Samstag, 27. April 2013

Buchkritik: 1939. Der Krieg, der viele Väter hatte von Gerd Schultze-Rhonhof - Unausgewogen, aber trotzdem wichtig


Zunächst eine Warnung: Gerd Schultze-Rhonhof zählt zu den umstrittensten deutschen Autoren. Er wird wahlweise als geschichtsrevisionistisch, ultrakonservativ oder rechtsextrem bezeichnet – oft auch alles zusammen. Menschen, die ängstlich sind, nicht gerne nachdenken oder über ein schlichtes Weltbild (links/rechts, gut/böse) verfügen, sollten diese Rezension besser nicht lesen.

Für alle anderen: Der Markt für zeitgeschichtliche Bücher ist einer der lukrativsten, jedes Jahr erscheinen weltweit Tausende neue Titel. Daneben betreibt jede Nation eine zeitgeschichtliche Forschung, oft mit Steuergeldern finanziert, die ebenfalls gewaltige Mengen an bedrucktem Papier produziert. Und trotzdem existieren immer noch große Felder in der Geschichte, die mit Tabus belegt sind, über die einfach nicht gesprochen wird. Gerd Schultze-Rhonhof hat ein paar dieser Tabus gebrochen.

Es empfiehlt sich, mit dem Thema Rüstung nach 1918 zu beginnen, weil es am einfachsten zu erklären ist. Der Versailler Vertrag schreibt in Artikel 8 fest, dass alle Nationen abrüsten sollen. Artikel 160 beschränkt das deutsche Heer auf 100.000 Mann, dazu addieren sich 15.000 Mann in der Marine. Deutschland hat die Forderungen umgesetzt, wie die Interalliierte Kontrollkommission bestätigte. Die Siegernationen haben sich nicht daran gehalten, womit sie den Versailler Vertrag noch vor den Deutschen brachen. Schultze-Rhonhof nennt auf Seite 269 für das Jahr 1923 folgende Zahlen:
Frankreich                 724.000 Mann
Belgien                      113.000 Mann
Polen                         275.000 Mann
Tschechoslowakei       140.000 Mann
Dazu kommt der Umstand, dass sich Deutschland auf eine Berufsarmee beschränken musste, während die anderen Nationen weiterhin Wehrpflichtige ausbildeten, ihrer Reserve zuführten und somit von Jahr zu Jahr stärker wurden.

Ein weiteres Tabuthema ist die Behandlung der europäischen Minderheiten nach 1918. Ab Seite 413 beschreibt der Autor „Polen als Vielvölkerstaat.“ In Polen lebten damals 30 Millionen Menschen, von denen 11 Millionen keine polnischen Muttersprachler waren. Die ethnischen Polen versuchten offenbar, die Minderheiten entweder zwangsweise zu polnisieren oder zu vertreiben. Als Zeuge nennt Schultze-Rhonhof u. a. Lord Noel-Buxton, der am 15.06.32 vor dem Oberhaus sagte: "...Aus dem Korridor und aus Posen sind bereits nicht weniger als 1 Million Deutsche seit der Annexion abgewandert, weil sie die Bedingungen dort unerträglich finden. (...) Im polnischen Teil Ostgaliziens wurden vom Ende des Krieges bis 1929 die Volksschulen um zwei Drittel vermindert. In den Universitäten, in denen die Ukrainer unter österreichischer Herrschaft elf Lehrstühle innehatten, besitzen sie jetzt keinen, obwohl ihnen 1922 von der polnischen Regierung eine eigene Universität versprochen worden war. (...) Wir dürfen nicht vergessen, dass Polen ganz besondere Ursache hat, diese Verträge zu beachten, denn die ihm zugestandenen Annexionen wurden ihm unter der Bedingung zugestanden, dass es diesen Gebieten Autonomie gewährt."
Die Zeitung Manchester Guardian schreibt am 14.12.31: "...Die Ukraine ist unter polnischer Herrschaft zur Hölle geworden. Von Weißrussland kann man dasselbe mit noch größerem Recht sagen. Das Ziel der polnischen Politik ist das Verschwinden der nationalen Minderheiten auf dem Papier und in der Wirklichkeit." 

Die Richtigkeit dieser Angaben ist schwer zu überprüfen, sie decken sich tendenziell aber mit anderen Quellen. Manfred Alexander berichtet z.B. in seinem Werk Kleine Geschichte Polens (Reclam Verlag, 2003) auf Seite 304/305: „Die Schließung von (deutschen) Schulen, deren Zahl zwischen 1919 und 1930 von 564 auf 83 sank, und die Durchführung der Bodenreform in den früheren deutschen Gebieten waren aber auch nationalpolitisch bedingt. Landbesitz in deutscher Hand verringerte sich von 1,5 Millionen ha im Jahr 1918 auf 1 Million ha 1926.“ Weitere Informationen zu diesem Thema folgen leider nicht, auch das Schicksal einzelner Menschen wird nicht näher beleuchtet.

Doch genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus. Nach 1918 herrschte großes Unrecht in Europa. Als Folge daraus entstanden Wut und Angst. Wut bei denjenigen, die Opfer des Unrechts waren, Angst bei denjenigen die fürchten mussten, die nächsten Opfer zu werden. Unter diesen Umständen fiel es Extremisten aller Art sehr leicht, Anhänger zu finden.  

Die Geschichte - ein Flickenteppich

Leider machen die etablierten Historiker einen großen Bogen um diese Themen. Der bereits erwähnte Manfred Alexander etwa behandelt das Schicksal der deutschen Minderheit nach 1918 in nur einem Absatz, wobei der Umfang seines Buches 440 Seiten beträgt. Viele andere Autoren, etwa Götz Aly (z.B. Die Belasteten) oder Ian Kershaw (Hitler-Biographie), haben auf ihren Gebieten Großartiges geleistet – doch an die Tabuthemen (und es gibt noch wesentlich mehr als die beiden genannten) wagen sie sich nicht heran. 

Dadurch schaffen sie Platz für Leute wie Schultze-Rhonhof, dessen Werk 2003 erstmalig erschien und 2012 immerhin schon die siebte Auflage erfuhr. Doch auch er macht dieselben Fehler wie seine etablierten Kollegen, er konzentriert sich zu sehr auf Teilaspekte der Geschichte. Schultze-Rhonhof zitiert immer wieder aus Hitlers Reden, in denen sich dieser als friedliebender Staatsmann oder weitsichtiger Stratege darstellt - beides war er mit Sicherheit nicht. Die andere Seite Hitlers, die des größenwahnsinnigen Diktators und irren Massenmörders, kommt in diesem Buch eindeutig zu kurz. 
  
Fazit: Das Dritte Reich hat den Zweiten Weltkrieg im militärischen Sinne begonnen. Es folgte der Massenmord an Juden, Sinti und Roma und weiteren Gruppen. Daran lässt sich nicht rütteln. Das Wann und Wo ist also geklärt. Viel wichtiger ist aber die Frage, wie es so weit kommen konnte. Hier zeigt sich das Versagen der etablierten Geschichtsforschung. Diese Schwäche nutzen umstrittene Autoren wie Schultze-Rhonhof, deren ebenso unausgewogene Werke in die Irre führen können – aber nicht müssen. Der mündige Bürger, der sich darüber im Klaren ist, sollte am besten das gesamte Spektrum zeitgeschichtlicher Bücher studieren und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Mehr über den Autor dieser Kritik: www.elkvonlyck.de


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