Sonntag, 29. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 7 der Fortsetzungsgeschichte

Plötzlich ertönten Schritte, jemand ging den Flur entlang.
     „Peter, bist du das?“
     Die Antwort erübrigte sich. Peter riss die Tür zum Schlafzimmer auf, ohne anzuklopfen oder sich sonst wie bemerkbar zu machen. „Ich hab nicht viel Zeit“, sagte er. „Hab dir was mitgebracht.“ Er reichte ihr ein langes, schwarzes Etwas.
     „Was ist das?“ Mona setzte ihre Brille auf und erkannte einen Kleidersack, der aus einem Bügel und einer darüber gestülpten Plastikfolie bestand. Ihre Reinigung benutzte manchmal solche Schutzverpackungen, wenn sie wertvolle Kleidungsstücke auslieferte, doch Mona erinnerte sich nicht, etwas zum Reinigen gegeben zu haben.
     „Ein Geschenk“, antwortete Peter knapp. Er legte Jackett und Krawatte ab. „Haben wir noch saubere Hemden? Ich brauch ein weißes Hemd.“
     „Ja, im Schrank sind jede Menge. Warum machst du mir ein Geschenk?“ Behutsam zog sie die Plastikfolie ab.
     „Zum Geburtstag.“
     „Der ist in zwei Monaten… Oh nein.“ Mona stockte der Atem, als sie sah, was sich unter der Folie befand. Es war ein Abendkleid, eines, das ihr bekannt vorkam.
     „Erinnerst du dich? Das wurde auf der Modenschau gezeigt, bei dem Wohltätigkeitsball. Du sagtest, es gefällt dir.“ Peter warf sein Hemd achtlos auf das Bett.
     „Das stimmt, aber es war irrsinnig teuer.“
     „Ich kann es mir leisten. Ich möchte, dass du es gleich heute Abend anziehst. Wir sind bei den Hendersons eingeladen. Ein kleines Fest. Ihr Sohn hat seinen Abschluss gemacht.“
     „Heute Abend? Warum hast du das nicht früher gesagt?“
     „Weil ich es selbst nicht früher wusste. Der junge Henderson ist sonst ein Versager. Niemand hat damit gerechnet, dass er das Ziel erreicht. Wahrscheinlich hat sein alter Herr nachgeholfen.“
     Mona hielt sich das Kleid an den Körper. Es sah schön aus, aber auch sehr eng. Sie betrachtete sich im Spiegel. Ihre Hüften ragten über das Kleid hinaus, so schien es ihr, und der Stoff war nicht übermäßig dehnbar. „Ich muss erst eine Anprobe machen. Vielleicht passt es mir gar nicht. Vielleicht muss es geändert werden.“       
     „Nein, nein, es hat genau deine Größe. Ich habe mich erkundigt. Außerdem, mit deinen Yogakünsten kommst du überall rein. Stell dir vor, was du für einen Auftritt haben wirst. Bestimmt werden einige von den Damen das Kleid wiedererkennen, ein echtes Modellkleid. Und das Geld dafür geht an die Aids-Hilfe. Ist doch großartig.“
     „Ja, großartig“, wiederholte Mona.
     „Es geht um acht los. Ich bin um halb acht wieder da und hole dich ab.“ Eilig knöpfte er das frische Hemd zu.
     „Möchtest du etwas essen? Soll ich dir etwas warm machen?“
     „Nein, ich hatte vorhin ein Geschäftsessen. Nicht vergessen, halb acht.“ Er nahm das Jackett, legte es über seinen Arm; die Krawatte band er sich bereits im Flur.
     Ratlos stand Mona vor dem Spiegel. Das Kleid war wirklich sehr schön, sie hätte es gerne auf dem Fest getragen. Wahrscheinlich würden es ihre Bekannten, die Frauen von Peters Kollegen, die Frauen aus der Nachbarschaft, tatsächlich wiedererkennen, solche Dinge entgingen ihnen nicht. Doch Mona fürchtete auch, dass ihr das Kleid nicht passen würde, dass sie sich darin nicht wohlfühlen würde. Normalerweise trug sie bei offiziellen Anlässen nur maßgeschneiderte Kleidung, sie hatte nun mal nicht mehr die Figur einer Zwanzigjährigen. Es stimmte zwar, sie machte regelmäßig Yoga und beherrschte einige anspruchsvolle Übungen, doch Yoga war kein Zaubermittel.
     Ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen. „Also dann…“
     Mona nahm das Kleid vom Bügel und zwängte sich hinein. Zunächst ging alles gut, es passte über ihre Hüften, es passte über ihre Brüste, die Träger ließen sich über die Schultern streifen – nur den Reißverschluss bekam sie nicht zu. Sie probierte es mehrfach, atmete tief ein, hielt die Luft an, wand sich wie eine Schlange, doch auch mit der allergrößten Mühe ließ er sich nur zur Hälfte schließen, die letzten paar Zentimeter blieben offen. Mona war davon nicht überrascht, solche Kleider wurden entworfen für junge Frauen an der Grenze zur Magersucht, nicht für Frauen Mitte vierzig, die drei Kinder geboren hatten. Sie gab es auf, schälte sich wieder aus der engen Hülle.
     Sie ärgerte sich. Eine Schande, so ein schönes Kleid nicht tragen zu können, weil ein paar Zentimeter fehlten. Sie überlegte, was sie in der Kürze der Zeit unternehmen könnte…
     Ihr kam eine Idee. Mona erinnerte sich, dass sie ein Korsett besaß, welches man mit Schnüren, Haken und Ösen besonders eng einstellen konnte. Es war einem Modell aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden und wurde auch als Sanduhr bezeichnet, weil es seiner Trägerin eine ebensolche Gestalt verlieh. Nicht gesund, aber sexy. Peter hatte es ihr vor Jahren geschenkt, um ihr Sexleben, das während der langen Ehe etwas eingeschlafen war, aufregender zu machen. Er fantasierte von der Belle Époque, den Salons und Bordellen, die Toulouse-Lautrec malte, von Sado-Maso-Spielen und einem Folterkeller. Dazu kauften sie eine Menge Kleider, Sexspielzeuge und sogar Möbel, teilweise Originalstücke aus der Zeit um 1900. Benutzt hatten sie davon fast nichts, beide verloren schnell das Interesse daran. Die Fantasien funktionierten nicht in der Wirklichkeit.
     Aber wo war das Korsett nur? Schon längere Zeit hatte sie es nicht mehr getragen, auch schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Sie suchte in ihrem Wandschrank, in sämtlichen Fächern, sie suchte in der Kommode, in der ihre Unterwäsche lag, doch ohne Erfolg. Dann fiel es ihr wieder ein. Zum Schutz vor neugierigen Putzfrauen und vor ihren Kindern hatte sie es an einem sicheren Ort versteckt: ihrem begehbaren Kleiderschrank, der ganz hinten in der Ecke ein Geheimfach besaß. Sie schaltete die Beleuchtung an und kroch in die Höhle hinein, das letzte Stück musste sie sich vortasten, weil das Licht nicht so weit reichte. Hinter gestapelten Schuhkartons fand sie schließlich das Fach. Oben, in der ersten Schublade, bewahrte sie ihren wertvollen Schmuck auf, die Kästchen mit den Ohrringen, Ketten und Armbändern, die teilweise noch aus ihrer Kinderzeit stammten und die sie nur selten hervorholte. Darunter lag ihr Sexspielzeug, die Dildos und Vibratoren, die sie weit häufiger hervorholte. Meist hatte sie einen Schmetterling aus Silikon in der Kommode mit ihrer Unterwäsche versteckt, die großen Teile benutzte sie nur, wenn Peter auf Geschäftsreise war. Unter dem Spielzeug lag eine Pappschachtel, und in dieser Schachtel fand sie das gesuchte Korsett. Mona stieß einen leisen Triumphschrei aus und kehrte ans Tageslicht zurück.
     Sofort probierte sie das Korsett an. Einfach war es nicht, sie musste die langen Schnüre an ihrem Rücken allein zubinden, als Hilfsmittel stand ihr nur der große Spiegel zur Verfügung. Es dauerte eine ganze Weile, es tat ein bisschen weh, statt Sanduhr hätte man das Modell auch Schraubstock nennen können. Aber das Korsett erfüllte seinen Zweck, es passte sehr gut und verringerte ihren Taillenumfang um die entscheidenden Zentimeter. Wenn sie bis zum Abend nichts mehr trinken würde, und wenn sie flach atmen würde, dann müsste es klappen, dann müsste sie in der Lage sein, das Fest in dem neuen Kleid mit Anstand hinter sich zu bringen – und vielleicht würde auch das eine oder andere Kompliment für sie dabei herausspringen.
     Mona sah ihr Spiegelbild an. Sie war noch immer eine attraktive Frau, fand sie, trotz der Falten im Gesicht. Das Beste befand sich unterhalb des Gesichts: ihr Körper, der trotz einiger kleiner Makel recht wohlgeformt war. Die vielen Stunden, während derer sie im Fitnessraum schwitzte, die Yogaübungen und das disziplinierte Essen zahlten sich aus. Von weitem betrachtet, konnte man sie für eine Dreißigjährige halten. Und wenn sie die Operation machen ließ, auch wieder von nahem betrachtet. Dann würde sie vielleicht wieder mehr mit Peter unternehmen. Seit Jahren waren sie nicht mehr gemeinsam im Theater oder im Kino gewesen, ihre abendlichen Verabredungen hatten immer etwas mit seinem Beruf zu tun.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon


Donnerstag, 26. Dezember 2013

Operation Erbschaft - Was verschweigen uns die Regierungen?


Vor kurzem drangen erste Informationen über die sogenannte "Operation Erbschaft" an die Öffentlichkeit. Obwohl es sich um Vorgänge aus den Jahren 1950 bis 1960 handelt, sind die Ereignisse hochaktuell. Damals hatte die britische Regierung angeordnet, Tausende Dokumente zu vernichten, die im Zusammenhang mit dem Freiheitskampf gegen die Kolonialherren standen. Als konkretes Beispiel ist die "blutige Niederschlagung der kenianischen Unabhängigkeitsbewegung Mau-Mau" (siehe News ORF.at) genannt. Die Anordnung erstreckte sich auf alle Dokumente, "welche die Regierung Ihrer Majestät oder andere Regierungen Ungelegenheiten bereiten können“; „welche Mitgliedern der Polizei, der Streitkräfte sowie Beamten und anderen, darunter Informanten, zusetzen können“; und „welche die Geheimdienste belasten können“. Die Papiere wurden in den Kesseln von Schiffen verbrannt oder im Meer versenkt.

Zufälligerweise erreicht uns diese Meldung in einer Zeit, in der wir immer noch über die NSA-Affäre diskutieren. Dank Edward Snowden wissen wir, dass die Geheimdienste gewaltige Mengen an Daten erfassen, auswerten und speichern. Aber was geschieht mit den Daten, wenn sie eines Tages nicht mehr aktuell sind? Werden sie freigegeben, so dass jeder Bürger Einsicht in seine Akte bekommt, ähnlich wie damals die Gauck-Behörde Einsicht in die Stasi-Akten gewährte? Werden sie Journalisten und Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt, so dass die Öffentlichkeit wenigstens mit Verspätung aufgeklärt wird? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich werden sie einfach vernichtet. Nur dass man sie heutzutage nicht mehr verbrennen oder versenken muss - zur Löschung der Daten reichen ein paar Mausklicks.

Demokratie oder totalitärer Staat?

Einige wichtige Fragen drängen sich auf: Gab es Aktionen wie die "Operation Erbschaft" auch in anderen Staaten? Welche Dokumente werden aufbewahrt, welche werden vernichtet? Wer trifft die Entscheidungen? Was verschweigen uns die Regierungen noch alles? Können wir unserer Geschichtsschreibung trauen?

Demokratie bedeutet Transparenz, Offenheit, Nachvollziehbarkeit. Jeder Bürger muss über alle wichtigen Informationen verfügen. Informationen dürfen nicht unterdrückt, manipuliert oder vernichtet werden. Ehrlicherweiser muss man jedoch sagen, dass die meisten Staaten - auch die westlichen - diese Bedingungen weder in der Vergangenheit erfüllten noch jetzt erfüllen. Von echter Demokratie sind wir noch weit entfernt.  

Lesen Sie bitte auch: Schafft die Geheimdienste ab!

Dienstag, 24. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 6 der Fortsetzungsgeschichte

     „Was heißt hier eigenartig? Ein Kleid von Dior oder Versace hat eben seinen Preis. Trotzdem habe ich Mona ein ganzes Dutzend geschenkt.“ Er ließ den Knopf los, das Karussell blieb stehen.
     Peter breitete seine Arme aus. „So großzügig bin ich. Das alles habe ich für meine Familie gemacht. Wenn mein Haus im Jenseits so aussieht wie dieses hier, habe ich nichts zu befürchten. So möchte jeder leben, egal ob tot oder lebendig.“ Er lachte schallend über seinen Witz.
     „Ja, so möchte jeder leben“, wiederholte Helena. „Trotzdem lebst du hier nicht mehr, Peter.“
     Ihm verging das Lachen, sein Gesicht versteinerte. „Das hat andere Gründe. Ich habe sie nicht zu verantworten, diese Gründe.“
     „Da bin ich anderer Meinung.“
     „Behalt sie für dich. Deine Meinung interessiert dabei nicht.“ 
     „Gut, ich behalte sie für mich. Aber vielleicht möchte Mona darüber reden.“
     „Was meinst du?“
     „Wir haben die Möglichkeit, auch andere Sichtweisen zu berücksichtigen.“
     Helena hatte den Satz noch nicht vollendet, als die Schlafzimmertür geöffnet wurde und eine Frau hereinkam. Sie trug einen Bademantel, um ihre Haare war ein Handtuch gewickelt. Die Frau ging dicht an Helena und Peter vorbei, beide hörten das leise Geräusch, das ihre Sandalen auf dem Teppich erzeugten, rochen sogar den Duft ihres Shampoos.      
     „Was willst du denn hier?“, fragte Peter überrascht.
     Sie reagierte nicht auf ihn.
    „Antworte. Ich rede mit dir.“ Um zu zeigen, dass es ihm ernst war, wollte Peter sie an den Schultern packen und durchschütteln, doch seine Hände griffen ins Leere.
     „Mona kann uns nicht hören“, sagte Helena. „Eigentlich ist sie gar nicht an diesem Ort. Es ist eine Projektion, eine Erinnerung. Was du gleich erlebst, hat sich vor knapp zwei Jahren zugetragen.“
     „Wie machst du das?“, wollte Peter wissen. „Hast du hier einen Projektor versteckt?“ Er suchte den Raum nach einer Linse und einer Lichtquelle ab.
     „Nein, es sind materialisierte Gedanken. Daraus besteht das Leben, sogar das gesamte Universum. Jetzt sei still und hör zu.“
     „Wieso soll ich zuhören? Sie sagt doch gar nichts.“
     „Du sollst ihren Gedanken zuhören.“
     Bevor Mona das Handtuch beiseite legte, frottierte sie ein letztes Mal ihre Haare. Dann setzte sie sich an den Schminktisch, holte aus einer Schublade Bürste und Fön hervor und begann damit, ihre Frisur herzurichten. Es war nichts Kompliziertes, zuletzt hatte sie sich einen Pagenkopf schneiden lassen. Aufwendige Frisuren interessierten sie nicht mehr. Früher war es anders gewesen, mit ihren Freundinnen saß sie stundenlang beim Friseur, ihre Haare wurden geschnitten, gefärbt, toupiert und in Locken gelegt. Dabei entstanden Monsterfrisuren, für die sie sich später schämte, wenn sie sie auf alten Fotos entdeckte, die aber zur damaligen Mode gehörten. Außerdem ging sie regelmäßig zur Maniküre und Pediküre und ließ ein Peeling der Haut, eine Entfernung der Körperbehaarung oder ein Bleichen der Zähne über sich ergehen. All das kostete viel Zeit und Geld, manchmal war es unangenehm, sogar schmerzhaft, aber sie tat es gerne, weil es sich auszahlte. Sie bekam unzählige Komplimente, Männer pfiffen ihr nach, wollten sich mit ihr verabreden, einige machten ihr sogar ernst gemeinte Heiratsanträge.
     Diese Zeiten gehörten der Vergangenheit an. Heute pfiff ihr niemand mehr nach, und die Männer, die sie um Verabredungen baten, wollten ihr Versicherungen oder Immobilien verkaufen. Dafür brauchte sie nicht mehr aussehen, als käme sie gerade von der Oscar-Verleihung. Inzwischen war ihr die Alltagstauglichkeit einer Frisur wichtiger als der Aufmerksamkeitswert, ein paar Striche mit der Bürste mussten reichen, um sie in Form zu bringen.
     Peter wandte seinen Blick von ihr ab. „Was soll das?“, fragte er. „Ich finde, wir können uns das ersparen.“
     „Nein, es ist wichtig“, erwiderte Helena. „Dadurch erfährst du etwas über sie – und über dich.“
     „Das ist langweilig. Kannst du nicht auf schnellen Vorlauf drücken?“
     „Hab etwas Geduld. Gleich wird es interessant.“
     Mona war fertig mit dem Fönen ihrer Haare. Sie beugte sich vor, betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Es gefiel ihr nicht, was sie sah. Die Falten waren wieder ein bisschen tiefer geworden, so dachte sie jedenfalls, die Falten auf der Stirn, die Falten um Mund und Nase herum. Als besonders hässlich empfand sie ihren Augenbereich; manchmal hatte sie das Gefühl, dass jeder Mensch, dem sie begegnete, ihr nicht in die Augen sah, sondern ihre Falten anstarrte, sie vielleicht sogar zählte, deren Länge und Tiefe abschätzte und ihr Gesicht mit dem anderer Frauen, jüngerer Frauen verglich. Die Falten liefen strahlenförmig von ihren Augen weg, eine Hälfte zur Stirn, die andere zu den Ohren. Es gab ein Wort dafür: Krähenfüsse. Ein hässliches Wort für eine hässliche Sache. Und nichts half dagegen, keine Creme, kein Peeling, keine Massage mit Bürsten und Ölen. Mona hatte alles probiert, allein für den Kampf gegen die Falten gab sie noch viel Geld aus.
     Als letzter Ausweg blieb ihr nur der Gang zum Arzt. Man konnte sich das Gesicht straffen lassen, man konnte sich Mittel unter die Haut spritzen lassen. Bislang hatte sie immer davor zurückgeschreckt, wegen der gesundheitlichen Gefahren, wegen der Nebenwirkungen, für die es in ihrem Bekanntenkreis einige anschauliche Beispiele gab. Eine Freundin von ihr hatte sich mit Botox behandeln lassen, bei einem Arzt, der eigentlich Orthopäde war, aber lieber die viel lukrativeren Schönheitsbehandlungen durchführte. Ein Teil des Mittels gelangte in ihre Blutbahn, was zu einer schweren Vergiftung führte, die sie nur überlebte, weil ein benachbartes Krankenhaus das Gegenmittel vorrätig hielt. Ursprünglich war dieses Antitoxin als strategische Reserve vorgesehen, falls das Land mit biologischen Waffen angegriffen würde, denn Botox galt auch als Kriegswaffe. Inzwischen benutzte man es hauptsächlich zum Kampf gegen das Alter, gegen Vorurteile und Minderwertigkeitskomplexe.
     Andere Frauen legten sich gleich unter das Messer von Chirurgen, die ähnlich kompetent waren wie der Orthopäde mit der Botoxspritze. Sie gewannen durch die Operationen zwar ein paar Jahre, sahen etwas jünger aus, doch verloren sie gleichzeitig einen Teil ihrer Persönlichkeit, sie wirkten puppenhaft, unnatürlich, konnten Emotionen nicht mehr wie zuvor ausdrücken, weil ihre Gesichter in einem bestimmten Bereich eingefroren waren. Ob sie nun lachten, weinten oder sich langweilten, sie sahen immer gleich aus. Das war der Preis, den sie zu zahlen hatten, ein Preis, der sich nicht in Dollar und Cent bemaß.
     Mona verzog ihr Gesicht, sie schnitt Fratzen. Mal sah sie aus wie ein Clown, mal wie ein Verbrecher und mal wie abgebrühter Politiker, aber immer sah sie hässlich aus. Sie nahm die Finger zu Hilfe, versuchte, die Haut um ihre Augen herum zu glätten. Es gelang, die Haut straffte sich. Mona fand, sie sähe nun besser aus, um einige Jahre jünger. Vielleicht würde man sie so um zehn Jahre jünger schätzen. Was machte es schon, dass sie nun, mit den Fingern an Schläfen und Stirn, nicht mehr zeigen konnte, ob sie fröhlich oder traurig war. Dafür interessierte sich ohnehin niemand. Der Preis war nicht zu hoch, entschied Mona, sie war bereit, ihn zu zahlen. Gleich morgen würde sie zu einem Arzt gehen, der Schönheitsoperationen durchführte. Im Internet gab es sicher massenhaft Informationen dazu, Mona musste sie nur heraussuchen. Doch vorher trug sie noch etwas Feuchtigkeitscreme auf ihre Haut auf, danach griff sie zur Abdeckcreme. Mona tat es langsam und bedächtig, sie genoss es geradezu, es war vielleicht das letzte Mal, dass sie dieses alte Gesicht eincremte.

Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon

Freitag, 20. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 5 der Fortsetzungsgeschichte

     „Also…“ Er machte den letzten Schritt zur Tür hinüber. „Also die Oberfläche besteht aus Bongossi. Das ist ein seltener Baum, der nur in Westafrika wächst. Hier, fass mal an.“ Mit den Fingerspitzen strich er über das dunkle Holz.
     Helena tat es ihm gleich.
     „Spürst du die feine Maserung? Sehr edel, nicht wahr? Trotzdem ist die Tür auch sehr sicher, weil darin Matten aus Kevlar eingearbeitet sind. Du kannst mit einer Vierundvierziger Magnum draufhalten, und nichts geht hindurch. Das gilt auch für die Fenster, sie sind aus Verbundsicherheitsglas. Da ist eine PVB-Folie drin, die gegen Steine, gegen Beschuss und sogar gegen Explosionen schützt.“
     „Sehr beeindruckend.“
     „Ja, und es kommt noch besser. Oben, neben den Schlafzimmern, ist ein Panikraum. Komplett gepanzert und gegen Gasangriffe geschützt. Es gibt eine gesicherte Leitung zur Polizei und Monitore, mit denen man das gesamte Haus überwachen kann. Siehst du das Ding dort?“ Peter zeigte auf eine kleine gläserne Halbkugel, die – kaum sichtbar – aus der Wand ragte.
     „Eine Kamera“, vermutete Helena.
     „Richtig. Davon sind zwanzig Stück im Haus und im Garten verteilt. Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, dass ich mich nicht um die Sicherheit meiner Familie sorgen würde.“
     „Nein, das kann man nicht“, bestätigte sie.
     „Und auch sonst hab ich immer nur das Beste für meine Familie getan. Komm, ich zeig dir das Wohnzimmer. Die Pläne dazu habe ich persönlich entwickelt.“
     Sie betraten eine großflächige Wohnlandschaft, die nahezu ohne Mauern und Stützen auskam und allein von den raumhohen Fenstern begrenzt wurde. Farben erblickten sie dabei nur wenige, Bodenbelag, Vorhänge und Wände waren vollkommen weiß, Tischplatten bestanden aus Glas, Polsterflächen schimmerten in einer Mischung aus Silber und Anthrazit, dazwischen glänzten verchromte Stahlrohre.
     „Die Möbel sind internationale Design-Klassiker. Die Liege kennst du wahrscheinlich, sie wurde von Le Corbusier entworfen. Ein Original aus Europa, kein billiger Nachbau aus Asien. Die Stühle sind von Marcel Breuer, das brauch ich wohl nicht extra zu erwähnen.“
     „Nein, nicht nötig.“
     „Die Bilder stammen von Jackson Pollock. Das sind Kopien. Aber ich besitze auch einige Originale.“
     Er lenkte ihren Blick auf karge Kompositionen in Schwarzweiß und ein wenig Braun, Quadrate, Linien, Farbkleckse, die sich gut in diese Umgebung einfügten.            
     „Hast du das Schwimmbad schon bemerkt? Zwanzig mal acht Meter, groß genug, um Bahnen zu schwimmen.“
     Helena sah durch die offenen Fenster hinaus. Das Becken lag hinter der Terrasse; ein Teil war gekachelt, dort befand sich der Einstieg, ein anderer aus Felssteinen gemauert. Dieser hintere Teil ähnelte einer Grotte, die aber nur schwimmend erreicht werden konnte.
     „Ja, sehr schön.“
     „Natürlich gilt das Sicherheitskonzept auch für diesen Bereich des Hauses. Pass auf.“ Peter fasste hinter einen Vorhang und drückte einen versteckten Knopf. Sofort begannen Elektromotoren damit, sämtliche Fenster zu schließen, auch die Terrassentür fiel in ihr Schloss, ein leises Knacken kündete davon, dass es verriegelt wurde.
     „Falls uns jemand angreift“, erklärte er. „Die Scheiben bestehen ebenfalls aus Sicherheitsglas.“
     „Ich habe nichts anderes erwartet.“
     „Und jetzt gehen wir nach oben. Ich möchte dir etwas Besonderes zeigen.“
     Peter führte Helena in eines der Badezimmer. Dort wies er sie nicht nur auf die mit Travertin verkleideten Wände hin, auf die mitten im Raum stehende Badewanne, deren Sockel echtes Teakholz umschloss, sondern vor allem auf ein kreisrundes Gerät an der Zimmerdecke, das ihn sichtlich mit Stolz erfüllte. 
     „Du fragst mich, was das ist?“
     Helena fragte nicht. Peter erklärte es trotzdem. „Ein Feuermelder. Sogar in den Bädern habe ich welche installieren lassen. Diese Dinger sehen ganz billig aus, wie aus dem Baumarkt, sie kosten aber ein Vermögen, weil sie in der Lage sein müssen, Rauch von Wasserdampf zu unterscheiden.“
     „Das ist schwierig.“
     „Sehr schwierig. Alle Feuermelder sind an einen zentralen Rechner angeschlossen. Wenn es brennt, werden die Türen automatisch zugezogen, damit der Rauch nicht durch das ganze Haus zieht.“
     „Genial.“
     „Jetzt komm mit, wir sehen uns die Kinderzimmer an.“
     Sie gingen einen Flur entlang, Peter zeigte ihr drei Räume. Betreten konnten sie keinen davon, denn überall lagen Spielsachen, Kleider, Comics und Computerteile herum, was den Hausherrn peinlich berührte. Er entschuldigte sich für die Unordnung und brachte seinen Gast zur letzten Station ihres Rundganges, dem Elternschlafzimmer. Das Bett war nicht gemacht, weshalb er ihre Aufmerksamkeit rasch auf den Kleiderschrank lenkte, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte.
     „Er ist begehbar“, verkündete Peter stolz. „Ja, du hast richtig gehört, begehbar. Schau ruhig mal hinein.“ Er riss die Türen auf.
     „Aber das sind die Sachen deiner Frau.“ Helena blieb an der Schwelle stehen. Ihr flüchtiger Blick erfasste eine Reihe von Kleidern, die grob sortiert, nach Farben und Anlässen, an einer Stange hingen. Wo die Stange endete und wie lang sie war, konnte man von der Schwelle aus nicht erkennen.
     „Ach, das stört sie nicht.“ Peter machte Licht und drückte einen weiteren Knopf. Wieder begann ein Elektromotor zu surren, die Kleider setzten sich in Bewegung. Helena sah Kleider und Kostüme in allen Farben und Schnitten, für alle denkbaren Gelegenheiten, für den Tag, für den Abend, für Arbeit und Freizeit, sogar für Beerdigungen und Kirchgänge. Die Prozession schien kein Ende zu nehmen, über Minuten hinweg kam es zu keiner Wiederholung der Kleider.
     „Sehr schön“, sagte Helena.
     „Nicht nur schön, sondern exquisit. Vieles davon ist Haute Couture, die Kleider wurden nur einmal hergestellt, von den größten Modeschöpfern. Da drinnen hängen Werte, für die man ein Luxusauto bekommt. Ach was sag ich, ein ganzes Haus bekommt man dafür.“
     „Ihr habt ein eigenartiges Wertesystem geschaffen.“


Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon

Sonntag, 15. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 4 der Fortsetzungsgeschichte

     „Nein, ich…“ Er wollte sich zu dem Zelt begeben, wusste aber nicht, ob er gehen oder fliegen sollte. Es wurden drei Sprünge daraus.
     Helena lächelte darüber.
     „Sieht doch ganz gut aus. Mein Puls ist stabil, die Atmung ist stabil.“ Um seine Worte zu unterstreichen, deutete er auf den Bildschirm, der kaum andere Werte als vor seinem Ausflug in den Krankenhausflur anzeigte.
     „Es wird nicht mehr lange dauern.“
     „Wir können die Ärzte verständigen, falls etwas passiert.“
     „Die Ärzte haben ihr Möglichstes getan.“
     „Gibt es denn gar keine Hoffnung?“
     „Es gibt immer eine Hoffnung – nur nicht an diesem Ort.“
     „Wo? Wo bringst du mich hin?“
     „An den Ort, den du für dich selbst erschaffen hast.“
     Er überlegte kurz. „Dann ist ja alles in Ordnung. Ich habe bis jetzt nur gute und schöne Orte geschaffen. Also ist auch mein Platz im Jenseits ein guter und schöner Ort.“
     Helena schwieg.
     „Und du“, setzte er nach, „bist ein Engel und bringst mich ins Paradies.“
     „Du irrst dich, Peter. Es gibt keine Engel. Jedenfalls nicht so, wie du sie dir vorstellst.“
     „Was bist du denn sonst?“
     „Sagen wir, ich bin deine Begleiterin. Und deine Navigatorin. Und deine Stewardess. Ich sorge für Erfrischungen und dafür, dass du nicht vom Kurs abkommst. Zusammen mit ein paar Freunden.“
     „Gibt es noch mehr von deiner Sorte?“
     „Sehr viele mehr. Bist du bereit?“ Sie ging zur Tür.
     „Ich denke schon…“ Er sah seinen Körper an. Zum Abschied wollte er ein paar Worte sprechen, vielleicht eine Danksagung, doch so rasch fiel ihm nichts Passendes ein.
     Inzwischen öffnete Helena die Tür. Ein helles, kraftvolles Licht erfüllte den Raum.
     Peter erinnerte sich an den Wirbel, den er auf dem Flur gesehen hatte und der den Eindruck erzeugte, als könne er ihn jederzeit verschlingen, er erinnerte sich an die Maschine mit den hypnotischen Augen, und er hörte wieder die Schreie, das Stöhnen und Wehklagen.
     „Warte“, sagte er. „Beantworte mir bitte eine Frage. Gibt es einen Himmel, ein Paradies?“
     „Nicht so, wie du es dir vorstellst.“
     „Gibt es eine Hölle?“
     „Das sind schon zwei Fragen, Peter.“
     „Ich weiß. Aber ich denke, wir haben noch ein bisschen Zeit.“ Sein Blick wies auf die Maschinen, die unablässig pumpten, filterten und Daten sammelten. Sie wirkten beruhigend auf ihn. Solange sie ihre Arbeit verrichteten, glaubte er, könne ihm nichts Schlimmes widerfahren.    
     „Ja, ein bisschen Zeit ist noch… Also gut, ich beantworte deine Fragen. Nein, es gibt keinen Himmel und keine Hölle – so wie du dir beides vorstellst. Damit meine ich die Vorstellungen, die in eurer Kultur geschaffen worden, die du aus Büchern, Comics und Filmen kennst.“
     „Du meinst diesen Himmel, der aus Wolken besteht, und diese Hölle, wo Seen aus Feuer lodern?“
     „Genau. Beides existiert nicht.“
     „Was ist mit Gott und dem Teufel?“
     „Existieren beide nicht – so wie du sie dir vorstellst.“
     „Es gibt keinen Gott?“
     „Wahrscheinlich denkst du jetzt an einen alten Mann, mit einem langen, weißen Bart, der barmherzig auf die Welt schaut.“
     „Ja, genau daran habe ich gedacht“, gab er zu.
     Wieder lächelte sie. „Das ist einer eurer populären Mythen. Einen Gott, der nur eine Person ist, gibt es nicht, wohl aber ein göttliches Prinzip.“
     „Wie lautet es?“
     „Man kann es auf vielerlei Weise erklären. Eine lautet so: Was du aussendest, kehrt zu dir zurück.“
     „Ist das alles?“, fragte Peter. Er war enttäuscht, denn er hatte mit einer langen und umständlichen Erklärung gerechnet.
     „Nein, es ist sehr viel mehr als das. Gott ist ein Wesen, und Gott ist alle Wesen. Gott ist eine Eigenschaft, und Gott ist alle Eigenschaften. Aber das kannst du nicht verstehen, dein Geist ist dafür zu klein. Deshalb sage ich dir die eine Goldene Regel: Was du aussendest, kehrt zu dir zurück.“
     „Und deshalb bringst du mich gleich an den Ort, den ich mir selbst erschaffen habe?“
     „Bravo, du bist ein heller Kopf.“
     „Also doch!“, rief er triumphierend. „Also bringst du mich ins Paradies.“ Vor Freude schlug er sich mit der Faust in die flache Hand.
     „Wie kommst du auf diese Idee?“
     „Ganz einfach. Ich bin zwar nicht gläubig oder religiös, aber ich habe mein Leben lang gute Taten vollbracht. Demzufolge muss ich ins Paradies kommen.“
     „Was gut ist und was nicht, ist eine Frage der Definition“, erwiderte Helena vorsichtig.
     „Nein, ist es nicht“, widersprach Peter. Seine Stimme dröhnte durch das Zimmer. „Der Begriff Gut ist klar definiert, und ich bin gut – und bin es immer gewesen.“
     „Große Worte.“ Helena antwortete mit ihrer sanften Stimme, die aber dennoch deutlich zu vernehmen war.
     „Und die Orte, die ich in dieser Welt geschaffen habe, sind wunderschöne Orte.“
     „Zum Beispiel?“
     „Zum Beispiel das Haus, das ich meiner Familie gebaut habe. Es ist groß, komfortabel und sicher. Und obendrein geschmackvoll eingerichtet. Wenn du es gesehen hättest, wüsstest du, was ich meine. Die Lobby erstreckt sich über zwei Etagen und ist komplett verglast; wir können uns das leisten, weil man unser Grundstück von außen nicht einsehen kann. Die Tür ist zweiflügelig, mit einer Oberfläche aus Bongossi-Holz. Trotzdem hält sie… He, was ist nun los?“
     Peter spürte Veränderungen, ihm wurde schwindlig. Die Strukturen, die ihn umgaben, Wände, Decke, Fußboden, lösten sich auf, um einen Augenblick später – in anderer Form – wieder zu entstehen. Helena und er befanden sich plötzlich in der Eingangshalle seines Hauses, sie standen hinter jener Tür, die er soeben beschreiben wollte.
     „Hast du das gemacht?“, fragte er verwundert.
     „Wir haben es zusammen gemacht. Du hast mir den Weg gezeigt, und ich bin ihn für uns beide gegangen.“
     „Nein, ich hab keinen Weg gezeigt.“
     „Doch, hast du. Erklär ich dir später. Was wolltest du sagen?“


Fortsetzung folgt.

Unter diesem Link finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.



Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon

Freitag, 13. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 3 der Fortsetzungsgeschichte

     Er wollte weglaufen, doch er konnte seinen Blick nicht von der Spirale abwenden. In ihrem Inneren bewegte sich etwas. Es sah wie eine Maschine aus. Eine Maschine, die allein aus metallischen Elementen bestand, ohne Plastik, Gummi oder Glas. Sie bestand aus harten Elementen, Zahnrädern, Stangen und Platten, und aus weichen Elementen, Schläuchen und Blasebälgen. Und da war noch etwas: Augen! Die Maschine hatte Augen. Sie sah ihn an.
     Nun kamen auch Geräusche hinzu. Ein unnatürliches, tiefes Dröhnen erklang, ein anhaltender Ton, der sich nicht veränderte. Sicher stammte er von der Maschine, ebenso wie das schrille Quietschen, das anwuchs und nachließ, wieder anwuchs und nachließ. Darunter mischten sich menschliche Laute, erst ganz leise, dann immer lauter. Stöhnen, Schreie und Wehklagen. Und die ganze Zeit über blickten ihn die Augen der Maschine an.
     Der Höllenmaschinist geriet in Panik. Er entzog sich dem hypnotischen Blick der Maschine und lief in sein Zimmer zurück.
     „Geh zu! Geh zu! Geh zu!“
     Die Tür bewegte sich langsam, quälend langsam. Als sie endlich geschlossen war, stemmte er sich mit seinem gesamten Körpergewicht dagegen, den Knauf hielt er mit beiden Händen umklammert. Sein Atem ging schnell und heftig, was ihm widersinnig vorkam, denn eigentlich musste er gar nicht atmen. Die Maschinen kümmerten sich um die Beatmung seines Körpers.
     „Ja, du musst nicht atmen“, sagte eine Stimme hinter seinem Rücken.
     Erschrocken drehte er sich um. Eine Frau stand neben dem Plastikzelt. Sie trug ein langes Kleid, dessen bunte Stoffbahnen diagonal um ihren Körper gewickelt waren, so dass der rechte Arm und das linke Bein nackt blieben. Die Farben schienen regelrecht in den Stoff eingewebt zu sein, denn sie leuchteten nicht nur an der Oberfläche, sie besaßen einen Tiefeneffekt, der sich nun, da die Frau auf ihn zukam, bemerkbar machte. Mit jedem Schritt änderte das Kleid seine Farbe, erst war es grün, dann blau und schließlich violett.    
     „Hallo, Peter“, sagte die Frau mit warmer, weicher Stimme.
     Er ließ den Türknauf los. „Wer… wer sind Sie?“
     „Helena. Du kennst mich.“
     „Nein, ich kenne Sie nicht.“ Er sah sie prüfend an, versuchte ihr Alter zu schätzen. Im ersten Moment dachte er, sie wäre zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren alt, doch er musste sich korrigieren. Die Frau wirkte seltsam alterslos, wie eine dieser Schauspielerinnen, die man auf den Titelblättern von Magazinen abgebildet sah und deren Alter man nicht schätzen konnte, weil sie stark geschminkt und aufwendig frisiert waren, zudem erhielten die Fotos meist eine Nachbehandlung am Computer. Diese Frau jedoch, die sich Helena nannte, war nicht geschminkt, ihr Haar fiel in natürlicher Weise auf ihre Schultern, und an ihrem Äußeren war gewiss nichts retuschiert. Dennoch strahlte sie eine Reife und Erfahrung aus, über die Menschen normalerweise erst im hohen Alter verfügten. Vielleicht lag es an ihrem gütigen, verständnisvollen Blick, dem sanften Lächeln, den zurückhaltenden Bewegungen. Er konnte es nicht genau bestimmen.
     „Sie irren sich. Wir sind uns nie zuvor begegnet.“
     „Doch, sind wir. Denk nach, Peter… Du kannst mich übrigens duzen. Wir sind alte Freunde.“         
     In ihm stiegen Bruchstücke von Erinnerungen auf, in denen eine Helena vorkam. Diese Frau sah aber ganz anders aus, sie war älter, wirkte weniger freundlich und hatte auch einen anderen Namen – trotzdem gab es Übereinstimmungen zwischen den beiden Personen. „Ja, irgendwie kommen Sie mir… kommst du mir bekannt vor. Woher kennen wir uns?“
     „Es würde zu lange dauern, alles zu erklären. Wir haben eine Reise vor uns.“
     „Eine Reise? Wohin?“
     „In eine andere Welt.“
     „Meinst du etwa das Jenseits?“
     Sie nickte.
     Er schüttelte den Kopf. „Unsinn. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass das alles Humbug ist. Diese Nahtoderfahrungen werden durch einen Mangel an Sauerstoff verursacht. Das Gehirn spinnt sich was zusammen.“
     „Das sagt ausgerechnet ein Flieger? Ein Pilot ohne Körper?“
     Er sah sie entgeistert an. „Hast du mich etwa beobachtet?“
     „Ich habe den richtigen Moment abgewartet.“
     „Dann ist es also wahr? Man überlebt seinen Tod?“
     Wieder nickte sie.
     „Aber das würde bedeuten, dass die religiösen Spinner und die Esoteriker Recht haben, und die vernünftigen Menschen hätten sich geirrt.“ Er lief aufgeregt umher.
     „Vernunft ist ein dehnbarer Begriff.“
     „Nein, das glaube ich nicht. Lieber sterbe ich, als dass ich…“ Peter wusste nicht, wie er den Satz zu Ende bringen sollte.
     Helena lachte. „Was wolltest du sagen? Lieber stirbst du, als dass du lebst?“
     „Aber guck dir doch diese Leute an, die Bischöfe in ihren bunten Kleidern, die Mullahs mit ihren Turbanen, die Gurus mit ihren langen Bärten. Das sind doch alles Spinner.“
     „Ich werde dir ein paar von ihnen vorstellen. Dann werden wir sehen, wer der Spinner ist.“
     „Was? Jetzt? Ich soll wirklich hinübergehen?“ Peter betrachtete seinen Körper. Er lag noch immer regungslos da, die Maschinen summten und blinkten.
     „Ja, du wirst diese Welt verlassen.“

Fortsetzung folgt.

Hier finden Sie die bisher veröffentlichten Teile.


Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Prostitution - erlauben oder verbieten?


Ein uraltes Thema beschäftigt uns wieder einmal. Sex gegen Geld. In Frankreich sollen Freier künftig bestraft werden, wenn sie Leistungen einer Hure in Anspruch nehmen. Die Höhe des Bußgeldes soll 1500 Euro betragen. In Deutschland gibt es ähnliche Forderungen. Neunzig Prominente unterzeichneten einen Aufruf, "der kurzfristig zur Eindämmung und langfristig zur Abschaffung des Systems Prostitution führen soll." Darin heißt es u.a., Deutschland sei zur "europäischen Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern geworden" und "die derzeitige Gesetzgebung fördere die moderne Sklaverei."

Es ist zweifellos richtig, dass viele Frauen gegen ihren Willen nach Deutschland gebracht und zur Prostitution gezwungen werden. Das muss aufhören, so schnell wie möglich. Jedoch verwechselt man in der Diskussion oft zwei Dinge miteinander: Prostitution (oder Sexarbeit) sowie Menschenhandel und Ausbeutung. Letzteres findet man in vielen Bereichen. Etwa auf den Baustellen zur Fußball-WM in Katar, wo Arbeiter oft keinen Lohn erhalten, massiven Drohungen ausgesetzt sind und unter katastrophalen Verhältnissen leben müssen. Ähnlich ergeht es chinesischen Textilarbeitern in Italien. Allein in der Stadt Prato schuften schätzungsweise 35.000 von ihnen unter unwürdigen Bedingungen. Es sollte für uns keinen Unterschied machen, ob Menschen durch Bauarbeit, Textilarbeit oder Sexarbeit ausgebeutet und unterdrückt werden - jegliche Form der modernen Sklaverei gehört abgeschafft.

Ein unsinniger Mythos

Die Sexarbeit abzuschaffen wird aber sicher nicht gelingen. Der Volksmund spricht nicht umsonst vom "ältesten Gewerbe der Welt". Deshalb sollten wir versuchen, Prostitution zu entkriminalisieren, sie aus den Rotlichtvierteln herauszuholen und in eine ganz normale Branche umzuwandeln. Sexarbeiter (weibliche wie männliche) sollten ihren Beruf unter optimalen Bedingungen ausüben, an sicheren Orten, zu anständigen Löhnen und mit voller Sozialversicherung.

Außerdem sollten wir den negativen Mythos rund um die Prostitution abschaffen. Sex ist ein menschliches Grundbedürfnis. Jeder sollte so viel davon abbekommen, wie er will. Ob dafür bezahlt wird oder nicht, ist eine zweitrangige Frage. Ein Essen im Restaurant schmeckt auch nicht schlechter, nur weil man die Rechnung mit Geld begleicht. Die Arbeit der Huren ist genauso wertvoll wie die aller anderen Menschen.

Mehr über den Autor: www.elkvonlyck.de

Dienstag, 10. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 2 der Fortsetzungsgeschichte

Der Höllenmaschinist glitt durch die Falten hindurch, zurück ins Krankenzimmer. Dort, außerhalb des Zeltes, wollte er zur Ruhe kommen. Er gab sich selbst den Befehl, tief und gleichmäßig zu atmen, denn er hatte die ganze Zeit, wurde ihm nun bewusst, nicht geatmet. Nicht im Zelt und nicht während des Fliegens, und trotzdem lebte er. Seltsam. Doch darüber wollte er jetzt nicht nachdenken.
     Der Trick funktionierte, die kontrollierte Atmung führte dazu, dass er sich beruhigte, dass er wieder klar denken konnte. Unbewegt stand er in der Mitte des Raumes. Mit dem Gedanken, er hätte später, wenn alles wieder normal wäre, eine tolle Geschichte zu erzählen, versuchte er sich abzulenken, sich zu trösten. Auch das funktionierte, er verspürte sogar einen Anflug von guter Laune. Was für eine Erfahrung! Damit würde er Mittelpunkt jeder Party sein, selbst in Talkshows könnte man damit auftreten. Hier im Krankenhaus befand er sich außerhalb seines Körpers, er konnte fliegen wie ein Vogel und brauchte nicht einmal zu atmen. Dagegen verblassten alle anderen Geschichten.
     Doch zuerst einmal musste er sicherstellen, dass er sie später würde erzählen können. Welchen Schritt sollte er als nächstes machen? Etwas musste geschehen. Er konnte nicht ewig außerhalb seines Körpers bleiben. Das war vielleicht ungesund oder gefährlich, vielleicht würde ihm die Vereinigung sonst nie mehr gelingen. Vielleicht gab es nach dieser Erfahrung nur noch eine weitere, die man machen konnte, und das wäre dann der Tod…
     Jemand musste ihm helfen. In Krankenhäusern arbeiteten viele Menschen, Ärzte, Pfleger, Verwaltungspersonal, außerdem gab es immer viele Besucher, irgendjemanden würde er schon finden. Der Höllenmaschinist hörte auf zu schweben und ging zur Tür. Der Türknauf widersetzte sich ihm. Er rüttelte und zerrte, doch nichts geschah. Neben der Tür entdeckte er einen Schalter, auf dem Türöffner stand. Er drückte drauf, doch es geschah wieder nichts.
     „Verdammtes Teil! Geh endlich auf!“
     Ein elektrisches Summen erklang, die Tür öffnete sich.                                         
     Der Höllenmaschinist war überrascht, dachte jedoch nicht weiter darüber nach. Auf eine Überraschung mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an. Draußen auf dem Flur war niemand zu sehen. Ein Servierwagen stand neben der Wand, darauf lag schmutziges Geschirr, ordentlich gestapelt.
     Er ging ein paar Schritte, rief ein paar Mal laut: „Hallo.“
     Niemand antwortete.
     Am Ende des Flures erblickte er zwei Türen. Die eine führte ins Treppenhaus, die andere gehörte zum Fahrstuhl. Er ging hinüber, drückte auf den Knopf an der Wand, mehrfach hintereinander. Nichts passierte.
     „Geh auf.“
     Keine Reaktion.
     „Ich befehle dir: Öffne dich.“
     Noch immer geschah nichts. Der Fahrstuhl kam nicht, kein Lämpchen blickte auf, kein Surren ertönte.
     „Sesam, öffne dich.“
     Wieder nichts.
     „Schrotthaufen.“
     Er machte zwei Schritte zur Seite. Die Tür zum Treppenhaus ließ sich nicht öffnen, obwohl sie als Notausgang gekennzeichnet war. Mit aller Kraft rüttelte und zerrte er an ihr, er trat dagegen, stemmte sich mit der Schulter dagegen, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Auch auf Anrufe reagierte sie nicht.
     Schließlich gab er es auf. Er drehte sich um, wollte sehen, wo der Flur auf der anderen Seite hinführte. An seinem Ende leuchtete ein Licht, mitten aus der Wand heraus. Es war sehr hell und kraftvoll, dennoch blendete es nicht. Der Höllenmaschinist ging darauf zu. Auf halber Strecke blieb er stehen. Bei genauerem Hinsehen erkannte er nicht nur helles Licht, sondern auch einen dunklen Anteil. Dunkles Licht. Wie in einer Diskothek. Oder einem Theater. Hier jedoch gab es keinen Scheinwerfer, der diesen Effekt erzeugte. Das Licht kam direkt aus der Wand.
     „Hallo. Ist da jemand?“
     Das Licht reagierte auf seine Worte. Eine Spirale entstand. Sie waberte und rotierte.
     „Was soll das?“ Angst und Verwirrung kehrten zurück. Dunkles Licht. Verriegelte Ausgänge. Und kein Mensch zu sehen.


Fortsetzung folgt.

Hier finden Sie die bereits veröffentlichten Teile.




Sie können natürlich auch das komplette Buch kaufen.

Der Höllenmaschinist - Erzählung

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon

Sonntag, 8. Dezember 2013

Der Höllenmaschinist - Teil 1 der Fortsetzungsgeschichte




     Der Höllenmaschinist hatte einen Traum – er schwebte im Raum. Er schwebte frei umher, wie ein flinker kleiner Vogel, rauf und runter, zur Decke hinauf und zum Boden hinab, vom Fenster zur Tür und zum Fenster zurück. Mit jeder Bahn, die er zog, gewann er an Schnelligkeit und Sicherheit, er beherrschte das Handwerk des Fliegens, fand er heraus, mehr noch, er war zum Fliegen geboren, ein Künstler des Fliegens. Und so wagte er sich näher an das Zelt heran, das mitten im Raum stand. Ein wenig bremste er ab, nur zur Sicherheit, denn die Kreise, die er um das silbriggraue Gebilde flog, wurden enger und enger, bis er die Plane schließlich berührte – sie stieß ihn ab. Doch er machte sich nichts daraus, er flog weiter umher, beschleunigte das Tempo, drehte Runde um Runde, bis er die elektrischen Geräte bemerkte, die so lustig blinkten und piepten, und er sprang auf ihnen herum, wie auf einem Trampolin, er nahm ihren Rhythmus auf, jedem großem Sprung folgten zwei kleine, fand er heraus, und wieder drehte er ein paar schnelle Runden, vom Fenster zur Tür, um das Plastikzelt herum, von Gerät zu Gerät, immer rund herum, rauf und runter – das Zimmer verwandelte sich in ein wildes Karussell.
     Das Fliegen könnte zu seiner neuen Leidenschaft werden, dachte er sich, seinem Hobby, vielleicht sogar seinem Lebensinhalt. Fliegen machte Spaß, war besser als Autofahren, vielleicht auch besser als Sex, auf alle Fälle besser als bloß herumzuliegen.
     Plötzlich vernahm er ein Geräusch, das irgendwie anders war. Es kam nicht von den elektrischen Geräten, es piepte nicht und summte nicht. Es klang tiefer, dumpfer, es klang nach einem Lebe-wesen. Der Höllenmaschinist verlangsamte sein Schweben, hörte genauer hin.
     Da war es wieder. Es klang nach einem Röcheln, als ob jemand um Atem rang.
     Er hielt an. Das Geräusch wiederholte sich – es kam aus dem Plastikzelt. Ja, es war eindeutig ein Röcheln. Jetzt, da er still und unbewegt im Raum stand, hörte er es klar und deutlich. Und da, ein weiteres Geräusch erklang, drängte sich zwischen das Piepen, Summen und Röcheln, und dieses ähnelte einem Pfeifen. Kein melodisches Pfeifen, eher ein technisches, als ob Luft durch einen Kanal strömte.        
     Der Höllenmaschinist schwebte näher an das Zelt heran. Die Plane war trübe, bestenfalls halb durchsichtig. Er glaubte, den Körper eines Menschen zu erkennen – obwohl dieser eher einer Mumie glich. Sein Kopf war verbunden, ebenso der größte Teil seines Oberkörpers. Ein Bein und das Becken waren eingegipst, in dem Gips steckten Metallstifte, Schienen verbanden sie miteinander. Der Mensch lag auf einer Matratze – vollkommen regungslos, wie in einem tiefen Schlaf. Umso mehr regten sich die Maschinen, sie pumpten und filterten, überwachten und zeichneten Daten auf. Ein Bildschirm zeigte Werte an, Ziffern blieben stabil oder veränderten sich, Kurvendiagramme stiegen an und fielen ab, Balkendiagramme leuchteten in verschiedenen Farben. Daneben drehten sich Räder, und in einem Glaszylinder blähte sich etwas auf, eine Art Blasebalg. Er blähte sich auf und fiel zusammen, regelmäßig, alle paar Sekunden. Daran angeschlossen war ein Schlauch, der sich unter der Plane hindurchschlängelte und in eine Maske mündete. Ein bisschen sah sie aus wie eine Gasmaske, jedoch in klinischem Weiß gehalten statt militärischem Grün oder Grau. Die Maske bedeckte fast das gesamte Gesicht des Patienten, man konnte nicht einmal sagen, ob sich dahinter die Züge eines Mannes oder einer Frau verbargen.
     Er stieß mit den Augen gegen die Plane. Die Haare waren kurz geschnitten, erkannte er, die Arme muskulös, die Schultern breit. Also ein Mann.
     Wie alt mochte er wohl sein? An den Stellen, wo das Gesicht weder vom Verband noch von der Maske bedeckt war, sah er ein paar Falten. Nicht sehr tief, aber doch erkennbar. Mitte vierzig, schätzte der Höllenmaschinist, höchstens Ende vierzig. Ein Mann in den besten Jahren. Aber was hatte ihn hierher gebracht? Ein Unfall, ein Verbrechen, vielleicht ein Selbstmordversuch, der nicht glückte?
     Der Höllenmaschinist schwebte zum Fußende des Bettes. Dort hing ein buntes Blatt Papier, das Deckblatt einer Krankenakte, dort müsste die Antwort zu finden sein. Er beugte sich tief hinab, las den Namen des Krankenhauses, las viele medizinische Fachbegriffe, die er nicht verstand, und ganz an der Seite, auf einem gelben Aufkleber, war der Name des Patienten vermerkt: Peter Smit.
     Entsetzt fuhr er zusammen. Peter Smit! Es war sein Name, der dort geschrieben stand. Es war sein Körper, der dort lag, geschunden und verletzt, hinter Plastik und Verbänden, angeschlossen an Maschinen, die sein Überleben sicherten. Der Höllenmaschinist war verwirrt. Er zitterte, geriet in Schwingungen, daraus wurden Flugbewegungen. Ziellos streifte er umher, vom Bett zur Tür, von der Tür zur Lampe, die er bis dahin noch gar nicht bemerkt hatte, und dann wieder zur Tür und zum Fenster, aber die Verwirrung nahm kein Ende, wurde sogar noch schlimmer.
     Angst stieg in ihm auf, große Angst; er fürchtete, außerhalb seines Körpers sterben zu müssen. Darum wollte er sich mit ihm vereinen, doch er kam nicht nah genug heran, wieder war die Plane dazwischen, die ihm plötzlich hart wie eine Stahlwand erschien. Der Höllenmaschinist versuchte es einmal, zweimal, dreimal, immer prallte er ab. Einen Moment lang schwebte er panisch umher, er zog Kreise rund um das Zelt, schwebte sogar über und unter dem Zelt, immer schneller und schneller. Seine Gedanken rasten genauso schnell, er musste etwas tun, einen Weg finden.
     Abrupt blieb er stehen. Er hatte etwas entdeckt: Falten. Die Plastikplane schlug Falten über der Matratze, kleine Hohlräume, einen Zentimeter im Durchmesser, vielleicht weniger. Er schwebte hinab, verringerte seinen Umfang auf den eines Strohhalmes, wandte und dehnte sich, und es gelang, er schlüpfte durch die Falten hindurch. Jetzt war er im Zelt, aber dort ging es nicht weiter. Das Problem wiederholte sich, wieder prallte er ab, diesmal von seinem Körper. Er versuchte die Vereinigung, indem er sich auf ihn legte, er wollte von oben hineinschlüpfen, dann von der Seite, sogar von unten, durch die Matratze hindurch. Er kletterte auf das Bettgestell, um in sich selbst wie in einen See hineinzuspringen, er drehte sich wie ein Bohrer, machte sich spitz wie eine Injektionsnadel und hart wie ein Hammer. Nichts klappte, sein eigener Körper wehrte ihn ab. Der Höllenmaschinist machte sich klein wie ein Staubkorn, wollte über die Lunge eindringen – auch das gelang nicht, denn die Atemmaske saß fest auf Mund und Nase, ließ keinen Spalt offen. Er machte sich wieder größer und wollte sie abreißen, aber seine Finger griffen durch sie hindurch, griffen ins Leere. Seine Finger, Hände und Arme bewegten sich, aber sie bewirkten nichts. Er erkannte die Ausweglosigkeit seiner Lage – für den Moment. Aufgeben wollte er nicht.


Fortsetzung folgt.




Entnommen aus:

Der Höllenmaschinist

112 Seiten  Gedrucktes Buch EUR 7,90  E-Book EUR 3,99
Erhältlich u.a. bei Amazon

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Schafft die Geheimdienste ab! - Ein kurzer Vergleich zwischen NSA und Stasi



Die Serie der Enthüllungen über die Arbeit der Geheimdienste reißt nicht ab. Dank einiger engagierter Journalisten erfuhren wir, dass die amerikanische Botschaft in Berlin (oberes Foto) auch als Horchposten der NSA dient. Mit der im Dachgeschoss installierten Technik können Mikro- und Millimeterwellen empfangen, Mobilfunk- und WLAN-Netze angezapft und Zielpersonen geortet werden. Von einer solchen Technik konnten die Agenten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Stasi), das rund acht Kilometer entfernt in der Normannenstraße seinen Sitz hatte (unteres Foto), nur träumen. Erstaunlicherweise war Mielkes Stasi-Truppe ehrlicher als die amerikanische NSA. Die große Antenne auf dem Dach ihrer Zentrale konnte jeder sehen - die Antennen der US-Botschaft verbergen sich hinter grauen Verkleidungen.


Insgesamt betrachtet sind die Unterschiede zwischen beiden Diensten geringer, als wir vor Edward Snowdens Enthüllungen dachten. Die Stasi machte keinen Unterschied zwischen Freund und Feind, sie überwachte die eigene Bevölkerung und versuchte über die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) so weit wie möglich nach Westberlin und in die Bundesrepublik zu greifen. Die NSA verhält sich ähnlich. Sie überwacht die eigene Bevölkerung, etwa indem die Verbindungsdaten sämtlicher Telefongespräche in den USA erfasst werden, und sie versucht so weit wie möglich in die Welt zu greifen, etwa durch die Kontrolle des gesamten Internetverkehrs.

Wahrscheinlich wird manch ein Amerika-Freund nun empört ausrufen: "Das darf man nicht vergleichen! Die USA sind schließlich eine Demokratie, die DDR war ein totalitärer Staat!" Richtig. Und das macht die Sache noch schlimmer. Zu den Kernelementen einer Demokratie gehört das Selbstbestimmungsrecht der Bürger, ohne staatliche Bevormundung oder Überwachung. Wenn dieses Kernelement aber aufgeweicht wird, ist der Weg zum totalitären Staat nicht mehr weit.

Terroristen bekämpfen den Terror

Die Arbeit der Geheimdienste wird oft mit dem Kampf gegen den Terror begründet. Dieses Argument ist gleich doppelt falsch. Zum einen gelten auch befreundete Staaten als Ziele. Sehen Bundeskanzlerin Angela Merkel oder die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff etwa aus wie fanatische Bombenleger? Oder sind Unternehmen wie Airbus oder Siemens etwa terroristische Organisationen? Natürlich nicht. Wenn diese Personen und Institutionen ausspioniert werden, dann nur, weil sich die Spione einen politischen oder wirtschaftlichen Vorteil verschaffen wollen. Jeder weiß das. Aber nicht jeder hat den Mut, es offen auszusprechen.

Außerdem sind die Geheimdienste selbst die größten Terrororganisationen der Welt. Unzählige Verbrechen wurden und werden von ihnen begangen. Beispiele gefällig? Hier sind einige (einschl. der Links zu Wikipedia): Der kongolesische Präsident Patrice Lumumba wurde 1961 von der CIA getötet. Gemeinsam mit dem britischen Geheimdienst MI6 stürzte die CIA 1953 den iranischen Präsidenten Mohammed Mossadegh, als Spätfolge entwickelte sich die iranische Revolution. Auch die afghanischen Mudschahidin, aus denen die Taliban und die Terrorgruppe Al-Quaida hervorgingen, erhielten lange Zeit Unterstützung von der CIA. Die Geheimdienste sind also maßgeblich an der Erschaffung jener Probleme beteiligt, die sie angeblich bekämpfen.

Ohne Geheimdienste wäre die Welt für uns alle ein sicherer Ort. Natürlich wird es sehr schwer sein, die Betonköpfe in Washington, London und anderswo davon zu überzeugen, ihre eigenen Terrororganisationen abzuschaffen. Aber wie das Beispiel Stasi uns gezeigt hat, kommen Veränderungen oft schnell und unerwartet.

Lesen Sie bitte auch meinen Post NSA, CIA, MI6 und Co. - Die tieferen Ursachen der Spionage in Telefon und Internet


Dienstag, 15. Oktober 2013

Flüchtlingsdramen vor Lampedusa - Ursachen und Auswege


Vor der italienischen Insel Lampedusa ereigneten sich in letzter Zeit mindestens zwei Schiffsunglücke, bei denen mehrere Hundert Menschen ums Leben kamen. Zahlreiche Politiker forderten seitdem, Europa müsse mehr Einwanderer aufnehmen, um die gefährliche Massenflucht über das Mittelmeer zu verhindern. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz behauptete in einem Spiegel-Interview: Europa ist ein Einwanderungskontinent.

Grundsätzlich ist diese Haltung natürlich sehr zu begrüßen. Hilfsbereitschaft und Solidarität zählen zu den edelsten menschlichen Eigenschaften. Doch es stellt sich die Frage, ob diese Haltung in der gegenwärtigen Situation sinnvoll ist? Und hier lautet die Antwort eindeutig nein. Auch dazu ein Blick auf die Seite von Spiegel online. Laut einem Bericht des Roten Kreuzes können sich derzeit 43 Millionen Europäer kein Essen leisten. Auf unserem Kontinent herrscht - trotz aller Reichtümer - Massenarmut und Massenarbeitslosigkeit. Daraus entsteht Frustration und Wut, davon wiederum profitieren politische und religiöse Extremisten. In Frankreich etwa ist der rechtsextreme Front National auf dem Vormarsch, Umfragen sehen die Partei konstant bei über 20 Prozent. Würde man die Grenzen für eine geregelte Einwanderung nach Europa öffnen, hieße das nächste französische Staatsoberhaupt vermutlich Marine Le Pen.

Können wir Europäer also gar nichts tun, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern? Doch, können wir. Zunächst einmal sollten wir die Probleme Afrikas lösen, die wir selbst verursacht haben.

1. Landwirtschaft. Die afrikanischen Märkte werden mit subventionierten Nahrungsmitteln aus Europa überschwemmt. Diese sind oft so billig, dass einheimische Bauern dagegen nicht konkurrieren können.
2. Fischerei. Die afrikanischen Küstengewässer werden von unseren Trawlern leergefischt. Um ein ein paar Tausend Arbeitsplätze in der europäischen Fischwirtschaft zu erhalten, nehmen wir Hunderttausenden Menschen in Afrika Einkommen und Perspektive.
3. Rohstoffe. Noch immer werden Öl, Erze, Holz usw. von europäischen Konzernen (BP, Shell, Total, Glencore usw.) ausgebeutet. Dabei herrscht keine Transparenz. Genaue Daten über Vertragsbedingungen, Mengen, Preise und Gewinne werden in der Regel nicht veröffentlicht. Nur ein kleiner Teil der Gewinne kommt der einheimischen Bevölkerung zugute.
4. Politik. Europa unterstützt immer dann afrikanische Gewaltherrscher, z.B. Gaddafi, Mubarak, Ben Ali, wenn es sich davon einen Vorteil verspricht - auch wenn das jeweilige Volk darunter leidet.

All diese Missstände sind seit vielen Jahren bekannt. Trotzdem ändert sich nichts daran. Wir müssen für Abhilfe sorgen. Jetzt. Nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren.   

Daneben muss auch langfristig gedacht werden. Zu den größten Problemen Afrikas zählt zweifellos die Korruption. Auf der Rangliste von Transparency International nehmen die Staaten des Kontinents regelmäßig die letzten Plätze ein. Natürlich ist auch Armut eine Ursache von Korruption und Vetternwirtschaft, aber sie kann keine Entschuldigung sein. Die wahren Ursachen liegen tiefer. Gier ist in Afrika weit verbreitet. Gier ist übersteigerte Angst. Menschen fürchten sich vor Hunger, Armut und Tod, wofür es in Afrika zahllose anschauliche Beispiele gibt. Deshalb raffen manche Menschen so viel Reichtum zusammen, wie sie nur können.
Auch die Gier der europäischen Konzerne ist nicht gerade ein positives Beispiel für die jungen Afrikaner. Diese Geisteshaltung zu ändern, wird sehr schwierig sein. Es erfordert ein Umdenken auf beiden Seiten des Mittelmeeres. Wir müssen eine neue Zivilisation schaffen, die auf Bewusstheit und Ganzheitlichkeit basiert. Es bleibt noch sehr viel zu tun.

Was ich unter Bewusstheit und Ganzheitlichkeit verstehe, erfahren Sie in meinem Beitrag Die Philosophie der Unendlichkeit.

Sonntag, 15. September 2013

Die Philosophie der Unendlichkeit - Teil 2


Drei grundlegende Wahrheiten

     Es gibt jedoch einen Ausweg für all unsere Probleme, er ist leicht zu finden. Wir müssen unser Denken nur in einem wichtigen Punkt ändern. Wir sollten uns das Leben nicht mehr als eine Bewegung von A nach B vorstellen, sondern als ein Netzwerk. Es wird niemals kleiner oder größer, aber es erfährt sich selbst immer wieder neu.
     Die Philosophie der Unendlichkeit basiert auf drei Überlegungen:
1. Alles ist in unbegrenzter Fülle vorhanden
2. Niemand muss irgendetwas tun.
3. Alles ist gut.

Zu 1: Im Universum geht nichts verloren. Die Energie bleibt für immer erhalten, sie wandelt nur ihre Form. Es gibt genug Energie, Zeit, Raum, Leben, Gelegenheiten, Geld, Macht, Liebe, Sex usw.
Zu 2: Wir können unsere persönlichen Ziele sofort erreichen oder später, in diesem Leben oder einem anderen, in dieser Welt oder einer anderen. Ein Versagen ist nicht möglich. Selbst wenn ein Ziel nicht auf Anhieb erreicht wird, z.B. eine glückliche Ehe zu führen oder eine erfolgreiche Karriere im Beruf zu machen, ist das nur ein relatives Versagen. Was in einer Welt nicht gelingt, kann in einer anderen Welt gelingen. Die Erfahrung des Versagens ist nicht vergeudet, denn sie führt zur persönlichen und zur kollektiven Bereicherung. Die allumfassende Einheit erfährt sich im Kleinen wie im Großen, im Guten wie im scheinbar Schlechten.
Außer sich selbst zu erfahren, gibt es nichts zu tun. Die Menschheit hat kein Ziel zu erreichen und keinen Auftrag zu erfüllen, keinen Feind zu bekämpfen und keiner Sünde zu widerstehen.
Zu 3: Das Schlechte, Falsche, Böse existiert nicht – außer in der zeitweiligen individuellen Wahrnehmung. Wenn man krank ist, fühlt sich die Krankheit unangenehm an. Doch nach der Heilung weiß man die Gesundheit umso mehr zu schätzen. Die Krankheit ist Teil des Erfahrungsprozesses. Jede Erfahrung ist wertvoll.
Im Absoluten gibt es keine Grenze, an der das Gute aufhört und das Schlechte anfängt. Alles ist unendlich gut.

     Bei flüchtiger Betrachtung scheint die Philosophie der Unendlichkeit nicht sehr imposant zu sein, die drei Grundsätze sind schnell und einfach zu erfassen. Die herkömmliche Religion und Philosophie wirkt ausgereifter und umfassender. Doch das ist ein Irrtum. Denn man muss sich fragen: Welchen Folgen ergeben sich daraus? Und auch hier scheint die Antwort zunächst unspektakulär zu sein. Sie lautet:

GELASSENHEIT

     Menschen, die sich die Philosophie der Unendlichkeit zu eigen machen, können ihr Leben ohne Angst und Ärger erfahren. Sie brauchen keine Angst vor Versagen und Schuld zu haben, weil sie wissen, dass beides nicht existiert. Und falls doch etwas in ihrem Leben misslingen sollte, brauchen sie sich nicht darüber zu ärgern, denn sie wissen um den Wert der negativen Erfahrung. Das ist nicht Auswahl – sondern echte Freiheit.
     Auch auf kollektiver Ebene können wir mit der Philosophie der Unendlichkeit nur gewinnen. Die Bankenkrise von 2008 ist wesentlich auf Gier zurückzuführen. Gier ist eine Form von Angst. Wenn man glaubt, man hätte nur ein Leben, muss man alles in diesem einen Leben erleben. Besser gleich als später, denn das eine Leben kann morgen schon vorbei sein. Deshalb versuchen einige Menschen so viel Geld, Macht, Sex usw. zusammenzuraffen, wie sie nur können – auf Kosten anderer, schwächerer Menschen. Wenn man aber weiß, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, besteht kein Anlass gierig zu sein. Man kann sich Zeit lassen, genießen – und anderen etwas abgeben.
     Der Fanatismus von politischen und religiösen Extremisten basiert ebenso auf Angst. Sie fürchten sich davor, dass Menschen mit anderen Ansichten ihnen etwas wegnehmen könnten, ihr Geld, ihr Land, ihre Frauen usw. Deshalb sehen sie sich dazu gezwungen, andere von der Richtigkeit ihrer Lehre zu überzeugen, zur Not auch mit Gewalt. Wenn sie aber wissen, dass sie selbst alles beliebig oft wiedererschaffen können, löst sich ihr Fanatismus auf.
     Noch ein weiteres großes Problem ließe sich durch die Philosophie der Unendlichkeit beseitigen – das der Verantwortungslosigkeit. Einige Menschen nehmen derzeit große Schulden auf: finanzielle Schulden, soziale Schulden, Klimaschulden etc. Sie sagen sich: Warum soll ich mich um die Rückzahlung der Staatskredite sorgen? Warum soll ich mich um Flüchtlingsströme kümmern? Was interessiert mich das Artensterben oder das Knappwerden des Trinkwassers? Warum soll ich über Atommüll nachdenken? Wenn diese Probleme akut werden, in 50, 100 oder 1.000 Jahren, bin ich längst tot. Darum sollen sich spätere Generationen kümmern.
     Irrtum – denn das Leben ist ein Netzwerk. Die Menschen, die in 50, 100 oder 1.000 Jahren leben, sind wir selbst. Sie sind Wiedergeburten oder Parallelpersönlichkeiten, die genaue Bezeichnung ist nicht wichtig. Sämtliche Generationenlasten geben wir also an uns selbst weiter. Schon aus reinem Eigennutz sollten wir alles daran setzen, ein gutes Erbe zu hinterlassen.   
     Manchem Zeitgenossen mögen diese Überlegungen lächerlich vorkommen. Doch was sind die Alternativen? Appelle an die Vernunft helfen nicht weiter. Schon sehr oft haben Politiker, Prediger und Künstler die Kapitalisten darum gebeten, doch etwas weniger gierig zu sein, und die Fanatiker forderten sie auf, weniger fanatisch zu sein. Die Erfolge waren gering, denn mit Argumenten lassen sich Menschen, die unter dem Einfluss starker Gefühle stehen, nicht überzeugen.
     Der Einsatz von Gewalt hat bislang ebenso wenig zu dauerhaftem Frieden und zu umfassender Gerechtigkeit geführt. Wenn ein Krieg beendet war, begann irgendwo auf der Welt der nächste Krieg. Wenn sich eine Gruppe von Menschen aus der Armut befreit hatte, begann die Verarmung einer anderen Gruppe. Daran konnten auch der technische und der wissenschaftliche Fortschritt nichts ändern. Ein großer Teil der neuen Erkenntnisse und neuen Erfindungen wurde früher oder später auch als Waffe oder als Mittel zur Ausbeutung benutzt. Echter Fortschritt kann nur ein kultureller Fortschritt sein.
     Deshalb ist es sinnvoller, unser kollektives Bewusstsein zu verändern. Wir sollten es uns als Ziel setzen, eine andere Kultur zu schaffen. Es geht nicht darum, eine höhere Stufe zu erklimmen, denn alles befindet sich auf derselben Ebene. Niemand ist besser als ein anderer. Aber wir sollten einen anderen kulturellen Raum betreten. Einen, in dem nicht Angst und Wut herrschen, sondern Mut und Liebe.

Die Karma-Polizei

     Nachteile oder Nebenwirkungen sind durch die Philosophie der Unendlichkeit nicht zu erwarten. Sie führt nicht zu Beliebigkeit, also zur Entwertung aller bisherigen Werte, und sie ist auch kein Aufruf zur Zügellosigkeit, zum Stehlen, Vergewaltigen und Morden. Etwa nach dem Motto: All das dient dem Erleben der Einheit. So einfach ist es nicht. Denn nach wie vor gilt das Prinzip von Ursache und Wirkung. Was wir aussenden, kehrt zu uns zurück. Manchmal sogar schneller, als uns lieb ist. Die Polizei braucht nur ein paar Minuten, um zum Tatort zu gelangen.
     Daneben gibt es noch die Karma-Polizei. Dieser Begriff ist nicht wörtlich zu nehmen, er ist bloß ein Symbol. Karma-Polizei be-schreibt jene Auswirkungen unseres Handelns, die nicht sofort sichtbar sind. Wenn wir dauerhaft negative Energie aussenden, z.B. Menschen ausbeuten oder Natur schädigen, werden sich die Folgen dieses Handelns irgendwann gegen uns richten – in der einen oder anderen Form. Im Unterschied zum Karma der östlichen Philosophie, aus der dieser Begriff entlehnt ist, versucht die Karma-Polizei nicht, ein Ziel zu erreichen. Es erfolgt also keine Auflösung des Karmas, es gibt keinen endgültigen Ausstieg aus dem Kreislauf des Lebens (Samsara). Die Karma-Polizei unterstützt lediglich den Prozess, ohne sichtbar einzugreifen. Dabei verhält sie sich sehr liberal, sie verfolgt uns nicht, besprüht uns nicht mit Pfefferspray und sperrt uns nicht in Gefängniszellen. Aber sie animiert uns dazu, unser Handeln zu überdenken. Sie fordert uns zu Ehrlichkeit und Gerechtigkeit auf. Nicht nur gegenüber uns selbst, unserer Familie oder unserem Volk, sondern allumfassend:
 - gegenüber allen Aspekten unserer Wirklichkeit und
 - gegenüber allen Wesen und Dingen.
     Beweisen lässt sich die Existenz dieser Polizeitruppe derzeit noch nicht. Das ist auch kein Wunder, denn unsere Kultur basiert auf Materialismus, wissenschaftlicher Vernunft und der Überzeugung, dass sich alles von A nach B bewegt.
     Aber jede Kultur kann man ändern.


Falls Sie den ersten Teil verpasst haben - hier ist der Link:

Die Philosophie der Unendlichkeit - Teil 1

Mehr über den Autor:   www.elkvonlyck.de






Die volle Bedeutung dieses Textes lässt sich nur erfassen, wenn man das gesamte Buch gelesen hat.

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
Erhältlich u.a. bei Amazon

Dienstag, 27. August 2013

DIe Philosophie der Unendlichkeit - Teil 1


    Auf dieser Ebene, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in einer Phase großer sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Herausforderungen, ist eigentlich die große Zeit der Utopisten angebrochen. Die Zeit derjenigen, die neue Wege beschreiten, neue Lösungsansätze aufzeigen, die auch kühn und unvernünftig denken. Doch man findet sie nicht, in keinem Bereich. In der Politik ist seit dem Kommunismus, der spektakulär scheiterte, nichts grundlegend Neues probiert worden. Derzeit gilt die Demokratie als beste Staatsform, doch sie ist kein Allheilmittel. Die Umweltzerstörung ist weitgehend von demokratischen Staaten verursacht worden, die größten Verursacher von Treibhausgasen etwa waren lange die USA und Europa. Für die Ausbeutung der Dritten Welt sind ebenso zum großen Teil Menschen und Institutionen aus Demokratien verantwortlich, auch für die ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen. An den meisten großen Menschheitsverbrechen, Kriege, Völkermorde, Sklaverei, waren sie ebenfalls entweder beteiligt oder sie sind von ihnen allein begangen worden. Dass jemand demokratisch gewählt wurde, ist keine Garantie dafür, dass er oder sie ein weiser Mensch ist.

     Die Demokratie ist ohnehin nur eine Phase des Übergangs. Zwar gilt sie derzeit als beste aller Staatsformen, doch die Menschheit hat sich schon oft geirrt. Die Atomkraft galt einmal als beste Form der Energieerzeugung, das Rauchen galt als ungefährlich und der Raum war absolut – diese und viele weitere Überzeugungen änderten sich im Laufe der Zeit. Es ist eine Illusion zu glauben, in Demokratien würde das Volk herrschen. Tatsächlich regiert eine Kaste von Berufspolitikern, beeinflusst von Lobbyisten aller Art. Ein gutes Beispiel dafür ist die NRA (National Rifle Association), die amerikanische Waffenlobby, die 1871 gegründet wurde und seither eine schärfere Waffengesetzgebung verhindert. Mehrere hunderttausend Menschen haben diese Lobbyarbeit mit ihrem Leben bezahlt. In vielen totalitären Staaten lebt man sicherer. Auch an der Entstehung von Kriegen sind Lobbyisten beteiligt, das Beispiel J.P. Morgan wurde in diesem Buch ausführlich behandelt (S. 77 – 79, QV 160 – 174, siehe auch J.P. Morgan und das Nye-Komitee). Ehrlicherweise müsste man also nicht von Demokratien, sondern von Lobbykratien sprechen.

     Auswahl statt Freiheit

     Auch mit der viel gepriesenen Freiheit ist es nicht weit her. Bei genauer Betrachtung genießt man in den meisten demokratisch regierten Ländern nicht Freiheit, sondern Auswahl. Etwa die Wahl zwischen Coca-Cola und Pepsi. Oder denken wir an die Datensammelwut der Geheimdienste. Selbst die Staatssicherheit der ehemaligen DDR überwachte ihre Bürger nicht so lückenlos wie die amerikanische NSA. Dabei ist die Arbeit der Geheimdienste ohnehin vollkommen sinnlos. Auf einer anderen Ebene des Bewusstseins, zu der wir momentan keinen bewussten Kontakt pflegen, ist alles bekannt. Alle Informationen existieren immer. Es gibt keine Geheimnisse. Man kann auch keine Informationen vernichten, etwa indem man Papiere verbrennt oder Festplatten löscht. Dadurch schafft man nur eine weitere Information, nämlich die, dass man seine Mitmenschen hintergangen hat. Auch diese Information wird für immer existieren.

     Probleme im menschlichen Zusammenleben lassen sich nicht durch technischen Fortschritt lösen. Wir können das beste Überwachungsprogramm aller Zeiten installieren, das jeden Schritt eines jeden Menschen auf dieser Welt kontrolliert – und würden uns trotzdem nicht sicherer fühlen. Denn die Angst steckt nicht in den Maschinen, sondern in denjenigen, die die Knöpfe bedienen. Viele Regierungen halten sich nur deshalb an der Macht, weil sie ihre eigenen Ängste auf ihre Wähler übertragen. Angst vor Terror und Krieg, vor Arbeitslosigkeit und Armut. Echte Freiheit, also die Abwesenheit von Angst, Wut und Leid, genießt kaum jemand. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Demokratie verschwindet. Es kann morgen geschehen oder in 500 Jahren, aber es wird geschehen. Wahrscheinlich wird es auf einen aufgeklärten Anarchismus hinauslaufen. In einer solchen Gesellschaft, in der sich die Menschen ihrer selbst und ihres Handelns voll bewusst sind, gibt es keinen Bedarf für Regierungen und Staatsorgane, für Banken und Waffenindustrie.       

     Religion und Philosophie enttäuschen 

     Ähnliches gilt für die Religion, auch sie wird eines Tages verschwinden. Alle bekannten Religionen basieren auf Angst. Sie gehen davon aus, dass das Leben mit dem biologischen Tod des Körpers nicht beendet ist und sich der Mensch danach in irgendeiner Form für sein Leben rechtfertigen muss – was eindeutig falsch ist. So wie ein Fluss nicht für sein Hochwasser bestraft wird, wird auch der böse Mensch nicht für seine Schuld bestraft. Das sind primitive irdische Vorstellungen. Und dennoch arbeiten die Religionen damit – und das sehr erfolgreich. Sie machen sich die Angst der Menschen zu Nutze, die Angst vor Versagen und Schuld, die in unserer Kultur ständig erneuert wird. Der Mensch muss angeblich ein gottgefälliges Leben führen, damit er Eingang ins Paradies oder Nirwana findet. Und wie man das am besten macht, erklären die heiligen Männer und Frauen, das Bodenpersonal Gottes. Für ihre Mühen erwarten sie natürlich eine kleine Entschädigung, in Form von Geld- oder Sachspenden, von Ruhm oder Anerkennung. Dieses Prinzip wird schon seit Jahrtausenden kritisiert, dennoch funktioniert es bis heute. Doch bald wird sich die Angst auflösen.

     Auch die Philosophie enttäuschte bisher alle Hoffnungen. Sie ist überwiegend mit wirklichkeitsfernen Themen beschäftigt, findet nur innerhalb geschlossener Zirkel statt und erreicht die Menschen nicht. Es gibt keine neuen Ideen, nur Wiederholungen dessen, was schon in der Vergangenheit nicht funktionierte. Die Philosophie basiert ebenfalls auf Angst, jedoch in deutlich geringerem Maß als es bei Religion oder Politik der Fall ist. Philosophen suchen nach dem richtigen, dem idealen Leben, auf individueller und kollektiver Ebene. Auch hier schwingt Angst vor Versagen und Schuld mit, ebenso auf individueller Ebene, etwa dem Misslingen einer Karriere, wie auf kollektiver Ebene, etwa der Entstehung einer Diktatur. Doch diese Ängste sind unnötig. Auf der Ebene des Relativen gibt es das absolut Richtige nicht. Ein Beispiel: Wenn man von München nach Rom reisen möchte, sollte man nicht Richtung Norden fahren. Allerdings kann man auch auf diesem Weg das Ziel erreichen – nur später

     Weil alles in unendlicher Menge vorhanden ist und weil jede negative Erfahrung auch positive Seiten besitzt, kann es weder Versagen noch Schuld geben.

     Die Industrie der Angst ist sich darüber leider nicht bewusst. Sie tut das, was sie schon seit Jahrtausenden tut: Sie führt einen sinnlosen Kampf (gemessen am angestrebten Ziel), der kein Ende findet. In jüngster Zeit sind weitere Kamplätze hinzugekommen, der Weltraum und der Cyberspace. Satelliten überwachen feindliche Staaten, vielleicht greifen sie bald direkt ins Kriegsgeschehen ein. Gigantische Datenmengen werden gesammelt. Cyberkrieger versuchen, in fremde Computernetze einzudringen, andere Cyberkrieger versuchen das verhindern – spirituell sind sie immer noch auf dem Stand von Höhlenmenschen. Der Krieg wird immer weiter technisiert und automatisiert. Mit Waffen bestückte Drohnen kreisen in großer Höhe, bald schon werden sie in der Lage sein, jeden Menschen an jedem Ort der Welt zu töten. Negative Zukunftsvisionen wie der Überwachungsstaat aus George Orwells Roman 1984 oder die Kampfroboter aus James Camerons Filmreihe Terminator könnten Wirklichkeit werden. 

     Anlässe für Kriege wird man auch in Zukunft finden. Das Artensterben schreitet voran, die Meere sind bald leer gefischt, Wüsten breiten sich aus, Vorräte an Trinkwasser und fruchtbarem Ackerboden gehen zurück – bei gleichzeitig stark ansteigender Weltbevölkerung. Somit erhöht sich auch die Menge an Konfliktpotenzial, vielleicht auf eine bisher nie gekannte Größe. Politische und religiöse Extremisten werden versuchen davon zu profitieren. 





Die volle Bedeutung dieses Textes lässt sich nur erfassen, wenn man das gesamte Buch gelesen hat.

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
Erhältlich u.a. bei Amazon 





Mehr über den Autor:   elkvonlyck.de   oder   Elk von Lyck.blogspot

 

Sonntag, 11. August 2013

J.P. Morgan jr. und das Nye-Komitee - Kriegstreiber und Aufklärer


Unsere zeitgeschichtliche Forschung ist in einem beklagenswerten Zustand. Vergleichsweise unwichtige Informationen verstopfen unsere Geschichtsbücher und die Geschichtssendungen im Fernsehen. Oft werden Meinungen als Informationen verkauft, historische Ereignisse dienen als Projektionsfläche für Emotionen. Die wirklich wichtigen Informationen jedoch, die unser Verständnis für vergangene und gegenwärtige Krisen und Konflikte vertiefen könnten, werden - bewusst oder unbewusst - unterdrückt.   
Der folgende Text (entnommen aus der Fischnetz-Theorie) erläutert das Wirken von J. P. Morgan jr. und dem Nye-Komitee:

    Es lohnt sich auch, die Karriere von J. P. Morgan jr. (1867 – 1943) näher zu betrachten. Dieser amerikanische Bankier war vermutlich einer der größten Kriegstreiber aller Zeiten – dennoch ist er heute nahezu unbekannt. Morgan hatte sich im Ersten Weltkrieg frühzeitig auf die Seite Britanniens gestellt und unterstützte die Alliierten auf zwei Wegen: Er belieferte sie mit Waffen, Munition, Verpflegung etc. und verschaffte ihnen Kredite, um die Waren zu finanzieren (QV 160,161). Dafür kassierte Morgan Provisionen und Zinsen, viele der zuliefernden Unternehmen gehörten ihm oder seiner Bank (QV 171). Die USA waren somit nicht – wie vielfach behauptet – neutral, sondern zweifellos parteiisch. 1917 geriet Morgans Geschäftsmodell ins Wanken, als sich das Kriegsglück zu Gunsten von Deutschland wandelte. In Russland kam es zur Revolution, die Ostfront brach zusammen, deutsche Truppen konnten an die Westfront geschickt werden, wo sie die Franzosen und Briten in ernsthafte Bedrängnis brachten. Nur ein Eingriffen der US-Armee konnte die Gewinne der amerikanischen Wirtschaft jetzt noch retten (QV 162).

     Propaganda als Information getarnt

     Aber warum sollte sich ein junger US-Bürger freiwillig in das europäische Schlachthaus begeben? So verrückt war niemand. Also musste man die Leute verrückt machen. Die Regierung gründete ein Informationskomitee (Creel-Kommission, vergleichbar mit dem OWI, S. 16) und stellte 75.000 sogenannte Vier-Minuten-Männer ein, deren Aufgabe es war, durch das Land zu reisen, dabei hetzerische Reden gegen die Mittelmächte zu halten und die Demokratie zu preisen (QV 163).

     Gleichzeitig jedoch baute man demokratische Rechte in den USA ab. Neue Gesetze wurden erlassen: Select Service Act, Sediction Act, War Revenue Act, Espionage Act, Railroad Administration. Damit war Kritik an der Regierung praktisch verboten, der Postverkehr und die Verkehrswege wurden überwacht, die Steuern stiegen drastisch an – und wer sich widersetzte, dem drohten hohe Strafen (QV 164). Der Erfolg blieb nicht aus. Die Stimmung in den USA wandelte sich, war das Volk zuvor neutral, wurde es nun deutschfeindlich. Die Kriegserklärung erfolgte am 6. April 1917 (QV 165).

    Massenmord als Geschäftsmodell

     Profitiert haben davon vor allem J. P. Morgan und sein Konsortium. Die Gewinne waren gigantisch – die Verluste aber auch. Über 100.000 junge Amerikaner bezahlten Morgans Gewinnstreben mit ihrem Leben. Bestätigt wurde all dies vom Nye-Komitee, einem Ausschuss des amerikanischen Kongresses, der von 1934 bis 1937 versuchte, die Verbindungen zwischen Politik und Kriegswirtschaft offenzulegen. Der Ausschuss fand heraus, dass Deutschland von den USA Kredite in Höhe von 27 Millionen Dollar bekommen hatte, Britannien hingegen 2,3 Milliarden Dollar, also das 85-fache. Regierung und Parlament wurden dabei maßgeblich von Banken und Rüstungsindustrie beeinflusst (QV 165,166,167,168).

     Die USA haben somit erheblich zur Eskalation des Ersten Weltkrieges beigetragen – und sind damit ungeheuer reich geworden. Innerhalb weniger Jahre schafften sie den Sprung von einer Schuldnernation zur größten Gläubigernation (QV 169). Der Krieg war ein sehr gutes Geschäft für die amerikanischen Unternehmen, alle Branchen erlebten einen gewaltigen Aufschwung (QV 170, 171). Dadurch haben die USA aber auch zur Verarmung Europas beigetragen. Nur ein sehr kleiner Teil der Kriegsgewinne floss zurück in die alte Welt (QV 172). Millionen Menschen lebten in Unsicherheit, sie wussten nicht, ob sie morgen noch ein Dach über dem Kopf besäßen oder ihre Kinder versorgen könnten. Damit war die Grundlage für die Ausbreitung zweier gegensätzlicher Bewegungen geschaffen: Faschismus und Kommunismus. Trotzdem glaubt immer noch eine Mehrheit der Menschen an die Hollywood-Version der Geschichte – Casablanca-Prinzip (siehe auch Casablanca - Der gefährlichste Film aller Zeiten).

    Auch hier lässt sich die Verstrickung von J. P. Morgan jr. belegen. Ein wesentlicher Grund für die absurden Reparationsforderungen der Briten und Franzosen war die Notwendigkeit, ihre Schulden zurückzahlen zu müssen – an Morgan und Konsorten. Um die jährliche Tilgung sicherzustellen, nahm Mr. Morgan persönlich an den Verhandlungen über den Dawes- und den Young-Plan teil (QV 173). Selbst an der Dawes-Anleihe (ein Kredit zur Leistung der Reparationen) war das Bankhaus Morgan beteiligt (QV 174). Von der Kriegsrüstung, über die Kriegserklärung bis zu den Reparationen – alles in einer Hand.

     Ist-Zustand: Durch die Vergabe von Krediten und durch Lieferung von Waffen, Munition und Material haben die USA den Ersten Weltkrieg nicht verursacht – aber verlängert.
     Alternative: Das gesamte Kriegsgebiet boykottieren. Nur Nahrungsmittel und Medikamente liefern. Hilfe bei Verhandlungen anbieten.
     Folge: Die Kämpfe wären frühzeitig zum Erliegen gekommen. Selbst ein schlechter Frieden wäre besser gewesen als ein guter Krieg.

Die QV-Nummern verweisen auf das Quellenverzeichnis. Beispiel QV 171:

Nr. 171
„Der Getreidepreis hatte sich von 1914 an verdreifacht, der Baumwollpreis sogar vervierfacht. Riesige Gewinne wurden auf dem Stahl- und Kupfersektor gemacht. Die Stahlerzeugung war durch raffinierte Transaktionen größtenteils in den Besitz von Morgan & Co gelangt. Bernard Baruch, der Leiter des Kriegsindustrieamtes, hatte schon vor dem Kriegseintritt der USA ein Syndikat aus Kupferproduzenten gebildet. Ihm gehörten die drei Brüder Guggenheim an, die als Kupferkönige ihre Monopolstellung ausnutzen konnten. Durch Baruchs Hände gingen zehn Milliarden Dollar zur Finanzierung des Krieges gegen Deutschland. Wohl zu Recht behauptete er, dass vor ihm keine Einzelpersönlichkeit der Geschichte mehr Macht besessen habe.“

Wolfgang Effenberger, Konrad Löw
„Pax americana“, S. 178. Herbig, München, 2004.








Entnommen aus:

Die Fischnetz-Theorie - Vierte Auflage von 2013
192 Seiten - 190 Einträge im Quellenverzeichnis. Fast alle Zitate entstammen der seriösen Sachbuchliteratur.
Gedrucktes Buch EUR 11,90. E-Book EUR 5,99.
Erhältlich u.a. bei Amazon