Donnerstag, 28. März 2013

"Unsere Mütter, unsere Väter", Günther Jauch und Spiegel Online - Die Industrie der Angst


"Unsere Mütter, unsere Väter" wurde als einer der TV-Höhepunkte des Jahres 2013 angekündigt. Der Dreiteiler erzählt die Erlebnisse von fünf fiktiven Personen während der Kriegsjahre von 1941 bis 1945. Am 24.03.13 war der Journalist Günther Jauch Gastgeber einer Talkshow, in der über diesen TV-Film debattiert wurde, einen Tag später erschien auf Spiegel Online ein Artikel, der sich sowohl mit dem Dreiteiler als auch mit der Talkshow befasste (siehe "Wischiwaschi durch den Weltkrieg"). Diese drei Einzelereignisse sagen viel aus über unser Verhältnis zur Vergangenheit, es lassen sich sogar Rückschlüsse über den Stand unserer Zivilisation ziehen - und der ist immer noch sehr niedrig.

Der Kern des Problems wurde von Spiegel-Autor Sebastian Hammelehle unfreiwillig in zwei Sätzen zusammengefasst. Er behauptete, es sei "SPD-Chef Sigmar Gabriel überlassen geblieben, klar zu benennen, was die Ursachen des Krieges waren. Dass zuerst der deutsche Einmarsch in Polen, der Überfall auf die Sowjetunion, die Massaker, die Errichtung der Vernichtungslager kamen und dann erst die Offensive der Roten Armee." Diese Aussage ist eindeutig falsch, sie liegt nah an der Grenze zur Geschichtsfälschung. Man kann den beteiligten Personen nur zugute halten, dass sie nicht wussten, was sie sagten und deshalb - nach ihren eigenen primitiven Maßstäben - nicht "schuldfähig" sind.

Hier noch einmal die korrekte Reihenfolge:
1. Der Zweite Weltkrieg begann mit dem deutschen Überfall auf Polen und die Freie Stadt Danzig (Die Stadt an der Ostsee gehört erst seit 1945 zu Polen).
2. Danach folgten die Kriegserklärungen von Frankreich und Britannien an Deutschland.
3. Zwei Wochen später besetzte die Sowjetunion die Osthälfte von Polen. Weitere Kriegserklärungen blieben aus - trotz der Britisch-Französischen Garantieerklärung für Polen.
4. Danach begann der "Westfeldzug", der deutsche Angriff auf die Benelux-Staaten und Frankreich.
5. Erst danach eskalierte der Kriegsverlauf, es kam zu den (lange geplanten) deutschen Kriegsverbrechen, aber auch zu den Verbrechen anderer Nationen, etwa dem sowjetischen Massaker von Katyn und dem alliierten Bombenkrieg.

Diese kurze Aufzählung macht klar, worin der Kardinalfehler liegt: Wir reduzieren komplexe historische Ereignisse auf einfache Schwarzweißmuster. Auffällig ist auch, dass sich nahezu die gesamte "Aufarbeitung der Geschichte" auf die Spätphase des Konflikts beschränkt. Der TV-Dreiteiler beginnt mit dem Jahr 1941, in der Talkshow wurde fast nur über den Weltkrieg geredet, der Spiegel-Artikel handelt ausschließlich von den Kriegsereignissen. Die umfangreiche Vorgeschichte und die vielschichtigen Strukturen des Konflikts werden von den seriösen Medien beinahe vollständig verschwiegen. All das zu schildern, was bisher nicht gesagt wurde, würde den Rahmen dieses Posts bei weitem sprengen. Deshalb sei hier stellvertretend nur die Rüstung zwischen den Kriegen genannt. In kaum einem Geschichtsbuch wird vergessen darauf hinzuweisen, dass Deutschland ab dem Jahr 1933 den Versailler Vertrag gebrochen und massiv aufgerüstet hat. Das ist zweifellos richtig, und es ist von großer Bedeutung, dass wir uns heute daran erinnern. Es ist aber bloß die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte besteht in der Aufrüstung der Alliierten - sie begann schon viel früher. Nach einer kurzen Phase der Demilitarisierung hatten unsere Nachbarländer ihre Armeen ausgebaut und modernisiert, somit haben sie den Versailler Vertrag zuerst gebrochen - diese Information findet man in keinem Geschichtsbuch, keinem TV-Film, keiner Talkshow und keinem Spiegel-Artikel. Deshalb ist man als kritischer Zeitgenosse leider gezwungen, auf die weniger seriösen Medien zurückzugreifen.

Suche nach der Wahrheit

Zur Erinnerung: In Artikel 8 des Versailler Vertrags ist festgeschrieben, "dass es die Aufrechterhaltung des Friedens nötig macht, die nationalen Rüstungen auf das Mindestmaß herabzusetzen, das mit der nationalen Sicherheit (...) vereinbar ist." Später heißt es, Deutschland solle seine Armee auf 100.000 Mann im Heer und 15.000 Mann in der Marine reduzieren, "um die Einleitung einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Nationen zu ermöglichen". Deutschland hat sich an den Vertrag gehalten - die anderen Nationen nicht. Laut dem rechtskonservativen Publizisten Gerd Schultze-Rhonhof verfügte das französische Heer im Jahr 1923 über eine Stärke von 724.000 Mann, Polens Heer besaß im selben Jahr 275.000 Mann. Dazu kommt der Umstand, dass Deutschland sich auf eine Berufsarmee beschränken musste, während die anderen Staaten die Wehrpflicht beibehielten. Unsere Nachbarn bildeten ständig neue Infanteristen, Kanoniere, Panzerfahrer, Piloten usw. aus und führten sie ihrer Reserve zu. Mit jedem weiteren Jahr veränderte sich also das Verhältnis zu Ungunsten der Deutschen. Und das kurz nach dem bisher schlimmsten Krieg in der Geschichte der Menschheit. In dieser Situation hatten Extremisten aller Art Hochkonjunktur. Ein Demagoge aus Österreich stach besonders hervor, er versprach: "Ich mache euch wieder stark! Ich gebe euch das, was euch die anderen verweigern!"

Damit soll keineswegs behauptet werden, dass Franzosen und Polen "schuld" sind am Aufstieg Hitlers. "Schuld" existiert nicht, ebenso wenig wie das "Böse" oder die "Feinde". All das sind lediglich Ausdrucksformen von Angst und Wut. Wenn man die Angst und die Wut, die viele Deutsche in den zwanziger und dreißiger Jahren empfanden, verstehen will, muss man die Geschichte vollständig betrachten - ohne Scheuklappen und Denkverbote. Die Kriegsgewinner ließen ihren Gefühlen nach 1918 freien Lauf, ohne über ihr Tun nachzudenken. Die Waffen versprachen ihnen Sicherheit - aber sie bedrohten die anderen.

Der ewige Kreislauf

Was haben wir heute daraus gelernt? Leider nicht viel. In dem TV-Dreiteiler sah man zahllose Gräueltaten, die von Deutschen und von Menschen anderer Nationen begangen wurden. In Günther Jauchs Talkshow erzählten zwei alte Männer Gräuelgeschichten aus dem Krieg, als Zuschauer sah man förmlich das Blut spritzen. In dem Spiegel-Artikel versuchte der Autor zu klären, wer denn die "Schuld" an all dem Grauen hatte. In keinem dieser drei Medien wurde nach den tieferen Ursachen geforscht. Als Folge daraus entsteht bei den Nachgeborenen neue Angst. Man denkt sich: Wenn es damals möglich war, ist es heute wieder möglich. Man hält Ausschau nach neuen Feinden. Neonazis, Kommunisten, Terroristen, Islamisten, irgendjemand bietet sich immer an. Man versucht sich zu bewaffnen, um das "Böse" in Schach zu halten. Deutschland ist heute der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Und natürlich muss man Bücher schreiben und Filme drehen, um über das "Böse" aufzuklären, und man muss in Talkshows gehen, um darüber zu sprechen - wir haben eine regelrechte Industrie der Angst erschaffen. Diese Industrie setzt jedes Jahr weltweit viele Milliarden Euro um, wahrscheinlich mehr als jede andere Branche. Leider ist kein Ende ihres unheilvollen Treibens abzusehen, denn die Industrie der Angst reproduziert sich selbst, an jede neue Generation gibt sie das weiter, was sie von der vorherigen übernommen hat.

Was kann man dagegen tun? Wir müssen den Kreislauf aus Angst und Wut durchbrechen. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, die Industrie der Angst ist sehr mächtig, ihre Lobbyisten sitzen überall. Viele kleine Schritte werden nötig sein. Wir müssen versuchen, das ganze Bild der Geschichte zu zeigen. Wir müssen uns bemühen, Verständnis für so genannte "böse" Menschen zu entwickeln. Wir müssen die Beweggründe ihres Handelns erkennen und auflösen. Langfristig wird dadurch eine Industrie des Mutes und der Liebe entstehen. Sie wird uns helfen, unsere Zivilisation auf die nächste Ebene emporzuheben.


Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch meinen Post Syrien und die UNO - Erinnerungen an den Völkerbund.




Hier noch ein Buchtipp: Elk von Lyck - Die Auswerterin - oder das Ende von Auschwitz
Eine kritische Aufarbeitung des Themas Vernichtungslager.

Freitag, 22. März 2013

Buchkritik: Hochzeitssuppen von Olga Manj - Prallvolles Leben


Inhalt:
Durusan und Wladyslaw kommen vom Rande Europas, der eine aus der Türkei, der andere aus Polen, und begegnen sich in Mannheim, was ungefähr in der Mitte des Kontinents liegt. Die  beiden arbeiten nicht nur zusammen in einer Montagehalle von Benz, wo sie Busse zusammenschrauben, sie sind auch die besten Freunde. In ihrer Freizeit treiben sie gemeinsam Sport, unternehmen Ausflüge oder wundern sich über die seltsamen Bräuche der Eingeborenen. Männerfreundschaften könnten völlig problemlos sein – wenn es keine Frauen gäbe. In diesem Fall heißt das Verhängnis Magdalena, arbeitet als Barkeeperin, stammt ebenfalls aus Polen und interessiert sich für ihren Landsmann Wladyslaw. Dummerweise verliebt sich Durusan in Magdalena, was die Sache nicht einfacher macht. Weil Wladyslaw aber ein guter Freund ist, versucht er Durusan zu helfen, Magdalena zu beeindrucken. Er bringt ihn zu jeder ihrer Verabredungen mit, macht dadurch aber alles nur noch schlimmer, denn nun denkt Magdalena, die beiden würden eine homosexuelle Beziehung führen.
Doch es wird noch vertrackter. Auftritt Meral. Auch sie ist Türkin, auch sie arbeitet beim Benz, allerdings als Reinigungskraft. In dieser Funktion begegnet sie den beiden Männern. Und wieder zielt Amor ziemlich schlecht. Wladyslaw verliebt sich in Meral, Meral verliebt  sich in Durusan, Durusan interessiert sich nicht für Meral. Aber weil auch Durusan ein guter Freund ist, versucht er Wladyslaw zu helfen, bei Meral Punkte zu sammeln. Wieder kommt es anders, als man denkt. Beide Frauen werden schwanger, zwei Ehen werden arrangiert, jedoch nicht unter den biologischen Eltern. Letztlich kann nur eine polnische Urgroßmutter die Situation retten…


Bewertung:
Missverständnisse zwischen Männern und Frauen sind bereits kompliziert, noch schwieriger wird es, wenn kulturelle Missverständnisse hinzukommen. In "Hochzeitssuppen" sind die polnische und die türkische Kultur beteiligt, die badische und kurpfälzische, sowie der Katholizismus und der Islam. Daraus entwickelt sich eine amüsante Geschichte über Liebe und Freundschaft, Skurriles und alltägliche Probleme. Obwohl die Handlung teils abenteuerliche Haken schlägt, wirkt sie doch nie überzogen. Der Autorin gelingt es, das Gleichgewicht zwischen den Figuren und den Kulturen zu halten. Jeder hat seine starken und seine schwachen Momente, jeder kriegt sein Fett weg - fast wie im richtigen Leben.
Apropos Fett. "Hochzeitssuppen" ist eine sehr sinnliche Erzählung. Hier wird gekocht und gebacken, nach polnischen und türkischen Rezepten, es wird gegessen und getrunken, gelacht und getanzt, geliebt und gestritten. Das Ganze findet statt vor der Kulisse der Kurpfalz, also der Gegend zwischen Mannheim und Heidelberg. Einheimische werden vieles wiedererkennen, Fremde werden viel Neues entdecken.
Fazit: "Hochzeitssuppen" setzt das Kurpfälzer Dekameron fort, eine Reihe, die auf zehn Teile angelegt ist. Mit viel Fantasie, Wortwitz und liebenswerten Charakteren schafft es Olga Manj zum zweiten Mal, den Leser zu verzaubern.

Hochzeitssuppen, Kurpfälzer Dekameron
128 Seiten
Taschenbuch (9,90 EUR) oder e-Book (4,99 EUR)
Verlag Books on Demand, 1. Auflage 2013
Edition LitOff
Lesen Sie bitte auch meine Kritik von Die Schöne Bäckerin, des ersten Teils des Kurpfälzer Dekamerons.
Unter diesem Link finden Sie die Homepage von Olga Manj.

Sonntag, 3. März 2013

Brasilien baut Atom-U-Boot - Jetzt fangen die Idioten auch noch an!


Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat verkündet, das Land wolle in den nächsten Jahren fünf neue U-Boote bauen und in Betrieb nehmen. Vier dieser Boote werden durch konventionelle Dieselmotoren angetrieben, das fünfte bekommt einen Atomantrieb. Bislang besitzen die USA, Russland, China, Britannien und Frankreich derartige Waffensysteme. Sie wurden während des Kalten Krieges entwickelt, um möglichst lange Einsatzzeiten auf See zu ermöglichen, die meisten dieser U-Boote fungieren als schwimmende Abschussbasen für Atomraketen.

Als kritischer Medienkonsument fragt man sich nun: Wozu braucht Brasilien ein Atom-U-Boot? Von wem fühlt sich das Land bedroht? Der Kalte Krieg ist lange vorbei. Eine gewisse Gefahr geht von den unkalkulierbaren Regimen im Iran und Nordkorea aus. Deren Armeen müssten aber viele Tausend Kilometer zurücklegen, um auch nur in die Nähe Südamerikas zu gelangen. Eine weitere Gefahr geht vom Terrorismus aus. Wollen die Brasilianer mit ihren U-Booten vielleicht die Schlauchboote von Al-Qaida versenken? Oder fühlen sie von ihren Nachbarn bedroht? Vom Erbfeind Argentinien etwa? Das Land leidet immer noch unter dem Staatsbankrott von 2002, seine Armee ist in einem desolaten Zustand. Die übrigen Armeen des Kontinents sind auch nicht viel stärker, einige taugen nur dazu, unliebsame Bevölkerungsgruppen zu unterdrücken. Also wo ist der Feind?

Viel wahrscheinlicher ist, dass die Brasilianer jetzt, wo das Land einen eindrucksvollen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, in die Riege der „großen“ Militärnationen aufsteigen wollen. Sie wollen ernst genommen werden, wollen respektiert und gefürchtet werden. Dann sollen sie doch gleich Rallyestreifen auf die Rümpfe malen, Fuchsschwänze an die Periskope hängen und die U-Boote so tief legen wie es nur geht (am besten auf den Grund des Marianengrabens). Dieses Verhalten erinnert an eine primitive Phase der Menschheitsgeschichte, die wir schon überwunden glaubten.

Gibt es sonst keine Probleme in dem Land? Selbstverständlich. In Brasilien leben Millionen Menschen unter erbärmlichen Bedingungen, die Favelas, die Armensiedlungen rund um die Großstädte, sind weltweit berüchtigt. Ursache für Kriege, für Gewalt und Kriminalität ist meistens Wut. Wut über Armut, ungleiche Verteilung und Perspektivlosigkeit. Die sechs Milliarden Euro, die die U-Boote kosten werden, sollte man nicht benutzen, um einen imaginären Feind zu bedrohen, sondern um die Wut aufzulösen.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch meine Posts USA modernisieren Atomwaffen und U-Boote für Israel - Deutschland heizt Konflikt an, sowie Indien testet Atomrakete und Pakistan testet Atomrakete - Der Irrsinn geht weiter. 

Die Idioten werden wohl so schnell nicht aussterben.