Sonntag, 30. Oktober 2011

Demokratie ist keine Lösung


Derzeit erleben wir in weiten Teilen der Welt eine interessante, jedoch gegenläufige Entwicklung. In vielen Ländern wird gestreikt und demonstriert, in einigen Ländern kam es sogar zu Volksaufständen und blutigen Kriegen. Streitobjekt ist jeweils die Demokratie. In New York besetzen Aktivisten der Bewegung Occupy Wall Street seit dem 17. September den Zuccotti Park. In Frankfurt errichteten Demonstranten ein Zeltlager vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank. Auch in Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Israel gab oder gibt es ähnliche Aktionen, sie richten sich gegen die Macht der Finanzindustrie, gegen unfähige Politiker, gegen steigende Preise, Wohnungsnot und Bildungsmisere. 

Gleichzeitig entbrannten im arabischen Raum teils heftige Befreiungskämpfe. In Tunesien, Algerien, Ägypten und Libyen beseitigte man alte diktatorische Regime, in Syrien und im Jemen sind diese Konflikte noch nicht ausgestanden.   

Das führte zu der kuriosen Situation, dass in einem Teil der Welt für die Demokratie gekämpft wird, in einem anderen Teil jedoch gegen sie  - zumindest gegen ihre wichtigsten Repräsentanten. 

All diesen Konflikten gemein ist der blinde Glaube an die Demokratie, der von der Mehrheit der Kämpfer geteilt wird. Dabei übersieht man jedoch, dass die Probleme zum größten Teil von Menschen geschaffen wurden, die Demokratien entstammen. Die Diktaturen in Nordafrika konnten sich nur deshalb so lange halten, weil Europa und die USA sie stützten. Demokratisch gewählte Politiker trafen sich mit den Despoten, schüttelten ihre Hände, machten mit ihnen Geschäfte, kauften Öl und lieferten Waffen. 

Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Europa und den USA wurden von demokratisch gewählten Politikern verursacht. Sie nahmen in gewaltigem Umfang Kredite auf, investierten in unsinnige Kriege oder Prestigeprojekte, verteilten großzügig Wahlgeschenke und kümmerten sich nicht um die Menschen, die eines Tages die Rechnung dafür zahlen müssen. 

All das sind strukturelle Probleme der Demokratie. Ein Politiker denkt an die nächste Wahl, nicht aber an die nächste Generation. Anders ausgedrückt: Ein primitiver Mensch ist ein primitiver Mensch - unabhängig davon, ob er sich an die Macht geputscht hat oder er frei gewählt wurde. 

Die Lösung kann nur in einer Veränderung des Menschen liegen, die Fortschritte müssen auf den Gebieten von Moral und Ethik gemacht werden. Doch worüber redet man aber gegenwärtig in Europa? Über den Euro und Atomkraft, über Finanzen und Technik. Traurig, was unsere Politiker, Wissenschaftler und Künstler abliefern.

Doch genau hier müssen wir ansetzen. Wir müssen ein höheres, ein umfassenderes Bewusstsein entwickeln. Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir alle Teil einer großen Einheit sind. Jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke, sogar jedes Gefühl hat Einfluss auf die Einheit. Deshalb müssen wir bewusst handeln, reden, denken und fühlen.

Was heißt das konkret? Es heißt zum Beispiel, sich nicht von der Gier beherrschen lassen. Über die Gier nachdenken. Was ist Gier? Gier ist übersteigerte Angst. Angst davor, eines Tages kein Geld mehr zu haben, obdachlos zu sein, zu hungern, zu frieren, allein zu sein. Als Folge daraus versucht man sich selbst zu bereichern - auf Kosten der anderen. Also müssen wir die Angst auflösen. Wir dürfen den Menschen nicht ständig Angst machen, in Nachrichtensendungen, Talkshows, Romanen, Filmen. Im Gegenteil, wir sollten den Menschen Mut machen. Auf der Welt existieren unendlich viele Reichtümer, es ist genug für alle da, niemand muss Angst haben, niemand muss obdachlos sein, hungern, frieren, allein sein. Es kommt nur auf eine gerechte Verteilung an. Gerechtigkeit ist die Folge von Bewusstheit.

Bis zur vollständigen Bewusstheit ist es noch ein langer Weg. Aber auch dieser Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

 

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Filmkritik - Jud Süß - Film ohne Gewissen - auf DVD

Inhalt:

Berlin 1939: Propagandaminister Joseph Goebbels, dargestellt von Moritz Bleibtreu, plant, die Lebensgeschichte von Joseph Süß Oppenheimer zu verfilmen. Da dieser einer der bekanntesten jüdischen Geldverleiher war, ist natürlich keine filmische Huldigung geplant, sondern ein Propagandafilm der übelsten Sorte. Allerdings gibt er das nicht offen zu, nach außen hin fordert Goebbels einen „Kunstfilm“. Hinter diesem verharmlosenden Begriff werden sich später viele der Beteiligten verstecken - auch Hauptdarsteller  Ferdinand Marian (Tobias Moretti), ein bis dahin mittel-mäßig erfolgreicher Schauspieler aus Österreich.
Zunächst weigert sich Marian, die Rolle zu übernehmen. Wie so viele andere Schauspieler auch, will er mit den braunen Machthabern nicht mehr zu tun haben, als unbedingt nötig. Goebbels setzt ihn jedoch unter Druck, und es lockt eine große Karrierechance...


Bewertung:

Der Film kann nicht einheitlich bewertet werden. Tobias Moretti spielt großartig, verleiht der Figur des Ferdinand Marian Zwischentöne und Feinheiten, die man bisher nicht von ihm kannte. Was jedoch Moritz Bleibtreu dazu bewogen hat, Joseph Goebbels zu solch einer grotesken Witzfigur zu machen, bleibt schleierhaft. Vielleicht hatte er Angst, der Propagandachef der Nazis könnte zu menschlich wirken, wenn er sich etwas zurücknehmen würde, er ihn vielleicht sogar mit einer Portion Charme ausstatten würde, die Goebbels zweifelsohne besaß?
Hier tut sich eine interessante Parallele zu Bruno Ganz` Hitler in „Der Untergang“ auf. Auch dem großen Schweizer Schauspieler hatte man damals vorgeworfen, er hätte den Diktator zu menschlich dargestellt, als einfühlsamen Charmeur, der die Fähigkeit zur Selbstkritik besaß, am Ende des Films würde das Publikum gar Mitleid mit dem kranken alten Mann empfinden. Wenn diese Entwicklung anhält, werden deutschsprachige Schauspieler in Nazi-Rollen demnächst nur noch keifen, blöken und bellen.

Regisseur Oskar Roehler nimmt sich einige künstlerische Freiheiten heraus, so macht er etwa Marians Ehefrau, die in Wirklichkeit Katholikin war, zur Halbjüdin, wofür er von Teilen der Presse scharf kritisiert wurde. Natürlich ist das sein gutes Recht, schließlich handelt es sich hierbei um einen Spielfilm, nicht um eine Dokumentation. Die Szene jedoch, in der Soldaten bei einer Vorführung des Filmes plötzlich in dumpfe „Jude! Jude! Jude!“-Rufe ausbrechen, ist ebenso dumm wie peinlich. So einfach funktioniert Propaganda nun auch wieder nicht.
Dennoch tut sich hier eine weitere interessante Parallele auf, und zwar zu dem Tarentino-Film Inglerious Basterds, in dem ebenfalls eine Filmvorführung zur Groteske verkommt und Hitler, Goebbels und Konsorten erschossen werden - die Filmemacher überschätzen sich selbst maßlos. Die Menschheit ist keine dumpfe blöde Masse, sie muss nicht von einer Handvoll elitärer Künstler gerettet werden.

Das Theater, das um Roehlers „Film ohne Gewissen“ gemacht wurde, ist ohnehin interessanter als der Film selbst. Einige Kritiker ließen sich gar zu der Behauptung hinreißen, Roehler sei der Faszination der Propaganda erlegen und hätte selbst einen Propagandafilm gemacht. Der Zentralrat der Juden forderte zeitweilig, der Film müsse verboten werden, weil er den Antisemitismus nicht angemessen darstelle und Ausschnitte aus dem Originalfilm zeige. Inzwischen wurde diese Forderung allerdings wieder zurückgenommen.
Wenn der Film doch bloß auch so aufregend wäre!    

Anmerkungen zur DVD:

Vorbildlich. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, Interviews mit dem Spielleiter und den Hauptdarstellern, eine Dokumentation von dreißig Minuten Länge über die Propagandafilme des Dritten Reichs und ein schön gestaltetes Booklet mit weiteren Informationen. So müssten alle DVDs ausgestattet sein. 

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Filmkritik - Apollo 18

Inhalt:
Am 11. Dezember 1972 landete Apollo 17 auf dem Mond. Danach wurde das amerikanische Mondprogramm eingestellt - so lautet die offizielle Erklärung. Tatsächlich jedoch gab es noch eine weitere Mission. Apollo 18 flog im Auftrag des Verteidigungsministeriums zum Erdtrabanten, um dort ein Frühwarnsystem gegen die militärischen Aktivitäten des Warschauer Pakts zu installieren.
Anfangs lief alles nach Plan, dann jedoch kam es zu einigen ungewöhnlichen Zwischenfällen. Die Besatzung hörte ein mysteriöses Kratzen an der Außenhaut des Raumschiffs, sah, wie sich Mondgeröll bewegte und fand Fußspuren, die nicht von ihr stammten. Etwas Fremdes, etwas Bedrohliches verbarg sich in der eisigen Kälte des Mondes.

Bewertung:
Dieser Film hat alle Zutaten für einen spannenden Horrorthriller: Zunächst einmal die originelle Ausgangsidee. Sie verbindet Zeitgeschichte mit einer Verschwörungstheorie und erscheint durchaus glaubhaft, schließlich erreichte der Kalte Krieg in den frühen Siebzigern seinen Höhepunkt. Dazu kommt eine Ausstattung mit exakt nachgebauten Raumfahrzeugen, die bis zu liebevollen Details wie dem Kassettenrekorder reicht, der zeitgenössische Hits von Yes und Jethro Tull spielt, auch die Mondoberfläche wirkt durchaus echt. Die Kameraarbeit kann man ebenso als gelungen bezeichnen, obwohl die Technik der wackligen Bilder, großenteils gefilmt aus Sicht der Akteure, natürlich aus vielen anderen Filmen bekannt ist, allen voran das Blair Witch Project.
So weit, so gut. Doch dann beginnt der zweite Teil des Films. Den Machern scheint plötzlich nichts mehr einzufallen, ein Schockeffekt jagd den nächsten, und das Wackeln der Kamera wird allmählich lästig. Apollo 18 leidet unter einem Problem, das schon viele im Ansatz gute Filme ruiniert hat: die Struktur ist einfach nicht ausgereift. Die Ereignisse plätschern vor sich hin, Wendepunkte der Handlung, die so genannten Plot points, sind nicht genau definiert, die Handlung strebt nicht auf eine klare Lösung zu - dabei lernt man all das in jedem Drehbuchseminar.
Und so bleibt am Ende nur ein netter Ausstattungsfilm mit ein paar guten Schockeffekten.

Fazit: Nur zu empfehlen für echte Horrorfans, die bereit sind Schwächen zu verzeihen.

Montag, 17. Oktober 2011

Vor 50 Jahren - Massaker von Paris

Heute jährt sich zum fünfzigsten Mal das Massaker von Paris. Viele Menschen werden nun wahrscheinlich fragen: Ist das nicht ein Schreibfehler? Müsste es nicht heißen zum siebzigsten Mal? Nein, es ist richtig, dieses Massaker ereignete sich 1961.

Hier das Wichtigste in Kurzform: Der Algerienkrieg wütete von 1954 bis 1962. Aber weil die meisten auch mit dem Stichwort Algerienkrieg nichts anfangen können, sei für sie gesagt, dass Frankreich das nordafrikanische Land seit 1848 als festen Bestandteil seines Territoriums ansah. Von Beginn an haben sich freiheitsliebende Algerier dagegen gewehrt, es kam zu zahlreichen Aufständen, allein während der letzten Phase zwischen 1954 und 1962 starben zwischen 350.000 und 1,5 Millionen Menschen.

Zurück ins Jahr 1961. Weil damals bereits absehbar war, dass die Franzosen den Krieg verlieren würden, rief die Unabhängigkeitsbewegung FLN zu einer Demonstration in Paris auf - die jedoch nicht genehmigt wurde. Zwei Wochen zuvor war eine nächtliche Ausgangssperre für Franzosen algerischer Herkunft erlassen worden. Hintergrund ist, dass die FLN erstmals Anschläge auf französischem Boden begangen hatte, Opfer waren meist Polizisten. Entsprechend gereizt war die Stimmung.

Was genau am 17. Oktober 1961 geschah, lässt sich nicht rekonstruieren. Offenbar hat eine regelrechte Jagd auf Algerier stattgefunden. Sicher scheint zu sein, dass die französische Polizei etwa 14.000 Menschen festnahm, teilweise blieben sie mehrere Tage unter freiem Himmel interniert. Mehrere Tausend wurden verletzt, vermutlich gab es zweihundert bis dreihundert Tote. Noch Wochen später barg man Leichen aus der Seine.

Der offizielle Polizeibericht hingegen spricht von drei Toten: zwei Algeriern und einem Franzosen, der einen Herzinfarkt erlitt. So berichteten es auch die Zeitungen damals. Obwohl Hundertausende Menschen Zeugen des Pogroms gewesen sein mussten - immerhin geschah es mitten in der Millionenstadt Paris -, schwiegen sich nahezu alle Medien darüber aus - und viele schweigen heute noch.

Eine ehrliche Aufarbeitung des Massakers hat bis heute nicht stattgefunden, sie kann auch nicht mehr stattfinden, denn eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg begangenen Verbrechen (und davon gab es sehr viele) verhindert eine Anklage der Täter.

Besonders grotesk erscheint in diesem Zusammenhang die Leidenschaft, mit der die Franzosen die Verbrechen der Deutschen aufarbeiten. Im Jahr 2006 etwa erschien der Roman DIE WOHLGESINNTEN von Jonathan Littell, der den Völkermord an den Juden thematisiert. Er erhielt den Prix Goncourt, den höchsten französischen Literaturpreis, bereits ein Jahr später waren im Land 700.000 Exemplare verkauft. Romane über den Algerienkrieg oder das Massaker von Paris wurden bisher nicht ausgezeichnet. 

Eine Frage bleibt noch: Wenn darüber bis heute geschwiegen wird - worüber wird noch geschwiegen?

Freitag, 14. Oktober 2011

Elf Jahre Haft für Hedgefonds-Manager

Am 13.10.11 hat ein amerikanischer Richter ein historisches Urteil gesprochen: Der Hedgefonds-Manager Raj Rajaratnam muss wegen Insider-Handels für elf Jahre ins Gefängnis, außerdem muss er zehn Millionen Dollar Strafe zahlen. Die Summe ist vergleichsweise gering, wenn man bedenkt, dass Forbes das Vermögen Rajaratnams vor einigen Jahren noch auf 1,5 Milliarden Dollar schätzte.

Dennoch wird das Urteil von vielen Menschen als ermutigend empfunden, zeigt es doch, dass die Macht der Finanzspekulanten gebrochen werden kann - wenn man es nur will. Der Richter sagte zur Begründung: "Die Verbrechen spiegeln eine Krankheit unserer Gesellschaftsstruktur wider, die ausgemerzt werden muss."

Es stellt sich eine interessante Frage: Was wäre, wenn alle Richter so konsequent handeln würden wie ihr amerikanischer Kollege? Ein Beispiel drängt sich geradezu auf: Griechenland. Der Staat ist bankrott, trotzdem wird nicht danach gehandelt - und das bedeutet Insolvenzverschleppung! Laut Wikipedia liegt sie dann vor, wenn bei Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung kein Antrag auf Insolvenzverfahren gestellt wird. Trotzdem geben europäische Politiker dem Staat regelmäßig weitere Kredite und erhöhen dadurch die Schadenssumme.

Da dürften ein paar Hundert Jahre Gefängnis zusammenkommen.
 

Dienstag, 11. Oktober 2011

Euro und Multikulti - Chance oder Risiko?


Ein neuer Rettungsschirm wurde für den Euro gespannt, trotzdem erholt sich die kränkelnde Gemeinschaftswährung nicht. Die Schuldenländer verpassen ihre Sparziele, Rating-Agenturen stufen sie herab, Banken geraten in Not und müssen verstaatlicht werden, Bürger demonstrieren und streiken. Wahrscheinlich ist das erst der Anfang. Die Rettungsmaßnahmen werden gewiss mehrere Hundert Milliarden Euro verschlingen, vielleicht sogar mehr als eine Billion. Da wir nicht noch mehr Schulden aufnehmen können, muss das Geld eingespart werden. Aber wo?

Normalerweise spart man dort, wo es die wenigsten Lobbyisten gibt, in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales.

Weil in der Kultur nicht mehr viel zu holen ist und selbst der dümmste Politiker mittlerweile kapiert haben sollte, dass Bildung unser einziger Rohstoff ist, wird der größte Teil der Umschichtung sicher den Sozialbereich treffen. Menschen, die schon wenig haben, müssen mit noch weniger auskommen. Das ist nicht nur unmoralisch, es ist auch gefährlich, denn Europa ist zur multikulturellen Gesellschaft erklärt worden. Millionen Menschen wanderten in den Kontinent ein. Viele fanden Arbeit, erlernten die Landessprache, konnten sich integrieren. Anderen gelang das nicht, sie fanden keine Arbeit und sind noch immer in Sprache und Kultur ihrer Heimatländer verhaftet. Bislang wurden sie kaum auffällig, weil sie Transferzahlungen erhielten, teilweise so viel, dass es sich für sie nicht lohnte, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen.

Was aber geschieht, wenn wir uns die Transferzahlungen nicht mehr leisten können? Werden die Nichtintegrierten weiterhin ruhig bleiben – oder werden sie sich mit Gewalt holen, was ihnen scheinbar zusteht?
So wie es jüngst in England geschah.
Was ist mit denjenigen, die die Rechnung zahlen sollen? Werden sie einen hohen Teil ihres Einkommens abgeben, um diejenigen zu unterstützen, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihren Lebensunterhalt – den von Personen und den von Staaten – selbst aufzubringen? Wird derjenige, der gibt, am Ende weniger haben als derjenige, der nimmt?
Wer diese Fragen für ketzerisch hält, sollte einmal den Zustand von Schulen, Rathäusern und Museen im Ruhrgebiet mit jenen in Spanien oder Irland vergleichen. Oder die U-Bahn von Berlin der Athener U-Bahn gegenüberstellen.
Der Unmut wächst in Europa.

Man könnte nun entgegnen: Aber wir wollten doch Europa! Wir haben doch die Beschlüsse zum Euro gefasst! Und zur multikulturellen Gesellschaft!

Genau hier liegt das Problem. Wir, die Bürger, haben die Beschlüsse nicht gefasst. Die Entscheidungen wurden von oben herab verordnet, wie in einem Obrigkeitsstaat traditioneller Prägung. Die zwei wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahrzehnte – über Finanzen und Wirtschaft und über das Wesen unserer Gesellschaft – sind nicht demokratisch legitimiert. Sie wurden getroffen von einer relativ kleinen Gruppe von Politikern, Managern und Medienleuten, die Talkshow ist längst schon das Ersatzparlament. Einfache Bürger werden nicht gefragt, sie dürfen nur bei Wahlen ihre Stimme abgeben. Dann ist sie weg und kommt erst nach Jahren wieder.

Die Entscheidung der Oberen lautete, die Einheit mit Gewalt zu erzwingen. Wir müssen alle dieselbe Währung haben, wir müssen im selben kulturellen Raum leben, und demnächst werden wir auch eine zentrale Wirtschaftsregierung haben. Aber entspricht das unserer Lebenswirklichkeit, entspricht das unseren Wünschen? Sind wir schon bereit für die Einheit?

Betrachten wir einmal die Lebensweise in Europa. Beginnen wir mit der Politik. Sie ist nicht einheitlich, sie ist gespalten. Bei Wahlen treten Parteien gegeneinander an, es gibt Gewinner und Verlierer. Die einen übernehmen die Regierung, die anderen gehen in die Opposition.
In der Kultur ist jedes Land und jede Bevölkerungsgruppe - Einheimische und Zugewanderte - stolz auf die eigenen Errungenschaften, auf Sprache, Kunst und Traditionen, man will sich bewusst von den anderen abgrenzen.
Bücher, Filme und Theaterstücke handeln meist von Konflikten. Individuen und Gruppen stehen sich gegenüber und ringen miteinander.
Die Ereignisse, die das meiste Interesse erzeugen, sind keine jedoch keine politischen oder kulturellen, es sind die Sportwettkämpfe. Bei Fußballmeisterschaften treten Städte und Nationen gegeneinander an, bei den Olympischen Spielen kämpfen einzelne Athleten und Mannschaften gegeneinander. Am Ende gibt es einen Gewinner und viele Verlierer.

Mit anderen Worten: Unsere Gesellschaft basiert auf dem Prinzip Teilung. Trotzdem wird die Einheit von oben herab verordnet. Das kann nicht funktionieren - zumindest jetzt noch nicht. Besser wäre es, wenn wir die Einheit langsam entwickeln. Sie muss sich ausbreiten, über alle Schichten der Bevölkerung, über alle Länder, sie muss Teil unseres Bewusstseins werden.
Jeder sollte über die Prinzipien von Teilung und Einheit nachdenken. Insbesondere aber Künstler und Geisteswissenschaftler sind aufgerufen, Vorschläge zu machen. In den letzten Jahren haben wir nicht mehr viel von den Intellektuellen gehört. Die Überwindung der alltäglichen Trennung wäre ein lohnendes Betätigungsfeld.
  
Wenn wir nicht darüber nachdenken, wenn wir planlos handeln, werden wir scheitern. Der Euro ist das beste Beispiel.