diesem Link finden Sie eine Hörprobe.

Hier sind die ersten Sendetermine:

  
Sonntag 4. Mai 2014 um 15-16 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Stuttgart
Freies Radio Stuttgart www.freies-radio.de unter 99,24MHz; Kabel 102,1MHz.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Montag 5. Mai 2014 von 10-11 Uhr
Radiosendung bei radiofips Göppingen



Hören Sie die Auswerterin im Internetradio mit Live Stream unter www.radiofips.de.

Hier die Erstsendungstermine im Radio:
Montag 05. Mai 2014 um 16 - 17 Uhr

Freies Radio StHörfunk unter www.sthoerfunk.de oder in der Region Schwäbisch Hall, Crailsheim mit diesen Frequenzen 104,8 oder 97,5 MHz.


Donnerstag 8. Mai 2014 um 17-19 Uhr
Radiosendung im DIAK-Karlsruhe
Hören Sie die Auswerterin im Klinikradio des Diakonissen-Krankenhauses.



Montag 12. Mai 2014 um 20 - 21 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Rhein-Neckar-Bermudafunk
Hören Sie "Die Auswerterin" bei Kopf im Ohr, der Radiosendung des Verbands der Schriftsteller Baden-Württemberg Regiogruppe Rhein-Neckar. Freies Radio Rhein-Neckar Bermudafunk Heidelberg UKW 105,4, Mannheim UKW 89,6 MHz, Kabel 107,45 MHz und Livestream unter www.bermudafunk.org.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Freitag 16. Mai 2014 um 16 - 17 Uhr

Freies Radio Ulm - Radio Free FM auf 102,6 MHz, Kabel 97,70 und 93,45 MHz; Livestream: www.freefm.de.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken.


Donnerstag 22. Mai 214 um 16-17 Uhr
Radiosendung bei Radio Wiesenthal/Schopfheim
Hören Sie die Auswerterin bei Freies Radio Schopfheim Kanal Ratte auf UKW 104,5 MHz, im Kabel auf 89,35 MHz und als Livestream unter www.kanal-ratte.de oder www.freies-radio-wiesental.de 
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Freitag 23. Mai 2014 um 19-20 Uhr
Radiosendung von Freies Radio Freudenstadt

Hören Sie die Auswerterin bei Freies Radio Freudenstadt UKW 100,1 / 89,2 / 104,1 Kabel: 105,85 MHz Livestream unter www.radio-fds.de.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Mittwoch 28. Mai 2014 um 16 - 17 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Dreyeckland - Freiburg
Die Auswerterin im Freien Radio Dreyeckland in der Region Freiburg bei 102,3 MHz FM, oder bei www.rdl.de.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Donnerstag 29. Mai 2014 um 14-15 Uhr
Freies Radio Tübingen Radio Wüste-Welle
Hören Sie die Auswerterin bei Freies Radio Tübingen Radio Wüste-Welle unter UKW 96,6 MHz; Kabel in Tübingen, Reutlingen 97,45; Kabel.

Montag 2. Juni 2014 um 22 - 00 Uhr
Radiosendung im Freien Radio Rhein-Neckar-Bermudafunk
Hören Sie "Die Auswerterin" bei "Alles ist möglich", eine Sendung mit Kaja Torunsky. Freies Radio Rhein-Neckar Bermudafunk Heidelberg UKW 105,4, Mannheim UKW 89,6 MHz, Kabel 107,45 MHz und Livestream unter www.bermudafunk.org.
Für Wiederholungssendungen bitte hier klicken

Freitag, 18. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 26 der Fortsetzungsgeschichte

     Allmählich verlangsamte sich die Bewegung, auch der Wirbel rotierte langsamer. Peter schöpfte Hoffnung. Er spürte die Anwesenheit von Personen. Sie griffen nach ihm, pressten seine Arme und Beine zusammen. Jemand berührte seine Hände. Aber nicht, um ihm die Hand zu reichen, sondern um etwas um seine Gelenke zu legen. Es war kalt, fühlte sich wie Eisen an.
     Handschellen! Man hatte ihn in Ketten gelegt, den letzten Rest seiner Bewegungsfreiheit genommen. Um seine Füße schlangen sich noch immer die Tentakel, und an den Händen trug er nun Handschellen, beides schien miteinander verbunden zu sein. Peter konnte sich kaum noch regen.
     „Was soll das?“, rief er. „Was habt ihr vor?“
     Das Dröhnen kehrte zurück. Peter fiel auf, dass er es eine Weile nicht gehört hatte; als er durch den Wirbel gezogen wurde, hörte er zunächst nur das Rauschen eines Sturmes, später auch die Stimmen der Personen, die ihm erschienen waren und möglicherweise an die Stationen seines Lebens erinnern sollten. Aber es ging ja alles so schnell, er konnte es nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Jetzt war das Dröhnen wieder da. Peter erkannte es als das Geräusch eines Motors, eines schweren Dieselmotors. Auch das Quietschen ertönte wieder. Ketten! Es kam von den Ketten, die um seinen Leib geschlungen waren und an ihm zerrten. Peter versuchte den Ort zu bestimmen, an dem er sich befand. War es eine Höhle? Eine offene Landschaft? Ein Wald? Ein fremder Planet? Kein Hinweis ließ sich ausmachen, nicht mal eine Schattenlinie entdeckte Peter. Eine tiefe, undurchdringliche Dunkelheit umgab ihn. Er spürte nur, dass er immer weiter fortgezogen wurde.
     „Sagt mir doch endlich, wo ich bin“, rief er. „Wo bringt ihr mich hin?“
     Er bekam keine Antwort. Die Ketten zogen ihn weiter fort, immer weiter und weiter. Peter spürte eine Veränderung unter seinem Körper, etwas Nasses, Glitschiges kam hinzu. Es fühlte sich an wie eine Art Schlamm. Ein Schlamm, wie man ihn in Sümpfen oder manchmal am Meer fand. Nur hatte dieser nichts Organisches an sich, er war dreckig und stank. Anscheinend hatte er sich mit Öl vermischt, mit altem, verunreinigtem Maschinenöl. Peter konnte es riechen, er spürte es am ganzen Leib. Metallspäne steckten in dem Öl, kleine, spitze Stücke, die erst seine Kleidung und dann seine Haut aufrissen, um ihm Schmerzen zu bereiten.
     „Na toll, ich bin in der Hölle gelandet“, sagte er zu sich selbst.
     Die Marter war damit noch nicht beendet. Peter spürte, dass sich zwischen seinen Beinen Schlamm anhäufte. Sein Körper wirkte wie ein umgekehrter Schneepflug, als er über den Boden gezogen wurde. Schließen konnte er die Beine nicht, zwischen den Füßen steckte eine Querstange. Immer größere Mengen sammelten sich an. Peter versuchte sie abzuschütteln, er drehte sich mal nach links, mal nach rechts, er stützte sich auf seinen Händen ab, soweit es die Ketten zuließen, benutzte die Ketten sogar als Werkzeug, doch es half alles nichts. Die Masse nahm stetig zu, immer mehr Schlamm türmte sich auf, wuchs zu einem Berg an. Dann löste sich eine Lawine und brach über seinen Oberkörper herein, drückte ihn nieder, erschwerte das Atmen…
     „He, aufhören! Was soll das? Ich krieg keine Luft mehr. Aufhören!“        
     Der Druck ließ nach.                     
     Für einen Augenblick fühlte er sich erleichtert, ein Teil des Schlamms fiel zur Seite. Aber ein anderer Teil fing an, sich zu bewegen. Ein Arm wuchs aus dem Schlamm heraus, griff nach seiner Kehle, drückte sie zu. Peter geriet in Panik, er fürchtete, ersticken zu müssen. Er packte den Arm und rang mit ihm, die Ketten ließen ihm gerade genug Freiraum dafür. Seine Kraft war die größere, es gelang ihm, den Arm fortzustoßen. Er bekam wieder Luft, schnappte sie gierig auf. Aber kaum war der eine Arm verschwunden, tauchten zwei, drei, vier neue auf und auch sie würgten ihn. Der Übermacht konnte er sich nicht widersetzen, sie besiegten ihn, drückten seinen Kopf in den Schlamm, schnürten ihm die Luft ab. Die Panik kehrte zurück, Peter wandte seine letzten Reserven auf, schlug und trat, biss und spuckte sogar…
     Dann aber fiel ihm ein, dass er ja bereits tot war und nicht noch einmal sterben konnte. Abrupt stoppte er all seine Bewegungen. Peter lachte. Er wehrte sich nicht mehr, ließ es einfach geschehen. Er hörte auf zu denken. Sein Kopf leerte sich, Bilder lösten sich auf, gesprochene Worte verstummten, Informationen zerrannen im Nichts. Peter empfand keinen Groll mehr, die Angst ließ nach. Er fühlte sich frei. Es gab nichts mehr, was er noch tun musste. Keinen Feind musste er mehr bekämpfen, kein Ziel erreichen und keinen Auftrag erfüllen. Alles war bereits erledigt.
     Und plötzlich hörte es auf. Die Arme rangen nicht mehr mit ihm, ließen einfach los, gaben seinen Körper frei. Sie zogen sich zurück und verschwanden in der Dunkelheit.
     „Ihr Bastarde!“, rief Peter ihnen nach. Wieder lachte er.
     Doch es war noch nicht ganz vorbei. Er wurde weitergezogen, in eine Richtung, die er nicht zu bestimmen vermochte, hin zu einem Ort, den er nicht sah, den er nicht kannte. Es dröhnte und quietschte, er spürte den Schlamm und die Metallsplitter. Auch das Gewicht zwischen seinen Beinen erhöhte sich wieder, abermals wuchsen Körperteile aus dem Schlamm heraus. Sie fügten sich zu Menschen zusammen, sie zerrten an ihm, sie drückten ihn nieder. Peter erkannte einige von ihnen. Er sah Mona, er sah Leroy, er sah einen schwarzen, verkohlten Körper, von dem er ahnte, dass es Hassan war, der in seinem Panzer einen qualvollen Tod gefunden hatte. Sie schlugen ihn, bissen ihn und kratzten ihn…
     Diesmal jedoch empfand Peter keine Schmerzen, er hatte auch keine Angst. Er wusste, dass sie ihm keinen Schaden zufügen konnten. Peter verstand sogar, warum sie all das taten. Aus denselben Gründen, aus denen auch er es getan hatte. Helenas letzte Worte kamen ihm wieder in den Sinn: Du kannst dir nur selbst vergeben. Du kannst dich nur selbst erlösen. Du tust es, indem du es tust.
     Peter schüttelte sich. Er schüttelte die Personen ab, die ihn niederdrückten. Dann beugte er sich vor, riss die Handschellen auseinander und riss die Ketten ab, die ihn fortzogen. Die Bewegung brach ab. Er stand auf und ging davon.
     Es wurde hell. Ein leises Piepen erklang. Jemand beugte sich über ihn. Er trug einen weißen Kittel und einen Mundschutz, der hohe Haaransatz wies ihn eindeutig als Mann aus.
     „Hallo, Mr. Smit. Bleiben Sie ganz ruhig. Ich bin Dr. Carlton. Sie hatten einen Unfall. Aber Sie werden wieder gesund. Wir kümmern uns um Sie.“
     Der Höllenmaschinist erwachte aus seinem Traum.


            
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Freitag, 11. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 25 der Fortsetzungsgeschichte

     „Was willst du damit sagen?“
     Helena antwortete nicht. Es war nicht nötig, die medizinischen Geräte gaben die Antwort. Ein lauter Piepton erklang.             
     „Was soll das?“ Er ging zu den Geräten, sah auf die Bildschirme. Die angezeigten Werte änderten sich, die Kurven fielen ab.
     „Hast du das getan, Helena?“
     „Nein, das hast du selbst getan.“
     „Wie…“ Peter kam nicht dazu, den Satz zu vollenden.
     Die Tür wurde aufgestoßen, medizinisches Personal stürmte in das Zimmer. Eine Krankenschwester riss die Plane beiseite, ein junger Arzt schaute auf die Anzeigen. Er wirkte unschlüssig.
     „Rufen Sie Dr. Carlton“, sagte er schließlich. „Wir brauchen seine Hilfe.“
     Die Krankenschwester rannte aus dem Zimmer.
     Peter stand neben dem Bett, sah auf seinen leblosen Körper. „Tu doch was“, rief er dem Arzt ins Gesicht. „Tu doch endlich was.“
     „Er kann dich nicht hören“, sagte Helena.
     Peter wollte den jungen Mann an den Schultern packen und kräftig durchschütteln – doch seine Hände griffen ins Leere.
     „Das bringt nichts“, sagte sie. „So, wir müssen jetzt allmählich los…“ Helena machte einen Schritt in Richtung Tür.
     „Noch nicht. Ich werde mich ändern. Ich verspreche dir, ich werde mich ändern.“
     „Das kommt ein bisschen spät, mein Lieber.“
     Die Tür öffnete sich abermals. Draußen erklangen wieder jene Geräusche, die Peter bereits gehört hatte, als er den Flur erkundete, das tiefe Dröhnen, in das sich ein schrilles Quietschen einfügte, und das menschliche Wehklagen.
     Peter fiel auf die Knie, griff nach Helenas Kleid, um sich daran festzuhalten. „Noch nicht. Ich flehe dich an, gib mir eine zweite Chance.“
     Mit sanfter Gewalt löste sie sich von ihm. „Das kann ich leider nicht.“   
     Er kroch auf den Knien umher, faltete seine Hände zum Gebet und reckte sie empor. „Jesus, ich flehe dich an: Erlöse mich. Schick mich bitte nicht in die Hölle.“
     Helena schüttelte den Kopf. „Jetzt geht das wieder los. Peter, niemand schickt dich in die Hölle. Alles liegt in deiner Verantwortung.“
     Hektisch drehte er den Kopf, sah in alle Richtungen. Als er merkte, dass nichts geschah, rief er: „Buddha, hörst du mich? Hol mich zu dir ins Nirwana.“
     „Oh Mann…“
     Ein Luftzug wehte durch den Raum. Peter spürte eine Sogwirkung. Etwas zog ihn fort. Es kam aus dem Korridor und griff ins Krankenzimmer hinein. „Was passiert hier?“
     „Darf ich dir leider nicht sagen.“
     Er richtete sich auf, wollte zum Fenster rennen und hinausspringen, doch der Boden war plötzlich glatt wie Eis. Peter lief so schnell er konnte, kam dabei aber keinen Meter voran. „Mohammed! Großer Prophet! Vergib mir meine Sünden. Ich bitte dich, erlöse mich mit deiner Gnade“, keuchte er.
     „Wieder falsch“, sagte Helena. „Du kannst dir nur selbst vergeben. Du kannst dich nur selbst erlösen.“
     Der Sog wurde stärker, zog ihn langsam zur Tür. Peter bekam den Türrahmen zu fassen und hielt sich dort fest. „Aber sag mir doch, was ich tun soll! Wie soll ich es besser machen?“
     „Das weißt du längst, Peter. Du bist im Besitz aller wichtigen Informationen. Du hast auch andere Gefühle und Gedanken in dir, du musst sie nur zulassen. Du hast nicht nur Wut in dir, sondern auch Liebe, nicht nur Angst, sondern auch Mut, nicht nur ein Gefühl von Überlegenheit, sondern auch eines von Anteilnahme. Werde dir darüber bewusst und lass es geschehen. Anschließend ändern sich deine Gedanken, und mit deinen Gedanken ändert sich die Welt, in der du lebst.“
     Peter lachte. „Ja, natürlich. Ich habe alles in mir… Ich muss es nur zulassen…“
     Er lachte lauter, dabei zitterte er und schwitzte. „Aber… aber warum sagst du mir das erst jetzt, wo es auf ´s Sterben zugeht? Warum hast du mir es nicht früher gesagt, als noch Zeit war, als ich mich hätte ändern können?“ Er schrie sie an: „Warum erst jetzt?“
     „Du irrst dich, Peter. Ich habe es dir früher gesagt, wir haben es dir früher gesagt. Du wirst ständig über diese Dinge informiert. Es geschieht auf zweierlei Weise: Einmal über deine innere Stimme, die jeden Tag zu dir spricht. Das ist ein Teil von dir, der Ratschläge gibt und vorhersagt, was geschehen könnte, wenn du etwas tust oder lässt.“
     „Innere Stimme? Tut mir leid, so etwas habe ich nicht. Da muss irgendwas defekt sein bei mir…“ Mit den Fingern verkrallte er sich am Türrahmen, mit dem rechten Bein versuchte er sich an der Wand zu verhaken.
     „Jeder hat eine innere Stimme, Peter. Nur viele von euch beachten sie einfach nicht. Deshalb werden euch immer wieder weise Männer und Frauen gesandt, die euch an Dinge erinnern, die ihr schon wisst. Sie treten auf als religiöse oder politische Führer, als Künstler oder Wissenschaftler. Du kennst ihre Namen, Peter, du kennst ihre Botschaften.“
     „Ja, aber es wird doch so viel geredet, so vieles widerspricht einander. Man weiß doch gar nicht, was man glauben soll.“
     Der Sog überstieg Peters Kräfte. Er musste den Türrahmen loslassen, stürzte zu Boden und wurde in den Flur hinausgezogen.
     Helena ging ihm nach. „Weil ihr die Botschaften verzerrt, Peter. Weil ihr sie kürzt, ergänzt und abändert, so dass sie euren Wünschen entsprechen. Aber die wesentlichen Informationen kennst du.“
     „Was? Was meinst du?“
     „Erinnere dich, was Buddha Siddhartha gesagt hat, Peter. Sagte er etwa: Du sollst die Menschen in die Guten und die Bösen aufteilen, und mit den Bösen darfst du machen, was du willst. Hat er das gesagt, Peter?“
     „Nein, nein, das hat er nicht gesagt.“
     Am Ende des Flures erschien wieder die dunkle Spirale. Sie drehte sich, schneller und schneller. Ein Sturm begann zu heulen. Papierfetzen sausten durch die Luft und verschwanden im Wirbel. Es war seine Krankenakte, die sich langsam auflöste. Mit aller Kraft stemmte sich Peter gegen den Sog, er versuchte am Boden Halt zu finden, seine Fingernägel zogen Kratzspuren hinter ihm her.
     „Und was hat Jesus zum Thema Schuld gesagt? Sagte er etwa: Du sollst über jede Schuld peinlich genau Buch führen, und du sollst die Rückzahlung  jeder Schuld einfordern. Und wenn jemand seine Schuld nicht begleichen kann, dann soll er dafür büßen. Hat er das gesagt, Peter?“
     Auch die Augen waren wieder da. Peter sah nicht hin, doch er wusste, dass sie auf ihn gerichtet waren.
     „Nein, hat er nicht.“
     „Was sagte Jesus über die Schuld, Peter?“
     „Man soll vergeben… Ja, vergeben soll man sie.“ Er spürte kaltes Eisen an seinen Füßen, metallische Tentakel griffen nach ihm.
     „Und er sagte noch etwas. Jesus sagte etwas über den ersten Stein… “
     „Ja, ja, ich kenne das Gleichnis mit dem ersten Stein!“, brüllte Peter. Seine Finger rissen Brocken aus dem Boden, die augenblicklich in der Spirale verschwanden.
     „Na bitte. Du weißt alles. Also warum handelst du nicht danach?“
     „Aber wie? Wie soll ich es tun?“
     „Es ist ganz einfach. Du tust es, indem du es tust.“    
     Die Tentakel rissen ihn fort, warfen ihn in die dunkle Spirale hinein. Um Peter herum drehte sich alles, das Krankenhaus löste sich auf, Mauern und Maschinen zerfielen in winzig kleine Bruchstücke. Es ging rasend schnell, das Tempo steigerte sich sogar noch.
     „Vergebt mir!“, rief er in die rotierende Dunkelheit hinein.
     Peter suchte nach einem hellen Licht, das ihn am Ende eines Tunnels erwarten sollte, so wie er es aus den Erzählungen kannte. Doch er konnte nichts davon erkennen, kein helles Licht, keinen Tunnel, auch ein Ende von all dem kam nicht in Sicht. Er war in dem Wirbel gefangen. Peter fühlte sich rettungslos verloren, seine Hoffnung schwand.
     „Helena? Bist du hier irgendwo?“
     Niemand antwortete. Helena schien sich mit dem Krankenhaus im Nichts aufgelöst zu haben.
     „Ist hier jemand? Ein Mensch, ein Engel, irgendwer?“
     Plötzlich bildeten sich regelmäßige Strukturen. Menschliche Umrisse erschienen im Wirbel. Erst waren es nur dunkle Schattenrisse, dann hellten sie sich auf. Peter erkannte die Gesichter von Personen, die in seinem Leben von Bedeutung waren, Mona, die Kinder, seine Eltern, Freunde, Kollegen, Kameraden. Sie regten sich jedoch nicht, blickten nur stumm auf ihn herab. Zu den Menschen kamen Orte hinzu. Es waren die Orte, an denen Peter gelebt hatte, sein Elternhaus, die Schule, eine Kaserne, seine eigenen Häuser, sein Büro, alles blitzte für einen Moment auf und verschwand gleich wieder. Stimmen erklangen. Jemand sprach ihn an, Peter verstand die Worte aber nicht. Es hatte etwas mit seinem Leben zu tun, glaubte er. Anklage? Rechenschaft? Urteil? Sinnloses Geschwätz? Alles ging wild durcheinander.
     Die Kraft zog ihn weiter fort, durch den Wirbel hindurch, mit ungeheurer Macht. Peter konnte sich nicht dagegen wehren, so sehr er auch strampelte, um sich schlug, schrie und weinte, es ging immer weiter, in tiefere und dunklere Welten hinein. Ein Ende war nicht abzusehen. Peters Kraft ließ nach, sein Widerstand wurde schwächer.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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Sonntag, 6. April 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 24 der Fortsetzungsgeschichte

     Was der Lehrer jedoch erwähnte, war, dass es eine Verschwörungstheorie gab, wonach der amerikanische Präsident und vielleicht auch weitere Stellen von dem bevorstehenden Angriff wussten, jedoch nichts dagegen unternahmen, um einen Grund für einen Krieg gegen Japan zu haben. Im Internet kursierten dazu allerlei verrückte Geschichten, im Wortlaut ähnlich wie jene über das Ufo, das angeblich bei Roswell abgestürzt war und in Area 51 vor der Öffentlichkeit verborgen wurde, oder wie jene über die Mondlandung, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben sollte.
     Die Kinder lachten herzlich darüber.        
     Es gab noch viel mehr Informationen, die lächerlich gemacht oder den Kindern vorenthalten wurden. Man sagte ihnen nicht, was die amerikanische Regierung wirklich dazu bewog, die Atombomben auf Japan abzuwerfen. Man sagte ihnen nicht, dass das Kaiserreich zu diesem Zeitpunkt militärisch geschlagen und zu Kapitulationsverhandlungen bereit war. Die Kinder erfuhren auch nicht, welche weitreichenden Folgen der Einsatz dieser furchtbaren Waffen für die Menschheit hatte. Sie erfuhren nicht, dass dadurch große Angst aufseiten derjenigen entstand, die damit rechnen mussten, beim nächsten Konflikt Angriffsziel der Atombomber zu sein. Sie erfuhren nicht, dass dadurch eine Kettenreaktion anlief, dass eine Regierung nach der anderen eine eigene Atombombe verlangte, eine Entwicklung, die bis in ihre Gegenwart hineinreichte und sich nicht nur auf Regierungen, sondern mittlerweile auch auf Terrororganisationen erstreckte. Sie erfuhren auch nichts von der Existenz des Atomwaffensperrvertrages, der nicht nur die Weitergabe von Technologien zur Herstellung von Atomwaffen verbot, sondern auch die bisherigen Atommächte dazu verpflichtete, ihre Atomwaffenarsenale aufzulösen, damit sich niemand mehr davon bedroht fühlte. All das erfuhren die Kinder nicht.
     Obwohl eine der Hauptforderungen der Erwachsenen Niemals vergessen! lautete, hatten sie selbst doch den größten Teil der Geschichte vergessen. Und sie hatten vergessen, welche Konsequenzen sich daraus ergaben. Wenn es aber jemand wagte, sie daran zu erinnern, erkannten sie in ihm, dem Ehrlichen, eine Witzfigur und betitelten ihn als Verschwörungstheoretiker, sofern die Angst ein gewisses Maß nicht überschritt; bei großer Angst aber erkannten sie in ihm den Feind und versuchten ihn zu bekämpfen und zu vernichten.
     Und es gab noch etwas weit Bedeutenderes, das die Erwachsenen den Kindern vorenthielten: Freiheit. Sie sprachen zwar bei jeder Gelegenheit von diesem höchsten aller Rechte, garantierten es sogar in der Verfassung, doch was sie meinten war nicht Freiheit, sondern Auswahl. Sie garantierten die Auswahl zwischen Politikern und Parteien, zwischen Schulen und Universitäten, zwischen Produkten und Dienstleistungen, die sich alle mehr oder weniger glichen. Die Menschen im Land konnten wählen zwischen Coca-Cola und Pepsi, zwischen ABC News und CBS News. Die wahre Freiheit jedoch, ohne Angst leben zu können, verweigerten sie ihnen. Ständig waberte eine gewaltige Blase aus Angst über ihren Köpfen, die Angst vor dem Bösen, die Angst vor den weit entfernten Ungeheuern, den Nazis, Kommunisten und Terroristen, von denen man so viel hörte, obwohl die meisten noch nie ein echtes Exemplar aus diesen Gattungen zu Gesicht bekommen hatten, aber auch die Angst vor denen, die ihnen ganz nahe waren, Diebe und Gewalttäter, die ihnen etwas wegnehmen oder sie verletzen könnten, wodurch sie in Armut und Unglück stürzen würden, was wiederum neue Angst auslöste.
     Darunter litten sie, die Angst versetzte sie in Wut, zuweilen rief sie sogar blanken Hass hervor. Diese Gefühle gaben sie weiter an ihre Kinder, offen und versteckt, so wie sie die Gefühle selbst schon von ihren Vorvätern übernommen und nicht hinterfragt hatten. Mit jedem Jahr wurde das System aus Angst und Wut, Belohnung und Bestrafung weiterentwickelt, es passte sich den Gegebenheiten der jeweiligen Epoche an, manchmal kam es sehr grobschlächtig daher, mit grellen Bildern und lauten Geräuschen, und manchmal verhielt es sich sehr unauffällig, versteckte sich dort, wo es niemand vermutete.
     Als Lori von der Schule kam, stellte sie gleich den Computer an. Ihre jüngeren Brüder hatten bei dem Spiel, das ihnen ihr Vater zu Weihnachten schenkte, einen höheren Punktestand erreicht als sie, das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Obwohl Lori das Spiel selbst nicht besonders mochte. Es handelte vom Vietnamkrieg, die Aufgabenstellung lautete, möglichst viele feindliche Flugzeuge abzuschießen, Waffenlager zu zerstören oder den Ho-Chi-Minh-Pfad zu unterbrechen, ohne in den Feuerbereich des Gegners zu gelangen. Als Einsatzflugzeug wählte Lori eine F-4 Phantom und bewaffnete sie mit Sidewinder-Raketen und ungelenkten Bom-ben, zu ihrer Heimatbasis bestimmte sie den Flugzeugträger Kitty Hawk. Dann zog sie in den Krieg.
     Bis zum Abend hatte sie über einhundert nordvietnamesische MIGs abgeschossen, drei Fabriken und elf Waffenlager zerstört und über siebzig Mal den Ho-Chi-Minh-Pfad angegriffen. Dabei wurde sie selbst zwar einmal von der Flak und zweimal von sowjetischen SAM-Raketen abgeschossen, konnte sich aber jeweils mit dem Schleudersitz retten. Kurz bevor Mona ins Zimmer kam und ihrer Tochter endgültig verbot, weiterzuspielen, hatte sie es geschafft: Eine Fanfare ertönte, Loris Name erschien ganz oben auf der Siegerliste. Wie eine Königin stieg sie ins Erdgeschoss herab, um die Nachricht zu verkünden.
     Den Rest des Abends verbrachte sie mit ihrer Familie vor dem Fernseher. Im Kabelnetz lief ein Kriminalfilm, allerbeste Hollywood-Ware. Normalerweise erlaubte Mona ihren Kindern nicht, solche Filme anzusehen, doch dieser hatte immerhin fünf Oscars gewonnen. Im Zentrum der Handlung stand ein Polizist, dessen Familie Jahre zuvor von einer Gangsterbande getötet worden war und der nun auf Rache sinnte. Es erforderte langwierige Ermittlungen, um die Verbrecher aufzuspüren, die sich als biedere Bürger tarnten. Einer bekleidete sogar ein hohes politisches Amt, er behinderte die Arbeit des Helden, wo er nur konnte. Mit Einsetzen der Schlussmusik hatte der Rächer aber auch den letzten Täter gefunden und zu Tode gebracht.      
     Peter schaltete den Fernseher ab. Er war zufrieden. Die beiden Jungs zitterten zwar, wahrscheinlich würden sie in der folgenden Nacht schlecht schlafen, doch das war wenig im Vergleich zu der Lektion, die sie gelernt hatten: Der Kampf zwischen Gut und Böse währt ewig, und am Ende siegt immer das Gute.
     Lori küsste ihre Eltern und ging nach oben. Als sie schon im Bett lag, klingelte ihr Telefon. Eine Freundin war dran, erzählte mit atemloser Stimme, was sie an diesem Tag im Einkaufszentrum erlebt hatte. Lori hörte sich alles geduldig an, fragte, kommentierte und brach immer wieder in Gekicher aus. Wie jede Heranwachsende interessierte auch sie sich für Mode, Jungs und Popmusik, wobei die Reihenfolge der Bedeutung fast jede Woche wechselte. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen ließ sie sich aber nicht von diesen Themen beherrschen. Lori war zielstrebig, hatte einen festen Lebensplan.
     Mondlicht fiel durch das Fenster in ihr Zimmer. An der Wand leuchtete das Bild einer Zeremonie auf. Ihr Vater trug seine Ausgehuniform und bekam soeben einen Orden an die Brust geheftet; er wirkte stolz, sehr stolz. Entstanden war das Foto bei seiner Entlassung aus dem Militärdienst, Mitte der neunziger Jahre. Niemand erwartete damals, dass er noch ein zweites Mal in die Armee eintreten und sie danach wieder verlassen würde, mit noch mehr Orden an der Brust.
     Dieser Lebensweg schwebte auch Lori vor. Sich erst zur Armee melden, dem Präsidenten und dem Land dienen und anschließend in die Wirtschaft gehen. Nur noch drei Jahre, dann hatte sie die Schule endlich hinter sich gebracht. Karrierechancen würde es auch dann noch in ausreichender Zahl geben, daran zweifelte sie nicht. Die alten Feinde waren nicht endgültig besiegt, und am Horizont tauchten bereits neue Feinde auf. In ihrer Umgebung hörte man viel von der Bedrohung durch die Chinesen. Sie überschwemmten den amerikanischen Markt mit ihren billigen Produkten, vernichteten dadurch amerikanische Arbeitsplätze, sie spionierten bei amerikanischen Unternehmen und dem Militär. Außerdem hatten die Chinesen Tibet überfallen, Taiwan wollten sie zurückerobern. Und dann gab es ja noch das Problem mit den Terroristen, und in Südamerika waren die Kommunisten wieder auf dem Vormarsch…
     Lori schlief ein. Das Bild löste sich auf.                               
     „Nein, nein, nein!“ Peter schüttelte den Kopf, schüttelte die Arme. Hätte er einen Tisch zur Verfügung gehabt, hätte er mit den Fäusten darauf getrommelt. „Lori soll gleich in die Wirtschaft gehen. Sie darf keine Uniform tragen. Sie soll Ärztin werden. Oder Anwältin. Sie ist so ein hübsches und intelligentes Mädchen.“
     „Das stimmt.“
     „Ich kümmere mich um ihre Zukunft. Vor ein paar Wochen erst habe ich sie in die Kanzlei meines Anwaltes mitgenommen. Der hat ihr gezeigt, wie spannend die Arbeit an einem Fall ist. Man kann doch überall für das Gute kämpfen, auch in einem Gerichtssaal.“           
     „Sie fand es langweilig. Lori nannte es Aktenwälzen und Staubschlucken. Beim Militär gibt es mehr Aufregung.“
     „Ich verbiete es Ihr!“, brüllte er. Peter brüllte Helena an, als ob sie seine Tochter wäre. „Ich lasse es nicht zu! Lori geht nicht zur Armee.“
     „Peter, beruhige dich. Du hast keine Macht über sie. Lori kann es tun, sobald sie volljährig ist. Vielleicht wird deine Tochter eines Tages auf Hassans Sohn treffen. Vielleicht werden sie auf derselben Seite stehen, vielleicht werden sie aber auch gegeneinander kämpfen. Vielleicht wird deine Tochter den tödlichen Schuss aus einer Panzerkanone abgeben. Oder sie wird selbst den tödlichen Schuss abbekommen, vielleicht wird sie im Panzer verbrennen…“               
     „Genug, das ist genug! Ich will das nicht hören.“ Peter wandte sich von Helena ab, ging zum Fenster. „Deshalb tun wir das doch alles! Deshalb kämpfen wir! Damit unsere Kinder eines Tages in einer besseren Welt leben. Einer gerechten Welt, einer Welt, in der es keinen Hass und keine Gewalt mehr gibt. Davon träume ich, davon träumen alle guten Menschen. Und du wirst sehen, eines Tages werden wir unser Ziel erreichen. Mit Gottes Hilfe…“
     Er hob seinen Kopf und blickte zuversichtlich aus dem Fenster, obwohl er draußen nichts sah, außer einer alles verschluckenden Dunkelheit. Es war ihm so, als hörte er aus der Ferne die Nationalhymne erklingen, und irgendwo dort hinten, so glaubte er, musste die Flagge im Wind wehen. Beinahe automatisch, ohne dass er lange darüber nachdachte, fand seine Hand den Weg zur Schläfe. Peter salutierte, Tränen standen ihm in den Augen. „Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen.“
     Im ersten Moment dachte Helena, er wollte einen Scherz machen. Doch Peter meinte es ernst.
     Sie stellte sich neben ihn und sprach mit besonders sanfter Stimme. „Peter, nimm es mir nicht übel, aber du bist ein Vollidiot. Du kapierst rein gar nichts. Ständig wiederholst du die alten Gefühls- und Gedankenmuster. Und obwohl du immer wieder die gleichen Resultate erlebst, änderst du nichts daran. Man kann es dir auf drei verschiedene Weisen erklären, doch du kapierst es immer noch nicht. Jedes Argument parierst du mit einem Gegenargument, und sei es noch so dämlich. Vielleicht ist es ganz gut, wenn du in eine andere Umgebung gelangst. Vielleicht hilft es dir, in einer anderen Welt über deine Lebensweise nachzudenken.“

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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Der Höllenmaschinist - Erzählung
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Donnerstag, 3. April 2014

Buchkritik: Die Weimarer Republik von Eberhard Kolb und Dirk Schumann - Oldenbourg Verlag wird schwächer


Dieses Buch wird als Standardwerk zur Geschichte der Weimarer Republik bezeichnet. Unverständlich, wenn man es gründlich analysiert. Leider gilt auch hier, was man über die meisten Bücher zu diesem schwierigen Thema sagen muss: unvollständig und unausgewogen.

Immerhin kann man den Autoren zugute halten, dass ihr Buch übersichtlich gestaltet und im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Werken, die sich einer umständlichen, mit vielen Fachausdrücken gespickten Sprache bedienen, leicht lesbar ist. Das allerdings ist nicht viel, wenn man die hohen Ansprüche bedenkt, die die Herausgeber und der Autor Eberhard Kolb in ihren Vorwörtern formulieren. Sie sprechen davon einen Überblick über die zeitgeschichtliche Forschung zu geben, verlieren dabei aber den Gegenstand ihrer Forschung aus den Augen.

Die üblichen Fehler
  
Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Erstens: Eine chronologische Aufzählung der (aus Sicht der Autoren) wesentlichen Ereignisse der Weimarer Republik. Zweitens: Grundprobleme und Tendenzen der Forschung. Drittens: Quellen und Literatur. Obwohl der letzte Teil beinahe hundert Seiten (!) umfasst, bringen es die Autoren dennoch fertig, viele wichtige und zugleich brisante Fakten auszusparen. Als erstes Beispiel seien zwei Zahlen genannt: 68 und drei. Laut dem Young-Plan (beschlossen im Jahr 1929) sollte Deutschland für den verlorenen Ersten Weltkrieg bis 1987 Reparationen leisten. Da bereits seit 1919 Sach- und Geldleistungen abgeführt wurden, ergibt sich daraus eine Gesamtlaufzeit von 68 Jahren. Die Autoren schreiben auf Seite 73: „In Deutschland jedoch wurde damals der Young-Plan nicht allgemein als der Erfolg anerkannt, der er tatsächlich war.“ Diese Aussage ist höchst problematisch. Sicher, im Vergleich zu den vorherigen Plänen war der Young-Plan relativ milde. Aber die normalen Bürger schauen nicht nur auf das, was in internationalen Konferenzen verhandelt wird, auch nicht auf die Zukunftserwartungen von Politikern oder Wissenschaftlern. Wichtig für uns Menschen ist vor allem das eigene Erleben, auch das unserer Vorfahren und Nachkommen. Und da drängt sich ein ganz anderer Vergleich auf: der Deutsch-Französische Krieg von 1871/71.

Frankreich hatte diesen Krieg verloren und musste dafür Reparationen leisten – ganze drei Jahre lang. Danach erhielt das Land seine volle Souveränität zurück, die deutsche Armee gab sogar einige beschlagnahmte Waffen an den ehemaligen Kriegsgegner zurück, auch die französischen Kolonien wurden nicht von Deutschland beansprucht. Mehr noch, im folgenden Jahrzehnt setzte ein großer Wirtschaftsaufschwung bei unseren westlichen Nachbarn ein, man baute das damals höchste Gebäude der Welt – den Eiffelturm. Für den verlorenen Krieg von 1870/71 sollte also nur die Kriegsgeneration eine kurze Zeit lang zahlen. Für den Krieg von 1914-1918 sollten aber auch die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration zahlen, also Menschen, die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch gar nicht geboren waren. Das löste damals große Empörung aus – eine Empörung, die sich rechte und linke Extremisten zunutze machten.

Qualität der Forschung lässt nach

Ein weiteres Beispiel ist die Rüstung nach 1918, der Einfachheit halber hier beschränkt auf die militärische Luftfahrt. Die Siegernationen des Ersten Weltkriegs verboten Deutschland eine eigene Luftwaffe, auch Luftabwehrkanonen waren nicht erlaubt. Laut Versailler Vertrag sollten alle Nationen gleichmäßig abrüsten. Die Sieger hielten sich jedoch nicht an ihre eigene Vorgabe, sie behielten einen großen Teil ihrer Kampfflugzeuge aus dem Weltkrieg, zugleich entwickelten und bauten sie immer neue leistungsfähigere Flugzeuge. Im Falle eines neuen Krieges hätten ausländische Luftflotten Deutschland bombardieren können, ohne dass die Reichswehr eine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt hätte (siehe auch Militärische Luftfahrt nach 1918). Kolb und Schumann unterschlagen diese wichtigen Informationen vollständig.

Die Liste der Unterschlagungen ließe sich noch lange fortsetzen. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein anderer Vergleich. 1966 erschien im selben Verlag ein Buch mit dem sperrigen Titel „Entwaffnung und Militärkontrolle in Deutschland 1919 – 1927.“ Dem Autor Michael Salewski gelang damals ein erstaunlich mutiges und vor allem vollständiges Werk, das in dieser Form heute sicher nicht mehr erscheinen könnte. Auch dazu ein Beispiel. Da die Weimarer Republik seit ihrer Gründung von Kommunisten und Rechtsextremisten bekämpft wurde, benötigte sie eine schlagkräftige, mit ausreichend Personal, Material und Befugnissen ausgestattete Polizei – so würde zumindest jeder vernünftige Mensch argumentieren. Nicht aber die Gewinner des Weltkrieges. Sie versuchten die deutsche Polizei zu beschränken, wo immer es ihnen möglich war. Salewski liefert dazu viele Einzelinformationen und resümiert mit folgendem Zitat: „Aus all dem ergab sich für Deutschland das Fazit, dass die IMKK die völlige Auflösung der Polizei in eine undisziplinierte, für jede irgendwie größere Unternehmung untaugliche, jeder Schlagfertigkeit entbehrenden, nur noch für den Straßendienst in ruhigen Zeiten verwendbare Einzelschutzmannschaft anstrebte.“ 
Kolb und Schumann dagegen machen es sich leicht, indem sie diesen schwierigen Themenkomplex gänzlich ausklammern.  

Generation Casablanca - wie so oft

Zwei wichtige Fragen ergeben sich daraus: Wie kann es sein, dass intelligente und akademisch gebildete Menschen wie die beiden Autoren und deren Verleger ein solch eindimensionales und unvollständiges Werk schreiben und in das Verlagsprogramm aufnehmen? Und wie kann es auch noch als Standardwerk gelten? Die Antworten sind wahrscheinlich im kulturellen Umfeld zu suchen, in dem alle Beteiligten aufgewachsen sind. Kolb und Schumann sind Teil der „Generation Casablanca“, also derjenigen, die ihr ganzes Leben unter dem Einfluss der angloamerikanischen Kultur verbracht und nicht hinterfragt haben (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten). Für diese Menschen ist es selbstverständlich, voreingenommen zu sein, Dinge einseitig zu betrachten und nicht genau hinzusehen. Ursache hierfür ist, dass sie vom Prinzip „Teilung“ überzeugt sind. Demnach ist die Welt in einen guten und einen schlechten Teil gespalten, in Täter und Opfer, Schuldige und Unschuldige. Weil diese Überzeugung aber grundsätzlich falsch ist, müssen ihre Anhänger auch Informationen teilen, in gute und schlechte, in solche, die man veröffentlicht, und solche, die man lieber unterschlägt – in den meisten Fällen geschieht dies unbewusst.

Eberhard Kolb und Dirk Schumann unterläuft der Kardinalfehler aller gegenwärtigen Forscher: Sie betrachten die Vorgänge zu sehr aus der Perspektive der Nachgeborenen, sie versetzen sich nicht in die Personen hinein, über die sie schreiben – und urteilen. Auch aus diesem Geschichtsbuch erfährt man viel über die Autoren, aber nur wenig über die Geschichte.


Wer sich wirklich umfassend informieren will, auch über die tieferen Ursachen menschlichen Handelns, sollte dieses Buch lesen:

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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Sonntag, 30. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 23 der Fortsetzungsgeschichte

     Der Wecker klingelte um sieben Uhr morgens. Lori sprang sofort aus dem Bett. Jedoch nicht, weil es sie drängte, in der Schule etwas zu lernen, sondern um das zu vollenden, was sie am Abend zuvor angefangen hatte, bevor sie das Licht in ihrem Zimmer ausmachen musste. Lori schlug den Comic auf, blätterte bis zu ihrem Lesezeichen. Schnell fand sie sich in die Handlung hinein, es war nicht schwer, der zwölfte Teil der Geschichte bestand aus vielen, leicht verständlichen Bildern und wenig Text.
     Der Ameisenmann hatte die Freundin von Jimmy entführt und hielt sie nun in seinem Schlupfwinkel, der Ameisenburg, gefangen. Unbesorgt ging er seinem Tagwerk nach: Ausführung und Kontrolle von wissenschaftlichen Experimenten. Mit einer Armee genetisch mutierter Ameisen wollte er die Weltherrschaft erringen, schon marschierten die ersten Minimonster in seinen Terrarien. Noch waren sie klein und schwach, aber mit jeder weiteren Generation wuchsen sie ein bisschen mehr, bis sie eines Tages in der Lage sein würden, ein Auto hochzuheben und mit ihren Mundwerkzeugen wie einen Grashalm durchzubeißen. Der Ameisenmann lachte schauerlich.
     In der Ameisenburg fühlte sich der Schurke sicher, denn sie verfügte über meterdicke Mauern, Wachtürme und Kanonen und lag zudem mitten in der Roten Wüste, weitab der Karawanenrouten. Allerdings wusste er nicht, dass sein Entführungsopfer mit den Perlen ihrer Kette heimlich eine Spur gelegt hatte.                          
     Mit seinen Superkräften war es Jimmy möglich, selbst kleine Unregelmäßigkeiten in der riesigen Weite der Wüste zu entdecken. Er folgte der Perlenspur, drang in die Ameisenburg ein und stellte den Bösewicht zum Kampf. Furchtbare Schläge wurden ausgetauscht, lange schien es so, als ob zwei gleichstarke Gegner miteinander rangen, bis es dem Ameisenmann gelang, Jimmy in eine Falle zu locken: eine fleischfressende Pflanze sollte ihn töten, auch sie entstammte dem Höllenlabor. Der Held jedoch durchschaute den Trick, gerade noch rechtzeitig sprang er zur Seite, zog den Stachel des Todes aus seiner Haut und stürzte den Verbrecher mit letzter Kraft in einen Abgrund. Sein Schrei war fürchterlich.
     Auf der letzten Seite befreite Jimmy seine Freundin aus ihrem Verlies, die beiden fielen sich glücklich in die Arme. Geschafft! Das Gute hatte gewonnen, das Böse war besiegt. Obwohl das letzte Bild keinen genauen Aufschluss darüber gab, ob der Ameisenmann im Abgrund den Tod gefunden hatte, oder ob er womöglich entkommen war…
     „Lori! Komm endlich. Wir wollen frühstücken“, rief Mona von unten.
     „Ja, Mama.“ Sie schlug das Heft zu und sortierte es in einer Kiste ein, in der bereits zahllose Hefte lagen.
     Der Schultag war langweilig. Auf zwei Stunden Mathematik folgten je eine Stunde Physik, Chemie und Englisch, allesamt Fächer, die Lori nicht besonders mochte. Erst der Nachmittag versprach interessant zu werden. Geschichte stand auf dem Stundenplan. Letzte Woche hatte der Lehrer angekündigt, dass sie das Thema Pearl Harbor behandeln würden, und seitdem freute sich Lori darauf. In ihrer Familie sprach man oft über diesen Wendepunkt amerikanischer Geschichte, dessen Bedeutung nur mit der Boston Tea Party und der Schlacht von Alamo zu vergleichen war. Den feigen Angriff der Japaner auf den Flottenstützpunkt im Pazifik hatte Loris Großvater einst zum Anlass genommen, sich freiwillig zur Armee zu melden, und noch Jahrzehnte später war er für Loris Vater einer der wesentlichen Gründe, um ebenfalls Soldat zu werden. Lori trug sich mit ähnlichen Ab-sichten, wollte aber erst die Wahrheit, die ganze Wahrheit über die damaligen Ereignisse erfahren. Der Lehrer gab sich große Mühe, er hing eine Karte an die Wand, brachte ein altes Surfbrett mit und spielte zur Einstimmung etwas Hula-Musik.
     Dann ging es los, die Rollladen wurden herabgelassen, das Licht abgeschaltet und der Film lief an. Die ersten Bilder zeigten das friedliche Leben auf der Inselgruppe, Kinder bauten Sandburgen, junge Männer und Frauen badeten im Meer, Felder wurden bestellt, Früchte geerntet, das Vieh auf die Weiden getrieben, eine fröhliche Musik spielte dazu. Alle Menschen auf Hawaii waren glücklich, niemand schien etwas Böses zu ahnen. Indes zog jedoch ein dunkler Schatten am Horizont auf, legte sich unmerklich über das Inselparadies. Die Musik brach ab, Motorenlärm dröhnte aus den Lautsprechern, verstärkt durch einen dumpfen Basston. Ein Flugzeug kam hinter einer Wolke hervor, dann noch eins und noch eins, der Strom der Maschinen riss nicht ab, sie formierten sich zu riesigen Schwärmen, die den Himmel verdunkelten. Aber noch immer begriffen die friedfertigen Insulaner nicht, welche Gefahr ihnen drohte, sie jubelten den Flugzeugen sogar zu, weil sie dachten, es wären ihre eigenen.
     Plötzlich brach die Hölle über sie herein. Ohne Vorwarnung stürzten sich die Piloten mit ihren Kampfmaschinen auf die arglose Idylle herab, warfen Bomben und Torpedos ab, zerstörten Flugzeuge und Schiffe, beschädigten Hangars und Dockanlagen, setzten Häuser und Kasernen in Brand, überall liefen schreiende Menschen umher, ungezählte von ihnen erlitten Verletzungen oder gar den Tod. Erst jetzt, als klar wurde, dass man sie feige und hinterrücks angegriffen hatte, griffen sie selbst zu den Waffen und schossen zurück. Damit endete der erste Teil des Films.
     Der zweite Teil zeigte die heutige Situation auf der Inselgruppe. Inzwischen war ganz Hawaii zu einer wehrhaften Festung ausgebaut, war nicht nur Heimathafen eines der kampfstärksten Schiffsverbände der Welt, sondern auch Hauptquartier der Pacific Air Force, einer gewaltigen Luftstreitmacht, deren Einsatzgebiet von der Westküste der USA über ganz Asien bis zur Ostküste Afrikas reichte. Damit all die Soldaten auch wussten, wofür sie kämpften, hatte man ein Mahnmal über dem zerstörten Schiffsrumpf der USS Arizona errichtet. Noch Jahrzehnte nach dem Angriff trat Öl aus den Bunkern des Schlachtschiffes aus, man nannte sie die Schwarzen Tränen. Immer wenn das geschah, flossen auch bei den Besuchern Tränen der Rührung, sie verneigten sich und warfen Blumenkränze ins Meer. Der Film endete mit der eindringlichen Forderung: Niemals vergessen! Niemals Vergessen!
     Für einen Augenblick herrschte Schweigen im Klassenzimmer, keines der sonst so lebhaften Kinder wagte es, einen Ton hervorzubringen. Der Lehrer erhob schließlich seine Stimme. Er forderte die Schüler auf, ihre Gefühle zu schildern, alles frei zu sagen, was ihnen auf der Seele lag. Ein Junge sprach zuerst, er beschrieb die Wut, die ihn erfüllte, als er die Bilder sah, und die noch immer nachwirkte. Andere äußerten sich ähnlich, Wut war das meistgenannte Gefühl. Zwischen den Geschlechtern zeigten sich die üblichen Unterschiede, Mädchen sprachen auch von ihrem Mitgefühl für die Opfer, während die Jungs ihren Wunsch nach Rache äußerten, allein die Wut verband die beiden Gruppen.
     Fast zwangsläufig kamen die Kinder auf die Atombombe zu sprechen. Dem Lehrer war es zunächst nicht recht, denn sie griffen dem Lehrplan vor; er ließ sie jedoch gewähren, weil sie das Thema sehr zu beschäftigen schien. Alle waren der Ansicht, die Japaner hätten sich den Abwurf der Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki selbst zuzuschreiben. Wer ein solches Verbrechen, den Überfall auf das friedliche Hawaii beging, hatte eine schmerzhafte Strafe verdient. Der Lehrer stimmte ihnen zu. Er besaß zwar noch viele weitere Informationen, die man hätte erwähnen können, doch er stand zu sehr unter dem Einfluss der Bilder. Er musste immerzu an die Kinder denken, die im Sand gespielt hatten, bevor die Bomben fielen. Wer weiß, was aus den Kindern geworden ist…
     Für diese Stunde sollte es genug sein. Dabei gab es vieles, was man noch hätte erwähnen können. Zum Beispiel hätte der Lehrer die geopolitische Lage im Pazifikraum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts schildern können – und zwar aus Sicht der Japaner. Damals feierte der Imperialismus seine Hochkonjunktur, Europäer und US-Amerikaner dehnten ihren Einflussbereich über die ganze Welt aus. Auch die Japaner wurden schrittweise von den fremden Mächten eingeschlossen, kaum ein Quadratmeter der asiatischen Landmasse blieb unbesetzt, weshalb sie sich ausrechnen konnten, wann sie selbst an der Reihe wären. Von Norden her kamen die Russen, die schon unter den Zaren begonnen hatten, die riesigen Weiten Sibiriens zu erobern und in ihr Reich einzugliedern. Spätestens mit Inbetriebnahme der Transsibirischen Eisenbahn im Jahr 1916 galt dieser Prozess als abgeschlossen. Nun konnte man von Moskau mit dem Zug in eine Stadt an der Pazifikküste fahren, welche den Namen Wladiwostok trägt, was bezeichnenderweise Beherrsche den Osten heißt, ohne dass man seine Ausweispapiere vorzeigen oder auch nur umsteigen musste.
     Von Westen her drangen Völker in die Region ein, denen es aus naturgegebenen Gründen nicht möglich war, komfortabel mit der Eisenbahn anzureisen. Die Briten, Franzosen, Spanier, Portugiesen und Niederländer, in geringem Maße auch Deutsche und Italiener, benutzten daher Schiffe, zunächst ausschließlich Expeditionsschiffe, die aber verkappte Kriegsschiffe waren. An Bord gab es viel Platz für Kanonen und Drehbassen, auch für christliche Kreuze und Flaggen samt Masten, um sie in fremde Erde zu rammen. Später kamen sie dann mit Handelsschiffen, auf dem Rückweg lagen diese meist tiefer im Wasser als auf dem Hinweg. Die Eroberer betrieben eine Art Inselspringen, errichteten in Indien, China und auf dem Malaiischen Archipel kleine Herrschaftsbereiche, die sie allmählich über die gesamten Länder ausweiteten. Von Osten und Süden her kamen schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika, um sich erst Hawaii und dann die Philippinen einzuverleiben.     
     All das beobachteten die Japaner von ihrem Logenplatz aus. Sie sahen aber nicht nur einen Prozess der gewaltsamen Landnahme, der Vernichtung eines großen Teils der Urbevölkerung und der dauerhaften Unterdrückung der Überlebenden, sie wurden auch Zeugen, wie schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, etwa Massenvergewaltigungen und Massenhinrichtungen, wobei die Opfer nicht selten ihre eigenen Gräber ausheben mussten. Verbrechen, derer man die Japaner später bezichtigte und für die sie bestraft wurden – im Gegensatz zu denjenigen, die sie zuerst begangen hatten. Eine kollektive Bestrafung der imperialen Nationen erfolgte allein durch die Achsenmächte, was eine bisher unbemerkte Ironie der Weltgeschichte darstellte. Die US-Amerikaner etwa wurden nie bestraft für die Ausrottung der Indianer, nie bestraft für die Sklaverei – die einzigen Ereignisse, die man vielleicht als Strafen hätte werten können, waren die beiden Weltkriege.
     Ebenso hätte man auch die unmittelbare Vorgeschichte des Angriffs erläutern können. Man hätte den Schülern verständlich machen können, dass die USA durch das Leih- und Pachtgesetz faktisch bereits in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, lange bevor sie offiziell den ersten Schuss abgaben. Oder dass dem Kaiserreich Japan nach Verhängung des Rohstoffembargos nur zwei Möglichkeiten blieben: Entweder wirtschaftlich zugrunde gehen oder einen gewaltsamen Ausweg suchen. Oder dass die Angriffspläne der japanischen Armee schon seit Jahren bekannt waren, Briten und Amerikaner ihre Funkschlüssel gebrochen hatten und darüber hinaus in den USA politische Pläne existierten, wonach man die Japaner dazu bringen wollte, die Kampfhandlungen zu eröffnen.     
     All dies – und vieles mehr – blieb unerwähnt.

Fortsetzung folgt.

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Dienstag, 25. März 2014

Der Höllenmaschinist - Teil 22 der Fortsetzungsgeschichte

     „Warte! Nicht weiterfahren.“
     Der Fahrer stoppte den Panzer.
     Abseits der Straße hatte Peter einen Trümmerhaufen entdeckt, der nicht in seiner Karte verzeichnet war. Sie standen etwa zwanzig Meter davon entfernt, weder der Kameramann noch die Reporterin bemerkten die Lücke zwischen den Häusern, ihr Blickfeld war zu sehr eingeschränkt. Peter überlegte, was er tun sollte. Es könnte ein Wohnhaus gewesen sein, unter einer Betonplatte erkannte er die Reste eines Autos, gelbes Blech war wie ein Blasebalg zusammengepresst. Darunter hatte sich ein dunkler Fleck gebildet, vielleicht handelte es sich um Motorenöl, vielleicht aber auch um Blut.
     „Umdrehen!“, befahl er. „Zurück zur Kreuzung. Und dann links.“
     „Kreuzung, links“, wiederholte der Fahrer.
     „Was ist los?“, wollte die Reporterin wissen.
     „Ein verdächtiges Fahrzeug am Straßenrand. Möglicherweise eine Sprengfalle. Wir sind gut geschützt, aber durch eine Explosion könnten Zivilisten gefährdet werden.“
     „Oh, danke. Sie sind so verantwortungsbewusst.“ Sie lächelte ihn an.
     Über eine Parallelstraße umfuhren sie das eingestürzte Haus. Von der nächsten Kreuzung aus war es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel, einem Bombenkrater am Ufer des Tigris. Bewacht wurde der Krater von einem Zug amerikanischer Soldaten, die ihre gepanzerten Fahrzeuge beinahe kreisförmig drum herum aufgestellt hatten. Zwischen den Fahrzeugen standen Marines, das Gewehr im Anschlag, in alle Richtungen spähend.
     Peter öffnete die Turmluke, salutierte und rief ihnen zu: „Hauptmann Peter Smit.“
     Einige der Wachsoldaten salutierten ebenfalls und gaben eine Lücke frei, durch die der Bradley in die Wagenburg rollte. Am Kraterrand blieb er stehen. Der Fahrer öffnete die Heckklappe, Peter war der Reporterin beim Aussteigen behilflich.
     „Stolpern Sie nicht. Da liegen Betonbrocken.“
     „Vielen Dank.“
     Die Frau sah sich um. Der Kameramann sah sich um. Beide schienen nicht begeistert zu sein. Sie richtete ihre Haare, er putzte das Objektiv seiner Kamera.
     „Was ist das Besondere an diesem Loch?“
     „Möglicherweise ist es das Versteck von Saddam Hussein.“
     „Oh, wirklich?“ Sie strahlte.
     Der Kameramann schulterte sein Arbeitsgerät und begann zu filmen.
     „Was Sie hier sehen, ist der Rest eines Bunkers“, erklärte Peter. „Seine Tiefe beträgt rund vierzig Meter, und das dort war die Deckelplatte.“ Er zeigte auf ein Gebilde, welches an einen eingestürzten Vulkankrater erinnerte, nur dass es aus zerbrochenem Beton und verbogenen Stahlträgern bestand.   
     „Vierzig Meter?“ Die Reporterin staunte.
     „So ist es. Derzeit sind Spezialisten damit beschäftigt, die Daten auszuwerten. Beachten Sie bitte auch, dass die umliegenden Gebäude fast unbeschädigt sind.“
     Der Kameramann vollzog einen weiten Schwenk. Er filmte Wohnhäuser und Ladengeschäfte, die bis auf zersplitterte Fensterscheiben, herabhängende Stromkabel und ein paar eingestürzte Mauern intakt wirkten. Sie sahen zwar recht schäbig aus, an den Fassaden bröckelte der Putz, Dächer waren mit Plastikfolie abgedichtet, doch ließ sich nicht eindeutig bestimmen, ob es sich dabei um Folgen des Krieges oder den baulichen Standard des Viertels handelte.
     „Sie sehen, das ist Bombardieren mit höchster Präzision, ein chirurgischer Eingriff, sozusagen. Die Schurken werden bestraft, die Zivilbevölkerung wird geschont.“
     „Oh, wie edelmütig.“
     „Und beachten Sie bitte auch, wo wir uns hier befinden. Es ist die Uferpromenade von Bagdad, bei schönem Wetter gehen hier Hunderte Menschen spazieren. Und genau auf der Deckelplatte des Bunkers hatte man ein Café errichtet.“
     „Nein, wie gemein.“
     „So verhält sich Saddam Hussein. Er hat seine Bunker unter Schulen, Krankenhäusern und Ausflugslokalen eingerichtet, er benutzte die Zivilbevölkerung als Schutzschild. Aber wir sind ihm nicht auf den Leim gegangen. Über Tage hinweg haben wir den Bunker aus der Luft beobachtet und zum optimalen Zeitpunkt an-gegriffen. Das Ding ist sehr stabil, allein die Deckelplatte besteht aus fünf Metern Stahlbeton. Dafür haben wir mehrstufige Raketen entwickelt, genannt Bunkerknacker. Die erste Stufe ist eine Hohlladung, die an der Oberfläche explodiert und reaktive Panzerungen und Ähnliches beseitigt. Dann kommt ein Pfeil aus Wolframkarbid, der die Decke durchschlägt, und zum Schluss kommt eine weitere Ladung Sprengstoff, die im Inneren des Bunkers explodiert. Das überlebt niemand.“
     „Großartig!“ Die Reporterin klatschte in die Hände.
     „Ja, wir haben Saddam Hussein seiner gerechten Strafe zugeführt. Möglicherweise wird man noch heute seine Leiche aus diesem Loch ziehen.“
     „Das wäre fantastisch. Und wir sind live dabei.“
     Die Reporterin ging in Position. Sie stellte sich an den Kraterrand, klopfte vorher aber noch den Staub von ihrer Schutzweste und strich ihren Rock glatt. Auch der Kameramann und der Tonmann arbeiteten konzentriert, sie maßen die Licht- und Geräuschverhältnisse und stellten ihre Geräte darauf ein. Gemeinsam drehten sie eine Reportage, die noch am selben Abend in der halben Welt ausgestrahlt werden sollte.
     Peter beobachtete jeden ihrer Arbeitsschritte. Die Reporterin redete wieder Unsinn, sie brachte Informationen durcheinander, sprach Fachbegriffe falsch aus und wäre beinahe in den Krater gefallen. Aber sie hatte wirklich schöne Beine…
     Der Staub der Erinnerung verzog sich.
     „Willst du immer noch behaupten, eure Gesellschaft sei frei und ehrlich?“, fragte Helena. „Lebt ihr wirklich in einer Demokratie?“
     „Das ist etwas anderes“, verteidigte sich Peter. „Damals war Krieg. Im Krieg ist Desinformation eine Waffe wie ein Panzer oder eine Rakete.“
     „Der Krieg war seit einem Tag vorbei, Peter.“
     „Ja, aber der Krieg an der Heimatfront ging weiter. Damals gab es viele Politiker und viele Medienleute, die den kämpfenden Männern und Frauen in den Rücken gefallen sind, die falsche Informationen und einseitige Meinungen verbreitet haben. In einer solchen Situation ist es durchaus legitim, die Öffentlichkeit zu beeinflussen – schließlich geht es um die Freiheit.“
     „Falsch, gerade in einer solchen Situation darf die Öffentlichkeit nicht beeinflusst werden. Gerade dann, wenn ihr von Vätern und Müttern verlangt, ihre Söhne und Töchter in den Krieg zu schicken, müsst ihr schonungslos offen und ehrlich sein. Jeder Bürger muss im Besitz aller wesentlichen Informationen sein, muss den politischen Prozess nachvollziehen können, so definiert ihr selbst den Begriff Demokratie. Aber es geschieht genau das Gegenteil davon. Die wesentlichen Informationen gelangen niemals an die Öffentlichkeit, sie sind nur einer kleinen Gruppe von Menschen zugänglich, Regierungsmitgliedern, Militärs und Geheimdienstleuten. Und das Tollste ist: Ihr seid auch noch damit einverstanden! Ihr findet es akzeptabel, wenn man euch Informationen vorenthält, wenn ihr manipuliert und belogen werdet. Und wenn es euch notwendig erscheint, macht ihr sogar dabei mit – so wie du es in Bagdad getan hast.“
     „Aber es geht doch nicht anders! Der Feind muss besiegt werden. Nur so lässt sich der Kreislauf von Gewalt und Krieg durchbrechen. Nur so lässt sich eine bessere Welt erschaffen.“    
     „Eben nicht. Auf diese Weise setzt ihr den Kreislauf fort. Erst erschafft ihr das Ungeheuer, dann füttert ihr das Ungeheuer, zugleich schürt ihr die Angst vor dem Ungeheuer, und schließlich verlangt ihr von euren Söhnen und Töchtern, das Ungeheuer zu töten. Ihr zwingt die jungen Menschen, eure Fehler zu wiederholen. Jahr um Jahr, Generation um Generation. Vielleicht werden deine Kinder eines Tages gegen Hassans Kinder kämpfen.“
     Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das darf nicht sein. Das wird nicht geschehen.“
     „Was macht dich da so sicher, Peter? Deine Kinder denken so wie du. Sie sehen die Welt so wie du. Wer kann es ihnen verübeln? Weißt du, wie viele Bilder von Gewalt und Krieg jeden Tag im Fernsehen gezeigt werden? Weißt du, mit wie vielen negativen Informationen ihr die Gehirne eurer Kinder füttert?“
     „Aber so ist die Welt nun mal. Was sollen wir denn sonst tun? Sollen wir den Kindern etwa eine heile Welt vorgaukeln?“
     „Der Begriff Vorgaukeln ist in diesem Zusammenhang nicht angemessen. Kinder reflektieren ihre Umgebung. Erleben sie eine heile Welt, dann übertragen sie diese in ihre eigene Welt. Erst im Spiel, später im richtigen Leben. Erleben sie jedoch eine Welt, die dumm, rachsüchtig und gewalttätig ist, dann wird auch das Konsequenzen haben.“
     „Das mag sein. Aber selbst wenn man alles Böse von den Kindern fernhält, werden sie eines Tages doch darauf stoßen. Sie werden sehen, dass es Menschen gibt, die stehlen, vergewaltigen und morden. Darauf muss man sie vorbereiten.“
     „Richtig, Peter. Ihr müsst die Kinder darauf vorbereiten, indem ihr ihnen die ganze Geschichte erzählt, damit sie die Ursachen erkennen und auflösen.“
     „Dafür ist die Schule zuständig. Meine Kinder besuchen die besten Schulen des Landes. Dort bringt man ihnen kritisches Denken bei.“
     „Im Gegenteil, das kritische Denken wird ihnen abgewöhnt. In den entscheidenden Bereichen lehrt man sie blinden Glauben, bestenfalls Pseudokritik. Die Golfkriege etwa werden im Geschichtsunterricht sehr knapp behandelt, die Vorgeschichte, über die wir vorhin gesprochen haben, wird von den Lehrern überhaupt nicht erwähnt, sie reduzieren alles auf ein einfaches Schwarz-Weiß-Muster. Es ist nur folgerichtig, dass die Kinder so handeln wie ihre Eltern. Erinnerst du dich, deine Tochter Lori hat bereits davon gesprochen, nach ihrem Schulabschluss zur Armee zu gehen.“
     „Ausgeschlossen.“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Das wird nicht geschehen.“
     „Wieso nicht? In eurer Armee dürfen auch Frauen dienen. Sie dürfen Flugzeuge fliegen und Panzer fahren. Warum nicht auch deine Tochter? Ihr habt die Weichen gestellt, Peter. Lass uns doch mal einen Tag im Leben von Lori betrachten. Einen ganz gewöhnlichen Tag…“
     Peter und Helena kehrten in die Villa zurück.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


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Freitag, 21. März 2014

Buchkritik: Der Erste Weltkrieg von H.P. Willmott - Propaganda aus dem Jahr 2004


In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Es gibt viele schlechte Geschichtsbücher, die einen negativen Einfluss auf unsere Gegenwart ausüben. Dies ist ein typisches Beispiel dafür.

Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei um eine objektive Gesamtbetrachtung des Ersten Weltkriegs, seiner Vorgeschichte und Auswirkungen zu handeln. Das Buch ist gegliedert in neun Kapitel, beginnend mit "Der Weg in den Krieg (1878-1914)", über eine Aufzählung sämtlicher bedeutender Kriegsschauplätze (inklusive Heimatfront) bis hin zu "Eine neue Weltordnung (1919-1923)." Auffallend ist die große Anzahl von Fotos, auf jeder Seite ist mindestens eines zu sehen. Der Autor des Buches ist Brite, was sich aufgrund der verwendeten Initialen nicht sofort erschließt. Wenn man aber die Bilder betrachtet, errät man schnell die Nationalität des Urhebers. Willmott benutzt ein typisches Merkmal der Propaganda: Er zeigt nur tote Soldaten des Gegners, nicht aber eigene Gefallene.

Unterschwellige Beeinflussung

Insgesamt zehn Bilder gefallener Soldaten sind zu sehen, auf der Hälfte davon erkennt der Leser ausschließlich tote Deutsche. Lediglich ein Bild zeigt Opfer des Empires - allerdings keine toten Engländer oder Schotten, sondern indische Hilfstruppen, eindeutig zu identifizieren anhand ihrer Turbane. Die Fotos der toten deutschen Soldaten sind großformatig, bis hin zur Dopppelseite, das Foto der toten Inder ist kleiner als eine Scheckkarte.

Die Absicht, die dahinter steckt, ist klar. Propagandisten wollen sich selbst und ihrem Volk einreden, dass sie stark und unbesiegbar sind, ihre Gegner hingegen sind schwach und werden am Ende die Verlierer sein. In einem Punkt jedoch wird die Stärke der Gegner gezeigt: in ihrem Wüten gegen unschuldige Opfer. Willmott berichtet ausführlich über die Gräueltaten, die deutsche Soldaten an belgischen Zivilisten verübten (sogar in zwei Kapiteln), er zeigt Bilder der zerstörten Stadt Ypern und von belgischen Flüchtlingen. Dass zur selben Zeit vergleichbare Dinge in Deutschland geschahen, verschweigt der Autor. Russische Truppen fielen damals in Ostpreußen ein, plünderten und zerstörten rund 2.000 Dörfer und Städte, deutsche Zivilisten wurden vertrieben, verletzt, vergewaltigt, getötet oder nach Russland verschleppt. Die Zahl der zivilen Opfer war bei weitem höher als in Belgien - im Text bleiben sie unerwähnt, kein Foto zeigt die Spuren der Gräueltaten.

Auch hier ist die Absicht klar: Der Feind ist zunächst einmal ausschließlich Täter, aber kein Opfer. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird er Opfer, als Strafe für seine Taten.

Eine Sammlung von Klischees

Die Liste der Dummheiten ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen. Beispiel Giftgas. Willmott behauptet, die deutschen Truppen hätten im April 1915 zum ersten Mal Giftgas eingesetzt. Das stimmt. Hierbei handelt es sich aber nur um den ersten wirksamen Einsatz von Giftgas. Dass diese teuflische Waffe zuerst von den Franzosen eingesetzt wurde (schon im August 1914), jedoch mit nur geringem Erfolg, teilt der Autor seinen Lesern nicht mit.

Beispiel Kriegseintritt der USA. Auf Seite 196 bezeichnet Willmott den amerikanischen Präsidenten Wilson im Jahr 1916 als unparteiischen Beobachter. Das ist zweifellos eine Lüge. Die USA waren damals indirekt am europäischen Krieg beteiligt, indem sie große Menge Waffen, Munition und Versorgungsgüter an die Briten und Franzosen lieferten und gleichzeitig Kredite zur Verfügung stellten, um die Geschäfte zu finanzieren (lesen Sie bitte auch J.P. Morgan und das Nye-Komitee). Immerhin erwähnt der Autor eine wichtige Zahl: Die Alliierten (Briten und Franzosen) bekamen 75mal höhere Kredite als die Mittelmächte (Deutschland und Österreich-Ungarn).

Grundlage für immer neue Kriege

Selbstverständlich darf man H.P. Willmott nicht unterstellen, er hätte mit seinem 2004 erschienen Buch absichtlich Propaganda für die Alliierten des Ersten Weltkriegs gemacht. Noch dümmer wäre die Behauptung, Willmott hätte sich mit anderen dazu verschworen, Menschen zu beeinflussen, Wahrheiten zu manipulieren und Informationen zu unterdrücken, um irgendein Ziel zu erreichen. Willmott ist gewiss nicht Teil einer organisierten Verschwörung. Man könnte ihn aber durchaus als Teil der "Verschwörung der Idioten" bezeichnen. Unsere Kultur wird geprägt von Autoren wie H.P. Willmott, von Menschen, die althergebrachte Konzepte übernehmen und nicht kritisch hinterfragen.

Eines dieser Konzepte ist das Prinzip Teilung. Die Welt ist geteilt in Gut und Böse, Täter und Opfer, Schuldige und Unschuldige. Das ist eindeutig falsch. Die Welt ist nicht geteilt, sie ist vielmehr ein großes Netzwerk. Alles hängt mit allem zusammen. Zur Entstehung des Ersten Weltkriegs und zu seinem schrecklichen Verlauf haben Deutsche, Österreicher und Ungarn beigetragen - ebenso aber auch Briten, Franzosen, Russen und Amerikaner.

Wer vom Prinzip Teilung überzeugt ist, wird zum Lügen gezwungen. Er muss auch seine Wahrnehmung teilen, er muss Informationen weglassen oder reduzieren (z.B. deutsche Opfer in Ostpreußen, Giftgaseinsatz der Franzosen, amerikanisches Engagement im Weltkrieg), um seine Weltanschauung zu untermauern. Das führt jedoch dazu, dass wir nicht aus der Geschichte lernen, sondern immer wieder dieselben Fehler machen. Auch heute wird in Medien einseitig berichtet, auch heute wird in Konflikte einseitig eingegriffen.

Neues Denken ist möglich

Oft stellen wir uns die Frage, was Menschen wie Barack Obama, George W. Bush oder Tony Blair antreibt? Sie sind in relativ freien und demokratischen Gesellschaften aufgewachsen und begehen dennoch Taten, die an jene der Diktatoren und Kriegstreiber erinnern. In Büchern wie "Der Erste Weltkrieg" von H.P. Willmott finden wir die Antwort. Diese Werke geben vor, objektiv und modern zu sein - doch sie sind es nicht. Stattdessen verbreiten sie unterschwellig ein antiquiertes Weltbild, sie versetzen die Menschen in Angst und Wut und reden ihnen ein, sie seien auf den Schutz der "Weißen Ritter" angewiesen.

Leider ist dieses Buch keine Ausnahme. In Britannien, Frankreich, den USA, Polen, Russland und vielen anderen Ländern erscheinen immer neue Werke dieser Art, nicht nur Bücher, auch Filme, TV-Dokumentationen, Zeitungsartikel und Ausstellungen. Junge Menschen werden damit konfrontiert, sie nehmen die einseitigen Darstellungen auf und wiederholen die Fehler ihrer Vorfahren.

Wenn wir wirklich vorankommen wollen, wenn wir in einer friedlichen Welt leben wollen, müssen wir unsere Kultur grundsätzlich neu gestalten. Alles muss auf den Prüfstand. Wir müssen uns fragen: Sind unsere Überzeugungen richtig? Sind die Resultate unseres Handelns wirklich diejenigen, die wir erleben wollen? Oder gibt es Alternativen? Kann man andere Bücher schreiben, andere Filme drehen? Gibt es einen anderen, umfassenderen Blick?  
     
Erst wenn wir uns diesen Herausforderungen stellen, wird ein echter Fortschritt möglich sein.

Lesen Sie bitte auch: Der Höllenmaschinist - ein Kurzroman zum Thema Schuld und Schulden.