Mittwoch, 27. Februar 2013

Buchkritik: Wege der Hoffnung von Stéphane Hessel und Edgar Morin - Früher war mehr Lametta


Stéphane Hessel spielt in Frankreich die Rolle, die bei uns von Helmut Schmidt übernommen wird: die der moralischen Instanz – nur ohne Zigaretten. Seinen größten Coup landete er 2010, als der damals 92-Jährige ein dünnes Pamphlet mit dem Titel "Indignez-vous!" (Empört euch!) veröffentlichte, das sich bis heute fast fünf Millionen Mal verkauft hat. Selbst bei wohlwollender Betrachtung konnte man darin nicht viel mehr als einen Leitfaden für Wutbürger erkennen, echte Verbesserungsvorschläge waren dünn gesät.
Diesen Mangel wollte Hessel mit dem Nachfolgewerk „Wege der Hoffnung“, das er gemeinsam mit dem Philosophen Edgar Morin verfasste, offensichtlich beseitigen. Morin ist auch schon über neunzig Jahre alt, deshalb machen die beiden Autoren zu Beginn des Buches das, was alte Menschen am besten können: sie schauen zurück. Zunächst werden Paul Valéry und Konrad Lorenz mit Aussprüchen aus den 1930er Jahren zitiert, dann geht ´s noch weiter zurück ins Jahr 1792 zur elften und zwölften Strophe der Marseillaise (klingt nach einem Musicalsong von Andrew Lloyd Webber), gleich danach erfolgt der Sprung zur Résistance, der französischen Widerstandsbewegung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Als Leser rechnet man schon damit, dass als nächstes Gérard Depardieu um die Ecke biegt, der soeben einen Singvogel in Weinbrand ersäuft hat, aber dazu kommt es nicht – denn es wird noch schlimmer. Auf Seite 13 ermahnen uns Hessel und Morin, dem Fetisch Wachstum abzuschwören – um sich einen Satz weiter (!) selbst zu widersprechen: „Wachsen sollen die umweltfreundlichen Energien, der öffentliche Verkehr, die soziale und solidarische Wirtschaft, Bildung, Kultur, menschlichere Verhältnisse in den Ballungszentren. Schrumpfen müssen die Agrar-, die Erdöl-, die Atom- und die Rüstungsindustrie, der nichtproduktive Zwischenhandel…“ Also anscheinend ist eine differenzierte Form des Wachstums gemeint.   


Die Résistance - eine Geschichte der Missverständnisse
 
Nun könnte man über diesen kleinen logischen Fehler hinwegsehen, ebenso wie über die moderne Form der Gardinenpredigt, wonach das Schlechte schrumpfen und das Gute wachsen soll – Richard David Precht verkauft mit demselben Rezept ebenfalls Millionen Bücher. Das Problem ist nur: Es geht bis zum Schluss so weiter. Fast jeder Seite entspringt eine Aufforderung zu mehr gesellschaftlichem Engagement, gepaart mit einem Appell an das Gewissen. Die reichen Kapitalisten möchten doch bitte etwas weniger ausbeuterisch sein und die Extremisten weniger extremistisch, dafür sollen die Idealisten idealistischer sein – und überhaupt, früher war mehr Lametta. Unfreiwillig komisch wirkt in diesem Zusammenhang das mehrfache Zitieren der „Werte der französischen Widerstandsbewegung“. Die beiden Autoren, die selbst Mitglieder jener Bewegung waren, machen dabei einen Kardinalfehler. Sie vergessen, dass nur die Hälfte der damaligen Motive positiver Natur waren, also etwa Liebe zum Vaterland und Solidarität mit den Verfolgten. Die andere Hälfte bestand aus Angst, Hass, Gier und ähnlich unerfreulichen Regungen, zu denen auch Franzosen fähig sind. Wer das nicht glaubt, sollte mal ein bisschen über die Phase zwischen 1918 und 1933 recherchieren, darüber, wie Deutsche im Elsass behandelt wurden, über das Verhalten französischer Politiker im Völkerbund, den Pariser Vorortverträgen usw. Diese Vorgänge sind bis heute nicht aufgearbeitet und wirken bis heute nach. Deshalb müssen die Werte und Unwerte der Résistance zwangsläufig immer wieder dieselben Resultate erzielen.
„Wege der Hoffnung“ ist ein Musterbeispiel für das, was schiefläuft in unserer europäischen Gesellschaft. Wir können nicht wirklich tief nachdenken und reflektieren, wir kratzen nur an der Oberfläche. Immer wieder holen wir die alten Rezepte hervor, wir würzen sie nur ein bisschen nach. Diese Rezepte haben schon in der Vergangenheit nicht funktioniert, heute funktionieren sie ebenso wenig, sie führen nur zu immer neuer Ungerechtigkeit, zu neuen Kriegen, zu neuer Gewalt. Das ist bereits schlimm genug, aber in jüngster Zeit kamen neue Dimensionen der Bedrohung hinzu: Klimawandel, Artensterben, Überbevölkerung, Schuldenkrise, politischer und religiöser Extremismus – die Welt steht am Abgrund. Hessels und Morins Wege bringen uns nur einen Schritt weiter. Derartige Appelle wurden schon tausendfach, wahrscheinlich sogar millionenfach erhoben – die meisten verklangen ungehört. Warum sollten die Menschen ausgerechnet diese befolgen? Nur weil sie von zwei alten Männern stammen, die Teil einer Widerstandsbewegung gegen ein unmenschliches Regime waren, das sie selbst miterschaffen haben?
Besonders entmutigend erscheint dabei: Die jungen Intellektuellen, die Philosophen, Schriftsteller und Politiker von heute, sind genauso doof.     


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