Mittwoch, 21. November 2012

Buchkritik - Die schöne Bäckerin von Olga Manj


Sex, Intrigen und Voyeurismus in der Provinz.

Inhalt:

Jutta lebt in einem Dorf, irgendwo in der Kurpfalz. Sie hat einen Mann und einen erwachsenen Sohn, auf dem gemeinsamen Bauernhof kümmert sie sich um die Buchhaltung. Dabei findet sie zufällig  eine Sammlung von erotischen Bildern, junge Frauen in mehr oder minder geschmackvollen Posen, die ihr Mann aus dem Internet heruntergeladen und auf dem Computer versteckt hat. Jutta nimmt das zum Anlass, ihrerseits ein bisschen im Netz herumzustöbern und eine eigene Kollektion von Bildern anzulegen, die – ihrem Interesse entsprechend – junge Männer in ähnlichen Posen zeigen. Peinlich wird die Sache erst, als der Computer kaputtgeht und von Simon, einem jungen Mann aus der Nachbarschaft, repariert werden soll. Der entdeckt die Fotodateien prompt, bleibt aber gelassen, weil so etwas längst zum Standard gehört. Jutta verliert nun endgültig ihre Scheu, sie lässt sich von Simon erklären, wie man Dateien effektiv versteckt und erteilt ihm im Gegenzug Unterricht in Liebesdingen.
Die beiden beginnen eine Affäre, die so lange andauert, bis Simon zum Militärdienst eingezogen wird. Zur Erinnerung an Jutta möchte er einen kleinen Film von ihr drehen, was dieser gar nicht behagt. Jutta ist unsicher, fühlt sich wenig attraktiv und denkt einzig an ihre Problemzonen. Einwilligen tut sie nur, weil sie zur Belohnung auch einen Film von Simon drehen darf. Anfangs kommt sie mit der Technik nicht zurecht, aber sie findet Spaß an der Sache. Jutta lässt sich in Kameratechnik und Filmschnitt einweisen, macht ihre eigenen Experimente und am Ende kommt ein ansehnlicher Film dabei heraus. Bei diesem einen möchte sie es aber nicht belassen. Um Simon bei Laune zu halten, besinnt sie sich auf eine weitere Leidenschaft von ihr, dem Backen von leckeren Obsttorten. Damit lockt sie nicht nur Simon in den alten Stall, den sie schrittweise zum Studio umbaut, sondern auch weitere junge Männer. Jutta dreht eine ganze Serie von Erotikfilmen und verteilt Kopien an die anderen Landfrauen, ohne die Herkunft der Werke preiszugeben. Das Unternehmen wächst sich aus – und irgendwann wächst es Jutta über den Kopf. Der Pfarrer der kleinen Gemeinde erfährt davon, es kommt zu Eifersüchteleien zwischen den Landfrauen und Juttas Mann wird misstrauisch. Nun gilt es, den Landfrieden zu wahren…


Bewertung:

Der Untertitel lautet Kurpfälzer Dekameron und ist durchaus passend gewählt. Um 1350 schuf Giovanni Boccaccio sein Hauptwerk Il Decamerone, eine Sammlung von einhundert Novellen, mit der erstmals Sinnlichkeit und Erotik in die Literatur einzogen. Der Name setzt sich aus den griechischen Wörtern deka (zehn) und hemera (Tag) zusammen und verweist damit auf die Rahmenhandlung. Bei Boccaccio treffen sich zehn Männer und Frauen in einem Landhaus nahe Florenz, um der Pest zu entgehen. Während der zehntägigen Wartezeit muss sich jeder eine Geschichte am Tag ausdenken und erzählen.
Heutzutage muss zum Glück niemand mehr vor der Pest flüchten, doch es finden andere Fluchten statt. Menschen flüchten vor der Realität in virtuelle Welten, Ehepartner flüchten voreinander, Kinder fliehen vor ihren Eltern. Olga Manj hat dieses Phänomen zum Gegenstand ihrer Erzählung gemacht und ähnlich wie Boccaccio umgesetzt. Die Autorin spricht über Moral, ohne zu belehren, sie beobachtet das Treiben ihrer Mitmenschen, ohne sie an den Pranger zu stellen. Nicht nur zur Zeit Boccaccios gab es Verbote und Abhängigkeiten, wir kennen sie ebenso, nur tragen sie heute andere Namen. Schlimmer noch, was früher klar geregelt war, versteckt sich nun in Erwartungen und gesellschaftlichen Zwängen. Und noch immer trifft es vor allem die Frauen. Bei einem reifen Mann gilt die junge Geliebte als Zeichen von Potenz und Männlichkeit, im umgekehrten Fall rümpft so mancher seine Nase. Die schöne Bäckerin jedoch beklagt sich nicht über diese Ungerechtigkeit, sie spielt damit, sie dreht den Spießbürgern eine lange Nase. Jutta hat nicht den Ehrgeiz, das Kommando auf dem Narrenschiff zu übernehmen, sie tanzt lieber im Ballsaal. Tabus sind dazu da, gebrochen zu werden. 
Die Mittel, die sie wählt, entsprechen ihrer Zeit. Jutta erzählt ihre Geschichten nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern, sie nutzt die moderne Technik, auch wenn sie sie nicht vollständig versteht. Aber sie versteht es, zu verführen, mit ihrer Kochkunst, ihrer Leidenschaft und Fantasie. Technische Daten, wie Alter, Größe oder Gewicht, spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Es kommt darauf an, was man daraus macht.
Mit ihrer Novelle zeichnet Olga Manj ein treffendes Bild einer Landschaft und einer Gesellschaft, ihre Farben sind lebensprall und sinnenfreudig, aber niemals derb oder aggressiv. Das originale Dekameron besteht aus einhundert Novellen. Das heißt, Olga Manj schuldet uns weitere neunundneunzig Teile. Freuen wir uns darauf. 

Fazit:

Leichte, lust- und humorvolle Lektüre. Ideal für kalte und verregnete Tage.


Olga Manj  Die schöne Bäckerin - Kurpfälzer Dekameron
67 Seiten  8,90 EUR  ISBN 978-3-931382-38-4  Erschienen im Seidler Verlag

Montag, 12. November 2012

Die Auswerterin auf der Lichtmeile - Interview und Lesung in Mannheim am 17.11.12


Der Radiosender bermuda.funk veranstaltet am 17.11.12 ein Kulturfest im Alten Volksbad in Mannheim. Moderator Frank Domenico Montalbano wird mich dort interviewen, anschließend werde ich aus meinem Roman DIE AUSWERTERIN vorlesen.
Zur Einstimmung hier eine Kritik aus dem Blog Herzbücher.


England, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges. Auf kraftlosen Beinen steht Emily Brown vor dem Büro von Arthur Harris, Oberbefehlshaber der britischen Luftstreitkräfte. Noch kann sie sich anders besinnen, kann das Teetablett in ihren schweißnassen Händen vor Marschall Harris abstellen, den Rückzug antreten und einfach so tun als hätte sie nichts gesehen. Während ihrer Tätigkeit als Auswerterin von Luftaufnahmen entdeckte sie kürzlich auf einer solchen Aufnahme das Konzentrationslager in Auschwitz. Sie sah die Menschen - Männer, Frauen, Kinder - die man aus etlichen Güterwaggons holte und wie Tiere in das Lager trieb. Ihre Vorgesetzten ignorierten ihre Hinweise, aber Emily vermag nicht über das Elend, dessen sie gewahr wurde, hinwegzusehen. Deshalb steht sie nun hier, bereit, Marschall Harris zu überreden, das Lager zu befreien. Ihrer zittrigen Beine zum Trotz betritt Emily den Raum. Zunächst versucht sie, Harris mit den Aufnahmen, die sie ihm vorlegt, zu überzeugen. Doch er wiegelt ab, also zückt sie eine Pistole. Um sein Leben zu retten, erteilt Harris die Order, Auschwitz aus der Luft anzugreifen. Damit er seinen Befehl nicht revidieren kann, will Emily den Marschall mit vorgehaltener Waffe so lange in Schach halten, bis der Bericht über die erfolgte Bombardierung eingeht. Während der Wartezeit liefern sich beide eine hitzige verbale Auseinandersetzung.

In Die Auswerterin befördert Elk von Lyck einige interessante politische Ereignisse ans Tageslicht, die man kaum in einem Geschichtsbuch findet. Brisante Dinge, die von den Verantwortlichen wohl aus gutem Grund nicht an die große Glocke gehängt wurden. Vornehmlich geht er der Frage nach, was genau die Alliierten über Auschwitz wussten. Außerdem sucht er nach Gründen für die ziemlich spät erfolgte Befreiung des Lagers. Schuldzuweisungen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, ist ebenso ein Thema wie die Suche nach den Auslösern, die den Weg der Nazis an die Macht ebneten. Hierzu begibt er sich weit in die Vergangenheit, bis zum Ende des 1. Weltkrieges. Der Autor zeigt die Verfehlungen der Alliierten auf und beschönigt währenddessen nicht die Taten der Nazis.

Der höchst niveauvolle Wortwechsel zwischen der fiktiven Person Emily Brown und dem Chef der britischen Luftwaffe, Arthur Harris, der tatsächlich gelebt hat, nimmt den größten Platz in der Geschichte ein. Während Harris stur seinen Standpunkt vertritt, indem er alle politischen Entscheidungen der Alliierten als gut und richtig hinstellt, hält Emiliy, gewappnet mit fundiertem Hintergrundwissen, dagegen. Worte fliegen hin und her, Argumente treffen auf Gegenargumente. Beide schenken sich nichts und bieten damit dem Leser ein gelungenes Rededuell.

Regelmäßige Schwenks zu diversen Schauplätzen vermitteln zunächst den Eindruck, als handele es sich um zusätzliche Handlungsstränge, die parallel zueinander laufen. Dass dem keineswegs so ist stellt sich erst ab etwa der Buchmitte heraus, verwirrte mich aber nicht im Geringsten. Elk von Lyck beherrscht das „Spiel mit der Chronologie“ perfekt.

Mit der aufwühlenden Geschichte des kleinen Jacques und dessen Familie veranschaulicht der Autor die damalige Situation der Juden. Ein weiterer Handlungsstrang beschäftigt sich mit Walker, einem britischen Piloten. Hierbei beweist der Autor eine genaue Kenntnis technischer Details von verschiedenen Flugzeugtypen. Indem er derlei in die Handlung einfließen lässt, vermittelt er auf unterhaltsame Art, so ganz nebenbei, technisches Wissen.

Emily fungiert sozusagen als Stimme des Gewissens. Darüber hinaus zeigt Elk von Lyck am Beispiel seiner Hauptprotagonistin auf, dass auch ein „unbedeutender“ Mensch das Potenzial besitzt eine große Wirkung zu erzielen. Der Autor will erreichen - und das ist der tiefere Sinn, den ich dem Buch entnehmen konnte, und Lycks Botschaft an seine Leser - dass jeder einzelne sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, Entscheidungen hinterfragt und nicht zusieht, sondern handelt.

Fazit
Die Auswerterin: oder Das Ende von Auschwitz ließ mich nachdenklich und aufgewühlt zurück, und genau das war meiner Meinung nach Elk von Lycks Absicht. Der Autor hat seinem Buch einen tieferen Sinn verliehen, und ich wünsche ihm, dass seine Botschaft möglichst viele Leser erreicht. Bei mir ist sie angekommen.



Weitere Informationen zum Stadtteilfest finden Sie unter: www.lichtmeile.de 
Mehr zum Lokalradio unter: www.bermudafunk.org

Zeit: Samstag, 17. November 2012, ab 18 Uhr
Ort: Altes Volksbad, Mittelstraße 42, Mannheim  
Eintritt frei!

Sonntag, 11. November 2012

Filmkritik - Argo

Inhalt:

Iran, 1979. Im Zuge der islamischen Revolution kommt es zu antiamerikanischen Protesten, die in der Erstürmung der US-Botschaft gipfeln. 52 Diplomaten werden gefangen genommen, für sie beginnt ein Martyrium, mit verbundenen Augen zerrt man sie vor die Fernsehkameras. Im allgemeinen Durcheinander gelingt es jedoch sechs Botschaftsangehörigen zu fliehen und sich in der kanadischen Botschaft zu verstecken. Während die Revolutionäre nach ihnen suchen, sucht die CIA im fernen Washington nach einer Möglichkeit, die Flüchtigen in die USA zu bringen.
Verschiedene Möglichkeiten werden diskutiert, darunter der Vorschlag, mit Fahrrädern die 500 Kilometer zur türkischen Grenze zurückzulegen. Vom CIA-Agenten Tony Mendez (gespielt von Ben Affleck) kommt der am wenigsten verrückte Vorschlag: Er will der Welt vorgauckeln, einen Science-Fiction-Film namens "Argo" zu drehen. Dazu benötigt die fiktive Produktionsfirma exotische Drehorte, einer davon könnte der Iran sein. Mendez will nach Teheran reisen, um die sechs Flüchtlinge - angeblich Filmleute - mit falschen Pässen ausgestattet außer Landes zu schmuggeln.   
Weil die CIA kein besseres Konzept vorweisen kann, bekommt Mendez die Genehmigung, das tollkühne Vorhaben umzusetzen.

Bewertung:

Auf den ersten Blick scheint es sich um einen weiteren patriotischen Hau-drauf-Film zu handeln, in dem tapfere Amerikaner böse Buben verkloppen. Weit gefehlt. Zwei Namen bürgen für Qualität: Regisseur und Hauptdarsteller Ben Affleck hat mit "The Town - Stadt ohne Gnade" bereits einen erstklassigen Actionthriller vorgelegt. Und von Produzent George Clooney stammen die Politdramen "Good Night, and Good Luck" (über die McCarthy-Ära) und "The Ides of March - Tage des Verrats", welches das amerikanische Politgeschäft kritisch beleuchtet. Und so ist auch "Argo" mehreren Genres zuzuordnen: dem Actionfilm, dem Politthriller, dem Drama und sogar der Komödie.
Den besten Spruch darf Filmproduzent John Goodman aufsagen: "Sie wollen nach Hollywood kommen und einen auf Filmboss machen, ohne wirklich etwas zu tun. Dann passen Sie dahin."
Regisseur Affleck gelingt es jedoch, die Balance zu halten. Kein Aspekt wird überbetont, der Film kippt niemals ins Groteske und mutiert auch nicht zu einem Werbespot für die die CIA. Im Prolog wird die Vorgeschichte zur islamischen Revolution erzählt. 1953 zettelten der amerikanische und der britische Geheimdienst Unruhen im Iran an, die zum Sturz von Premierminister Mossadegh führten. Dieser hatte nämlich zuvor die Ölindustrie verstaatlicht, um endlich einen gerechten Anteil aus den Einnahmen des lukrativen Geschäfts zu erhalten. (Bei Wikipedia findet sich ein aufschlussreicher Artikel zur Operation Ajax.) Anschließend errichtete Schah Mohammad Reza Pahlavi ein Gewaltregime, unter dem die Bevölkerung litt - bis zu den revolutionären Tagen im Jahr 1979.

Fazit:
Spannender Politthriller, Filmsatire und stimmiges Zeitbild in einem. Rundum empfehlenswert.

Sonntag, 4. November 2012

Syrien und die UNO - Erinnerungen an den Völkerbund



Der Bürgerkrieg in Syrien dauert nun schon über ein Jahr an und noch immer hat sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht zu einer Resolution durchgerungen. Russland und China verhindern jeden gemeinsamen Beschluss, denn beide Nationen verfolgen eigene Interessen. Sie sind Partner des Assad-Regimes, liefern Waffen, handeln mit Öl und wollen ihren Einfluss in der Region sichern und ausbauen. Die USA, ein anderes Mitglied des Sicherheitsrates, haben ebenfalls in den Konflikt eingegriffen und versorgen die Aufständischen mit Waffen und Geheimdienstinformationen. Damit nicht genug, auch die Türkei, Saudi- Arabien, Katar und der Iran sind beteiligt, sie unterstützen ihre jeweiligen politischen Partner bzw. ihre Glaubensbrüder mit Geld, Waffen, Informationen und Logistik.   
Der Konflikt wird damit keinesfalls gelöst, im Gegenteil, die Kämpfe werden verlängert, der Blutzoll, den die kämpfenden Parteien und die Zivilbevölkerung zu entrichten haben, erhöht sich.

Vielleicht wird sich der Konflikt sogar ausweiten, im Libanon kam es bereits zu Bombenanschlägen und Kämpfen verfeindeter Milizen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein regionaler Konflikt zu einem Flächenbrand ausweitet. Die Vereinten Nationen sind die Nachfolgeorganisation des Völkerbundes, der von 1920 bis 1946 existierte und maßgeblich für die Entstehung des Zweiten Weltkrieges verantwortlich war – nur leider ist dieser Teil der Geschichte heute in Vergessenheit geraten.

Gegründet wurde der Völkerbund "zur Förderung der Zusammenarbeit unter den Nationen und zur Gewährleistung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit" (Auszug aus der Satzung).
Doch schon von Anfang an wurde der hehre Grundsatz unterlaufen, die Siegernationen des Ersten Weltkriegs, vor allem Britannien und Frankreich, nutzten den Völkerbund, um rücksichtslos ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Das lässt sich schon an der Personalpolitik ablesen. Der erste Generalsekretär hieß James Drummond (1920 - 1933) und war Brite, der zweite hieß Joseph Avenol (1933 bis 1940) und war Franzose. Diplomaten aus neutralen Nationen, etwa Schweden oder der Schweiz, durften nie ein hohes Amt bekleiden – von solchen aus den Verlierernationen ganz zu schweigen.

Dadurch kam es zu teils bizarren Entscheidungen. Es sind zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. Deshalb nur ein besonders krasses Beispiel: Die Behandlung der sudetendeutschen Minderheit in der damaligen Tschechoslowakei. Ab 1918 wurden die Sudetendeutschen unterdrückt und vertrieben, u.a. mittels einer so genannten "Bodenreform". Dr. Karel Vischkofsky (auch Viskovsky geschrieben), tschechischer Bodenamtspräsident, bezeichnete sie als ein "Werk der politischen Vergeltung und Wiedergutmachung des den Tschechen nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) zugefügten Unrechts". In Böhmen allein wurden 1.068.601 Hektar landwirtschaftlichen Bodens enteignet und an 270.966 tschechische Bewerber verteilt. Die verbleibenden 1282 Restgüter wurden zu Spottpreisen an die Günstlinge Vischkofskys verteilt (Quelle: Dieses Land schläft einen unruhigen Schlaf - Sozialreportagen 1918-45, S. 72). Aufgabe des Völkerbunds wäre es gewesen, für eine Achtung der Minderheitenrechte zu sorgen. Stattdessen lehnten Briten und Franzosen jede Bitte um Hilfe ab. Ursache war das Bestreben, die befreundete Tschechoslowakei zu unterstützen und gleichzeitig die deutsche Bevölkerungsgruppe (die traditionellen "Feinde") zu schwächen. Dadurch kam es (neben vielen weiteren Faktoren) zu einer Radikalisierung der deutschen Minderheit.
Interessanterweise sind diese und zahllose ähnliche Informationen heute nicht mehr zugänglich. Viele Ereignisse der Jahre 1918 bis 1933 sind mit einem Tabu belegt, wohingegen die Phase zwischen 1933 bis 1945 genauestens erforscht ist.     

Aus dieser historischen Erfahrung lassen sich nur zwei Forderungen ableiten:

1. Wir müssen ehrlich sein gegenüber ALLEN Aspekten unserer Wirklichkeit. Wir müssen die gesamte Geschichte erzählen – nicht nur die Teile, die wir als gut oder wahr empfinden.
Wer Informationen unterdrückt, verhindert den Lernerfolg.

2. Wir müssen gerecht sein gegenüber ALLEN Menschen. Wir dürfen nicht nur diejenigen unterstützen, die wir als unsere politischen und wirtschaftlichen Partner oder unsere Glaubensbrüder ansehen. Allen muss geholfen werden. Wer Menschen zu Feinden erklärt, wird Feindschaft ernten.