Dienstag, 27. August 2013

DIe Philosophie der Unendlichkeit - Teil 1


    Auf dieser Ebene, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in einer Phase großer sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Herausforderungen, ist eigentlich die große Zeit der Utopisten angebrochen. Die Zeit derjenigen, die neue Wege beschreiten, neue Lösungsansätze aufzeigen, die auch kühn und unvernünftig denken. Doch man findet sie nicht, in keinem Bereich. In der Politik ist seit dem Kommunismus, der spektakulär scheiterte, nichts grundlegend Neues probiert worden. Derzeit gilt die Demokratie als beste Staatsform, doch sie ist kein Allheilmittel. Die Umweltzerstörung ist weitgehend von demokratischen Staaten verursacht worden, die größten Verursacher von Treibhausgasen etwa waren lange die USA und Europa. Für die Ausbeutung der Dritten Welt sind ebenso zum großen Teil Menschen und Institutionen aus Demokratien verantwortlich, auch für die ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen. An den meisten großen Menschheitsverbrechen, Kriege, Völkermorde, Sklaverei, waren sie ebenfalls entweder beteiligt oder sie sind von ihnen allein begangen worden. Dass jemand demokratisch gewählt wurde, ist keine Garantie dafür, dass er oder sie ein weiser Mensch ist.

     Die Demokratie ist ohnehin nur eine Phase des Übergangs. Zwar gilt sie derzeit als beste aller Staatsformen, doch die Menschheit hat sich schon oft geirrt. Die Atomkraft galt einmal als beste Form der Energieerzeugung, das Rauchen galt als ungefährlich und der Raum war absolut – diese und viele weitere Überzeugungen änderten sich im Laufe der Zeit. Es ist eine Illusion zu glauben, in Demokratien würde das Volk herrschen. Tatsächlich regiert eine Kaste von Berufspolitikern, beeinflusst von Lobbyisten aller Art. Ein gutes Beispiel dafür ist die NRA (National Rifle Association), die amerikanische Waffenlobby, die 1871 gegründet wurde und seither eine schärfere Waffengesetzgebung verhindert. Mehrere hunderttausend Menschen haben diese Lobbyarbeit mit ihrem Leben bezahlt. In vielen totalitären Staaten lebt man sicherer. Auch an der Entstehung von Kriegen sind Lobbyisten beteiligt, das Beispiel J.P. Morgan wurde in diesem Buch ausführlich behandelt (S. 77 – 79, QV 160 – 174, siehe auch J.P. Morgan und das Nye-Komitee). Ehrlicherweise müsste man also nicht von Demokratien, sondern von Lobbykratien sprechen.

     Auswahl statt Freiheit

     Auch mit der viel gepriesenen Freiheit ist es nicht weit her. Bei genauer Betrachtung genießt man in den meisten demokratisch regierten Ländern nicht Freiheit, sondern Auswahl. Etwa die Wahl zwischen Coca-Cola und Pepsi. Oder denken wir an die Datensammelwut der Geheimdienste. Selbst die Staatssicherheit der ehemaligen DDR überwachte ihre Bürger nicht so lückenlos wie die amerikanische NSA. Dabei ist die Arbeit der Geheimdienste ohnehin vollkommen sinnlos. Auf einer anderen Ebene des Bewusstseins, zu der wir momentan keinen bewussten Kontakt pflegen, ist alles bekannt. Alle Informationen existieren immer. Es gibt keine Geheimnisse. Man kann auch keine Informationen vernichten, etwa indem man Papiere verbrennt oder Festplatten löscht. Dadurch schafft man nur eine weitere Information, nämlich die, dass man seine Mitmenschen hintergangen hat. Auch diese Information wird für immer existieren.

     Probleme im menschlichen Zusammenleben lassen sich nicht durch technischen Fortschritt lösen. Wir können das beste Überwachungsprogramm aller Zeiten installieren, das jeden Schritt eines jeden Menschen auf dieser Welt kontrolliert – und würden uns trotzdem nicht sicherer fühlen. Denn die Angst steckt nicht in den Maschinen, sondern in denjenigen, die die Knöpfe bedienen. Viele Regierungen halten sich nur deshalb an der Macht, weil sie ihre eigenen Ängste auf ihre Wähler übertragen. Angst vor Terror und Krieg, vor Arbeitslosigkeit und Armut. Echte Freiheit, also die Abwesenheit von Angst, Wut und Leid, genießt kaum jemand. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Demokratie verschwindet. Es kann morgen geschehen oder in 500 Jahren, aber es wird geschehen. Wahrscheinlich wird es auf einen aufgeklärten Anarchismus hinauslaufen. In einer solchen Gesellschaft, in der sich die Menschen ihrer selbst und ihres Handelns voll bewusst sind, gibt es keinen Bedarf für Regierungen und Staatsorgane, für Banken und Waffenindustrie.       

     Religion und Philosophie enttäuschen 

     Ähnliches gilt für die Religion, auch sie wird eines Tages verschwinden. Alle bekannten Religionen basieren auf Angst. Sie gehen davon aus, dass das Leben mit dem biologischen Tod des Körpers nicht beendet ist und sich der Mensch danach in irgendeiner Form für sein Leben rechtfertigen muss – was eindeutig falsch ist. So wie ein Fluss nicht für sein Hochwasser bestraft wird, wird auch der böse Mensch nicht für seine Schuld bestraft. Das sind primitive irdische Vorstellungen. Und dennoch arbeiten die Religionen damit – und das sehr erfolgreich. Sie machen sich die Angst der Menschen zu Nutze, die Angst vor Versagen und Schuld, die in unserer Kultur ständig erneuert wird. Der Mensch muss angeblich ein gottgefälliges Leben führen, damit er Eingang ins Paradies oder Nirwana findet. Und wie man das am besten macht, erklären die heiligen Männer und Frauen, das Bodenpersonal Gottes. Für ihre Mühen erwarten sie natürlich eine kleine Entschädigung, in Form von Geld- oder Sachspenden, von Ruhm oder Anerkennung. Dieses Prinzip wird schon seit Jahrtausenden kritisiert, dennoch funktioniert es bis heute. Doch bald wird sich die Angst auflösen.

     Auch die Philosophie enttäuschte bisher alle Hoffnungen. Sie ist überwiegend mit wirklichkeitsfernen Themen beschäftigt, findet nur innerhalb geschlossener Zirkel statt und erreicht die Menschen nicht. Es gibt keine neuen Ideen, nur Wiederholungen dessen, was schon in der Vergangenheit nicht funktionierte. Die Philosophie basiert ebenfalls auf Angst, jedoch in deutlich geringerem Maß als es bei Religion oder Politik der Fall ist. Philosophen suchen nach dem richtigen, dem idealen Leben, auf individueller und kollektiver Ebene. Auch hier schwingt Angst vor Versagen und Schuld mit, ebenso auf individueller Ebene, etwa dem Misslingen einer Karriere, wie auf kollektiver Ebene, etwa der Entstehung einer Diktatur. Doch diese Ängste sind unnötig. Auf der Ebene des Relativen gibt es das absolut Richtige nicht. Ein Beispiel: Wenn man von München nach Rom reisen möchte, sollte man nicht Richtung Norden fahren. Allerdings kann man auch auf diesem Weg das Ziel erreichen – nur später

     Weil alles in unendlicher Menge vorhanden ist und weil jede negative Erfahrung auch positive Seiten besitzt, kann es weder Versagen noch Schuld geben.

     Die Industrie der Angst ist sich darüber leider nicht bewusst. Sie tut das, was sie schon seit Jahrtausenden tut: Sie führt einen sinnlosen Kampf (gemessen am angestrebten Ziel), der kein Ende findet. In jüngster Zeit sind weitere Kamplätze hinzugekommen, der Weltraum und der Cyberspace. Satelliten überwachen feindliche Staaten, vielleicht greifen sie bald direkt ins Kriegsgeschehen ein. Gigantische Datenmengen werden gesammelt. Cyberkrieger versuchen, in fremde Computernetze einzudringen, andere Cyberkrieger versuchen das verhindern – spirituell sind sie immer noch auf dem Stand von Höhlenmenschen. Der Krieg wird immer weiter technisiert und automatisiert. Mit Waffen bestückte Drohnen kreisen in großer Höhe, bald schon werden sie in der Lage sein, jeden Menschen an jedem Ort der Welt zu töten. Negative Zukunftsvisionen wie der Überwachungsstaat aus George Orwells Roman 1984 oder die Kampfroboter aus James Camerons Filmreihe Terminator könnten Wirklichkeit werden. 

     Anlässe für Kriege wird man auch in Zukunft finden. Das Artensterben schreitet voran, die Meere sind bald leer gefischt, Wüsten breiten sich aus, Vorräte an Trinkwasser und fruchtbarem Ackerboden gehen zurück – bei gleichzeitig stark ansteigender Weltbevölkerung. Somit erhöht sich auch die Menge an Konfliktpotenzial, vielleicht auf eine bisher nie gekannte Größe. Politische und religiöse Extremisten werden versuchen davon zu profitieren. 





Die volle Bedeutung dieses Textes lässt sich nur erfassen, wenn man das gesamte Buch gelesen hat.

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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Mehr über den Autor:   elkvonlyck.de   oder   Elk von Lyck.blogspot

 

Sonntag, 11. August 2013

J.P. Morgan jr. und das Nye-Komitee - Kriegstreiber und Aufklärer


Unsere zeitgeschichtliche Forschung ist in einem beklagenswerten Zustand. Vergleichsweise unwichtige Informationen verstopfen unsere Geschichtsbücher und die Geschichtssendungen im Fernsehen. Oft werden Meinungen als Informationen verkauft, historische Ereignisse dienen als Projektionsfläche für Emotionen. Die wirklich wichtigen Informationen jedoch, die unser Verständnis für vergangene und gegenwärtige Krisen und Konflikte vertiefen könnten, werden - bewusst oder unbewusst - unterdrückt.   
Der folgende Text (entnommen aus der Fischnetz-Theorie) erläutert das Wirken von J. P. Morgan jr. und dem Nye-Komitee:

    Es lohnt sich auch, die Karriere von J. P. Morgan jr. (1867 – 1943) näher zu betrachten. Dieser amerikanische Bankier war vermutlich einer der größten Kriegstreiber aller Zeiten – dennoch ist er heute nahezu unbekannt. Morgan hatte sich im Ersten Weltkrieg frühzeitig auf die Seite Britanniens gestellt und unterstützte die Alliierten auf zwei Wegen: Er belieferte sie mit Waffen, Munition, Verpflegung etc. und verschaffte ihnen Kredite, um die Waren zu finanzieren (QV 160,161). Dafür kassierte Morgan Provisionen und Zinsen, viele der zuliefernden Unternehmen gehörten ihm oder seiner Bank (QV 171). Die USA waren somit nicht – wie vielfach behauptet – neutral, sondern zweifellos parteiisch. 1917 geriet Morgans Geschäftsmodell ins Wanken, als sich das Kriegsglück zu Gunsten von Deutschland wandelte. In Russland kam es zur Revolution, die Ostfront brach zusammen, deutsche Truppen konnten an die Westfront geschickt werden, wo sie die Franzosen und Briten in ernsthafte Bedrängnis brachten. Nur ein Eingriffen der US-Armee konnte die Gewinne der amerikanischen Wirtschaft jetzt noch retten (QV 162).

     Propaganda als Information getarnt

     Aber warum sollte sich ein junger US-Bürger freiwillig in das europäische Schlachthaus begeben? So verrückt war niemand. Also musste man die Leute verrückt machen. Die Regierung gründete ein Informationskomitee (Creel-Kommission, vergleichbar mit dem OWI, S. 16) und stellte 75.000 sogenannte Vier-Minuten-Männer ein, deren Aufgabe es war, durch das Land zu reisen, dabei hetzerische Reden gegen die Mittelmächte zu halten und die Demokratie zu preisen (QV 163).

     Gleichzeitig jedoch baute man demokratische Rechte in den USA ab. Neue Gesetze wurden erlassen: Select Service Act, Sediction Act, War Revenue Act, Espionage Act, Railroad Administration. Damit war Kritik an der Regierung praktisch verboten, der Postverkehr und die Verkehrswege wurden überwacht, die Steuern stiegen drastisch an – und wer sich widersetzte, dem drohten hohe Strafen (QV 164). Der Erfolg blieb nicht aus. Die Stimmung in den USA wandelte sich, war das Volk zuvor neutral, wurde es nun deutschfeindlich. Die Kriegserklärung erfolgte am 6. April 1917 (QV 165).

    Massenmord als Geschäftsmodell

     Profitiert haben davon vor allem J. P. Morgan und sein Konsortium. Die Gewinne waren gigantisch – die Verluste aber auch. Über 100.000 junge Amerikaner bezahlten Morgans Gewinnstreben mit ihrem Leben. Bestätigt wurde all dies vom Nye-Komitee, einem Ausschuss des amerikanischen Kongresses, der von 1934 bis 1937 versuchte, die Verbindungen zwischen Politik und Kriegswirtschaft offenzulegen. Der Ausschuss fand heraus, dass Deutschland von den USA Kredite in Höhe von 27 Millionen Dollar bekommen hatte, Britannien hingegen 2,3 Milliarden Dollar, also das 85-fache. Regierung und Parlament wurden dabei maßgeblich von Banken und Rüstungsindustrie beeinflusst (QV 165,166,167,168).

     Die USA haben somit erheblich zur Eskalation des Ersten Weltkrieges beigetragen – und sind damit ungeheuer reich geworden. Innerhalb weniger Jahre schafften sie den Sprung von einer Schuldnernation zur größten Gläubigernation (QV 169). Der Krieg war ein sehr gutes Geschäft für die amerikanischen Unternehmen, alle Branchen erlebten einen gewaltigen Aufschwung (QV 170, 171). Dadurch haben die USA aber auch zur Verarmung Europas beigetragen. Nur ein sehr kleiner Teil der Kriegsgewinne floss zurück in die alte Welt (QV 172). Millionen Menschen lebten in Unsicherheit, sie wussten nicht, ob sie morgen noch ein Dach über dem Kopf besäßen oder ihre Kinder versorgen könnten. Damit war die Grundlage für die Ausbreitung zweier gegensätzlicher Bewegungen geschaffen: Faschismus und Kommunismus. Trotzdem glaubt immer noch eine Mehrheit der Menschen an die Hollywood-Version der Geschichte – Casablanca-Prinzip (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten).

    Auch hier lässt sich die Verstrickung von J. P. Morgan jr. belegen. Ein wesentlicher Grund für die absurden Reparationsforderungen der Briten und Franzosen war die Notwendigkeit, ihre Schulden zurückzahlen zu müssen – an Morgan und Konsorten. Um die jährliche Tilgung sicherzustellen, nahm Mr. Morgan persönlich an den Verhandlungen über den Dawes- und den Young-Plan teil (QV 173). Selbst an der Dawes-Anleihe (ein Kredit zur Leistung der Reparationen) war das Bankhaus Morgan beteiligt (QV 174). Von der Kriegsrüstung, über die Kriegserklärung bis zu den Reparationen – alles in einer Hand.

     Ist-Zustand: Durch die Vergabe von Krediten und durch Lieferung von Waffen, Munition und Material haben die USA den Ersten Weltkrieg nicht verursacht – aber verlängert.
     Alternative: Das gesamte Kriegsgebiet boykottieren. Nur Nahrungsmittel und Medikamente liefern. Hilfe bei Verhandlungen anbieten.
     Folge: Die Kämpfe wären frühzeitig zum Erliegen gekommen. Selbst ein schlechter Frieden wäre besser gewesen als ein guter Krieg.

Die QV-Nummern verweisen auf das Quellenverzeichnis. Beispiel QV 171:

Nr. 171
„Der Getreidepreis hatte sich von 1914 an verdreifacht, der Baumwollpreis sogar vervierfacht. Riesige Gewinne wurden auf dem Stahl- und Kupfersektor gemacht. Die Stahlerzeugung war durch raffinierte Transaktionen größtenteils in den Besitz von Morgan & Co gelangt. Bernard Baruch, der Leiter des Kriegsindustrieamtes, hatte schon vor dem Kriegseintritt der USA ein Syndikat aus Kupferproduzenten gebildet. Ihm gehörten die drei Brüder Guggenheim an, die als Kupferkönige ihre Monopolstellung ausnutzen konnten. Durch Baruchs Hände gingen zehn Milliarden Dollar zur Finanzierung des Krieges gegen Deutschland. Wohl zu Recht behauptete er, dass vor ihm keine Einzelpersönlichkeit der Geschichte mehr Macht besessen habe.“

Wolfgang Effenberger, Konrad Löw
„Pax americana“, S. 178. Herbig, München, 2004.








Entnommen aus:

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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Freitag, 9. August 2013

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage ist erschienen


Noch ein Buch, das uns die Welt erklären will? Noch ein Autor, der sich für schlauer hält als andere? Ist das wirklich nötig?
Ja, das ist es. Gerade angesichts der jüngsten Ereignisse. Der Krieg in Syrien dauert nun schon über zwei Jahre, aus dem arabischen Frühling könnte ein arabischer Winter werden, viele andere Konflikte schaffen nie den Weg in unsere Medien. Es kommen sogar völlig neue Kriegsschauplätze hinzu, der Weltraum und der Cyberspace. Auch das Artensterben hält unvermindert an, jeden Tag verschwinden rund hundert Tier- und Pflanzenarten von unserem Planeten. Fruchtbarer Boden und sauberes Wasser werden ebenso knapp. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung, 2050 könnten zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Auch die Schuldenkrise bedroht uns weiterhin. Billionen Euro müssen demnächst zurückgezahlt werden. Man muss kein Prophet zu sein, um zu sagen, dass dadurch die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Keine guten Aussichten für die Zukunft.

Wie reagieren unsere Intellektuellen darauf, unsere Künstler, Wissenschaftler, Publizsten, Theologen, Politiker? Suchen sie nach neuen Lösungen? Leider nicht. Sie wiederholen nur das, was schon in der Vergangenheit nicht funktionierte. Schriftsteller unternehmen Betriebsausflüge an den Wörthersee, Philosophen und Theologen haben es sich bequem gemacht in ihrem Museum, Politiker führen Scheingefechte in Talkshows, Journalisten berichten über platte Provokationen und verkaufen sie als Gesellschaftskritik - damit sind scheinbar alle auf der sicheren Seite. Doch zugleich machen sie ihr Publikum selbstzufrieden, sentimental und denkfaul

Wer dagegen Überzeugen in Frage stellt, wer etwas Neues wagt, macht sich angreifbar, setzt sich der Kritik aus. Dann lieber so weitermachen wie bisher. Irgendwo wird sich schon eine sichere und komfortable Nische finden. Lieber noch ein Buch über die Nazis schreiben oder einen Artikel über einen Skandalrapper. Das gibt Auflage. Das gibt Literaturpreise. Und die Probleme reichen wir weiter an die nächste Generation.

So darf es nicht weitergehen. Wir müssen endlich einen neuen kulturellen Raum betreten - sonst sind die Probleme eines Tages nicht mehr lösbar. Deshalb ist nun die vierte Auflage der Fischnetz-Theorie erschienen. Dieses Buch ist mutig und innovativ, intelligent und herausfordernd - aber auch verrückt und streitsüchtig, esoterisch und extremistisch. Es informiert und unterhält - aber es stößt auch ab und regt auf. Und es verursacht jede Menge Nebenwirkungen. Die schlimmste ist: Es lässt den Leser die Welt mit völlig anderen Augen betrachten.

Große Worte? Stimmt. Deshalb werden demnächst in lockerer Folge Ausschnitte aus der Fischnetz-Theorie erscheinen.
Ein Ausschnitt ist bereits abrufbar: Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013 - Überarbeitet und erweitert
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
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Montag, 5. August 2013

Buchkritik: Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles von John Maynard Keynes - Eines der wichtigsten Bücher aller Zeiten


Warum brechen immer wieder neue Kriege aus? Einer der wesentlichen Gründe ist sicher, dass wir uns kaum mit der Entstehungsphase von Konflikten beschäftigen. Wir sind fasziniert von Gewalt und Leid, von Explosionen und Geschützdonner, von spritzendem Blut und aufgetürmten Leichen. Die Bilder sind spektakulär, sie rufen starke Gefühle hervor: Angst, Wut, Ekel, Mitleid, Scham- und Schuldgefühle. Wir gruseln uns davor und müssen doch jedes Mal wieder hinsehen.

Verglichen damit ist eine Konferenz, bei der bloß geredet wird, einfach nur langweilig. Niemand wird ermordet, es fließt nicht ein Tropfen Blut, es knallt und raucht nicht. Also warum hinschauen?
Weil bei solchen Anlässen oftmals die Grundlagen für Gewalt und Leid gelegt werden. So war es auch bei der Konferenz von Versailles, die über das Schicksal des im Ersten Weltkrieg besiegten deutschen Volkes entscheiden sollte. Ein Jahr lang, vom 18. Januar 1919 bis zum 21. Januar 1920, wurde debattiert und verhandelt, am Ende stand der Abschluss des Versailler Friedensvertrags – die wohl dümmste und verhängnisvollste Tat der Menschheitsgeschichte. Die Verlierer des Krieges wurden zu einer maßlosen Strafe verurteilt, selbst ihre Kinder und Enkel sollten für Taten büßen, die sie nicht begangen hatten.
Die Summen, um die es ging, waren irrwitzig. Bereits der Friedensvertrag von 1919 sah Leistungen in Höhe von 20 Milliarden Goldmark bis 1921 vor. Während der Boulogner Konferenz (Juni 1920) wurden 269 Milliarden gefordert, auf der Londoner Konferenz (Mai 1921) einigte man sich auf 132 Milliarden Goldmark. Diese Summe entsprach dem Gegenwert von 47.000 Tonnen Gold und musste von einem Land aufgebracht werden, das durch Krieg und Blockade wirtschaftlich ruiniert war. Zum Vergleich: Die USA besaßen im Jahr 2000 eine Reserve von rund 8.000 Tonnen Gold.
Gezahlt werden sollte in 42 Jahresraten. Zum Vergleich: Frankreich musste nach dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg drei Jahre Reparationen zahlen.
Natürlich lösten diese Forderungen bei den Kriegsverlierern Wut und Empörung aus. Politische Extremisten hatten in Deutschland fortan leichtes Spiel. Besonders die rechtsextremen Parteien DNVP und NSDAP thematisierten ungezählte Male den Schandfrieden von Versailles. 

Munition für Hitler

Verteidiger dieser Politik wenden ein, dass man damals nicht hätte wissen können, wo die Forderungen von Versailles hinführen würden. Falsch, man hätte es wissen können, sogar wissen müssen. Es gab zahlreiche Stimmen, die vor den absehbaren Folgen warnten. Eine dieser Stimmen gehörte dem Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes. Bereits im Dezember 1919 erschien sein Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags von Versailles und löste großes Aufsehen aus. Keynes wusste, wovon er redete. Als Vertreter des britischen Schatzamtes nahm er selbst an den Friedensverhandlungen teil. Und das merkt man dem Buch auch an. Es ist vollgestopft mit Informationen, die die damalige Wirtschaftslage in Europa betreffen. Für den heutigen Leser ist es deshalb nicht leicht, die Kerninformationen herauszulesen. Zu den wichtigsten gehört eine Zahl: 40 Milliarden Mark. Keynes behauptet, Deutschland könne allerhöchstens diesen Betrag (sofort übertragbares Vermögen, abgetretenes Eigentum und Jahreszahlungen) leisten und begründet diese Schlussfolgerung ausführlich. Falls die Alliierten bei ihren völlig überzogenen Forderungen bleiben sollten, sagt er Inflation, Staatsbankrotte, politischen Extremismus und einen neuen großen Krieg voraus.
In der deutschen Übersetzung des Berenberg Verlags heißt es auf Seite 131 wörtlich: Wenn wir absichtlich auf den Ruin Mitteleuropas ausgehen, dann wird, das wage ich zu prophezeien, die Vergeltung nicht ausbleiben. Nichts kann dann auf längere Zeit einen langen Bürgerkrieg zwischen den Kräften der Reaktion und den verzweifelnden Zuckungen der Revolution aufschieben, vor dem die Schrecken des vergangenen Deutschen Krieges verblassen werden und der, gleichgültig, wer der Sieger ist, die Zivilisation und den Fortschritt unserer Generation zerstören wird. 

Alternativen: Marshallplan und Europäische Union

Doch Keynes war nicht nur ein Mahner und Warner, er wusste auch Alternativen zu benennen. So schlug er eine internationale Anleihe vor, die den vom Krieg zerstörten Ländern zugutekommen sollte. Damit hätte der Wiederaufbau finanziert und die Wirtschaft angekurbelt werden können. Daneben skizzierte Keynes einen Freihandelsverband unter Aufsicht des Völkerbunds. Seine Mitglieder sollten sich dazu verpflichten, keinerlei Zölle zu erheben und den Handel untereinander zu fördern. Damals lehnten die verantwortlichen Politiker seine Vorschläge ab. Einen Weltkrieg später wurden sie doch noch umgesetzt, unter den Namen Marshallplan und Europäische Union.
  
Eine sehr wichtige Frage drängt sich auf: Warum hat man nicht auf Keynes und all die anderen Kritiker des Versailler Vertrags gehört? Die Antwort findet sich in den heutigen Bestsellerlisten, in den Kinocharts und in den Einschaltquoten der Fernsehsender. Starke Gefühle verkaufen sich gut. Wer marschierende Nazis und brennende Häuser zeigt, bekommt viel Aufmerksamkeit. Leider entsteht dadurch neue Angst und neue Wut, man fordert Waffen gegen das Böse, Geheimdienste sollen Bürger überwachen usw. Kämpfen statt helfen. Die negative Spirale dreht sich weiter.

Eine primitive Kultur

Diese negativen Gefühle aufzulösen ist dagegen sehr viel schwieriger. Menschen wie Keynes wirken meist im Verborgenen, sie bekommen nicht viel Geld für ihre Arbeit, keine Orden und Preise, ihnen werden keine Denkmäler errichtet und man benennt keine Straßen und Plätze nach ihnen. All das ist den Scharfmachern und Kriegstreibern vorbehalten. Die Ergebnisse ihres Wirkens sehen wir jeden Tag in den Nachrichten.

Dennoch lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Keynes zeigt, wie man Kriege verhindern kann. Keiner kann mehr sagen, er hätte es nicht gewusst.
  
Mehr über den Autor dieser Kritik unter www.elkvonlyck.de